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Full text of "Die Legende des Baalschem"

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GEDRUCKT IN EINER AUFLAGE VON 2000 EXEMPLAREN 
IN DER OFFIZIN VON IMBERG & LEFSON. BERLIN. ES 
WURDEN AUSSERDEM 25 EXEMPLARE AUF ECHTEM 
BÜTTENPAPIER HERGESTELLT UND HANDSCHRIFTLICH 
NUMERIERT, DIE IN GANZPERGAMENT GEBUNDEN ZUM 
PREISE VON 25 MARK NUR VON DER LITERARISCHEN 
ANSTALT RÜTTEN & LOENING IN FRANKFURT AM 
MAIN DIREKT ZU BEZIEHEN SIND. DRUCKANORD- 
NUNG, TITEL, INITIALEN UND EINBAND VON E. R. WEISS. 




DIE LEGENDE DES BAALSCHEM 



Digitized by the Internet Archive 

in 2009 witii funding from 

Ontario Council of University Libraries 



http://www.archive.org/details/dielegendedesbaaOObube 



MARTIN BUBER 

DELB3EM)E 

DESBAAb 

5CHEM 




UTERARISCHE ANSTALT/ 
RUTTERJJND LOENDSTG 
FRANKFUPTam MAIN 



Alle Reckte, beaonden du der Oberaetzun^ behält »ich 
die Verlatftbandlung aujdrücklich vor. Published Febrtutry 
20. 1908. Pririlegc of copsrright in the United Sutea 
rcaerred under the act approved Marcb 3. 1905 by tbc 
Literariaebe Anatalt Rütten & Loening. Frankfort o. M. 




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;go3 



EINFÜHRUNG 

DIESES BUCH BESTEHT AUS EINER 
I Nachricht und einun(iz^vanzig Geschichten. 
Die Nachricht sagt das Lehen der Chassidim, 
einer ostjüdischen Sekte, die gegen die Mitte des acht- 
zehnten Jahrhunderts entstand und noch in unseren 
Tagen entartet fortbesteht. Die Geschichten erzählen 
das Lehen des Stifters dieser Sekte, des Rahbi Israel 
henElieser,derBaal-schem, das istMeister deswxinder' 
samen Gottesnamens, genannt "wxirde und von etsva i 700 
bis 1760, zumeist in Podolien und W^olhynien, lebte. 

Aber das Leben, von dem hier Kunde gegeben 
^rd, ist nicht das, das man das wirkliche zu nennen 
pflegt. Ich berichte nicht die Entsvicklung und den 
Verfall der Sekte, ich beschreibe nicht ihre Ge- 
bräuche. Ich will nur das Verhältnis zum Absoluten 
und zur W^elt mitteilen, das diese Menschen dachten, 
w^ollten und zu leben versuchten. Ich zähle auch 
nicht die Daten und Tatsachen auf, deren Zusammen- 
fassung die Biographie des Baalschem zu nennen 
"wirc*. Ich baue sein Leben aus seiner Legende auf, 
in der der Traum und die Sehnsucht eines Volkes sind. 

Die chassidische Legende hatnicht die strenge Macht, 



* Ich untertckätze aber eine Arbeit an diesem — zumeist reckt 
dürftig und unaicker überlieferten — Material nickt und freue 
mich. da«a nach dem Vorgang von S. Dubno'wr nunmekr S. A. Horo« 
dczky aie unternommen hat. nock mekr aber darüber, daatM. J. Berdy 
cxcwski, vor allen der Geeignete, die Worte des Baalsckem nack 
ihren Gegenständen geordnet hat. Beide Publikationen stehen (ia 
hebräischer Sprache) bevor. 

I 



in der die Buddhalegende redet, und nicht die innige, 
die die Sprache der Franziskuslegende ist. Nicht 
im Schatten uralter Haine und nicht an silber- 
grünen Olivenhängen erwxichs sie, in engen Gassen 
und dumpfen Kammern ging sie von ungelenken 
Lippen zu bange lauschenden Ohren, ein Stammeln 
gebar sie und ein Stammeln trug sie weiter — 
von Geschlecht zu Geschlecht. 

Ich habe sie aus den Volksbüchern, aus Heften 
und Flugblättern empfangen, zuweilen auch aus 
lebendigem Munde, aus dem Munde von Leuten, 
die noch das Stammeln gehört hatten. Ich habe sie 
empfangen und neu erzählt. Ich habe sie nicht über- 
tragen, w^ie irgend ein Stück Literatur, ich habe sie 
nicht bearbeitet, w^ie irgend einen Fabelstoff, ich 
habe sie neu erzählt als ein Nachgeborener. Ich 
trage in mir das Blut und den Geist derer, die sie 
schufen, und aus Blut und Geist ist sie in mir neu 
gew^orden. Ich stehe in der Kette der Erzähler, 
ein Ring zwischen Ringen, ich sage noch einmal die 
alte Geschichte, und w^enn sie neu klingt, so schlief 
das Neue in ihr schon damals, als sie zum ersten 
Mal gesagt -wurde. 

Mein Erzählen der chassidischen Legende geht 
ebensowenig w^ie auf das „w^irkliche" Leben darauf, 
w^as man die Lokalfarbe zu nennen pflegt. Es 
ist etw^as Zartes und Ehrwürdiges, etw^as Heimliches 
und Geheimnisvolles, etw^as Ausgelassenes und 
Paradiesisches um die Atmosphäre des ,,Stübel8", 
in dem der chassidische Rabbi, der ,,Zaddik", der 
,, Gerechte", der Heilige, der Mittler zw^ischen Gott 

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und Mensch, mit iveisem und lächelndem Mund das 
Mysterium und das Märchen austeilt. Aber mein 
Gegenstand ist nicht die Darstellung dieser Atmo- 
sphäre.* Meine Erzählung steht auf der Erde des 
jüdischen Mythos, und der Himmel des jüdischen 
Mythos ist über ihr. 

Die Juden sind vielleicht das einzige Volk, das 
nie aufgehört hat, Mythos zu erzeugen. Im Anfang 
ihrer grossen Urkunde ist das reinste aller mythi- 
schen Symbole, der Pluralsingular Elohim, und die 
stolzeste aller mythischen Sagen, die vom Kampfe 
Jakobs mit dem Elohim. In jener Urzeit entspringt 
der Strom mythengebärender Kraft, der — vor- 
läufig — im Chassidismus mündet; von dem die 
Religion Israels zu allen Zeiten sich gefährdet fühlte, 
von dem aber in \Vahrheit die jüdische Religiosität 
zu allen Zeiten ihr inneres Leben empfing. 

Alle positive Religion ruht auf einer ungeheuren 
Vereinfachung des in W^elt und Seele so vielfältig, 
so wildverschlungen auf uns Eindringenden: sie ist 
Bändigung, Vergewaltigung der Daseinsfülle. Aller 
Mythos hingegen ist Ausdruck der Daseinsfulle, ihr 
Bild, ihr Zeichen; unablässig trinkt er von den 
stürzenden Quellen des Lebens. Die persönliche, 
ungemeinsame und unzugängliche Religiosität der 
Einzelseele hat ihre Geburt im Mythos, ihren Tod 
in der Religion. Solange die Seele in dem reichen 
Boden des Mythos wurzelt, hat die Religion keine 



* E« i$t aekr Schönes in dictcr Art g««ci)rieben ^irorden. Da« 
Sekönate find die cl)a«*idi«cl>cn Gcfckiclitcn von J. L. Perex (im 
i&di«ckcn Idiom). 

ni 



Macht über sie. Deshalb sieht die Religion im 
Mythos ihren Erzfeind und bekämpft ihn, w^o sie 
ihn nicht aufzusaugen, ihn sich nicht einzuverleiben 
vermag. Die Geschichte der jüdischen Religion ist 
die Geschichte ihres Kampfes gegen den Mythos. 

Seltsam und wxinderbar ist es zu beobachten, wie 
in diesem Kampfe die Religion immer wieder den 
scheinbaren, der Mythos immer w^ieder den w^irk- 
lichen Sieg gew^innt. Die Propheten streiten durch 
das Wort w^ider die Vielheit der Volkstriebe; aber 
in ihren Visionen lebt die ekstatische Phantasie der 
Juden und erw^ählt sie w^ider ihr ^/issen zu Mythen- 
dichtem. Die Essäer w^ollen das Ziel der Propheten 
durch eine Vereinfachung der Lebensformen erreichen : 
und aus ihnen w^ird der Menschenkreis geboren, der 
den grossen Nazarener trägt und seine Legende 
schafft: den grössten aller Triumphe des Mythos. Die 
Meister des Talmuds gedenken in dem zyklopischen 
W^erke einer Kodifizierung des Religionsgesetzes 
einen ewigen Damm wider die Leidenschaft des 
Volkes zu erbauen; und unter ihnen erstehen die 
Urheber der beiden Mächte, die im Mittelalter die 
Schützerinnen und Verweserinnen des jüdischen 
Mythos w^erden: durch die Geheimlehre die Urheber 
der Kabbala, durch die Agada die Urheber der 
Volkssage. 

Je w^eiter das Exil fortschritt, je grausamer es wxirde, 
desto mehr erschien die Erhaltung der Religion zur 
Erhaltung des Volkstums notw^endig; desto stärker 
w^urde die Position des Gesetzes. Der Mythos musste 
flüchten. Er flüchtete in die Kabbala und in die 

IV 



Volkssage. Die Kabbala hielt sich wohl für dem 
Gesetz überlegen, für eine höhere Stufe des Erkennens ; 
aber sie war die Domäne ^Veniger, dem Leben des 
Volkes unüberbrückbar fem und fremd. Die Sage 
hingegen lebte w^ohl im Volke und füllte dessen 
Dasein mit Farbe und Wohllaut, mit Lichtesw^ellen 
und heimlicher Melodie; aber sie erachtete sich für 
ein armseliges Ding, das kaum ein Recht auf Existenz 
habe, sie hielt sich vergraben im letzten Winkel und 
wagte nie, dem Gesetz ins Auge zu sehen, geschw^eige 
denn eine Macht neben ihm sein zu w^ollen, sie w^ar 
stolz und froh, w^enn sie da und dort berufen wurde, 
das Gesetz zu illustrieren. 

Und plötzlich w^ächst unter den polnischen und 
kleinrussischen Dorf juden eine Bew^egung empor, in 
der der Mythos sich reinigt und erhebt: der 
Chassidismus.* In ihm strömen Mystik und Sage 
zur Einheit zusammen. Die Mystik w^ird Besitz des 
Volkes, und zugleich nimmt sie die ganze Erzähler- 
glut der Sage in sich auf. Und in dem dunklen 
verachteten Osten, unter schlichten unw^issenden 
Dörflern w^ird dem Kinde der Jahrtausende der 
Thron bereitet. 

Im Chassidismus siegt für eine W^eile das unter- 
irdische Judentum über das offizielle, — über das 
allbekannte, übersichtliche Judentum, dessen Ge- 
schichte man erzählt und dessen ^/^esen man in 
gemeinverständliche Formeln fasst. 



* Über die judiacbe Mystik und den Chatsidismua habe ich 
cini^ei Allgemeine in der Einleitung zu den ..Geschichten des Rabbi 
Nachman" gesagt. 



Für eine "Weile nur. Es gibt in unseren Tagen 
noch Hunderttausende von Chassidim: der Chassidis- 
mus ist verdorben. Aber die chassidischen Schriften 
haben uns seine Lehre und seine Legende übergeben. 

Die chassidische Lehre ist das Stärkste und Eigenste, 
\^as die Diaspora geschaffen hat. Sie ist die Ver- 
kündigung der Wiedergeburt. Es wird keine Er- 
neuerung des Judentums möglich sein, die nicht ihre 
Elemente in sich trüge. 

Die chassidische Legende ist der Körper der Lehre, 
ihr Bote, ihr Zeichen auf dem Wege der W^elt. Sie 
ist die letzte Gestalt des jüdischen Mythos, die wir 
kennen. 

Die Legende ist der Mythos der Berufung. Das be- 
deutet: die ursprüngliche Personalität des Mythos ist in 
ihr gespalten. In dem reinen Mythos gibt es keine 
Verschiedenheit des W^esens. Er kennt die Vielheit, 
aber nicht die Zweiheit. Auch der Heros steht 
nur auf einer anderen Stufe als der Gott, nicht ihm 
gegenüber: sie sind nicht das Ich und das Du. Der 
Heros hat eine Sendung, nicht eine Berufung. Er 
steigt empor, aber er wandelt sich nicht. Der Gott 
hat Sonderheit w^ie er und ivie er Grenze. Der 
Gott des reinen Mythos beruft nicht, er zeugt; er 
sendet den Gezeugten, den Heros. Der Gott der 
Legende beruft den Menschensohn: den Propheten, 
den Heiligen. Zuw^eilen mag, wo sich Mythos und 
Legende durchdringen, ein Gott stehen, der zeugt 
und beruft. 

Die Legende ist der Mj^hos des Ich und Du, de« 
Berufenen und des Berufenden, des Endlichen, der 

VI 



ins Unendliche eingeht, und des Unendlichen, der 
des Endlichen hedarf. 

Die Legende des Baalschem ist nicht die Geschichte 
eines Menschen, sondern die Geschichte einer Be- 
rufung. Sie erzählt kein Schicksal, sondern eine 
Bestimmung. Sie hew^egt sich nicht in der Zeitfolge, 
sondern in den drei Kreisen der Weihiuig. Ihr 
Ende ist schon in ihrem Anfang, und ein neuer 
Anfang in ihrem Ende. 

Ravenna 

Im Herbst 1907 MARTIN BUBER 



vn 



DAS LEBENDER 
CHASSIDM 




HrrLAHABUTVON 
dep^inbrunst 

a bodavonpem 
Adienste. 

L^ AWWÄNA VON 

ISj:)erjntention 
ochiflutvon 

ij DEPsJDEMUT 




HITLAHABUT: VON DER INBRUNST 

W\y/7TV.1\ y/JITLAHABUT IST., DAS BREN- 
nen"; die Inbrunst der Ekstase. 
Sie ist der Becher der Gnade und 
der ewige Schlüssel. 

Ein feuriges Schwert hütet den 
Weg zum Baume des Lebens. Es 
zersprüht vor der Berührung der 
Hitlahabut. Ihr leichter Finger ist ihm übermächtig. 
Ihr ist die Bahn offen, und alle Schranke versinkt vor 
ihrem schrankenlosen Schritt. Die ^Velt ist nicht 
mehr ihr Ort: sie ist der Ort der Welt. 

Hitlahabut erschliesst dem Leben seinen Sinn. 
Ohne sie hat auch der Hinunel keinen Sinn und kein 
Wiesen. „Wenn ein Mensch die ganze Lehre und 
alle Gebote erfüllt hat, aber die W^onne und das 
Brennen hat er nicht gehabt: wenn der stirbt und 
hinübergeht, öffnet man ihm das Paradies, aber w^eil 
er in der Welt die Wonne nicht gefühlt hat, fühlt 
er auch die Wonne des Paradieses nicht." 

Allerorten und allezeit kann Hitlahabut erscheinen 
Jede Stunde ist ihr Schemel und jede Tat ihre Thron- 
lehne. Nichts kann sich ihr entgegenstemmen, nichts 
sie herabdrücken; nichts kann sich ihrer Macht cr- 
ivehren, die allen Körper zu seinem Geiste erhebt. 
^Ver in ihr ist, ist in der Heiligkeit. ,,Er vermag 
eitle W^orte mit seinem Munde zu reden, und die 
Lehre des Herrn ist in seinem Innern zu dieser Stunde; 
flüsternd zu beten, und sein Herz schreit in seiner 
Brust ; in einer Gemeinschaft von Menschen zu sitzen, 



und er w^andelt mit Gott: vermischt mit den Krea* 
turen und abgeschieden von der W^elt." Jedes Ding 
und jedes Tun wird so geheiligt. ,,\Venn der Mensch 
sich an Gott schliesst, kann er seinen Mund reden 
lassen, was er reden mag, und sein Ohr hören, was 
es hören mag, und er wird die Dinge binden an 
ihre obere W^urzel." 

Die Gew^alt, die so vieles im Menschenleben 
schwächt vmd entfärbt, die ^Ä^iederholung, ist ohn- 
mächtig vor der Ekstase, die sich gerade an den 
regelmässigsten, gleichförmigsten Ereignissen wieder 
und "^eder entzündet. Über einen Zaddik geriet 
Hitlahabut jedesmal, wenn im Vortrage der Schrift 
die Worte kamen: ,,Und Gott sprach". Ein chasssi- 
discher Weiser, der dies seinen Schülern erzählte, 
fügte hinzu: ,,Aber auch ich meine: wenn Einer in 
W^ahrheit redet und Einer in Wahrheit empfängt, 
dann ist es genug an einem Worte, die ganze ^^elt 
zu erheben und die ganze W^elt zu durchläutem". 
Ew^ig neu ist dem Inbrünstigen das Allgew^ohnte. 
Ein Zaddik stand im ersten Morgendämmer am Fenster 
und rief zitternd: ,,Vor einer kleinen Stunde w^ar 
noch Nacht, und jetzt ist Tag — Gott bringt den 
Tag herauf I" Und er w^ar voll der Angst und des 
Zittems. Auch sprach er: ,, Jeder Geschaffene soll 
«ich vor dem Schöpfer schämen : wäre er vollkommeni 
-'wie ihm bestimmt w^ar, dann müsste er erstaunen 
und erw^achen und entbrennen über die Erneuerung 
der Kreatur zu jeder Zeit und in jedem Augenblick." 

Aber nicht ein plötzliches Versinken in die 
Ew^igkeit ist Hitlahabut, sondern ein Aufstieg zum 



Unendlichen von Stufe zu Stufe. Gott finden heisst 
den ^^eg finden, der ohne Grenze ist. Im Bilde 
dieses Weges sahen die Chassidim die ,, kommende 
W^elt", die sie niemals ein Jenseits nannten. Ein 
Frommer schaute einen toten Meister im Traume. 
Der erzählte ihm, von der Stunde seines Todes an 
gehe er an jedem Tage von Welt zu W^elt. Und 
die Welt, die gestern als Himmel üher seinen Blicken 
ausgespannt war, die ist heute die Erde unter seinem 
Fuss; und der Himmel von heute ist die Erde von 
morgen. Und jede ^Velt ist reiner und schöner und 
tiefer, als die vor ihr w^ar. 

Die Engel ruhen in Gott, aher die heiligen Geister 
schreiten in Gott vor. ,|Der Engel ist ein Stehender, 
vind der Heilige ist ein W^andelnder. Darob ist der 
Heilige üher dem Engel." 

Solch ein Weg ist die Ekstase. Wenn sie ein 
Ende zu bieten scheint, ein Erreichen, Erlangen, Er- 
greifen, ist es nur ein endgiltiges Nein, kein end- 
giltiges Ja: es ist das Ende der Gebundenheit, das 
Abschütteln der letzten Kette, die Auflösung, die 
allem Irdischen enthoben ist. ,,^Venn der Mensch 
von Kraft zu Kraft \vandelt und nur empor und 
empor, bis er zur Wurzel aller Lehre und alles Ge- 
botes kommt, zu Gottes Ich, der einfachen Einheit 
und Schrankenlosigkeit, — wenn er da steht, dann 
sinken alle Flügel der Gebote und Gesetze nieder, 
und alle sind sie vernichtet. Denn vernichtet ist 
der Trieb, da er darüber steht." 

,,Über der Natur und über der Zeit und über 
dem Denken" — so wird der genannt, der in der 



Inbrunst ist. Er hat alles Leid und alle Schwere 
abgetan. ,, Süsse Leiden, ich empfange euch in Liebe", 
sagt ein sterbender Zaddik, und Rabbi Sussje ruft, 
da seine Hand sich aus dem Feuer schleicht, in 
das er sie gelebt hat, verwundert aus: ,,Wie grob 
ist Sussjes Körper gew^orden, dass er sich vor dem 
Feuer fürchtet". Der Inbrünstige regiert das Leben, 
und kein äusseres Geschehen, das in sein Reich ein- 
dringt, vermag seine W^eihe zu stören. Von einem 
Zaddik wird erzählt, er habe, als sich das heilige 
Mahl der Lehre bis zum Morgen hinzog, zu seinen 
Jüngern gesprochen : „W^ir sind nicht in die Grenzen 
des Tages eingeschritten, sondern der Tag ist in 
unsere Grenzen eingeschritten, und "wir brauchen 
vor ihm nicht zu weichen". 

In der Ekstase rückt alles Vergangene und alles 
Zukünftige zur Gegenw^art zusammen. Die Zeit ver- 
schrumpft, die Linie zwischen den Ewigkeiten ver- 
schwindet, einzig der Augenblick lebt, und der Augen- 
blick ist die Ewigkeit. In seinem unzeraplitterten 
Lichte erscheint alles "was w^ar und w^as sein w^ird, 
einfach und gesammelt. Es ist da, w^ie ein Herz- 
schlag da ist, und w^ird offenbar wie er. 

Die chassidische Legende w^eiss gar viel von den 
Wunderbaren zu erzählen, die sich ihrer früheren 
Daseinsformen erinnerten, der Zukunft w^ie der eigenen 
Atemzüge gew^ahr wurden, von einem Ende der Erde 
zum andern blickten und alle ^Vandlungen, die sich 
in den Welten ereigneten, w^ie etw^as verspürten, was 
ihrem Körper geschah. All dies hat nichts mit dem 
Gefühl zu tun, in dem Hitlahabut die Welt des 



Raumes und der Zeit überwomden hat. Wohl aber 
deuten uns etw^as davon zwei naive, einander ver- 
wandte und einander ergänzende Anekdoten. Von 
einem Meister wird erzählt, er habe in Stunden der 
Entrückung auf die Uhr sehen müssen, um sich in 
dieser Welt zu erhalten; und von einem andern, 
er habe, wenn er die Einzeldinge betrachten -wollte, 
eine Brille aufsetzen müssen, um sein geistiges Sehen 
zu bezw^ingen; ,,denn sonst sah er alle Einzeldinge 
der W^elt als eines". 

Aber die höchste Stufe, von der berichtet w^ird, 
ist die, auf der der Entrückte der eigenen Inbrunst 
entgleitet. Als ein Schüler einmal eines Zaddiks 
,, Erkalten" bemerkte und tadelte, -^vurde er von 
einem andern belehrt: ,,Es gibt ein sehr hohes Heilig- 
tum; -w^enn man dahin kommt, -wird man alles AX^esens 
los und kann nicht mehr entbrennen". So vollendet 
sich die Inbrunst in der eigenen Aufhebung. 

Zuw^eilen äussert sie sich in einem Tun, das sie 
w^eiht und mit heiliger Bedeutung füllt. Die reinste 
Form, die, in der der ganze Körper der erregten 
Seele dient und jeder ihrer Hebungen und Nei- 
gungen das sichtbare Geschw^ister erschafft, aus 
tausend Fluten der Bewegung das eine Bild des 
verzückten Sinnes auftauchen lässt, ist der Tanz. 
Von dem Tanz eines Zaddiks w^ird erzählt: ,,Sein 
Fuss w^ar leicht ^e eines vierjährigen Kindes. Und 
alle, die sein heiliges Tanzen sahen, — da w^ar nicht 
einer, der nicht zu sich heimgekehrt wäre, denn er 
w^irkte im Herzen aller, die es sahen, beides, Weinen 
und Wonne, in einem." Oder die Seele erfasst 



die Stimme des Menschen und macht sie singen, 
was sie in den Höhen erfahren hat; und die Stimme 
weiss nicht, w^as sie tut. So stand ein Zaddik in den 
„furchtbaren Tagen" (Neujahr und Versöhnungstag) 
im Gebet und sang neue Melodien, „Wunder der 
Wvmder, die er nie gehört hatte und die keinMenschen- 
ohr je gehört hatte, und er -wusste gar nicht, w^a« 
er singt und welche Weise er singt, denn er w^ar 
an die obere \Velt gebunden". 

Aber das eigentliche Leben des Inbrünstigen ist 
nicht unter den Menschen. Es •w^ird von einem 
Meister gesagt, er habe sich w^ie ein Fremdling ge- 
führt, nach den Worten Davids des Königs: Ein 
Fremder bin ich im Lande. ,,Wie ein Mann, der 
aus der Feme kam, aus der Stadt seiner Geburt. 
Er sinnt nicht auf Ehre und nicht auf irgend ein 
Ding zu seinem ^^ohle, nur darauf sinnt er, heim- 
zukehren zur Stadt seiner Geburt. Nichts kann 
ihn besitzen, denn er weiss: Das ist Fremdes und 
ich muss heim." Mancher geht in die Einsamkeit, 
in ,,da8 Wandeln". Rabbi Sussje pflegte in Wäldern 
umherzustreifen und Lobgesänge zu singen, mit so 
grosser Glut, ,,dass man schier von ihm gesagt hat, 
er sei nicht bei Verstand". Ein anderer w^ar nur 
in Gassen und Gärten und Hainen zu finden. Als 
ihn sein Schwiegervater darob ermahnte, antw^ortete 
er ihm mit dem Gleichnis der Henne, die Gänse- 
eier ausgebrütet hatte: ,,und als sie ihre Kinder auf 
der \Vasserfläche umherschwimmen sah, lief sie be- 
stürzt hin und her, Hilfe zu suchen für die Unglück- 
lichen; und verstand nicht, dass dies jenen all ihr 



Leben war: dahinzustreichen über die Wasaer- 
fläche". 

Doch gibt es tiefer Abgeschiedene, deren Hitlahabut 
in alledem noch nicht erfüllt ist. Die werden ..unstät 
und flüchtig". Sie gehen in die ,, Verbannung", um 
,,daa Exil mit der Schechina zu tragen". Es ist eine 
Urvorstellung der Kabbala, dass die Schechina, die 
Glorie oder Herrlichkeit Gottes, verbannt durch die 
Unendlichkeit irrt, von ihrem ,, Herrn" getrennt, und 
dass sie erst in der Stunde der Erlösung sich mit 
ihm wieder vereinigen wird. So wandern diese 
Ekstatiker über die Erde, wohnend in den stummen 
Femen des Gottes-Exils, Genossen des heiligen All- 
geschehens, wissend um das Rauschen im Blute des 
Weltenherzens. Der dergestalt Abgelöste ist Gottes 
Freund, ,,w^ie ein Fremdling eines andern Fremdlings 
Freund ist, ihrer Fremdheit auf Erden wegen". Ihm 
w^iderfahren Augenblicke, in denen er die Schechina 
im Menschenbilde schaut, von Angesicht zu An- 
gesicht, w^ie jener Zaddik sie im Heiligen Lande 
sah, ,,in der Gestalt einer Frau, die über den Ge- 
mahl ihrer Jugend w^eint und klagt". 

Aber nicht bloss in Gesichten aus dem Dunkel 
und nicht bloss in dem Schw^eigen der Wanderschaft 
gibt Gott sich dem um ihn Entbrannten, sondern 
aus allen Dingen der Erde blickt sein Auge in das 
suchende, und jedes W^esen ist die Frucht, in der 
er sich der verlangenden Seele darbietet. Schleier- 
los ist das Sein in des Heiligen Hand. ,,Wer eine 
Frau sehr begehrt und ihre buntfarbnen Gew^änder 
betrachtet, dessen Sinn geht nicht auf das Prunk- 



zeug und die Farben, sondern auf die Herrlichkeit 
der begehrten Frau, die in sie gehüllt ist. Aber 
die andern sehen nur die Gewänder und nichts mehr. 
So schaut, wer Gott in Wahrheit hegehrt und um- 
fängt, in allen Dingen der Welt nur die Kraft und 
den Stolz des Bildners des Urbeginns, der in den 
Dingen lebt. Wer aber nicht auf dieser Stufe ist, 
sieht die Dinge von Gott getrennt." 

Dies ist das Erdenleben der Hitlahabut, die sich 
über alle Grenzen schw^ingt und sich mit Gott ver- 
mählt. Sie ist die Tochter eines Menschenw^illens 
und die Herrin der Heerscharen, das Fünklein eines 
^Vesens, das sterben muss, und die Flamme, die Raum 
und Zeit verzehrt, das im Aufblühen welkende Ge- 
'wächs einer Sehnsucht und die ^Vurzel des \Velten- 
baumes. Sie erweitert die Seele zum All. Sie ver- 
engert das All zum Nichts. Von ihr redet ein 
chassidischer Meister in Worten des Geheimnisses: 
,,Die Schöpfung des Himmels und der Erde ist die 
Entfaltung des Etw^as aus dem Nichts, das Hinab- 
steigen des Oberen in das Untere. Aber die Heiligen, 
die sich vom Sein ablösen und Gott immerdar an- 
hängen, die sehen und erfassen ihn in ^^ahrheit, als 
wäre das Nichts wie vor der Schöpfung. Sie ^^andeln 
da« Etwas ins Nichts zurück. Und dies ist das 
AVunderbarere : das Untere emporzubringen. ^Vie 
es geschrieben steht in der Gemara: ,, Grösser ist 
das letzte \Vunder als das erste". 



ABODA: VON DEM DIENSTE 

HITLAHABUT IST DAS GOTTUMFAN- 
gen ohne Zeit und Raum. 
Aboda ist das Gottdienen in der Zeit 
und im Räume. 

Hitlahabut ist das mystische Mahl. Aboda ist das 
mystische Opfer. 

Es sind die Pole, zwischen denen das Leben des 
Heiligen schwingt. 

Hitlahabut schw^eigt, da sie an Gottes Herzen liegt. 

Aboda redet: ,,^Vas bin ich und w^as ist mein 
Leben, dass ich mein Blut und mein Feuer vor dir 
darbringen will?" 

Alles ist Gott. Und alles dient Gott. Das ist die 
urgegebene Zw^eiheit, zusammengefaltet im Dasein 
der Welt, entw^ickelt im Leben des Heiligen. Das 
Mysterium, von dem man sich entfernt, 'w^enn man 
von ihm redet, und das in der ^Virklichkeit der 
Gott habenden, Gott suchenden Seele lebendig da ist: 
bewxisst in ihrer Sehnsucht, keimhaft schlummernd 
in ihrer Ekstase, allsichtbar gegliedert im Rhythmus 
ihrer Taten. 

Hitlahabut ist so fem von Aboda "wie Erfüllung 
von Verlangen. Und doch strömt Hitlahabut aus 
Aboda w^ie Gottfinden aus Gottsuchen. 

Der Baalschem erzählte: Ein König baute einst 
einen grossen und herrlichen Palast mit zahllosen 
Gemächern, aber nur ein Tor war geöffnet. Und 
als der Bau vollendet w^ar, "wurde verkündet, es 
sollten alle Fürsten erscheinen vor dem Könige, der 

JO 



in dem letzten der Gemächer throne. Aher als sie 
eintraten, sahen sie: da waren Türen offen nach 
allen Seiten, von denen führten gewundene Gänge 
in die Fernen, und da w^aren w^ieder Türen und wieder 
Gänge, und kein Ende stand vor dem verwirrten 
Auge. Da kam der Sohn des Königs und sah: eine 
Spiegelung w^ar all die Irre, und sah seinen Vater 
sitzen in der Halle vor seinem Angesicht. 

Das Geheimnis der Gnade ist nicht zu deuten. 
Z'wischen Suchen und Finden liegt die Spannung eines 
Menschenlehens, ja tausendfacher AViederkehr der 
bangen w^andemden Seele. Und doch ist der Flug 
des Augenblicks langsamer als die Erfüllung. Denn 
Gott w^ill gesucht sein, und wie könnte er nicht 
gefunden sein 'w^oUen? 

Der Enkel Rabbi Baruchs, des Enkels desBaalschem, 
spielte einst mit einem andern Knaben ,, Verstecken". 
Und er verbarg sich und wartete in seinem Versteck 
viele Zeit und vermeinte, sein Gefahrte suche ihn 
und könne ihn nicht finden. Aber als er lange ge- 
wartet hatte, kam er heraus und sah den andern 
nicht mehr und merkte, dass er ihn vom Anfang 
nicht gesucht hatte. Alsdann lief er in die Stube 
seines Grossvaters mit AVeinen und Klagen um den 
Bösen. Da flössen die Augen Rabbi Baruchs über 
und er sagte: ,,So spricht Gott auch". 

^^enn der Heilige e^g neues Feuer heranbringt, 
dass die Glut auf dem Altar seiner Seele nicht ver- 
lösche, redet Gott selbst den Opferspruch. 

Gott w^altet im Menschen, w^ie er im Chaos w^altete 
zur Zeit der w^erdenden W^elt. ,,Und w^ie als die 

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\Velt sich zu entfalten begann und er sah: wenn es 
Aveiter auseinander fliesst, ivird es nicht mehr zu 
seinen Wurzeln heimkehren können, da sprach er: 
Genug! — so ist es, wenn die Seele des Menschen 
im Leide zerflutet und das Übel so mächtig wird 
in ihr, dass sie bald nicht mehr heimkehren könnte, 
da erweckt sich sein Erbarmen und er spricht: 
Genug!" 

Aber auch der Mensch kann ,,Genugl" sagen: zu 
der Vielheit in sich. Wenn er sich sammelt und 
vereint, nähert er sich der Einheit Gottes, dient er 
seinem Herrn. Dies ist Aboda. 

Von einem Zaddik w^urde gesagt: ,,Bei ihm ist 
Lehre und Gebet und Essen und Schlafen, alles Eines, 
ein Dienst, und er kann die Seele zu ihrer Wurzel 
erheben." 

Alles Tun in Eines gebunden, und das unendliche 
Leben in jeder Tat getragen: dies ist Aboda. ,,Li 
alle Taten des Menschen, Sprechen und Schauen und 
Horchen und Gehen und Stehenbleiben und Sichlegen, 
sei das Schrankenlose eingekleidet." 

Aus jeder Tat w^ird ein Engel geboren, ein guter 
oder ein böser. Aber aus den halben und w^irren 
Taten, die ohne den Sinn oder ohne die Kraft sind, 
w^erden Engel geboren mit verrenkten Gliedern oder 
ohne Haupt oder ohne Hände oder ohne Füsse. 

In allem Tun durchstrahlt von den Vs/ellen der 
Allsonne und gesammelten Lichtes in allem Tun, dies 
ist der Dienst. Aber keine Handlung ist zu ihm aus- 
erwählt. Gott will, dass man ihm auf alle Arten 
diene. 



,,£8 gibt z'wei Arten von Liebe: die Liebe eines 
Mannes zu seinem ^Veibe, der geziemt es im Geheimen 
zu sein und nicht am Orte der Schauenden, dieweil 
diese Liebe beschlossen ist nur an einer von den 
W^esen geschiedenen Stätte: und die Liebe zu den 
Gesch^stem und den Kindern, die keiner Verborgen- 
heit bedarf. Und so gibt es in der Liebe zu Gott 
zwei Arten: die Liebe durch die Lehre und das Gebet 
und die Erfüllung des Gebotenen, und ihr geziemt 
es, in der Stille zu ^vandeln und nicht im Offen- 
baren, damit sie nicht zu Ruhm und Stolz verführe ; 
und die Liebe in der Zeit, da man mit den Geschöpfen 
vermischt ist, redet und hört, gibt und nimmt mit 
ihnen, und in dem Geheimnisse seines Herzens hangt 
man an Gott und lässt nicht ab, ihm zuzusinnen. 
Und dies ist eine höhere Stufe als jene, und von ihr 
ist gesagt: ^^er gäbe dich mir zum Bruder, der an 
den Brüsten meiner Mutter sog, ich würde dich in der 
Gasse finden und dich küssen, und nicht dürften sie 
mich darob verachten." 

Dies ist aber nicht so zu verstehen, als sei in dem 
dergestalt Dienenden eine Spaltung zwischen der 
irdischen und der himmlischen Tat. Vielmehr ist jede 
Be'wegung des Hingegebenen ein Gefäss der W^eihe 
und der Macht. Von einem Zaddik w^ird erzählt, er 
habe alle seine Glieder so geheiligt, dass jeder Schritt 
seiner Füsse W^elten miteinander vermählte. ,,Der 
Mensch ist eine Leiter, aufgepflanzt auf der Erde, 
und ihr Haupt reicht in den Himmel. Und alle seine 
Gebärden und Geschäfte und Reden ziehen Spuren 
in der oberen Welt." 

13 



Hier iat der innere Sinn der Aboda angedeutet, 
der aus der Tiefe der alt jüdischen Geheimlehre 
kommt und jenes Mysterium der Zweiheit von In- 
brunst und Dienst, von Haben und Suchen w^ohl 
nicht klärt, aber verklärt. 

In Zweiheit ist durch die erschaffene Welt und 
ihre Tat der Gott zerfallen: in das Gotteswesen, 
Elohut, das den Kreaturen entrückt ist, und die 
Gottesglorie, Schechina, die in den Dingen w^ohnt, 
w^andemd, irrend, verstreut. Erst die Erlösung w^ird 
beide in die E^vigkeit vereinigen. Aber es ist der 
Besitz des Menschengeistes, durch seinen Dienst die 
Schechina ihrem Quell nähern, in ihn eintreten lassen 
zu können. Und in diesem Augenblick der Heim- 
kehr, ehe sie wieder niedersteigen muss in das Sein 
der Dinge, verstummen die Wirbel, die durch das 
Leben der Gestirne sausen, erlöschen die Fackeln 
der grossen Verheerung, entsinkt die Geissei der Hand 
des Geschickes, hält die \Veltenpein inne und lauscht: 
die Gnade der Gnaden ist erschienen, der Segen träuft 
nieder auf die Unendlichkeit. Bis die Macht der 
Verstrickung die Gottesglorie herabzuzerren beginnt 
und alles w^ird w^ie zuvor. 

Das ist der Sinn des Dienstes. Nur das Gebet, 
das um der Schechina w^illen geschieht, lebt w^ahr- 
haft. ,, Durch seine Not und seinen Mangel kennt 
er den Mangel der Schechina, zu beten, dass der 
Mangel der Schechina gefüllt w^erde und dass durch 
ihn, den Betenden, die Einung Gottes mit seiner 
Glorie geschehe". Der Mensch soll ^ssen, dass 
sein Leid aus dem Leide der Schechina kommt. Er 

U 



ist ,, eines von ihren Gliedern", und die Stillung 
ihres Entbehrens ist allein die echte Stillung des 
seinen. ,,Er sinne nicht auf seine Lösiing im untern 
oder im obem Bedürfen, dass er nicht sei w^ie der 
die ewige Pflanzung verwüstet, Trennung zu schaffen; 
sondern alles tue er um des Mangels der Gottesglorie 
willen, und aus sich selber w^ird alles gelöst w^erden, 
auch sein eigen Leid befriedet aus der Befriedung 
seiner oberen Wurzel. Denn alles, oben und unten, 
ist eine Einheit." ,,Ich bin das Gebet", spricht die 
Schechina. Ein Zaddik sagte : ,, Die Menschen meinen, 
sie beten vor Gott, aber es ist nicht so, denn das 
Gebet selbst ist Gottheit." 

In der Enge des Selbst kann kein Beten gedeihen. 
,,^Ver in Leid betet ob der Schw^ermut, die ihn 
regiert, und denkt, er bete in der Furcht vor Gott, 
oder w^er in Freude betet ob der Helle seines 
Gemütes, und denkt, er bete in der Liebe zu Gott, 
dessen Gebet ist gar nichts. Denn diese Furcht 
ist nur Schw^ermut, und diese Liebe ist nur leere 
Freude." 

Es w^ird erzählt, der Baalschem sei einmal an der 
Schw^elle eines Bethauses stehen geblieben und habe 
nicht eintreten wollen und habe im Widerwillen 
gesprochen: ,,Da kann ich nicht ein. Ist doch das 
Haus von Ende zu Ende und über alle Ufer voll des 
Gebetes." Und da sich die Begleiter verwvmderten, 
MTcii ihnen schien, es könne kein grösseres Lob geben 
als dieses, deutete er es ihnen: W^enn die Worte 
nicht in ihrer Absicht auf das obere Geschehen 
gerichtet sind, dann können sie nicht aufsteigen, 

f5 



sondern lagern sich am Boden Schicht auf Schicht, 
bis sie das ganze Haus füllen in dickem ^Virrsal. 

Zweierlei vermag die Gebete festzuhalten: wenn 
sie ohne die Intention gesprochen werden, und w^enn 
die früheren Taten des Betenden sich zw^ischen ihm 
und dem Himmel wie eine harte "Wolke breiten. 
Die Hinderung kann nur bezwxingen w^erden, w^enn 
der Mensch in die Sphäre der Inbrunst emporw^ächst 
und sich in ihren Gnaden reinigt, oder w^enn eine 
andere Seele, die in der Inbrunst ist, die gefesselten 
Worte frei macht und mit dem ihren nach oben 
trägt. So w^ird von einem Zaddik erzählt, er sei 
beim Beten der Gemeinde eine lange Zeit stumm 
und ohne Bewegung dagestanden und habe dann erst 
selbst zu beten begonnen, ,,gleichw^ie der Stamm Dan 
am Ende des Lagers zog und alles Verlorene sammelte" ; 
sein ^^ort sei ein Gewand gewesen, in dessen Falten 
hätten sich die niedergehaltenen Gebete geschmiegt 
und seien emporgetragen w^orden. Dieser Zaddik 
pflegte vor dem Beten zu sagen: ,,Ich binde mich 
mit ganz Israel, mit denen, die grösser sind als ich, 
dass durch sie mein Gedanke aufsteige, und mit denen, 
die kleiner sind als ich, dass sie durch mich gehoben 
w^erden." 

Aber dies ist das Geheimnis der Gemeinschafik, 
dass nicht bloss der Niedere des Höheren bedarf, 
sondern auch der Hohe des Niederen. Hier ruht 
ein w^eiterer Unterschied zw^ischen dem Zustand der 
Ekstase und dem Zustand des Dienstes. Hitlahabut 
ist des Einzelnen Weg und Ziel; ein Seil gespannt 
über dem Abgrund, an zw^ei schlanke Bäume ge- 

16 



bunden, die der Sturm be^vegt; in Einsamkeit und 
Grauen betritt es der Fuss des W^agenden. Hier 
gibt es keine Menscbengemeinscbaft, nicht im Zw^eifel 
und nicht im Besitz. Der Dienst aber ist vielen 
Seelen in ihrer Vereinigung erschlossen. Er gew^ährt 
die letzten Schauer nicht, aber er ist frei von den 
dunkelsten Ängsten. Er ist nicht ein Seil, sondern 
eine Brücke. Den auf dem Seile Kommenden um- 
fängt drüben der Arm des Geliebten; den AiVanderern 
der Brücke öffnet sich die Halle des Königs. Die 
Ekstase 'will nichts als ihre Vollendung in Gott, sie 
gibt sich dahin. Im Dienste lebt eine Absicht, eine 
,,Kawwana". Die W^ollenden binden sich aneinander 
zu grösserer Einheit und Macht. Es gibt einen Dienst, 
den nur die Gemeinde vollbringen kann. 

Der Baalschem sagte ein Gleichnis: Menschen 
standen unter einem sehr hohen Baume. Und einer 
von den Menschen hatte Augen zu sehen. Und er 
sah : im Wipfel des Baumes stand ein Vogel, herrlich 
in wesenhafter Schönheit. Aber die andern sahen 
den Anblick nicht. Und über jenen Mann fiel ein 
grosses Bangen, zu dem Vogel zu kommen und ihn 
zu nehmen; und er konnte nicht von dannen ohne 
den Vogel. Aber w^egen der Höhe des Baumes ^var 
es nicht in seinem Vermögen, und auch eine Leiter 
w^ar nicht zu finden. Doch aus dem grossen und 
mächtigen Bangen gab er seiner Seele den Rat. Er 
nahm die Menschen, die umherstanden, und stellte 
sie aufeinander, jeden auf die Schultern eines 
Gefährten. Er aber stieg zu oberst, also dass er 
zum Vogel kam, und nahm ihn. Und die Menschen, 

a 17 



^cw^ohl sie dem einen geholfen hatten, 'wiassten 
nichts von dem Vogel und sahen ihn nicht. Er aher, 
der von ihm wusste und ihn sah, hätte ohne sie 
nicht zu ihm kommen können. ^Vürde jedoch der 
unterste von ihnen seinen Ort verlassen, dann müsste 
der eben zur Erde niederfallen. ,,Und der Tempel 
des Messias ^rd im Buche Sohar das Vogelnest 
genannt." 

Es ist aber nicht etwa so, als werde nur des Zaddiks 
Gebet von Gott empfangen und alsseinur dieses lieblich 
in seinen Augen. Kein Beten ist gnadenstärker und 
dringt in geraderem Fluge durch alle Himmelsw^elten, 
als das Beten des Einfältigen, der nichts zu sagen 
und nur das ungebrochene Müssen seines Herzens 
Gott darzubringen weiss. Gott nimmt es an, w^ie 
ein König das Singen der Nachtigall in der Nacht 
seines Gartens, das ihm süsser klingt als die Hul- 
digung der Fürsten im Thronsaal. Die chassidische 
Legende weiss sich nicht genug der Beispiele für 
die Gunst, die dem Ungeschiedenen leuchtet, und 
fiir die Macht seines Dienstes. Eines sei hier mitgeteilt. 

Ein Dorfmann, der Jahr für Jahr an den ,, furcht- 
baren Tagen" im Bethaus des Baalschem war, hatte 
einen Knaben. Der war stumpfen Verstandes und 
konnte nicht einmal die Gestalt der Buchstaben 
empfangen, geschw^eige denn die heiligen ^Vorte er- 
kennen. Und der Vater nahm ihn an den furcht- 
baren Tagen nicht mit sich in die Stadt, diew^eil er 
nichts wusste. Aber als er dreizehn Jahre w^ar und 
mündig vor Gottes Gesetzen, nahm ihn der Vater 
am Versöhnungstag mit, damit er nicht etw^a esse 

t8 



am Tage der Kasteiung aus Mangel seines Wissens 
und Verstehens. Und der Knabe hatte ein Pfeifchen, 
darauf pfiff er immer in der Zeit, da er im Felde 
sass, die Schafe und Kälber zu weiden. Und er 
nahm es mit sich in der Tasche seines Kleides, und 
sein Vater sah es nicht. Und der Knabe sass in 
den heiligen Stunden im Bethause und wusste nichts 
zu sagen. Als aber das Mussafgebet angehoben wurde, 
sprach er zu seinem Vater: ,, Vater, ich habe mein 
Pfeifchen bei mir und ich will darauf singen." Da 
w^ar sein Vater sehr bestürzt und fuhr ihn an und 
sprach: ,,Hüte dich und hüte deine Seele, dass du 
dies nicht tuest." Und er musste es in sich bewahren. 
Aber als das Mincha-Gebet kam, sprach er wieder: 
,, Vater, erlaube mir doch, mein Pfeifchen zu nehmen." 
Und als der Vater sein Verlangen sah und dass seine 
Seele bangte zu pfeifen, war er zornig und fragte 
ihn: ,,An welchem Orte hast du es?" und da er 
ihm den Ort zeigte, legte er die Hand auf die Tasche 
und hielt sie fortan darauf, um das Pfeifchen zu 
hüten. Und das Netla-Gebet begann, und die Lichter 
brannten zitternd in den Abend, und die Herzen 
brannten w^ie die Lichter, unerschöpft vom langen 
Harren, und durch das Haus schritten noch einmal 
müde und aufrecht die achtzehn Segensprüche, und 
das grosse Bekenntnis kehrte zum letzten Mal w^ieder 
und lag vor der Lade des Herrn, die Stirn auf der 
Diele und die Hände gebreitet, noch einmal, ehe der 
Abend sich neigt und Gott entscheidet. Da konnte 
der Knabe seine Inbrunst nicht länger halten und 
ris« mit vieler Kraft da« Pfeifchen aus der Tasche 



2» 



J9 



und lieas seine Stimme gar mächtig schallen. Und 
alle standen erschreckt und verwirrt da. Aber der 
Baalschem erhob sich über ihnen und sprach: ,,Das 
Verhängnis ist durchbrochen und der Zorn zerstreut 
vom Angesichte der Erde." 

So ist jeder Dienst, der aus einer schlichten oder 
geschlichteten zwiespaltloscn Seele kommt, zureichend 
und vollkommen. Noch aber ist ein höherer. Denn 
^Krer von Aboda zu Hitlahabut aufgestiegen ist und 
seinen Willen in sie getaucht hat und seine Tat 
einzig aus ihr empfängt, der hat jeden besonderen 
Dienst überstiegen. ,, Jeder Zaddik hat seine be- 
sondere Art des Dienstes. Wenn aber die Zaddikim 
ihre Wurzel betrachten und zum Nichts gelangen, 
dann können sie Gott auf allen Stufen dienen". So 
sprach einer von ihnen: „Ich stehe vor Gott wie 
ein Botenknabe". Denn er -war zur Vollendung und 
zum Nichts gekommen, bis er keine besondere Art 
mehr hatte, „sondern er stand bereit für alle Arten, 
die Gott ihm weisen würde, wie ein Botenknabe da- 
steht, bereit für alles, w^as ihm sein Herr befehlen 
w^ird." 

Wer dergestalt in der Vollendung dient, der hat 
die urgegebene Zweiheit besiegt und hat Hitlahabut 
in das Herz der Aboda eingetan. Er w^ohnt in den 
Reichen des Lebens, und doch sind alle Mauern ge- 
fallen, alle Grenzsteine ausgerissen, alle Scheidung ist 
vernichtet. Er ist der Bruder der Geschöpfe und 
fühlt ihren Blick, als w^äre es sein eigener, ihren 
Schritt, als gingen ihn seine Füsse, ihr Blut, als flösse 
es in seinem Leibe. Er ist der Sohn Gottes und 

20 



legt bange und sicher seine Seele in die grosse Hand 
zu all den Himmeln und Erden und ungewussten 
Welten, und steht auf den Fluten des Meeres, in 
das alle seine Gedanken und aller Wesen Wander- 
schaften münden. ,,£r macht seinen Körper zum 
Throne des Lebens und das Leben zum Throne des 
Geistes und den Geist zum Throne der Seele und 
die Seele zum Throne des Lichtes der Gottesglorie, 
und das Licht umströmt ihn ringsum, und er sitzt 
inmitten des Lichtes, und zittert, und frohlockt." 



21 



KAWWANA: VON DER INTENTION 

KAWWANA IST DAS MYSTERIUM DER 
auf ein Ziel gerichteten Seele. 
Kawwana ist nicht der Wille. Sie sinnt 
dicht darauf, ein Bild in die Welt der wirklichen 
Dinge zu versetzen; nicht, einen Traum zum Gegen- 
stande festzumachen, dass er hei der Hand sei, hehehig 
oft empfunden zu werden m satter W^iederholung. 
Auch darauf nicht, den Stein der Tat m die Wellen 
des Geschehens zu w^erfen, dass sie eineW^eile unruhig 
w^erden und sich verwundem, um sodann zurück- 
zukehren zu den tiefen Befehlen ihres Lehens; einen 
Funken zu legen an die Zündschnur, die durch die 
Reihe der Geschlechter geht, dass eine Flamme hüpfe 
aus Zeit zu Zeit, his sie m einer ohne Abschied und 
Zeichen erlischt. Nicht dies ist Kaw^vanas Meinen, 
dass die Pferde an dem grossen ^Vagen einen Antrieb 
mehr verspüren, oder dass ein Bau mehr aufgerichtet 
werde vor dem übervollen Blick der Sterne. Kaw"wana 
meint nicht den Zw^eck, sondern das Ziel. 

Es gibt aber keine Ziele, sondern das Ziel. Nur 
ein Ziel ist, das nicht lügt, das sich in keinen neuen 
W^eg verfängt, in das alle Wege münden, vor dem 
kein Abweg ewig flüchten kann: die Erlösung. 

Kaw^'wana ist ein Strahl der Gottesglone, der in 
jedem Menschen w^ohnt und die Erlösvmg meint. 

Dies aber ist die Erlösung, dass die Schechma aus 
der Verbannung heimkehre. „Dass alle Schalen von 
der Gottesglone w^eichen und sie sich reinige und 
sich eine ihrem Eigner in vollkommener Einung." Des 

22 



zum Zeichen eracheint der Messias und macht alle 
Wesen frei. 

Manchem ist sein Lehen lang, als müsse es hier und 
heute geschehen. Denn er hört die Stimmen des 
^Verdcns in den Schluchten hrausen und fühlt das 
Keimen der Ewigkeit auf dem Acker der Zeit, wie 
wenn es in seinem Blute geschähe, und so kann er es 
nimmer anders denken, als dies und dies sei der er- 
wählte Augenblick. Und immer noch heisser zwingt 
ihn sein ^^ähnen, w^eil immer noch gebietenscher die 
Stimmen reden und noch heischender das Keimen 
schwillt. 

Von einem Zaddik wird erzählt, dass er also sehr 
der Erlösung harrte: w^enn er auf der Gasse ein Ge- 
tümmel hörte, sogleich wurde er erregt zu fragen, was 
dies anrolle und ob nicht der Bote gekommen sei : und 
jedesmal, w^enn er zum Schlafen ging, befahl er seinem 
Diener, w^enn der Bote käme, solle er ihn im gleichen 
Augenblick w^ecken. „Denn also sehr w^ar in seinem 
Herzen das Kommen des Erlösers eingefasst, w^ie w^enn 
ein Vater den einzigen Sohn aus dem fremden Lande 
erwartet und steht auf der Turmwarte mit Sehnsucht 
der Augen und lugt durch alle Fenster aus, und w^enn 
man die Tür öffnet, eilt er hinaus, um zu sehen, ob 
sein Sohn nicht gekommen ist." 

Andere aber sind des Schreitens kundig in semem 
Masse und sehen Ort und Stunde der Bahn und ^^issen 
die Feme des Kommenden. In allem stellt sich ihnen 
das Unvollendete dar, die Gebrechen der Wesen 
reden zu ihnen, und der Atem der AVinde trägt ihnen 
Bitterkeit zu. AVie eine unreife Frucht ist die ^Velt 

23 



vor ihren Augen. In sich sind sie der Glone teil- 
haftig — da schauen aic hinaus : Alles liegt im Kampfe. 

Als der grosse Zaddik Rahbi Menachem in Je- 
rusalem w^ar, ereignete es sich, dass ein törichter Mann 
den ölberg bestieg und in die Schofarposaune stiess. 
Und keiner hatte ihn gesehen. Und es -war ein Ge- 
rücht im Volke, dies sei das Schofarblasen, das die 
Erlösung verkündigt. Als dies an die Ohren des 
Rabbis kam, öffnete er ein Fenster und sah in die 
Luft der Welt hinaus. Und sogleich sprach er : „Da 
ist keine Erneuerung." 

Dies aber ist der Weg der Erlösung: dass alle 
Seelen und Seelenfunken, die der Urseele entsprossen 
und in der Urtrübung der W^elt oder durch die Schuld 
der Zeiten gesunken und hinausgestreut sind in alle 
Kreaturen, die Wandcrschaftbeschliessenund geläutert 
heimkehren. Die Chassidim reden davon im Gleichnis 
des Fürsten, der das Mahl erst anheben lässt, wenn 
der letzte der Gäste eingezogen ist. 

Alle Menschen sind die Stätten wandernder Seelen. 
In vielen W^esen wohnen sie und streben von Gestalt 
zu Gestalt nach der Vollendung. Die sich aber nicht 
zu läutern vermögen, werden von der „^Vclt des 
Wirrgals" befangen und hausen in \Vasserlachen, in 
Steinen, in Gew^ächsen, in Tieren, der erlösenden 
Stunde entgegenharrend. 

Doch nicht bloss Seelen sind überall verschlossen: 
auch Seelenfunken. Dieser ist kein Ding leer. Sie 
leben in allem, w^as ist. Jede Form ist ihr Kerker. 

Und dies ist der Sinn und die Bestimmung der 
Kaw-w^ana: dass es dem Menschen gegeben ist, die 

24 



Gefallenen zu heben und die Gefangenen zu befreien. 

Nicht bloM warten, nicht bloss ausschauen : wirken 
kann der Mensch an der Erlösung der \Velt. 

Dies eben ist Kaw^w^ana: das Mysterium der Seele, 
die darauf gerichtet ist, die Welt zu erlösen. 

Eb wird von Heiligen berichtet, die es im Sturm 
und in der Gew^alt zu vollbringen vermeinten. In 
dieser Welt: w^enn sie von der Gnade der Inbrunst 
so durchglüht w^aren, dass ihnen nichts mehr un- 
erreichbar schien, die sie doch Gott umfangen hatten. 
Oder in der kommenden Welt ; ein Zaddik sprach im 
Sterben: „Die Freunde sind hingegangen und wollten 
den Messias bringen, und haben es in der AVonne ver- 
gessen. Aber ich -werde nicht vergessen. 

In W^ahrheitjedoch kann jeder nur in scincmBereiche 
w^irken. Jeder hat eine w^eit in Raum und Zeit aus- 
gespannte Sphäre des Seins, die ihm zugeteilt ist, durch 
ihn erlöst zu w^erden. Orte, die von Ungehobenem 
beschwert und in ihrer Seele gefesselt sind, w^arten 
auf den Menschen, der zu ihnen kommen wird mit 
dem W^orte der Freiheit. W^enn ein Chassid an einem 
Orte nicht beten kann und an einen anderen geht, 
dann fordert der erste Ort von ihm : „Warum wolltest 
du nicht auf mir die heiligen "Worte sprechen? Und 
w^enn Böses an mir ist, so ist es an dir, mich zu er- 
lösen.' Aber auch alle Reisen haben heimliche Be- 
stimmung, die der Reisende nicht ahnt. 

Von einigen Zaddikim w^ird gesagt, sie hätten die 
helfende Macht über die wandernden Seelen gehabt. 
In allen Zeiten, sonderlich aber, -wenn sie im Gebete 
standen, seien die Irrfahrer der Ewigkeit bittend vor 

25 



ihnen erschienen und hätten das Heil aus ihren Händen 
empfangen. Doch auch aus eigenem Trieb hätten 
sie die Stummen unter den Gebannten xm Exil emee 
müden Leibes oder im Dunkel des Elements zu finden 
und sie emporzuretten gewusst. 

Diese Hilfe ist als ein ungeheures Wagen inmitten 
von andringenden Gefahren dargestellt, zu dem nur 
der Heilige sich spannen kann, ohne niedergeworfen 
zu werden. »Wer eine Seele hat, der mag sich m 
den Abgrund hinablassen, festgebunden durch seinen 
Gedanken wie durch em starkes Seil am oberen Rande, 
und wird zurückkehren. Aber w^er nur Leben hat, 
oder nur Leben und Geist, der hat die Artung des 
Gedankens noch nicht, und das Band wird nicht stand- 
halten, und er wird in die Tiefe fallen. 

Kann also nur der Begnadete geruhigen Mutes in 
die Finsternis tauchen, um einer Seele beizustehen, die 
den ^(^irbeln der Wanderschaft überliefert ist, so ist 
auch dem Geringsten nicht versagt, die verlorenen 
Funken aus ihrem Gew^ahrsam zu heben und heim- 
zusenden. 

Ueberall sind die Funken eingetan. Sie hängen in 
den Dingen wie in versiegelten Brunnen, sie ducken 
sich in den ^Wesen wie in zugemauerten Höhlen, sie 
atmen Bangigkeit aus und Dunkel em, sie warten; 
und die im Räume w^ohnen, schwirren wie lichttoUe 
Falter um die Bew^egungen der Welt umher, schauend, 
in w^elche sie einkehren könnten, durch sie gelöst zu 
"werden. Alle harren sie der Freiheit. 

„Der Funke in einem Gestein oder Gew^ächs oder 
einer andern Kreatur ist wie eine völlige Gestalt, 

26 



die in der Mitte des Dinges -^nae in einem Block sit^t^ 
dass Hände und Füsse sich nicht strecken können und 
der Kopf auf den Knien liegt. Und wer den heiligen 
Funken zu heben vermag, der führt ihn an die Freiheit, 
und keine Lösung Gefangener ist grösser als diese. Wie 
wer einen Königssohn aus der Gefangenschaft errettet 
und 2U seinem Vater bringt." 

Aber nicht durch Beschwörungsformeln und nicht 
durch irgend ein vorgeschriebenes sonderbares Tun 
geschieht die Befreiung. All dies wächst auf dem 
Grunde der Anderheit^ der nicht der Grund der 
Kawwana ist. Es bedarf keines Sprunges aus dem 
Gew^ohnten ms ^^under. „Mit jeder Tat kann der 
Mensch an der Gestalt der Gottesglone arbeiten, dass 
sie aus dem Verborgenen trete." Nicht die Materie 
der Handlung, nur ihre Weihung entscheidet. Eben 
dies, w^as du im Gleichmass der Wiederkehr oder 
in der Fügung der Ereignisse tust, eben diese aus Übung 
erworbene oder aus Eingebung gew^onnene Antw^ort 
des Handelnden auf das vielfältige Begehren der 
Stunden, eben diese Stetigkeit des lebendigen Stromes 
wird, in der \Veihe vollzogen, zum Erlösen. ^Ver in 
Heiligkeit betet und smgt, in Heiligkeit isst und redet, 
in Heiligkeit des gebotenen Tauchbades und in Heiligkeit 
der Geschäfte bedacht ist, durch den w^erden die ge- 
fallenen Funken erhoben und die gefallenen AVeiten 
erlöst und erneuert. 

Um jeden Menschen ist — m die w^eite Sphäre 
seines AVirkens eingebaut — ein natürlicher Bezirk 
von Dingen gelegt, die vor allem zu befreien er be- 
stimmt ist. Es sind die Wesen und Gegenstände, die 

27 



der Besit2 des Einzelnen genannt w^crdcn: seine Tiere 
und seine Wände, sein Garten und sein Anger, sein 
Gerät und seine Speise. Indem er sie in Heiligkeit 
hegt und geniesst, macht er ihre Seelen los. „Daher 
soll der Mensch sich immerdar seiner Geräte vmd alles 
seines Besitzes erbarmen. 

Aber auch in der Seele selbst erscheinen die der 
Lösung Bedürftigen. Die meisten sind die Funken, 
die durch die Schuld dieser Seele in einem ihrer 
früheren Leben in die Niederung geraten smd. Sic 
sind die fremden, störenden Gedanken, die oft den 
Betenden befallen. „Wenn der Mensch im Gebete 
steht und begehrt, sich an das £>vige zu schliessen, und 
die fremden Gedanken kommen und fallen: heilige 
Funken sind es, die gesunken sind und von ihm erhoben 
und erlöst werden wollen; und die Funken sind ihm 
zugehörig, der Wurzel seiner Seele versch wistert : seme 
Kräfte sind es, die er erlösen soll." Er erlöst sie, w^enn 
er jeden trüben Gedanken seiner reinen Quelle wieder- 
gibt, jeden auf Sonderheit sinnenden Trieb in den 
göttlichen Alltrieb ergiesst, alles Fremde in der Eigenheit 
untergehen lässt. 

Dies ist die Kaw^w^ana des Empfangens: dass man 
die Funken in den umgebenden Dingen und die 
Funken, die aus dem Unsichtbaren nahen, erlöse. 
Aber es gibt noch eme andere Kaw^w^ana, das ist die 
Kaww^ana des Gebens. Sie trägt keine verirrten Seelen- 
strahlen in hilfreichen Händen : sie bindet Welten an- 
einander und herrscht in den Geheimnissen, sie schüttet 
sich in die durstige Ferne, sie schenkt sich der Un- 
endlichkeit. Auch sie bedarf des Wunderbaren nicht. 

28 



Ihre Bahn ist das Schaffen, und das Wort vor aller 
anderen Gestalt des Schaffens. 

Die Sprache war für die jüdische Mystik von je 
ein seltsamer und schauererweckender Gegenstand. 
Eine eigentümliche Theorie der Buchstaben als der 
Weltelemente liegt vor, die von ihren Vermischungen 
als von dem Innern der "Wirklichkeit handelt. Das 
Wort ist ein Abgrund, durch den der Redende 
schreitet. „Man soll die ^Vorte sprechen, als seien die 
Himmel geöffnet in ihnen. Und als w^äre es nicht so, 
dass du das ^Vort in deinen Mund nimmst, sondern 
als gingest du in das ^^ort ein." Wer des heimlichen 
Liedes kundig ist, das das Innen ins Aussen trägt, der 
tiefen, dunklen Weise, die wunderbar die Laute reiht, 
des heiligen Reigens, der einsame spröde W^orte zum Ge- 
sang der Femen verschmilzt, der wird der Gottesmacht 
voll, „und es ist, als schüfe er Himmel und Erde 
und alle AVeiten von neuem". Er findet sein Reich 
nicht vor wie der Seelenbefreier, er spannt es aua 
vom Firmament zu den schweigenden Tiefen. Aber 
auch er wirkt an der Erlösung. „Denn in jedem Zeichen 
sind Welten und Seelen und Göttliches, und sie steigen 
auf und bmden sich und vereinigen sich mit ein- 
ander, und danach vereinigen sich die Zeichen, und 
es -wvrd das ^^ort, und die "Worte einen sich in Gott 
in ^vahrhafter Einung, da ein Mensch seine Seele in sie 
gew^orfen hat, und alle Welten einen sich und steigen 
auf, und die grosse Wonne w^ird geboren." So bereitet 
der Wirkende die letzte All-Einung vor. 

Und wie uns Aboda in Hitlahabut, das Urprinzip 
des chassidischen Lebens, mündete, so mündet hier 

29 



Kawwana in Hitlahabut. Denn Schaffen ist Ge- 
Bchaffcnwcrdcn : das Göttliche bewegt und bewältigt 
uns. Und Geschaffen werden ist Ekstase: nur wer 
sich in das Nichts des Absoluten einsenkt, emprängt 
die formende Hand des Geistes. Dies ^vird im Gleichnis 
dargestellt. Es ist keinem Ding der Welt gegeben, in 
sich umgeschaffen zu w^erden und m neue Gestalt 
2u kommen, es komme denn vordem zum Nichts, das 
ist zur „Gestalt des Dazwischen". Kein Wesen kann 
auf ihr bestehen, sie ist die Kraft vor der Schöpfung 
und heisst das Chaos. So ist das Vergehen des 
Eies zum Küchlein und so der Same, der mcht keimt, 
ehe er in der Erde aufgegangen und verw^est ist. „Und 
dies wird Weisheit genannt, das heisst: ein Gedanke, der 
keine Offenbarung hat. Und also ist es, wenn der 
Mensch will, dass eine neue Schöpfung aus ihm komme, 
dann muss er mit aller seiner Möglichkeit zur Eigen- 
schaft des Nichts kommen, und dann schafft Gott in 
ihm eine neue Schöpfung, und er ist w^ie ein Quell, 
der nicht versiegt, und wie ein Strom, der nicht 
aufhört." 

So ist zwiefach der Wille der chassidischen Lehre 
von der Kaw^w^ana: dass der Genuss, die Vennnerung 
des Aussen, in Heiligkeit geschehe: dass das Schaffen, 
die Veräusserung des Innen, in Heiligkeit geschehe. 
Durch heiliges Schaffen und heiligen Genuss voll- 
zieht sich die Erlösung der Welt. 



30 



SCHIFLUT: VON DER DEMUT 

GOTT TUT NICHT ZWEIMAL DAS 
gleiche Ding, sagt Rabbi Nachman von 
Bratzlaw. 
Einzig und einmalig ist das Seiende. Neu und un- 
gewesen taucht es aus der Flut der Wiederkünfte auf, 
geschehen und unwiederholbar taucht es in sie zu- 
rück. Jegliches erscheint zum andern Male, aber 
jegliches gewandelt. Und die Würfe und Stürze, 
die über den grossen V/eltgebilden walten, und die 
Feuer und Wasser, die die Gestalt der Erde bauen, 
und die Mischungen und Entmischungen, die das Leben 
der Lebendigen kochen, und der Geist des Menschen 
mit all seinem Versuchen und Vergreifen an der 
w^eichen Fülle des Möglichen, sie alle können nicht 
ein Gleiches schaffen und nicht w^iederbnngen eines 
der Dinge, das da besiegelt ist, gew^esen zu sein. 

Die Einmaligkeit ist eine Ew^igkeit des Einzelnen. 
Denn mit seiner Einzigkeit ist er unverlöschbar m das 
Herz der Allheit eingegraben und liegt im Schosse 
des Zeitlosen immerdar als der also und nicht anders 
Beschaffene. 

So ist die Einzigkeit das wesentliche Gut des 
Menschen, das ihm gegeben ist, es zu entfalten. Und 
dies eben ist der Sinn der Wiederkehr, dass sich die 
Einzigkeit in ihr immer mehr reimge und vollkommen 
werde: und dass in jedem neuen Leben der Wieder- 
kehrende m ungetrübterer und ungestörterer Un- 
vergleichbarkeit stehe. Denn reine Einzigkeit und 
reine Vollkommenheit sind eines, und w^er so ganz 



und gar einzig geworden ist, dass keine Anderheit 
mehr Macht üher ihn und Ort in ihm hat, der hat 
die Reise vollbracht und ist erlöst und kehrt in Gott ein. 

„Jedermann soll wissen und bedenken, dass er in 
der Welt einzig ist in seiner Beschaffenheit, und kein 
ihm Gleicher war je im Leben, denn wäre je ein ihm 
Gleicher gew^esen, dann brauchte er nicht zu sein. 
Aber in ^Vahrheit ist jeglicher ein neues Ding in der 
^/elt, und er soll seine Eigenschaft vollkommen 
machen, denn weil sie nicht vollkommen ist, zögert 
das Kommen des Messias." 

Nur aus seiner eigenen Art, aus keiner fremden 
kann sich der Strebende vollenden. „^Ver die Stufe 
des Gefährten erfasst und seine Stufe fahren lässt, 
diese und jene w^ird durch ihn tucht verwirklicht 
w^erden. Viele taten w^ie Rabbi Simeon ben Jochai 
und es geriet nicht in ihrer Hand, weil sie nicht in 
dieser Beschaffenheit waren, sondern nur wie er taten, 
da sie ihn in dieser Beschaffenheit sahen." 

Aber wie der Mensch m einsamer Inbrunst Gott 
sucht und es doch einen hohen Dienst gibt, den nur 
die Gemeinde vollziehen kann, und wie der Mensch 
mit dem Tun seines Alltags Ungeheures wirkt, aber 
nicht allem, sondern der AVeit und der Dinge bedarf 
er zu solchem Tun, so bew^ährt sich die Einzigkeit des 
Menschen in seinem Leben mit den andern. Denn 
je einziger einer in AVahrheit ist, desto mehr kann er 
den andern geben, und desto mehr w^iU er ihnen geben. 
Und dies eine ist seine Not, dass sein Geben ein' 
geschränkt ist durch den Nehmenden. Denn „der 
Schenkende ist von Seiten der Gnade und der Emp- 

32 



fangende ist von Seiten des Gerichts. Und so ist es 
mit jedem Ding. ^Vie wenn man aus einem grossen 
Gefass in einen Becher giesst: das Gefäss schüttet 
sich in Fülle aus, aher der Becher setzt seiner Gabe 
die Grenze." 

Der Einzige schaut Gott und umschlingt ihn. Der 
Einzige erlöst die gefallenen Welten. Und doch ist 
der Einzige kein Ganzes, sondern ein Teil. Und je 
reiner und vollkommener er ist, desto inniger weiss 
er es, dass er cm Teil ist, und desto •wacher regt sich 
in ihm die Gemeinschaft der ^Vesen. Das ist das 
Mysterium der Demut. 

»JDer Mensch hat ein Licht über sich, und w^enn 
zwei Menschen einander mit den Seelen begegnen, 
gesellen sich ihre Lichter zu einander, und aus ihnen 
geht ein Licht hervor. Und dies w^ird Zeugung ge- 
nannt." Allzeugung fühlen w^ie ein Meer und sich 
dann wie eine Welle, das ist das Mysterium der 
Demut. 

Nicht das ist Demut, wenn einer „sich übersehr 
erniedrigt und vergisst, dass der Mensch durch sein 
AVort und seine Geberde über alle ^Velten den über- 
fliessenden Segen herabzubringen vermag". Dies ^»ord 
unreine Demut genannt. „Das grösste Böse ist, wenn 
du vergissest, dass du ein Königssohn bist. In 
W^ahrheit demütig aber ist, w^er die andern ivie sich 
fühlt und sich m den andern. 

Hochmut heisst: sich gegenüberstellen. Nicht w^er 
•ich ^velss, nur wer sich mit andern vergleicht, ist 
der Hochmütige. Kein Mensch kann sich überheben, 
wenn er auf sich ruht: sind ihm doch alle Himmel 

3 33 



offen und alle ^Velten ergeben; der überhebt sich, 
der eich dem andern gegenüber fühlt, sich höher sieht 
als das allergeringste der Dinge, der mit Elle und Ge- 
wichten schaltet und Urteil spricht. 

Ein Zaddik sprach: „^^enn heute Messias kommt 
und sagt: ,Du bist besser als die andern', dann sage 
ich ihm: ,Du bist nicht Messias'." 

Ohne Werk und Wesen lebt die Seele des Hoch- 
mütigen, flattert und müht sich und wird nicht ge- 
segnet. Die Gedanken, die nicht das Gedachte, sondern 
sich und ihren Glanz meinen, sind Schatten. Die Tat, 
die nicht auf das Ziel, sondern auf die Geltung sinnt, 
hat nicht Körper, nur Fläche, nicht Bestand, nur Er- 
scheinung. W^er misst und wägt, w^ird leer und un- 
w^irklich wie Mass und Gew^icht. „^Ver seiner voll 
ist, in dem hat Gott keinen Raum." 

Von einem Jüngling wird erzählt, der die Abge- 
schiedenheit auf sich nahm und sich von den Dingen 
der AVeit löste, allein der Lehre und dem Dienste an- 
zuhangen, und sass in der Einsamkeit, fastend von 
Sabbat zu Sabbat und lernend und betend. Aber m 
seinem Sinne hatte er über aller Absicht den Stolz 
seines Tuns, und es strahlte vor seinen Augen, und seine 
Finger brannten, es auf seine Stirn zu legen w^ie den 
Reif des Gesalbten. Und also fiel all sein Werk 
der „andern Seite" anheim, und das Heilige hatte 
kein Teil daran. Aber immer stärker trieb sich sein 
Herz auf und fühlte das Sinken nicht, indes die 
Dämonen mit seinen Taten spielten, und dünkte sich 
ganz von Gott besessen. Da kam es einst, dass er 
sich aus sich hinauslehnte und die Dinge ringsum 

34 



stumm und abgewandt gewahrte, und da ergriff ihn 
das Erkennen, und er schaute sein Tun, aufgeschichtet 
zu Füssen eines riesenhaften Götzen, und sich selbst 
schaute er in schwindelnder Leere, preisgegeben dem 
Namenlosen. Dies wird erzählt und nicht w^eiter. 

Der Demütige aber hat die „ziehende Kraft". Alle 
Zeit, die der Mensch sich über anderen und vor anderen 
sieht, hat er eine Grenze, „und Gott kann seine Heilig- 
keit mcht in ihn lassen, da Gott ohne Grenze ist . 
Aber w^cnn der Mensch in sich ruht wie im Nichts, 
ist er durch kein Andres begrenzt und ist grenzen- 
los und Gott giesst seine Glone in ihn. 

Die Demut, die hier gemeint ist, ist kerne gc- 
w^oUte und geübte Tugend. Sie ist mchts als inner- 
liches Sein, Fühlen und Aussagen. Nirgends ist ein 
Zw^anganihr, nirgends ein Sichbeugen, Sichbeherrschen, 
Sichbestimmen. Sie ist zwaespaltbar wie eines Kindes 
Blick und schlicht 'wie eines Kindes Rede. 

Rabbi Jakob Jizchak von Lublin, der „Seher , hatte 
einen ^Vldersacher, einen harten und engsüchtigen 
Gelehrten, der „der eiserne Kopf" genannt w^urde. 
Derbedrängte ihn unaufhörlich mit Fragen, Emw^änden 
und Vorwürfen. Einmal sagte er zu ihm : „Ihr -wisst 
doch selbst, dass Ihr kein Zaddik seid. Warum führt 
Ihr andere auf Eure V/ege und ziehet sie zu Eurer 
Gemeinde?" Sprach Rabbi Jakob Jizchak : „AVas kaim 
ich tun? Laufen mir zu und werden meines ^Vortes 
froh und begehren es gar." Darauf jener: „So gebet 
es am Sabbat allen insgesamt zu w^issen, dass Ihr 
keiner der Erhabenen seid." Dies zu tun, w^ar der 
Zaddik erbötig, und am nächsten Sabbat sprach er vor 



den Ohren aller die Worte, die jener ihm befohlen 
hatte. Da zog in alle Herzen eine tiefe und wunder- 
same Demut ein, und hingen ihm fürder noch eifriger 
an als bislier. Als er dies dem eisernen Kopf bekannt 
gab, bedachte sich der und sagte sodann: „Es ist dies 
der W^eg bei euch Chassidim, den Demütigen zu lieben 
und den Hochmütigen zu meiden. Damm saget ihnen, 
Ihr seiet der Auserwählten einer, und sie werden 
sich von Euch kehren." Antw^ortete der Meister: 
„AVenn ich auch kein Zaddik bin, so bin ich doch kein 
Lügner, und wie kann ich w^ider die \Vahrheit reden?" 

Der Demütige lebt in jedem W^esen und w^eiss jedes 
Wesens Art und Tugend. ^Veil keiner ihm „der 
Andere" ist, weiss er aus dem inneren Grunde, dass 
keiner des verhüllten Wertes ermangelt; w^eiss, dass 
da „kein Mensch ist, der nicht seine Stunde hätte . 
Nicht fliessen ihm die Farben der W^elt ineinander, 
sondern jede Seele steht in der Herrlichkeit ihres 
Eigendaseins vor ihm. „In jedem Menschen ist Köst- 
liches, das in keinem andern ist. Daher soll man 
jeden ehren nach seinem Verborgenen, das nur er 
hat und keiner der Gefährten." 

Rabbi ^Volf von Zbaraz sah an keinem ein Böses 
und nannte jeden Menschen Zaddik. Als zwei einst 
miteinander stritten und man ^^olf gegen den S chuldigen 
aufzureden versuchte, ant-wortete er: „Bei mir sind 
sie beide gar gleich — und wer kann w^agen, sich 
z-wischen zw^ei Zaddikim zu stellen?" 

„Gott schaut nicht auf den bösen Teil," sagte ein 
anderer, „wie dürfte ich es tun?" 

Wer in den Wesen lebt nach dem Mysterium der 

3^ 



Demut, kann keines verdammen. „Wer über einen Men- 
schen das Urteil spricht, hat es über sich gesprochen." 
Der Baalschem sagte zu einem Rabbi, der über 
einen Sündigen eine harte Busse verhängt hatte: „Du 
hast noch nie den Sinn der Sünde gefühlt und noch 
nie den Sinn des gebrochenen Herzens. 

Wer sich vom Sünder sondert, geht in der Schuld 
von dannen. Der Heilige aber vermag an der Sünde 
eines Menschen als an seiner eigenen zu leiden. So wird 
uns von Rabbi Sussje, dem seligen Gottesnarren, be- 
richtet. ^Venn er ein Vergehen erfuhr, war es ihm, 
als habe er es getan. So kam er einst m eine Herberge 
und sah auf dem Angesicht des ^Vlrtes die Sünden 
vieler Jahre w^ie ein Netzwerk aus versteckten Furchen. 
Und eine W^eile w^ar er still und unbew^egt. Aber als 
er allein in der Stube w^ar, die man ihm gew^iesen 
hatte, fiel der Schauer des Mitlebens auf ihn, und er 
w^arf sich zu Boden und sehne auf: „Sussje, Sussje, 
du Arger, w^as hast du getan? Ist doch keine Lüge, die 
dich nicht verlockt hätte, und kein Frevel, den du mcht 
ausgeschlürft hättest! Sussje, Törichter, Verwirrter, 
w^ohin nun mit dir?" Und nannte die Sünden des 
^Virte8 mit Ort und Zeit als seine eigenen und 
schluchzte. Der AVirt w^ar dem seltsamen Manne 
nachgeschlichen und stand vor der Tür und hörte 
seine Rede. Und erst fasste ihn eine dumpfe Be- 
stürzung, dann aber leuchteten Reue und Gnade m ihm 
auf, und er erw^achte zu Gott. 

Mitleben allein ist Gerechtigkeit. Em Rabbi hiess 
un weiten Land der Gerechte, denn er sprach jedem 
das Urteil nach seinem Tun, mcht mehr und nicht 

37 



geringer. Vor den kam einmal ein Weib, in irgend 
einer Sache seinen Rat zu erfragen. Er aber fuhr sie 
an: „Eine Buhlerin bist du!" und achüttete sein Wissen 
um die Heimlichkeiten ihres Lebens in schweren und 
drohenden Worten über sie aus und hiess sie sich 
hinwegheben. Da antwortete die Frau und sprach 
aus der Bedrängnis ihres Herzens : „Der Schöpfer der 
Welt ist den Bösen langmütig und fordert ihre Schuld 
nicht in Eile ein und offenbart ihr Geheimnis keiner 
Kreatur, auf dasssie sich nicht schämen, zu ihm zurück- 
zukehren, und verbirgt ihnen sein Angesicht nicht. 
Und der Rabbi von Apta sitzt auf seinem Stuhl und 
kann sich keinen Augenblick lang enthalten, zu offen- 
baren, w^as der Schöpfer der \Velt bedeckt hat. 
Seither pflegte der Rabbi zu sagen : „Von je hat mich 
keiner bez'vtoingen, nur einmal ein ^Veib. 

Mitleben als Erkennen ist Gerechtigkeit. Mitleben 
als Sein ist Liebe. Denn jenes Gefühl der Nähe 
und jenes W^oUen der Nähe zu W^enigen, das unter 
den Menschen Liebe heisst, ist nichts als Erinnerung 
aus einem Himmelsleben: ,,Die im Paradies bei- 
einander Sassen und Nachbarn und Verwandte w^aren, 
die sind einander nahe auch in dieser Welt." In 
Wahrheit aber ist Liebe ein Urweites und Tragendes 
und ohne alle ^^ahl und Scheidung hingebreitet 
zu den Lebendigen. Ein Zaddik sprach : ,, Wie könnt 
ihr von mir sagen, ich sei ein Führer des Zeitalters, 
da ich noch in mir die Liebe zu den Nahen und 
zu meinem Samen stärker fühle als zu allen Menschen- 
söhnen?" Dass sich dieses Meinen auch auf die 
Tiere erstreckt, sagen die Erzählungen von Rabbi 

38 



Wolf, der nie ein Pferd anzuschreien vermochte, 
von Rabbi Moschc Leib, der die vernachlässigten 
Kälber auf den Märkten tränkte, von Rabbi Sussje. 
der keinen Käfig sehen konnte ,,und die Unseligkeit 
der Vögel und ihr Bangen nach dem Fluge in der 
Luft der Welt, gemäss ihrer Natur, freie Wanderer 
2u sein", ohne ihn zu öffnen, und die Schläge des 
Besitzers mit lächelnder Freude wie einen kost- 
baren Lohn empfing. Aber nicht nur die W^esen, 
denen der kurze Blick der Menge den Namen der 
Lebendigen zuspricht, gehörender Liebe des Liebenden 
zu: „Dir ist kein Ding in der Welt, in dem nicht 
Leben wäre, und von seinem Leben hat jedes die 
Gestalt, in der es vor deinen Augen steht. Und 
siehe, dieses Leben ist das Leben Gottes." 

So ist es gemeint: die Liebe zu den Lebendigen 
ist die Liebe zu Gott, und sie ist höher als irgend 
ein Dienst. Ein Meister fragte einen Schüler: ,,Du 
w^eisst, dass nicht zwei Kräfte zur gleichen Zeit im 
Menschensinne Fassung haben. Wenn du dich nun 
am Morgen von deinem Lager hebst und zw^ei W^ege 
sind vor dir: Liebe zu Gott und Liebe zu denMenschen, 
w^elcher ist der erste?" Jener antw^ortete: ,,Ich w^eiss 
es nicht." Da sprach der Meister: ,,Sieh, es steht 
geschrieben in dem Gebetbuche, das in den Händen 
des Volkes ist: ,Ehe du betest, sage das Wort: Und 
du sollst lieben den Andern wie dich selbst*. Meinst 
du, das hätten die Ehrwürdigen ohne Absicht befohlen ? 
Wenn einer dir sagt, er trage Liebe zu Gott und 
trage nicht Liebe zu den Lebendigen. Falsches redet 
er und Unmögliches gibt er vor zu besitzen." 

39 



Darum ist, >vo einer sich von Gott entfernt, die 
Liebe eines Menschen das einzige Heil. Als ein 
Vater dem Baalschem klagte: „Mein Sohn ist von 
Gott gew^ichcn — w^as soll ich tun?", erw^iderte er: 
,,Ihn mehr lieben". 

Eines der chassidischen Grundworte ist dieses: 
mehr lieben. Seine W^urzeln graben sich tief ein 
und strecken sich weit hin. Der mag die Kate- 
gorie: Judentum neu verstehen lernen, der es ver- 
standen hat. Es ist eine grosse Be'wegung darin, die 
sich in unterirdischer Historie verwirklicht und 
inniger noch in zeitloser ^Veisheit und am innigsten 
"wohl in einem Traum, den zu träumen und zu 
tragen allerorten und allezeit junge Menschen er- 
stehen und sterben. 

Eine grosse Bew^egung, und doch w^ieder nur ein 
verlorener Klang. Es ist ein verlorener Klang, w^enn 
irgendw^o — in jener dunkeln, fensterlosen Stube - 
und irgend'wann — in jenen Tagen ohne Kraft der 
Botschaft — die Lippen eines namenlosen, dauer- 
losen Menschen, des Zaddiks Rabbi Rafael, diese 
^Vorte bilden: ,,Wenn ein Mensch sieht, dass sein 
Gefährte ihn hasst, soll er ihn mehr lieben. Denn 
die Gemeinschaft der Lebendigen ist der Wagen 
der Gottesglorie, und •wo ein Riss im ^^agen ist, 
muss man ihn füllen, und w^o der Liebe ^venig ist, 
dass die Fügung sich löst, muss man Liebe mehren 
an seiner Seite, den Mangel zu zwingen." 

Dieser Rabbi Rafael rief einst vor einer Fahrt 
einem Schüler zu, er solle sich zu ihm in den^^^agen 
setzen. Darauf jener: „Ich fürchte, ich könnte es Euch 

40 



eng machen." Und er mit erhobener Stimme: „So 
w^oUen urir einander mehr liehen: dann wird uns 
w^eit sein." 

Sie sollen hier stehen als Zeugen, das Sinnbild 
und die ^Virklichkeit, verschieden und eines, un- 
trennbar, der W^agen der Schechina und der W^agen 
der Freunde. 

Es ist die Liebe ein W^esen, das in einem Reiche 
lebt, grösser als das Reich des Einzelnen, und aus 
einem Wissen redet, tiefer als das Wissen des Ein- 
zelnen. Sie ist LnW^ahrheit zw^ischen den Kreaturen, 
das heisst: sie ist in Gott. Leben durch Leben 
gedeckt und gebürgt, Leben sich giessend in Leben, 
ao schaut ihr die Seele der W^elt. W^essen das eine 
ermangelt, des "w^ird das andere ihm entgegen- 
sch^^ellen. ^«^enn eines zu wenig liebt, wird das 
andere mehr lieben. 

Die Dinge helfen einander. Helfen aber ist: selbst 
in einem gesammelten ^Villen das Seine aus sich 
selbst tun. W^ie der, der mehr liebt, dem Andern 
nicht Liebe predigt, sondern seihst liebt und sich 
also gewissermassen nicht um ihn kümmert, so kümmert 
sich der Helfende gew^issermassen nicht um den Andern, 
sondern tut das Seine aus sich selbst im Gedanken der 
Hilfe. Das bedeutet: das Eigentliche, 'was zw^ischen 
den Wesen geschieht, geschieht nicht durch ihren 
Verkehr, sondern durch eines jeden scheinbar ein- 
sames, scheinbar unbekümmertes, scheinbar brücken- 
loses Tun aus sich selbst. Dies w^ird im Gleichnis 
gesagt: ,,Wenn ein Mensch singt und kann die Stimme 
nicht erheben, und einer kommt ihm zu helfen und 

41 



hebt an zu singen, dann kann auch jener wieder die 
Stimme erheben. Und das ist das Geheimnis der 
Verbindung." 

Es gibt aber noch eine andere Hilfe, eine -weite 
und -wissende, vom Leid der ^iVelten geboren, von 
ihrem Blut genährt. Wer der ringenden Ew^igkeit 
hilft, hat jedem Leben geholfen. Auch davon redet 
ein stilles Gleichnis. Drei Männer sassen einst im 
Kerker, an einem Orte schw^erer Finsternis. Von 
diesen Männern -w^aren z-wei w^eise, der dritte w^ar 
ein Tor. Es -wurden ihnen aber täglich andere Speisen 
und anderes Gerät zum Essen gebracht, und das 
Dunkel und die Not hatten den Narren also ver- 
wirrt, dass er nicht mehr ^vusste, -wie er die ver- 
schiedenen Geräte gebrauchen solle, die Speisen zum 
Munde zu bringen, und stumpf und ratlos dasass, 
ohne zu essen und zu trinken, bis es der eine der 
beiden Weisen merkte und ihn unterwies. Am 
nächsten Tage aber wnsste er das neue Gerät wieder 
nicht zu führen, vind -wieder musste der Gefährte ihm 
beistehen. Und so ging es seither Tag für Tag. Der 
andere W^eise aber sass und sch-wieg und achtete 
keines anderen Dinges als seiner Gedanken. Einmal 
fragte ihn jener: ,,\Varum sitzest du für dich und 
sch-weigst und hilfst mir nicht, den Toren zu be- 
lehren?" Antwortete er: ,,Du mühst dich stetig 
aufs neue und kommst zu keiner Grenze, denn 
morgen w^andelt sich das Gerät, und du musst -wieder 
beginnen. Ich aber sitze und sinne, ^e ich in die 
W^and eine Öffnung bohren mag, dass das Licht 
der Sonne hineinstrahle und er alles sehe." 

42 



Es ist aber all dies nicht etwa so zu verstehen, 
als gälte das einfache Einanderhelfen nicht im Lichte 
der Lehre. Vielmehr ist dieses einfache Einander- 
helfen keine Aufgabe, sondern das Selbstverständ- 
liche und die Wirklichkeit, auf die das Zusammen- 
leben der Chassidim gegründet ist und über der 
sich die höheren Gestalten der Hilfe aufbauen. Die 
Hilfe ist keine Tugend, sondern eine Ader des 
Daseins. Das ist der neue Sinn des alten jüdischen 
Wortes, das Wohltun rette vom Tode. Nur eines 
wird geboten und gefordert: daas der Helfende sich 
nicht auf die Andern besinne, die mithelfen können, 
auf Gott und die Menschen, und nicht vermeine, 
eine Teilkraft zu sein, die nur beizutragen habe, 
sondern dass jeder als Ganzheit antworte und ein- 
stehe. So pflegte Rabbi Mosche Leib zu sagen: 
,,Es gibt keine Eigenschaft, die nicht eine Erhebung 
hätte. Und auch die Gottesleugnung hat eine Er- 
hebung. Denn ^trenn einer zu dir kommt und von 
dir Hilfe fordert, sollst du nicht etw^as tun und dann 
ein Frommer sein und zu ihm sagen; ,Habe Vertrauen 
und w^irf deine Not auf Gott', sondern da sollst du 
handeln, als sei kein anderer, der ihm helfen könnte, 
nur du allein." 

Und noch eines w^ird geboten und gefordert, und 
dieses eine ist wieder nichts als ein Ausdruck des 
Mysteriums der Schiflut: helfen nicht aus Mitleid, 
das heisst aus einem scharfen, raschen Schmerz, den 
man bannen w^ill, sondern aus Liebe, das heisst aus 
Mitleben. Der Mitleidige lebt nicht das Leid des 
Leidenden mit, er trägt es nicht im Herzen, w^ie man das 

43 



Leben eines Baumes trägt mit allem Saugen undTreiben 
und mit dem Traum der ^Vurzeln und dem Begehren 
des Stammes und den tausend Fahrten der Zw^eige, oder 
"wie man das Leben eines Tieres trägt, mit allem 
Gleiten und Strecken und Greifen und allem Glück 
der Sehnen und Gelenke und der dumpfen Spannung 
des Gehirnes; er trägt dieses sonderliche W^esen, 
das Leid des Andern, nicht im Herzen, sondern er 
empfängt von dieses Leides äusserlichster Geberde 
einen scharfen, raschen Schmerz, dem Urschmerz 
des Leidenden abgrundweit unähnlich, und so wird er 
bew^egt. Es soll aber der Helfende mitleben, und 
nur Hilfe aus Mitleben besteht vor den Augen der 
Seele. So w^ird von einem Zaddik erzählt, der, w^enn 
ein Armer sein Mitleid erregte, erst ihn mit aller 
Notdurft versorgte, dann aber, da er in sich ver- 
spürte, dass die Wunde des Mitleids geheilt war, 
sich mit grosser, ruhevoll hingegebener Liebe in das 
Leben und Bedürfen des Andern versenkte, es in sich 
als sein eigenes Leben und Bedürfen faaste und in 
Wahrheit zu helfen begann. 

Lieben heisst: das Bedürfen des Andern als sein 
eigenes fühlen und dennoch auch der eigenen Fülle 
gew^ahr w^erden, sie helfend auszuteilen. Rabbi 
Mosche Leib erzählte: ,,Ich habe die Liebe von einem 
Dorfmann gelernt. Der sass mit andern Bauern 
beisammen, und als sein Herz lebhaft w^ar vom 
Weine, sprach er zu einem: ,Liebst du mich oder 
nicht?' Und er antw^ortete ihm: ,Ich liebe dich 
gar sehr.' Sprach jener: ,Du sagst, ich liebe dich, 
weisst du denn, w^as mir fehlt? Liebtest du mich 

44 



in Wahrheit, du würdest e« wissen.' Da schwieg 
der andere und vermochte kein Wort zu sagen. 
Ich aber verstand: das ist die Liehe zu den Men- 
schen, zu fühlen ihr Bedürfen und zu tragen ihr 
Leid." 

W^er solcherweise miterlebt, der verwirklicht mit 
seinem Tun die \Vahrheit, dass alle Seelen eine sind, 
denn jede ist ein Funken aus der Seele des Ur- 
menschen, und sie ist ganz in ihnen allen. Und weil 
er die Einheit der Seelen mit seinem Tun verw^irk- 
licht, kann von keiner ihm ein Übel nahen. Denn 
\^^enn einer ihm Böses tut, sieht er es, als habe eme 
närrische Hand die Genossin geschlagen und habe 
nicht bedacht, dass sie eins sind und dieser Schwerz 
ihr Schmerz vmd dass das Herz, das ihn erfährt, 
eben das ist, das ihr eignes Leben trägt. ^A^ie sollte 
er darob trauern oder gar zürnen oder gar auf Ver- 
geltung sinnen? ,,Wenn ein Mensch sich einmal im 
Irren einen Schlag versetzt, wird er nun einen 
Stock nehmen und die Hand schlagen, die ihn ge- 
schlagen hat? Es geschah ja aus mangelndem 
\Vissen, und w^ie sollte er seinen Schmerz noch 
mehren w^oUen?" 

So lebt der Demütige, der der Gerechte und der 
Liebende und der Helfer ist: vermischt mit allen 
und allen unberührbar, der Vielheit ergeben und 
gesammelt in seiner Einzigkeit, vollziehend auf den 
Felskuppen der Einsamkeit den Bund mit dem Unend- 
lichen und im Tale des quellenden Lebens den Bund 
mit den Irdischen, blühend aus tiefem Gelübde und 
allem Willen der ^Vollenden entzogen. Er weiss, 

45 



da.B8 alles in Gott ist, und grÜ00t die Boten w^ie 
vertraute Freunde. Ihn schreckt nicht das Vorher 
und Nachher, nicht das Oben und Unten, nicht das 
Diesseits und Jenseits. Er ist zu Hause und kann 
nie Verstössen werden. Die Erde kann nicht umhin, 
seine ^/^iege, und der Himmel kann nicht umhin, 
sein Spiegel und sein Echo zu sein. 



46 




dererste 
kreis: 

DERWERWÖLF/DER 

ÄJRSTDES FEUERS 

OIEOFFENBARUNG/ 

OIEHEILIGERUh© 

lERACHE/DIEHM 

MEDA^WDERUN 

lUSALEM/SAULl 

DAVID 





DER WER WOLF 

|LS RABBI ELIESER, DEN VA- 
ter de« Kindes Israel, das Sterben 
überkam, kannte er nicht ^Vchr 
noch Staunen, sondern liess dem 
Tod willig die Seele hin, die in 
vielen Erdenjahren der Wande- 
rung und des Drangsais müde ge- 
worden war und nach dem Feuerquell der Erneuerung 
verlangte. Aber seine alten Augen, die mit Begier 
des vollendeten Bildes gewärtig waren, suchten doch 
noch wieder und wieder das blonde schmale Köpfchen 
des Knaben: und als ihm die lösende Stunde 'wie ein 
Ruf aller Tiefen erschien, hob er ihn noch einmal 
auf seine Arme und hielt ihn mit inniger Kraft: das 
selige Licht seiner letzten AVege, das ihm und seinem 
alternden ^Velbe so spät noch aufgegangen war. Er sah 
ihn eindringlich an, als w^oUe er hinter der hellen 
Stirn einen Geist aufrufen, der jetzt noch schlief, und 
sprach: „Mein Kind, er -wird dir entgegentreten, der 
Dunkle, am Anfang, an der Vollbringung, an jeder 
Wende; im Gesichte des Schattens und im Gesichte 
des Lebendigen. Er ist die Schale, die du zerbrechen 
sollst. Er ist der Abgrund, den du überfliegen sollst. 
Er ist der Rest von dir. Er schliesst deinen Kreis, 
und du schliessest seinen Kreis. Es w^erden Zeiten 
sein, da du w^ie ein Blitz in seine letzte Verborgenheit 
niederfahren wirst, und er wird aufgehen vor deinen 
Gew^alten wie eine dünne W^olke; und es werden 
Zeiten sein, da er dich umringen w^ird mit Fluten 



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w^eichen Düsters, und du -wirst einsam auf deinem 
Riffe stehen mitten im Meere seiner Nacht. Aber 
jene Zeiten werden zerreissen, und diese Zeiten -werden 
zerreissen, und du w^irst ein Sieger sem in deiner Seele. 
Und dieses ^vlsse, dass deine Seele ein Erz ist, das 
keiner zersplittern und nur Gott verschmelzen kann. 
Darum furchte den Dunkeln nicht, furchte nichts und 
niemals !" 

Das Kind las von dem w^elken Munde die Worte, 
und es w^ar, als ob ein Unmündiger den grossen, 
strahlenden Becher leerte, der dem Manne bestimmt 
ist. Die Worte senkten sich ein und blieben. 

Als Rabbi ELeser verschieden w^ar, nahmen die 
frommen Leute der Gemeinde die Sorge um den 
Knaben auf sich, um der Liebe w^illen, mit der sie den 
Vater geliebt hatten. Und da es an der Zeit war, 
taten sie ihn in die Schule. Allem es begab sich, dass 
er der lauten Enge sehr abhold w^ar; immer -wieder 
entw^ich er und lief in den \Vald, w^o er sich zwischen 
Bäumen und Tieren vergnügte und in dem grossen 
grünen Gehege ohne Scheu vor Nacht und Wetter 
sich so sicher vertraut bew^egte, als wäre es das Haus 
seiner Geburt. Wenn sie ihn alsdann unter eifrigem 
Ermahnen zurückbrachten, hielt er -wohl einige Tage 
unter dem einförmigen Sprechgesang des Lehrers still, 
dann aber lief er ^wieder davon, entglitt leise wie ein 
Kätzchen und warf sich in den Wald. Nach einiger 
>Veile erfanden die Männer, die um ihn sorgten, sie 
hätten des Betreuens genug getan, und ihre Mühen 
um den Wilden wären ganz und gar vergeblich. So 
liessen sie ab, und er blieb ungeschaut und unge- 

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fragt und lebte mit dem stummen ^Verden der Kre- 
aturen. 

Als er zw^öir Jakre hatte, verdingte er sich dem 
Lehrer als Behelfer, die Knaben aus dem Hause zur 
Schule und wieder heimwärts zu führen. Da sahen 
die Leute m dem stumpfen Städtchen etw^as Wundeiv 
sames geschehen. Ihre Knaben mit den schatten- 
blassen ^^angen und den zagen, altklugen Augen, mit 
dem müden Schritt, verwandelten sich. Israel führte 
Tag für Tag einen singenden und jubelnden Zug 
durch die Strassen zur Schule und führte ihn auf einem 
w^eiten Umw^eg über Wiese und ^Vald wieder nach 
Hause. Die Kinder senkten nicht mehr die klemen, 
schw^eren Köpfe. Blumen und grüne Zweige trugen 
sie in Händen und regierten die Welt. 

Da entbrannte in ihnen die Andacht. Und so 
gross ^var die steigende Flamme, dass sie den trüben 
Qualm des Elends und der Verw^irrung, der w^ie ein 
enger Panzer sich um die Erde presst, durchbrach 
und in die Himmel loderte. Und siehe, oben er- 
glänzte ein ew^iger, blühender W^iderschein. Und 
die verlassene Gottesherrlichkeit hielt in der Irr- 
fahrt inne und hob ihr schmerzensreiches Angesicht 
dem Licht entgegen, das w^ar wie die rosenglühende 
Dämmerung eines kommenden Reiches. 

Der dunkle Geist aber schwoll auf in Hass und 
Bangen und stieg, nächtig und schw^er, stieg bis in 
die Himmel, und ein rauchfarbnerFlor umdüsterte die 
schimmernde Ahnung. Er redete mit harter Be- 
w^egung von dem, w^as da unten sich zu ereignen 
begann, und w^ie er um sein ^/erk betrogen w^ürde. 

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Er schrie in w^ütiger Begier, kämpfen w^oUc er wider 
den allzufrühen Boten. Sein Schrei drang wie ein 
doppelt geschärfter Dolch ina Herz der Gottes- 
herrlichkeit, das duldende Haupt sank w^ieder auf 
die Brust, und sie hob die leidvolle Hand zur ge- 
^^ährenden Geberde. 

Da ging der Trübe von hinnen vmd stieg in sich 
selber hinab. Hier fand er die Bilder aller Wesen 
in bleicher und gespenstischer Leere : sie lebten nicht, 
aber sie schoben sich und drängten sich zusammen 
und gaben sich her und woben die tolle Erscheinung. 
So griff er nach ihnen, zog eins nach dem andern 
hervor und prüfte es, die einen mit gleichgültigem, 
die andern mit gelangw^eiltem, etliche mit einem 
zärtlichen und w^ohlgefälligen Blick. Die band er 
dann aneinander und mischte und knetete sie und 
erschuf aus ihnen ein hohles Ungeheuer, umstachelt 
von allem Entsetzen, mit der Fratze des Lebendigen. 
Und als ihn das Gebilde angrinste, nahm er sein 
eigenes Herz, Kern aus dem Kerne der Finsternis, 
und tat es in die Höhle des Tieres. 

Als Israel die singenden Kinder wieder über die 
Wiesen führte, brach der Werwolf aus dem W^alde 
und fiel in fahler Ungestalt und mit schaumtriefendem 
Munde unter die Schar. Einige der Knaben flohen 
in brennender Angst, andere sanken besinnungslos 
zusammen oder klammerten sich zitternd und stumm 
an Israel. Zw^ar entw^ich das Tier alsbald, aber viele 
der Kleinen lagen tagelang fiebemd und in wirren 
Träumen, und allen war das lichte Reich erloschen. 
Die Eltern bangten und waren bestürzt und ohne 

4* 5f 



Rat und hielten die Kinder in den Stuben ver- 
sperrt. 

In Israel aber erwachten die ^Vorte seines Vaters, 
wie ein Schläfer auf dem Felde erwacht, wenn die 
Schauer des Abends über ihn gleiten, und er schüttelte 
das Grauen ab. Und stark im gewonnenen Sinne 
ging er in die Häuser und sprach den Eltern zu, 
sie sollten ihm die Knaben "wieder lassen, ohne Furcht 
und Sorge: er w^olle sie vor dem Unhold bew^ahren. 
Und sein^Vort -war so hell im Laute undsoschw^ingend 
im Mute, dass die Leute ihm nicht w^iderstreben 
konnten und keinen ^Villen mehr fühlten als den 
seinen. 

Als er nun -wieder mit der jungen Schar hinaus- 
zog, sprach er ihr zu, -wie er den Grossen zu* 
gesprochen hatte, und noch anders, aus der um* 
fangenden Wärme des brüderlichen Lebens, bis die 
Seelen sich w^eiteten und erstarkten. Als sie auf 
die ^Viese kamen, hiess er sie stehen bleiben und 
ging allein w^eiter. Und w^ieder brach der AVer- 
w^olf aus dem ^/ald, furchtbarer als zuvor, und 
blutiger Geifer troff ihm aus dem aufgerissenen 
Rachen. Aber der Knabe Israel ging ihm entgegen. 
Riesenhaft hob sich das Tier vor seinem Blick, es 
w^ar ihm, als wüchse es in die Wolken und streckte 
seine Tatzen über die Fläche der Erde. Aber er 
ging w^eiter. Und nun stand er vor dem Leibe des 
^Vesens, nun sah er nichts mehr, alles Bild ging 
unter, nun -war kein Raum mehr zw^ischen beiden. 
Aber das Wort war Avach in ihm wie der Stoss 
einer Flamme, und er ging weiter: ging in das Wesen 

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hinein. Zuerst fühlte er rings um sich einen feuchten, 
totkalten Nebel, dann fühlte er nichts mehr, und 
dann fielen graue, sch\Ä'ere Flocken rings um ihn 
nieder, und zuletzt zerflossen auch sie und er stand 
in stiller Luft und ein Herz lag auf seiner Hand, 
das war dunkel und zitterte. Da griff er danach 
und umpresste es mit seinen Fingern. Aber als er dies 
tat, schrie eine dunkle Stimme auf und Tropfen eines 
dunklen Blutes fielen schwer zur Erde. Da löste 
er die Finger und sah das Herz an, und er sah es 
zittern. Und er verstand, dass es nicht aus der Be- 
drängnis zitterte, sondern es w^ar ein Krampf des 
Willens und des Verhängnisses von je und für immer. 
Da kam über Israel das grosse Leid, und er erbarmte 
sich des dunklen, zitternden Herzens, und es kam 
ihm, dass er es freigeben musste, gut oder böse, 
Herz des Satans oder Gottes Herz, um des Leidens 
w^illen. So legte er es auf den Boden, und die Erde 
achlang es ein oder es entschw^and. 

Für die Knaben aber kam nie mehr die lichte Zeit 
zurück. Mochten sie auch singen und jubeln, im 
innem Leben waren sie gebeugt, seit sie das dunkle 
Herz gesehen hatten. 



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DER FÜRST DES FEUERS 

A LS RABBI ADAM, DER ZAUBERKUN- 
/ \ ^i^^> ^ hohen Jahren stand, fiel auf ihn 
^ \ die letzte Sorge, wem er seine Schriften 
nach seinem nahen Tode anheim gehe. Denn in 
ihnen "war der W^eg zu jenen unaussprechlichen 
Gewalten verzeichnet, mit denen er zuweilen in 
das Triebw^erk der Geschicke gegriffen und den 
Gang der Räder nach seinem Sinne befohlen hatte. 
AVohl w^ar dem Meister ein Sohn geboren, allein 
der war nur seines Leibes Erbe und Blüte. Das 
^^ar dem Rabbi in langen Jahren schmerzliche Er- 
kenntnis ge^vorden, und zw^iespältig und bitter dünkte 
ihm an vielen Tagen seines Willens hohe Kunst, da 
dieses zu w^enden ihr in Ew^igkeit verwehrt blieb. Zu 
der Zeit, da sein Leben im hohen Sommer der schw^ellen- 
den Seelenkraft stand, reckte er allnachts die Fäuste 
gegen denliimmel und haderte darob mit dem Unnenn- 
baren, der auf all sein verw^egenes Weltenspiel mit 
einem Lächeln niedersah ^e ein Mann auf eines 
Knaben kleines, keckes Unterfangen. Dann kamen 
die Jahre der Müdigkeit, da der Körper schw^er und 
^derspenstig wurde und die Seele einsam zu ihren 
steilen ^Vanderungen aufstieg, w^ährend der Leib 
bleiern und lastend der tiefen Schlucht des Schlafes 
verfiel. Und damals wurde sein Sinn milde, und 
er blickte um Versöhnung in die ew^igen Augen, die 
über den Welten leuchten. Da hob er sich Nacht 
um Nacht im Traume und tat die aus Herzblut 
geborene Frage : „Wem, o Herr, lasse ich die 

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Quellen meiner Gew^issheit und meiner Mächte?" 
Und oftmals fragte er vergebens, und das Dunkel 
seines Traumes blieb wortlos. Aber in einer Nacht 
kam die Antw^ort und war über ihm: »Du sollst 
sie senden und zuteilen dem Rabbi Israel, dem Sohne 
des Elieser, der in der Stadt Ukop w^eilt." 

In den Tagen, die alsbald kamen, fühlte er, "wie die 
Schleier des leiblichen Vergehens ihn sacht umspannen. 
Er berief den Sohn in die Abgeschiedenheit seiner 
Kammer und öffnete die Lade, die die geheimnis- 
reichen Blätter barg, darauf jedes Zeichen dem Vor- 
bestimmten ein Schlüssel zu der Burg der Gew^alten 
w^erden konnte. Indem der Alte zu sprechen begann, 
erhob sich der ferne Schmerz vergangener Tage noch 
einmal und drückte ihm die Kehle zu, so dass die 
^^orte nur schw^er sich ihr entrissen. Aber wie ein 
Ding, das dem Scheidenden nimmermehr ziemen w^ill, 
tat er das Leid ab und gab dem Sohne die AVeisung 
und sprach: ,, Bringe sie dem Israel, ihm gehören 
sie zu, denn die Wurzel seiner Seele ist ihnen ein- 
geboren. Achte es für eine hohe Gnade, >venn er 
bereit sich w^eist, mit dir zu lernen, und halte dich 
zu aller Zeit in Demut, die'w^eil du nur der arme Bote 
bist, erwählt, dem Helden das Sch\vert zuzutragen, 
das schw^eigsame Geister unter der Erde in vielen 
Gezeiten ihm geschmiedet und geschliffen haben". 

Damach, als eine kleine Frist dahin w^ar, hess 
der Alte die Fesseln und Spangen, die Dauer und 
Ort hiemieden um ihn gelegt hatten, sacht von den 
dürftigen Gliedern gleiten und entschw^and der \Velt. 
Der Sohn, nachdem er des Vaters abgestorbenen Teil 

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mit heiligen Ehren der Erde -wiederum anheimge- 
geben hatte, trug in Treuen das letzte Geheiss, be- 
stellte sein irdisches Gut und trat mit den Schriften 
des Toten die Reise nach Ukop an. Er -war allezeit 
ein \iallig und fugsam ^^erkzeug in des Vaters macht- 
reichen Händen gewesen, hatte des eigenenWillens fast 
ermangelt und seine Seele zum Zug nach oben der väter- 
lichen überlassen, wie man ^vohl Nachen an Nachen 
kettet zur Fahrt den Strom entlang. Nun fristete sein 
Geist sich führerlos in Bangigkeit dahin, und unter man- 
chem Zagen ^vandte er es unterwegs im Bedenken, wie 
er es wohl bestelle, m Ukop jenen Israel zu finden, der 
seines Vaters Erbe und sein eigner Hort zu w^erden 
bestimmt w^ar. Als er sodann die Stadt erreichte, 
begegneten ihm die Leute, da er sie w^issen liess, dass 
er des W^undertätigen Sohn sei, in vielen Ehren, und 
er fand es leicht, unter ihnen offenen Auges zu leben, 
um den Erwählten der Macht zu suchen. Aber w^ie 
er sich auch umtat, bot sich keiner seinem forschenden 
Sinn dar, als der Knabe Israel, der vierzehn Jahre w^ar 
und im Bethaus kleinen Dienst tat. Denn wiew^ohl 
dieser sich in harmloser und einfältiger Art anliess, 
^fo er sich unter den Augen aller w^usste, ahnte der 
Suchende in der Seele des Knaben eine heimliche 
Gnade, die von diesem Unmündigen in Einfalt gehütet 
und geborgen wurde. Daher beschloss er im Rate 
seines Herzens, dem Kinde nahe zu kommen. Dieses 
Sinnes begab er sich zum Vorsteher der Gemeinde 
und erbat sich von ihm einen stillen Raum im Bet- 
haus, dann er, dem lauten Tag enthoben, der heiligen 
^Veisheit in Frieden pflegen möchte. Desgleichen 

56 



heischte er, dafls man ihm den Knaben Israel zum 
Diener gewähre, damit er ihm zur Hand sei m 
all seinem Bedürfen. Der Gemeindevorsteher und die 
andern waren es wohl zufrieden und ersahen es für 
den jungen Israel als eine gar reiche Ehre, dem Sohn 
des Gewaltigen gesellt zu sem. 

Der aber gab sich nunmehr das Gebaren, als sei er 
zutiefst in das Wesen der hohen Bücher versunken 
und achte alles Ereignis um ihn her mcht mehr und 
minder als einer Mücke Sonnentanz. Dessen w^ar der 
Knabe sehr froh und liess mcht von semer alten Ge- 
w^ohnheit, die also war, dass er allnachts sich zu er- 
heben pflegte, um der Weisheit anzugehören und an 
die Feuerquellen des Geistes zu dringen, diew^eil er 
des Tages mit kindischem Gehabe jegliches Wähnen 
täuschte, das sich etwa ob seines schimmernden 
Antlitzes erheben mochte. Der junge Rabbi aber 
hatte gleichwohl alsbald sein heimliches Wesen 
erlauscht und w^ar der Gewissheit gew^ärtig. Eines 
Nachts, als der Jüngling erschöpft von der sehn- 
süchtigen Spannung semes Geistes sich auf sein 
Lager w^arf und seinem Alter gemäss einem tiefen 
Schlaf verfiel, erhob der andre sich, nahm ein 
Blatt aus den zauberreichen Schriften und legte es auf 
des Schläfers Brust. Darauf eilte er aufsein eigenes 
Ruhebett zurück und hielt sich lauschend stille. Nach 
einer Stunde des schw^eigsamen Harrens sah er, -wie 
der Knabe erst unruhvoll sich w^endete, dann noch 
schlummerbefangen nach dem Blatte griff, endlich wie 
von geheimmsmächtigen Händen erfasst, sich aus dem 
Bann des Schlafes aufnss und beim Schein eines kleinen 

57 



Olhchtfi, das des Nachts in der Kammer glomm, sich 
in die Schrift versenkte. Und dem Beschauer ^var, 
ala "würde der Raum heller und grösser, indem der 
Knahe las, und das Kind seihst ^vurde ihm fremder 
und heiliger, indem es strahlenden Angesichts seine 
Seele dem Zauhersinn des Blattes vermählte. Endlich 
gewahrte der Rabbi, wie ein Seufzer des Knaben Brust 
erhob und schier zu sprengen schien. 

Israel barg das Blatt in seinem Gew^ande, und wie 
beladen von einer urgeheimen Last, taumelte er dem 
Lager aufs neue zu, der unduldsam heischenden 
Natur zu einem kurzen Schlafe gehorchend. Der 
Rabbi aber erlahmte seither niemals, seiner zu achten 
zu allen Stunden, und als in einer zweiten Nacht 
sich das Geschehen der ersten wiederholt hatte, 
w^ar er der Wahrheit inne. Nun zögerte er nimmer, 
rief den Knaben zu sich und eröffnete ihm die 
Sendung des toten Meisters. ,,Ich gebe dir ein Ding, 
das w^enigeMale im Gange unseres Sternes in vergäng- 
lichen Händen lag", sprach er. ,, Siehe, nur wenige, 
die durch seinen Besitz mit ihrem Geist die obem 
\Velten umspannten — und ihre Namen sind unver- 
gessen — , hatten es vor dir zu eigen. Jahrhunderte 
versank es gleich einem verschw^undenen Königs- 
schatz, dann stieg es w^iederum auf, mit dem Urstrom 
der Schauung und der Kraft einen menschlichen 
Geist zu tränken. W^isse, mein Vater war der letzte 
jener kurzen Reihe. Jetzt, nach einer Bestimmung, 
deren Ursprung mir verborgen ist, gehört es dir an, 
und w^illst du mir gnädig sein, um dessen willen, 
dass ich betraut w^ar, dir das Kleinod zu bieten, 

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so laas, -wenn du über den Schriften verweilst, 
meine arme Seele die Luft sein, die dein Wort 
aufsaugt, das sonst ins ^^^esenlose entflöge." Und 
Israel antwortete: „Es soll so sein, wie du es 
sagst. Doch hüte das Schiveigen, dass keiner um 
das Ding w^isse, denn du und ich, und lass die 
äussere Gestalt unseres Lebens nicht anderen Schein 
ge-winnen als bislang." Der Rabbi stimmte ihm 
bei. Damit aber ihrer Heimlichkeit mehr sichere 
Hut werde, beschlossen sie, das Bethaus zu lassen, 
und zogen in ein still entlegenes Häuschen vor der 
Stadt. Die Juden von Ukop achteten es als eine 
völlig unvermutete Huld, dass der Sohn des Rabbi 
Adam den Israel in den Schutz seines Geistes ge- 
nommen hatte und ihn der Lehre teilhaftig werden 
liess, und da sie den Knaben nicht anders als des 
Heiles unbedacht 'wussten, meinten sie, dieses Glück 
könne nur so gedeutet w^erden, dass es um der 
Verdienste seines Vaters Elieser w^illen sich also 
fugen mochte, dass der gelehrte Mann an ihm Wohl- 
gefallen gefunden habe. 

Dermassen begab es sich, dass die beiden in eine 
Einsamkeit sanken, in der die Stimme der Erde zu 
Tode verstummt war und nichts Lebendes Gestalt 
gewann. Denn aus den Büchern des Rabbi Adam 
stieg ein Glanz auf und ein berauschender Atem 
des Geistes und die Süssigkeit aller Seelenmächte 
und nahm die Beiden so völlig ein, dass sie alles 
Leben um sich vergassen und dem Leib nur so viel 
von Speis und Trank vergönnen mochten, dass er 
die flüchtige Seele festhalte. 

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Eb war der junge Israel, der voll lauterer Fröhlich- 
keit, einem spielenden Kinde gleich, ganz ohne Hinter- 
halt und zweckhewussten Willen in die Tiefe der 
Schriften untertauchte und sein Herz in ihnen 
hadete und sie nicht anders aufnahm, als einSch'wamm 
das Wasser aufsaugt oder ein Stein die Sonnenglut. 
Also ganz warf er sich ihnen hin und gah des 
Menschen Gier und Vernunft gänzlichen Urlaub. 
Der Sohn des Rabbi Adam aber hegte seinen 
scharfen Verstand und bedurfte eines Dinges, ihn 
alltäglich daran zu wetzen. Desgleichen w^ar sein 
Willen ein gefrässig Tierchen und heischte sein 
Brot und w^ollte schlingen. Und so gefiel es ihm 
keinesw^egs auf die Dauer, ew^iglich in der goldenen 
Luft der Entzückung zu verharren, da die Worte 
w^ie springende Strahlen kristallenen Flusses von 
dem Munde des Knaben kamen. Sondern er be' 
gehrte die Dinge zu drehen und im Kopfe zu er- 
'wägen, die seltsam genug aus den alten Büchern 
aufstiegen; und endlich die Macht zu schmecken, 
die in den Zauberformeln lag. Und in der Ent- 
behrung dieser Dinge, die ihm nottaten und w^ohl- 
gefielen, zo^ sich seine Seele zusammen und w^ar 
eng und beklemmt und schaute ihm kümmerlich und 
zag aus den trüben Augen. Des ward der junge 
Israel inne und sagte eines Tages: ,, Bruder, mein 
Bruder I Was heischen deine Blicke? Was kannst 
du missen in diesen Tagen?" Da seufzte der Rabbi 
aus dem Grunde und gab ihm zurück: ,, Knabe, wäre 
meine Seele also vom Zw^eifel und W^ägen unver- 
sehrt w^ie die deine, also jung und heil w^ie ein 

60 



Vogclei, ich vvürcle micli -wiegen wie du in dieser 
Zeiten Wonne. Aber siehe, was dir eingeht wie 
Honig und deinen Sinn zur Paradiesesruhe stillt, 
mir nagt und frisst es gleich einer beissenden Lauge 
an den Wunden. In mir sind viele Gedanken, die 
ewig kreisend mir niemals Rast vergönnen, in mir 
gehen Zweifel hin und w^ieder, die nimmer stille 
schw^eigen. Und in den Reichen ist nur einer, der 
mir Hilfe geben kann, und so du w^illst, der du 
nun des heischenden W^ortes mächtig bist, so lass 
ihn uns rufen, den Fürsten der Thora." 

Da erschrak der Knabe Israel bis auf den Grvmd 
seiner Seele, und alles empörte sich aus seinem reinen 
^Vesen. ,, Durchbrich die Demut unseres Harrens 
nicht," rief er aus. ,,Noch blendet mich der Schein 
der W^affcn, und noch w^inkt die Stunde nicht, sie 
zu brauchen." 

Da versank der Rabbi schw^eigend und enttäuscht 
in sich. Sein Aussehn w^urde scheel und gelb, also 
dass Israel sich heftig erbarmte um der edlen Nöte 
\v^illen, von denen er w^ähnte, dass sie den Genossen 
Versehrten. So besiegte er die eigene Scheu und 
hiess den Rabbi sich rüsten, dass sie gemeinsam sich 
zu dem gefahrenreichen ^/agnis bereiteten. Um 
die Kaw"wana der Seele zu erlangen aber, deren es 
bedurfte, den ^/achter der Thora niederzuzwingen, 
^var es geboten, von Sabbat Abend zu Sabbat Abend 
nicht Speise noch Trank zu gemessen noch irgend 
einem Gedanken oder einer irdischen Botschaft 
Zutritt zu verstatten, vielmehr in völliger Abge- 
schiedenheit und Reinheit zu verharren, die Seele 

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gänzlich gelöst von jeglichen Banden. So rüsteten 
sie denn das Haus und versperrten Tür und Fenster, 
dass kein Menschenblick oder \Vort sie hemme, 
ja kein Vogellaut und Sonnenschimmer eindringe. 
Alsdann tauchten sie in das heilige Bad, alles 
Unreine von sich abzutun, hernach von Sabbat 
Abend zu Sabbat Abend lebten sie in Nichtachtung 
des Verlangens ihrer Leiber nach der Labung 
durch Speise, und endlich am Eingang der be- 
schliessenden Nacht spannten sie ihre Seelen zur 
letzten Inbrunst, und Israel rief erhobenen Armes 
und zuckenden Mundes in der Angst des Vergehens 
die zwingende Formel in das starre Dunkel hinauf. 
Als er aber geendet hatte, stürzte er -wie geschlagen 
zur Erde und schrie: ,,Wehe, wehe, mein Bruder I 
Du hast ein Irren in unsere Kaw~wana fliessen lassen. 
So ist ob der fehlbelasteten aus dem Munde des 
Zürnens ein Verhängnis ausgegangen, und schon 
fühl ich es die Luft in unserer Kammer zum 
Ersticken anfüllen. Ich sehe ihn, des W^ächters 
Bruder und Nachbarn, den Fürsten des Feuers, w^ie 
er sich erhebt und die dunkelglühenden Schwingen 
zum Niedersteigen spannt, damit er sehrenden Brand 
und vernichtende Flamme über uns ergiesse. Wisse, 
^r sind in Todes Hand gegeben. ^Venn unser Lid 
sich senkt, verfallen w^ir der feurigen Tiefe, Und 
es gibt nur eine Rettung : dass ^r w^achen und streiten 
ohne Unterlass bis zum Morgen." Sie w^arfen sich 
nieder und sammelten starke W^orte in ihrer Seele 
und riefen den Geist zum Sturme auf, also dass das 
Herz in der Brust ihnen flatterte vor Ungestüm, und 

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sie beschw^oren mutige Bilder vor ihr Auge, auf 
<la«s sie dem Träumen nicht verfielen. Eine ^veiche 
Glut umlagerte ihr Haus wie Sommermittags Atmen, 
und aus ihr stiegen süsse Lockungen der Ruhe auf 
und wiirden stärker und sanft bezwingend w^ie 
Sommermittags Müdigkeit. Endlich konnte der Rabbi 
nimmer standhalten und lehnte das Haupt gegen 
die Mauer. Da umzuckte ihn ein tanzender Blitz, 
und ein unseliges Fieber riss ihn auf und w^arf 
ein Stammeln dunkler Lästerung aus seinem Munde. 
Und schon streckte er die Arme wider den Knaben, 
als wollte er ihn verderben, da kam der andere 
Blitz und fuhr ihm ins Herz, fein und leise, w^ie 
w^enn's ein Sonnenstrahl w^äre, und der Rabbi schlug 
starr zu Boden. 



KAWWANA = Intention: die magitcbe Spannung der auf ein 
Ziel gerichteten Seele. 



63 



DIE OFFENBARUNG 

AM LETZTEN OSTHANG DER KAR- 

/ \ pathen stand eine dunkle gebeugte Bauem- 
J. \ 0chänke. Ihr schmaler Vorgarten mit den 
roten Beeten atmete der Macht der Berge zu, aber 
auf der Rückseite blinzelten die schiefen Dachluken 
zur weiten gelben Ebene hinüber, die im Licht wie 
in einem nährenden Segen lag. 

Das kleine Wirtshaus war recht einsam. An den 
Markttagen kam -wohl einiges Volk des Weges, Land- 
leute und jüdische Händler aus den Bergdörfern, 
die ein Stündlein vemveilten und einander zu glück- 
lichem Kauf oder Verkauf zutranken-, sonst aber 
kehrte nur selten ein Jäger oder ein verirrterW^an- 
derer ein. Wenn ein Gast kam, wnrde er von einer 
schlanken Frau mit braunen und heimlichen Augen 
in einer stillen W^eise begrüsst und zum Sitzen ein- 
geladen. Dann trat die Frau vors Haus, hob die 
Finger über den Mund und rief mit einer Stimme, 
die so hell w^ar w^ie die hellen jungen Stauden vor 
dem Garten, einen Namen zu den Felsen hinüber: 
„Israeli" 

Im vordersten Felsen, einen Steinwurf weit vom 
Hause, w^ar ein Raum ausgehauen. Er w^ar w^ie eine 
Stube mit vieler Sonne in der Tür und einem 
schweren Düster im Grunde, und wölbte sich ^vild 
und zackig auf, als hätten Träume und die Gewalten 
einer Seele w^ieder und w^ieder zu seiner Decke 
emporgeschlagen; nach den Seiten aber zogen sich 
gesenkte Gänge in die Finsternis, in eines Menschen 

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Höhe und Breite, als träte hier einer in Stunden der 
Nacht an das Reich der inneren Erde, Zw^iesprach zu 
halten mit namenlosen Dingen. Die Stuhe war stumm 
und wehrte den Geräuschen; kam aher der helle Ruf 
der Frau herüber, dann trug ihn die Luft wie eine 
treue Dienerin zu dem, dem er galt. Und w^o 
immer er war und oh er dem Dunkel des Grundes 
nahe lag oder dem Sonnenhimmel, auf den Ruf 
machte er sich auf, schritt zum Hofe und stand als- 
bald vor dem Gast, ihn zu bedienen. Dem Gast 
aber, dem er nahte, griff ein Schauer, Tview^ohl nicht 
unhold, ans Herz; und noch die Bauern und Händler, 
die den Mann von manchem Jahre kannten, erfuhren 
jedesmal von neuem eine Furcht und ein Ehren ob 
seines Anblicks. Denn so sanft sein Gruss vmd seine 
dienende Geberde 'war, er erschien ihnen in der 
Hülle eines strengen Glanzes und w^ar den Bauern 
Mne der Herr der Berge, den Juden aber >vie eine 
ferne, grosse Erinnerung. 

Er w^ar dreissig oder mehr: die Jahre flogen zu 
ihm herbei w^ie Vögel mit starken Schwingen, und 
kamen zu ihm und brachten ihm in den Schnäbeln 
Kömer des Geheimnisses, und flogen vorüber. Er 
sah ihnen nicht nach, er sah den konunenden nicht 
entgegen. Um ihn war das Warten: die Gipfel 
sahen auf ihn nieder und w^arteten, die Quellen 
blickten w^artcnd zu ihm hinauf; er aber wartete 
nicht. Von diesen Jahren ist nichts erzählt, als dass 
er mit seinem Weibe, mit dem er lange im Elend 
gewandert w^ar, am Osthang des Gebirges Avohnte 
und den W^anderem diente. Aber die Höhle im 

6 ^ 



Berge ist nocli unzerstört: da kannst du die wilde 
Wölbung und die gesenkten Gänge lesen. 

Doch ein Morgen erschien, da wurde ihm das 
Auge der Gipfel, das Auge der Quellen offenbar. 
Er erkannte, dass er in einem Warten stand und 
durch ein W^arten ging. Die Erde seiner Höhle 
brannte, vom Eingang w^ar die Stille, von den W^änden 
das Flüstern genommen : die Stimmen riefen ihn. 
Aus der Wölbung donnerte ein Befehl, in den Gängen 
hallte sein Echo, die Stimmen w^aren irgendw^o in 
einer Stimme gebunden inae die Strahlen in der 
Sonne. 

Diesem Morgen folgte der Tag, und ihm viele Tage: 
der Befehl w^uchs über dem Haupte des Mannes. 
Er fühlte die Stunde kommen, er hörte ihren Schritt 
in der Feme. Er sah hinter sich w^ie in ein zer- 
trümmertes Throngemach, er ging in die Tat seines 
Lebens wie in eine Dämmerung ohne Ziel. 

Und w^ieder erschien ein Morgen, da hellte es 
sich ringsum, und das W^issen kam leise zu ihm, w^ie 
ein Kind sich von rückw^ärts zum Vater schleicht, 
die Arme um seine Schläfen und die Finger vor 
seine Augen zu pressen. Da schwieg der Befehl, das 
Schw^eigen erglühte, und der Baalschem löste die 
Stirn aus den umschlingenden Händen und schaute 
in die Welt. 

An diesem Morgen fuhr Rabbi Naftali der Ebene 
zu. Er hatte südlich des Gebirges einen Freund be- 
sucht, und ob die Rückfahrt auch schon Tage währte, 
er w^ar noch voll des Gespräches. In seinem Gedanken 

66 



wiederholten sich Rede und Widerrede, aher reiner 
und mächtiger, als sie gesprochen worden waren, 
und fügten sich zueinander und zeugten neues und 
neues Wort und woichsen in Geschlechtem der Rede. 
Und Rahbi Naf tali wnsste nichts anderes als das 
Gespräch in ihm. Es schlug in Zeichen durch die 
\Volken, in der Stimme des W^indes w^aren seine 
Laute verstreut. 

So kam der W^agen zu der kleinen Bauemschänke 
am letzten Hange. Da zerriss das W^ort in Rabbi 
Naftali. Er erschrak und blickte auf. Da sah er 
das Haus mit dem hellen Vorgarten, und es kam 
ihn plötzlich an, er sei müde, ja er müsse 'wohl 
müde sein, da das Wort in ihm zerrissen sei. Er 
fltieg vom W^agen und trat in das Haus. Die Frau 
begrüsste ihn, hiess ihn sich setzen, stand hoch, die 
Finger überm Mund, und rief zu den Felsen hin- 
über: ,, Israeli" Und nach einem Augenblick sah 
Rabbi Naftali den Wirt in langen, festen Schritten 
herankommen und sich ihm mit einem gütigen Lächeln 
verneigen. Es w^ar an Stirn und Augen zu sehen, 
dass der Mann ein Jude w^ar; aber er trug Bauem- 
tracht, den kurzen Schafspelz mit dem dicken bunten 
Gurt und die erdfarbnen Schaftstiefel, und sein 
langes lichtbraunes Haar presste kein Käppchen ein. 
Das verdross den Rabbi, und nicht gar freundlich 
sagte er ihm seinen Wunsch. Aber der Mann w^ahrte 
das Lächeln und die Demut der Haltung und diente 
dem Rabbi so fein und leise, dass es fast seltsam 
schien, wie zart sich der grosse und offenbar starke 
Mensch bewegte. 



Ala Rabbi Naftali eine Weile gerubt batte, rief 
er: , .Israel, bereite mir den W^agen, denn icb will 
■weiter fabren". Der ^Virt trat binaus, um den Bc- 
febl zu vollzieben, aber im Geben -wendete er sieb 
balb und sagte läcbelnden Angesicbts: ..Secbs Tage 
fubren vom Anfang zum Sabbat — ^^arum solltet 
Ibr bier nicbt nocb secbs Tage bleiben und bei mir 
Sabbat balten?" Da fubr ibn der Rabbi an und biess 
ibn scbweigen, denn leicbtfertiges Sagen war ibm 
w^iderlicb. Und der Mann scbwieg und bereitete den 
Wagen. 

Als aber Rabbi Naftali weiter fubr, w^ar es ibm 
unmöglicb, das Gespräcb in seinem Geiste ^eder 
anzubeben, sondern es erscbien ibm w^ie ein zerrissenes 
Gespinst, das niemand ganz macben kann. Und er ver- 
wxinderte und betrübte sieb. Und da er sieb dennocb 
mübte und nicbt ablassen w^ollte, gescbab es, dass 
sieb seinem Auge alle Dinge verwirrten, und ein 
grosser W^irbel umfing ibn, also dass er im Wirbel 
dabinfubr, inmitten verwirrter und durcbeinander 
kreisender Dinge. Es batte aber Rabbi Naftali bis- 
lang niemals die Dinge betracbtet, sondern es w^ar 
ibm genug, ibre Gegenw^art zu kennen und zu er- 
tragen. Und nun zw^ang ibn der W^irbel, aufzu- 
scbauen, und er sab die Dinge der W^elt, aber ver- 
scbeucbt von ibren Orten und verloren im Wirrsal. 
Es w^ar ihm, als brecbe von unten eine w^ilde Tiefe 
berein, Erde und Himmel einzuscblürfen. Und über 
den Rabbi fiel der Scbrecken nieder w^ie ein Würger, 
im Herzen des eigenen Sinnes spürte er den W^irbel 
scbw^ellen, und er erfubr die Finsternis. In dem 

68 



gleichen Augenblick aber sab er einen riesenhaften 
Mann im Schafspelz und erdfarbenen Schaftstiefeln 
auf den Wagen zuschreiten. Der Mann ging leichten 
Fusses durch die Verwirrung und schob die jagenden 
Kreise der Zerstörung sacht zur Seite, "wxe ein 
Sch-winuner friedsame ^Vellen. Dann nahm er die 
Zügel und w^andte mit einem starken Ruck die Pferde, 
die sogleich den W^eg, den sie gekommen waren, mit 
verdreifachter Schnelligkeit zurückzulaufen begannen, 
so dass sie nach kurzer Zeit 'wieder an der Bauern* 
schänke standen. Dem Rabbi Naftali waren Angst 
und Qual mitsamt der Verwirrung im Nu ver- 
schwunden, als sei all dies nie gew^esen. Er ver- 
stand nicht, was ihm widerfuhr, aber keine Frage 
w^ar in seinem Sinne. Als er vom Wagen stieg 
und ^vieder in den Vorgarten trat, in dessen Mitte 
jetzt der zum Mahle gerüstete Tisch stand, begrüsste 
ihn w^ieder die schlanke Frau mit freundlichem und 
unbew^egtem Angesicht, wieder rief sie zu den Felsen 
hinüber, und w^ieder stand der bäurische Mann vor 
ihm und verneigte sich, nicht anders, als ^^enn er 
ihn zum erstenmal sähe. 

Eine lange Zeit w^ar die W^eihe des Unbegreif- 
lichen über der Seele des Rabbis. Als er aber Stunde 
für Stunde um sich die Dinge in der ge^vohnten 
Art und im geordneten Treiben aller Tage sah, und 
den Wirt damit beschäftigt, die Wanderer zu be- 
dienen und ihre Pferde zu tränken, edleren Gebarens 
^nrohl, aber sonst ganz so w^ie irgend ein kleiner 
Schankpächter des Landes, begann er den Gescheh- 
nissen nachzusinnen. Und w^ie stets vor diesem Tage, 

69 



so waren ihm nun auch wieder seine Gedanken zu 
^Villen, so dass er hald in sich die Einsicht geformt 
und gefestigt hatte, hier hahe nichts als ein Trug 
seiner in der scharfen Luft der Berge ermatteten 
Augen oder seines vom Hin und Her des neugeschaffe- 
nen Gesprächs üherwältigten Sinnes ge^valtet. So 
heschloss er, üher Nacht in der Herberge zu bleiben 
und alle Müdigkeit auszuschlafen, am Morgen aber 
weiter zu ziehen. 

Als der Rabbi am nächsten Tage w^ieder auf der 
Fahrt w^ar, musste er über die gestrige Torheit hell 
auflachen. Schön und stark geflochten lag der 
Kranz der Kreaturen um ihn her, jede an ihrem 
Orte w^achsend und gesichert. Er fühlte, er sehe sie 
nun zum erstenmal in ihrer Wahrheit, und w^ar 
dessen froh und hatte einen jungen Mut in seinem 
Schauen und verwunderte sich über sich selber. 
Wie glückselig w^ar diese Freiheit und Zuversicht 
der Wiesen im Räume I Aber während er dergestalt 
staunte und sich freute, geschah es, dass er den Blick 
zum Himmel hob, und er entsetzte sich, und ein 
Grauen erschlug seine Freude. Denn statt des leichten, 
vieltönig blauen oder von mannigfaltigem Grau durch- 
zogenen Gewölbes, das ihm von gleichgültiger Ge- 
w^ohnheit des Sehens vertraut w^ar, spannte sich eine 
erzene Feste hart, schw^er, aller Fugen und Lücken 
bar, über der Erde. Und als er erbebend nieder- 
blickte, merkte er, dass keines der Dinge in Freiheit 
und Zuversicht stand, sondern gefangen und siech 
wxichsen sie an ihren Plätzen, und die sich regten, 
schlichen w^ie in einem w^eiten, aber dumpfen Käfig 

70 



umher. Und es erschien Rabhi Naftali. auch er selber 
sei gefangen, in einen ewig unentrinnbaren Kerker 
gebannt, und er verfiel einer Trauer, aus der ihn 
nicht sein Gedanke und nicht seine Ge-wissheit Gottes 
emporzutrösten vermochte. Aber da er im tiefsten 
Schachte der Trauer lag, wurde sein Blick w^ach, 
und da er aufsah, da w^ar am Firmament das \Vandeln 
eines Mannes. In erdfarbnen Schaftstiefeln ging er 
am Himmclsrund hin und rührte hier und hier leise 
an die eherne Decke. Und v/o sein Finger sie traf, 
da lockerte und löste sie sich, und es w^ar wie ein 
Schmelzen und wie ein Aufgehen. Der Finger 
schlug Bresche auf Bresche in die Feste, und das 
leichte Blau strömte herein. Zuletzt zerflos« die 
ganze starre Wölbung, und das w^eiche Lichtgew^ebe 
breitete sich w^ieder über dem Gesichtskreis, w^ie es 
sich den Menschenaugen an allen Tagen zeigt. Und 
darunter atmeten alle Kreaturen tief auf, und noch 
das verschlafene Gew^ürm schüttelte sich, als würfe 
es Fesseln ab. Und mit den andern allen atmete 
Rabbi Naftali auf und atmete die Freiheit ein wie 
die Luft des Lebens. Er sah zum Himmel empor 
und suchte den ^^undermann, aber der ^var ver- 
schwxinden. Da fasste den Rabbi w^ieder das Ge- 
heimnis an, er w^andte den W^agen und trieb die 
Pferde, bis er wieder an der Bauernschänke stand. 
An der Schw^elle trat ihm der, den er suchte, mit 
dem alten Gruss entgegen, ohne Frage in Wort und 
Geberde; aber der Gruss dünkte dem Rabbi lieb- 
reicher als am Tage zuvor. Darum zw^ang er alles 
Bedenken und sprach: ,, Israel, w^as ist dies für ein 

71 



Ding mit dir, dass ich dir in seltsamer Weise auf 
meinen \Vegen begegne?" Da hob der andere den 
Blick und lächelte. Und das Lächeln war nicht 
nach Menschenart, sondern x^rie eines Sees, der 
z'wischen Felsen ruht, schmerzliches und nachsichtiges 
Lächeln aus seinem Grunde herauf, wenn die Abend- 
sonne ihn streichelt und spricht: ,,Nun gebe ich dich 
dir zurück" — aber der See lächelt und antwortet: 
,,Mir?*' So lächelte der Mann und antwortete: „Mir?" 
Und der Rabbi w^oUte nicht w^eichen, sondern w^eiter 
fragen; aber da fühlte er, dass sein Mund verschlossen 
'war, denn das Lächeln des andern hatte ihn ge- 
troffen. So blieb er schw^eigsam und der Fragen 
voll. Von dannen konnte er nicht mehr, und das 
Bleiben brachte ihm Stunde um Stunde neue Un- 
gew^issheit und neuen Seelenstreit. Die Nacht kam 
und w^ar w^ie der Tag, nur langsamer, und so, dass 
jede Unbegreiflichkeit sich in ihr noch vertiefte. 
Am Morgen erst löste ihm der Schlaf die Seele, 
und sie empfing einen Traum. Und der Traum, 
den der Rabbi träumte, war der Anbeginn der 
Schöpfung. Das Licht schied sich von der Finsternis, 
und die Feste w^ard zw^ischen den ^/assem. Und 
Rabbi Naftali erschien es, als sei das Wirrsal, aus 
dem geschaffen w^urde, seine Seele, und als sei sie 
die gesichtlose Tiefe, aus der Himmel und Erde 
hervorsprangen. Und er spürte die knetende Hand 
des Geistes. 

Als er ercvachte und vors Haus trat, w^ar er der 
Unge'w^issheit frei. Alles schien ihm einfach und 
bestimmt, und er umfing die Welt mit den Augen 

72 



"wie mit Armen der Seele. Es "war ihm, als sehe 
er die Dinge nicht aus der Feme seines Leihes, sondern 
aus ihnen heraus und wie ein Ding sich selber sieht, 
Avcnn es vor den Wegen des Lebens erschrickt und 
sich besinnt und sich in sich anschaut. Und er 
sprach zu sich: ,,Ich weiss es nun. Es gibt Zeiten, 
da der Wirbel über die Welt stürzt und ihre 
Fügung zerbricht, und Licht und Finsternis sind 
nicht mehr geschieden, und die Kreaturen haben 
ihren Ort verloren und schw^irren im Räume um- 
her. Und es gibt Zeiten, da der Himmel die Erde 
gefangen hält, und die Feste, die nur sondern sollte, 
bannt und bindet die Kreaturen. Aber ist all dies 
nicht eine Spieglung und ein Spiel der Zeit? 
Denn nun sehe ich: ein Glück ist über den Dingen 
und eine Freude. Mitsammen leben die Dinge, un- 
gestört von Wirbel und Bann, und gehen aufrecht 
durch den Zorn der Gev^alten und verharren. Und 
jedes Avirkt das Seine aus seinem Herzen in die 
Welt, und hat in seiner Tat die Freude, und hat 
aus seinem Werk die Glückseligkeit. Kein Wirbel 
kann den Kranz des Tuns zerreissen, der die Wiesen 
umschlingt und einigt. Kein Bann kann die Liebe 
fesseln, die vom Wesen zu seinem W^erke geht. 
Unüberwindlich in ihrem Glück ist die Schöpfung, 
die selige Welt der schaffenden Dinge." Als der 
Rabbi also zu sich selber sprach, schloss er die 
Augen vor Glück, und eine stille Weile ging über 
die Welt hin. Und die Weile wurde immer stiller, 
bis die Stille so tief w^ar wie ein Schauer der Seele. 
Da öffiiete der Rabbi die Augen. Und das erste, was 

73 



er sah, 'war dafl Zusammensinken eines ungeheuren 
Schleiers. Dann lag die Welt vor ihm wie ein 
Abgrund. Und in dem Abgrund war das Aufgehen 
der Sonnenscheibe wie eine stumme, langsame Qual, 
und das Wachsen vieler Bäume und Kräuter ^vie 
ein ewiges, schmerzensvoUes Zucken, und das Laufen 
und Hüpfen und Fliegen vieler Tiere w^ie ein sinn- 
loses Jagen und Suchen. Und jede Kreatur litt, 
dass sie tun musste, was sie tat, und kam nicht 
los und keuchte in ihrem Leide dahin. Es w^ar 
aber also: alle Dinge standen in dem Abgrund, und 
doch w^ar der ganze Abgrund ohne Schranke 
Z'wischen jedem Ding und dem andern, und keines 
konnte zum andern hinüber, ja keines konnte das 
andere sehen, denn der Abgrund ohne Schranke 
war z'w^ischen ihnen. 

Und dieser Blick des Rabbi w^ar nicht ^e ein 
Gesicht, das schauend du, wiew^ohl davon besessen, 
doch ahnst, es w^erde jetzt oder später, irgend einmal 
vor deinem Tode schwinden und nicht mehr da sein. 
Sondern es w^ar ihm, als sei er all seine Zeit in 
einem Trug gegangen und sehe nun erst die ^^ahr- 
heit und das Leben; und als würde ihm, möchte 
er auch bis zum Zerfall der W^elt dauern, niemals 
ein anderes Bild erscheinen als dieses. Und dieser 
Blick nahm dem Rabbi mit einem Griff, ^vas er 
gew^onnen hatte in der Stunde davor und in allen 
Stunden, und sein Herz schw^ankte, halb gezogen, 
sich gegen Gott zu erheben, und halb, mit Gott zu leiden. 

Aber in dem Augenblick, da Rabbi Naftali dieses 
geschah, gew^ahrte er, dass ein Mann im Abgrund 

74 



erschien, der war ihm vertraut von Gestalt und von 
Angesicht. Und der Mann ^var hier und überall, 
und hatte Flügel und vielfältiges Sein und über- 
spannende Gegenwart. Denn sein Mund "w^ar an 
das Ohr der Sonne gelegt und sprach zu ihr, und 
sein Arm w^ar um den Leib der Bäume geschlungen, 
und das Getier schmiegte sich an seine Knie und 
die Vögel an seine Schultern. Siehe, da w^ar der 
Trost in die ^/elt gekommen. Denn durch den 
Helfer w^aren die Dinge verbunden und sahen und 
kannten und fassten einander. Und die Sonne litt 
nicht mehr, denn sie schaute, was sie schuf und 
w^cm sie es schuf. Und w^as w^uchs, wnsste, wem 
zu es sich regte, und was lief, wusste, wen es suchte. 
Und alles war in allem, denn die Dinge erfuhren 
den Helfer und sahen einander durch sein Auge und 
berührten einander durch seine Hand. Und da die 
Dinge zu einander kamen, w^ar kein Abgrund mehr, 
sondern ein lichter Raum des Schauens und Um- 
fangens, und eine tiefe W^elle aus Sinn und Ziel. 

* 
Diese w^aren die drei ersten Tage. Und ihnen folgten 
die drei andern, und an jedem w^eitete sich Rabbi 
Naftali der \Veg, und er erkannte die Schöpfung. 
Aber in dem Häuschen am Berghang blieb das 
Leben, w^ie es war, und der Wirt blieb der Gleiche 
im Gang und in der Geberde. So w^ar dem Rabbi 
seine Welt wie ein Pendelschlag, und ew^ig w^echselten 
ihm das Wunder der Ferne und das W^undcr der 
Nähe. Er w^agte kein W^ort mehr, keinen fragenden 
Blick: er lebte und wartete. 



75 



So kam der Sabbatabend heran. Mit schlicbtem 
und demütigem Wort sprach der Wirt den Gruss 
an die heilige Braut, und hielt das Mahl in Treuen 
nach frommer, ungelehrter Männer Art. Naftali 
sah von einer \Veile zur andern zu ihm hin und 
erwartete, er wusste nicht was für ein Geheimnis 
und Heil. Aber nichts geschah, und er -svartete 
noch immer, als der ^Virt schon den Tisch gesegnet 
hatte, und wartete noch, als er sicherhob, dem Gast die 
Hand entgegenstreckte und ihm den Frieden w^ünschte 
für diese Nacht und fiir alle Zukunft seines Lebens. 

In der Nacht fand der Rabbi keinen Schlaf. Aller 
W^ille dieser Tage war zu einem grossen Rauschen 
über seinem Haupte geworden, und es war ihm, als 
müssten hier und jetzt das ^Vunder der Ferne und 
das ^^under der Nähe zusammenfliessen. 

Mitten in der Nacht kam der Befehl zu ihm, lautlos, 
ohne Erscheinung. Er stand auf und ging. Da war 
er auch schon in der andern Kammer und sah. 

Und sah: die Kammer war bis zur Manneshöhe 
von Flammen erfüllt. Stumpf und dunkel stiegen 
die Flammen auf, als zehrten sie von einem Schw^eren, 
Unbekannten. Kein Geräusch und kein Rauch gesellte 
sich dem Brande, und jegliches Gerät blieb unver- 
sehrt. Mitten im Feuer aber stand der Meister mit 
erhobener Stirn und geschlossenen Augen. 

Und w^citer sah der Rabbi: eine Scheidung ge- 
schah in dem Feuer, und es gebar ein Licht, und 
das Licht 'war wie eine Decke über den Flammen. 
Und das Licht w^ar zw^iefach. Unten w^ar es bläu- 
lich und gehörte dem Feuer an, aber das obere Licht 

76 



'v^ar 'weiss und unbewegt, und es breitete aicli um 
das Haupt des Meisters bis an die W^ände. Und 
das bläuliebe Liebt "war der Tbron des weissen, und 
das w^eissc rubte auf ibm wie auf einem Tbrone. 
Und das bläuliebe Liebt w^andelte unablässig seine 
Farbe, zuweilen zu Scb'w^arz und zu'weilen zu einer 
roten ^Voge. Aber das -weisse oben wandelte sich 
nie, es blieb immer w^eiss. Und das bläuliche Licht 
w^ar ganz in das Feuer gebettet, und das Fressen des 
Feuers -war sein Fressen. Aber das w^eisse Licht, 
das auf ihm ruhte, verzehrte nicht und hatte keine 
Gemeinschaft mit der Flamme. 

Und der Rabbi sah : das Haupt des Meisters stand 
ganz im weissen Licht. Und die Flammen schlugen 
am Körper des Meisters empor. Aber welche der 
Flammen emporkam, -wurde zu Licht, und von 
AVeile zu ^Veile wurde mehr des Lichtes. 

Und der Rabbi sah: alles Feuer war zu Licht 
gew^orden. Und das blaue Licht begann ins w^eisse 
einzudringen, aber jede Welle, die eindrang, wurde 
selber -w^eiss und wandellos. 

Und der Rabbi sah, dass der Meister ganz in 
"weissem Lichte stand. Aber über seinem Haupte 
ruhte oben ein verborgenes Licht, das w^ar aller 
Farben und allen Blickes bar und nur im Geheimnis 
offen dem Schauenden. 

Und der Rabbi fiel nieder. Denn er erkannte den 
Menschen und das Ziel des letzten Tages. 

* 

Als der Morgen kam, feierten sie den hohen Sabbat 
mitsammen. 

77 



DIE HEILIGEN UND DIE RACHE 

A LS DIE MACHT DES BILBUL ÜBER DIE 
/ \ Stadt Pawlicz kam und der Triumph der 
Ä 1l Lüge einherfuhr, flohen aus allen Orten der 
Gegend die Juden vor der drohenden Vernichtung 
in die Weite. Aher einige fromme, alte Männer 
"wollten sich nicht hewegen lassen, von dannen zu 
ziehen. Sie sprachen zu ihren Seelen: .."Wie eine 
lange eingedämmte Schleuse ist dieses fremde Volk. 
Es w^ill uns schlagen, um seine Kraft zu schmecken. 
Aber w^ie lange sind w^ir selbst ^vie eine eingedämmte 
Schleuse gewesen und konnten Gott nicht dienen 
nach unserem Sinne I Von Geburt auf war unser 
Leben ein gestörter und entweihter Gottesdienst. 
Denn hier ist die Welt eng und dumpf, und wir 
haben keinen Raum, dem Herrn zu jubeln, und w^ir 
atmen eine Luft, die nicht des Herrn ist. Einst w^ar 
die Mazo das Werk unseres Feldes, und die Kraft 
unserer Hände lebte in unserem Felde und diente 
Gott. Aber jetzt kommt die Mazo zu uns aus der 
Erde der Fremden, die unser Feind ist. Einst w^ar 
der Esrog die Lust unseres Gartens, und der Herz- 
schlag unserer Freude lebte in unserem Garten und 
diente Gott, Aber jetzt kommt der Esrog zu uns 
wie ein Gast aus einem sehr fernen Lande, das vAr 
nicht schauen werden. Und in diesem fernen Lande 
sind die Wurzeln unseres Gebetes geblieben. Nun 
sprechen w^ir die W^orte, aber sie haben keine W^urzeln, 
und w^ie könnten sie da zu Gott emporwachsen? Es 
ist uns nicht gegeben, dem Herrn mit unserem Leben 

78 



zu dienen. So wollen wir ihm mit unserem Tode 
dienen und ausharren zur Heiligung seines Namens." 
Also sprachen sie und Hessen sich in Gew^ahrsam 
nehmen und w^arteten in Freuden, dass sie getötet 
wf' rden. 

I^ber einer "war nicht mit ihnen gehlieben. Das 
war der Rabbi von Koraczow. In jungen Jahren 
hatte er ein Buch begonnen, in dem gesagt wxirde, 
w^ie man Gott dienen könne mit seinem Leben. Er 
hatte streng und hart gelebt und alle Kraft und alles 
Verlangen und allen Gedanken in das Buch getan. 
\Venn er irgend etwas träumte und ^voUte, nahm 
er seinen Traum vmd seinen W^illen w^ie einen Stein 
in die Hand und legte ihn auf die andern, dass 
sein Bau zu Gott emporwachse. So fügte sich ein 
Teil des Buches langsam zum andern. Es 'war aber 
alles darin so angeordnet, dass ein Aufstieg w^altete 
von niederen Stufen des Dienstes zu immer höheren. 
Und so oft er daranging, von einer neuen Stufe zu 
reden, bereitete sich der Rabbi in grosser Glut der 
Seele und lebte in Sammlung alle Tage, bis er in 
seine Kammer ging, um zu schreiben. Da sass er 
dann und tat sein Werk, und keiner durfte ihn 
rufen und zu Speise und Trank oder zum Schlafe 
mahnen, bis er vollendet hatte, von der Stufe zu 
reden. Und er sprach zu keinem von seinem Buche. 
Als aber der Bilbul dahergezogen kam, unterredete 
sich der Rabbi mit seiner Seele, und es war ein 
tiefes Zw^iegespräch durch viele Stunden in der 
stillen Kammer. Und das Buch, das bis zur höchsten 
Stufe gediehen w^ar — von dieser aber war noch 

79 



nicht begonnen zu reden — , lag auf dem TiBche, 
und er sah es nicht an. Zuletzt aber kam sein Blick 
und ruhte auf dem Buche. Und er erhob sich und 
nahm das Buch und machte sich auf, nach der Wal- 
lachei zu fliehen. 

Als der Rabbi auf seinem ^^ege nach Miedzyborz 
kam, hiess ihn der Baalschem bei ihm bleiben, bis 
er ihn entlassen würde. Und er blieb beim Baalschem. 
Und dieser sprach zu ihm: ,,Die Heiligen werden 
errettet werden" und w^iederholte es Mal fiir Mal, 
Aber am Vorabend des Sabbat kam ein Brief zum 
Rabbi; darin stand, "wie sie gepeinigt "worden w^aren 
mit allen Arten der Todespein, und w^ie sie in 
Qualen und grosser Freude dahingegangen w^aren 
zur Heiligung des Namens. Als der Baalschem den 
Brief gelesen hatte, ging er Mincha beten und zitterte, 
und wer ihn ansah, musste zittern. Und einer sprach 
zum andern: ,,^Venn erst die Stunde kommt, den 
Sabbat zu empfangen, w^ird die Freude ge'w^iss zu 
ihm heimkehren. Denn was immer ihm je w^ider- 
fiihr, noch nie hat er den Sabbat ohne Freude 
empfangen." Aber die Stunde kam, und der Baal- 
schem empfing den Sabbat in grossem Zittern und 
hielt den Becher in einer zitternden Hand. Und 
sogleich ging er von dannen in die Stube, in der er 
zu schlafen pflegte, und legte sich auf die Erde, 
das Gesicht zum Boden und die Arme von sich ge- 
streckt, und lag so eine lange Zeit. Und da das 
Hausgesind und die Gäste auf ihn w^arteten, kam 
sein W^eib in die Stube und sprach: ,,Die Lichter 
w^erden schon ausgehen." Er sprach: „Lass die Lichter 

80 



ausgehen und schicke die Gäste heim." So ging sie, 
er aber lag immer noch auf der Erde. 

Aber der Rabbi konnte es nicht länger ertragen, 
denn sein Herz brannte. Und er ging zu der Stube 
des Baalschem und lauschte, aber es war sehr still 
in der Stube. Und er ging an die Tür und sah 
durch eine Spalte der Tür und schaute in das Dunkel. 
So stand er und stand bis zur Mittemacht. Da kam 
ein grosser Lichtschein in die Stube. Und der 
Baalschem rief: ,, Gesegnet sei, der da kommt, Rabbi 
Akiba !" Und jeden der Heiligen grüsste er bei 
seinem Namen und rief: ,, Gesegnet sei, der da 
kommtl" Sodann sprach er zu ihnen: ,,Ich verhänge 
es über euch, dass ihr Rache nehmet an den AVider- 
sachem. An dem Senator, der euch foltern licss. 
An den Knechten, deren Hand bereit war zu eurer 
Qual. An dem Volke, dessen Mund jauchzte vor 
eurem Leide." Da tönte durch den Raum ein dvmkler 
Chor und w^ar doch wie Eine Stimme, die sprach: 
,,Wir bitten dich, dass dieses Wort nicht noch ein- 
mal von deinen Lippen gehe." Er aber >viederholte : 
,,Ich verhänge es über euch." Und wieder sprachen 
die Heiligen: ,,^Vir haben unsem Tod gern gelitten!" 
Aber der Baalschem stand mitten im Lichte 'wie 
eine rote Flamme und schrie, und sein Wort ^var wie 
das Rauschen gew^altiger Flügel: ,,Für das Schlagen 
und Stechen, für das langsame Morden, für die 
Schändung durch ihre Hände, für den Stoss ihrer 
Füsse, für das Ducken und Erniedrigen, für das 
Spotten und Spielen, für die Knechtschaft der Jahr- 
hunderte, für die Not des Schlechtwerdens nehmet 

» 8t 



Rache." Da \^ar eine Bangigkeit und ein Beben 
in der Choresstimme, als sie sprach: o^^ii* bitten 
dich, dass das Wort des Verhängens nicht zum dritten 
Mal von deinen Lippen gehe. Denn du sollst i^issen, 
dass du an diesem Abend den Sabbat der ^Velten 
gestört hast. Siehe, es ward ein grosses Gewirr, 
und w^ir w^ussten nicht, w^as das sei. Und ^vir 
stiegen zu höheren Kreisen auf*, und auch da w^ar 
das Gewirr, und wir Nvussten nicht es zu deuten. 
Und als w^ir zu einem gar hohen Kreise kamen, 
^^urde zu uns gesprochen: .Gehet eilig hinab, machet 
still die Tränen des Rabbi Israel Baalschem.' So 
w^oUen wir es dir denn erzählen. Du sollst w^issen: 
alle Schmerzen, die ein Mensch leidet in seinem 
Leben, sind ein leichter Tand gegen die Schmerzen, 
die w^ir gelitten haben zur Heiligung des Namens, 
gesegnet sei er. Und der böse Trieb kam über uns 
und wollte unsem Sinn beugen, und w^ir stiessen 
ihn mit beiden Händen hinweg. Aber es gelang ihm, 
mit einer Fingerspitze einen Gedanken in uns zu 
berühren, und er machte ein Zeichen an dem Ge* 
danken. Um dieses Dinges willen w^ard uns be- 
stimmt, für einen Augenblick in das Tal Hinom zu 
kommen und einen Augenblick lang die Not der 
Welt zu leiden. Und alle Schmerzen, die w^ir ge- 
litten hatten, erloschen und w^aren w^ie leichter Tand 
vor diesem Leide. Und als w^ir in den Garten Eden 
kamen, sprachen w^ir: ,W^ir w^ollen Rache nehmen 
für die Knechtschaft der Jahrhunderte, für die Not 
des Schlechtw^erdens, die dem bösen Trieb Macht 
gegeben hat, unsere Gedanken zu berühren. Für 

82 



den Raum, in dem wir gewohnt haben, für die 
Luft, die wir eingeatmet haben, für den gestörten 
und entweihten Gottesdienst unseres Lebens w^oUen 
w^ir Rache nehmen.' Da wnrde uns geantwortet: 
.Wollt ihr Rache nehmen, so müsset ihr in neue 
Körper eingehen und auf die Erde zurückkehren 
und noch einmal als Menschen ein Leben zu Ende 
leben.' ^Vir aber sprachen: ,W^ir loben den Herrn, 
gesegnet sei er, und danken ihm, dass wir bestanden 
haben zur Heiligung seines Namens, und dass w^ir einen 
Augenblick lang das grosse Leid im Tale Hinom 
gelitten haben. Heute aber, sollen w^ir auf die Erde 
zurückkehren, -wo w^ir keinen Raum haben, dem 
Herrn zu jubeln, und wo wir eine Luft atmen, die 
nicht des Herrn ist, ao kann es fürwahr geschehen, 
dass w^ir schlechter w^erden und die Macht des 
Bösen erhöht w^ird. W^ir w^oUen nicht zurückkehren.' 
Also sprachen w^ir. Und bo bitten wir dich, dass 
das Wort des Verhängens nicht zum dritten Mal 
von deinen Lippen gehe." Da schwieg der Baal- 
schem und sprach kein W^ort. Und der Lichtschein 
schwand aus der Stube, und das Dunkel erfüllte sie. 
Aber der Baalschem lag auf der Erde wie eine rote 
Flamme. — 

Der Rabbi von Koraczow^ aber hat sein Buch nicht 
vollendet. Ja, es w^eiss kein Mensch, was daraus 
gew^orden ist. 



BILBUL ^^ Verwirrung. Verleumdung, kier Ritualmord ■ Be> 
•cbuldiguni;. MAZO = du ungesäuerte Brot, da« am Osterfeste 
sur Erinnerung an den Auezug aus Aegypten gegessen wird. 

(• 83 



ESROG = der zu religiöaen Z'wecken am Laubhüttenfeste benützte 
Paradiesapfel. MINCHA = Nacbmittaßsgebet. TAL HINOM 
= HöUe. 

Rabbi Akiba. der den Zug der Märtyrer führt, ist der grosse 
Meister des Talmuds, der unter Hadrian den Foltertod erlitt. 

Die kleine Stadt Miedzyborz in Podolien war der endgültige 
^^ohnsitz des Baalschem. 

Zur Heiligung des Namens (des Gottesnamens) = zum Ruhme 
Gottes. 



84 



DIE HIMMEL WANDERUNG 

AM TAGE DIENT ER DEN KREATUREN. 

/ \ Auf den Winden kommen Boten gefahren, 
2 V bittende Herolde steigen aus dem Boden auf. 
Zusammcngeflutct aus dem Munde alles Lebendigen, 
dringt die Stimme des Leidens zu ihm. 

Er empfängt den Ruf und teilt die Antwort aus. 
Unablässig gibt er seine Gabe, den tiefen Trost. 
Unter der Berührung seiner Finger heilen die 
Wunden der Welt. 

Am Tage dient er den Kreaturen. Aber am 
Abend löst sich seine Seele. Sie will nicht bei dem 
trägen Genossen ruhen. Sie streift Ort und Dauer 
wie z'w^ei Handfesseln weg und enthebt sich den 
Grenzen. Sie stösst das Land mit dem Fusse ab, sie 
prüft den Flug, und die Himmel nehmen die Frei- 
gelassene auf. 

In den Himmeln ist nicht Ort und Dauer, nur 
Weg und Ewigkeit. Jede Nacht führt die Seele 
\»^eiter im Wege, tiefer in die Ew^igkeit. 

Aber eine Nacht kommt, da steht eine Welten- 
wand vor der Seele auf und deckt ihr Bahn und 
Blick. Schrankenlos wie der Flug w^ar, ist die 
Hemmung. Der Weg stirbt. Ein dunkler Finger 
hat das Licht aller Sterne und die Verheissung aller 
Himmel ausgelöscht. Über dem toten Weg reckt 
«ich eine dunkle W^and randlos in die Nacht. 

Und die Wand hat ein Gesicht, ungeheuer und 
schattenhaft, doch scheint es der Seele näher als 
ihr eignes Auge. Und die Seele erkennt es: es ist 

85 



das Angesicht des Lebens, das sie am Abend ver- 
lassen hat und in das sie am Morgen zurückkehren 
will wie in ein wartendes Bett. 

Aber jenseits der Wand erwacht ein Laut, eine 
grosse Stimme in der Finsternis. Es ist, als stünde 
drüben der tote Weg auf und redete. 

Und die Stimme der Verborgenheit spricht: 

„Seele, verlangende Seele, Seele der Kraft und 
des Traumes! Seele, die sich bew^ahren mag und sich 
verlieren! Seele, die alles begehrt, beides, Bestand 
und Unendlichkeit, Wollen und Wissen, Sinne und 
Geheimnis zugleich! 

Hier ist die Grenze. Hier ist der Altar der Welt. 
Hier geht kein Leben vorbei, es opferte sich denn. 
Denn der Name dieses Ortes ist: Gottes Wahl. 

Bis hierher gilt Diesundjenes. Hier beginnt das 
Eine. 

Seele, die bis hierher gekommen ist, Stille, Mächtige, 
w^ähle ! 

Scheide ab von dem Leibe der Erde, und ich öffne 
mich dir. Oder wende den Flug. Denn wer mich 
berührt hat, kehrt nicht w^ieder." 

Und die Stimme versinkt. Und w^ieder ist nichts 
vor der Seele als die dunkle, stumme Wand. 

Aber die Seele erhebt die Stirn. Einen Augen- 
blick lang steht sie, als horchte sie dem verklungencn 
Worte nach, dann spricht sie die Antwort: 

Ich scheide ab von — 

In diesem Augenblick hat sich auf der Erde eine 
Frau über ein Bett gebeugt, in dem der Körper 
eines Mannes liegt. Sie schaut, sie tastet über die 

86 



bleiche Schläfe des Liegenden hin. Dann achreit sie 
auf: „Israel!" 

In geradem Fluge hebt sich der Ruf den Himmeln 
zu. Er ist schneller als die Geister der Sterne, 
schneller als die Engel des Raumes. Ehe der Augen- 
blick sich schliesst, steht er am Ende des Weges, 
den die Seele in vielen Nächten vollbracht hat, und 
legt seine leichte Hand auf ihre Schulter. 

Da hält die Seele im ^Vort inne und blickt hinter 
sich. Dann spricht sie nicht weiter. Sie legt den 
Arm um den Nacken des Boten und wendet den 
Flug. 

Diese w^ar die letzte \Vanderung des Meisters in 
den Himmeln. 



87 



JERUSALEM 

■^S GESCHAH ZU ZEITEN, DASS DEN 
^ Baalschem des Nachts Stimmen aus der 
^ Tiefe aufriefen und sein Ohr ^noirde hell 
und w^ach, obgleich der Schlaf auf seinen Sinnen 
lag. Er unterschied alsdann mit grosser Klarheit, 
vinit von undenklicher Feme der Laut aus dem Munde 
vieler uralter Dinge auf der ^Vander8chaft zu ihm 
war und ein einiges Getön von ungeheurem Weh 
sein Lager umgab. Er fühlte, dass ein W^ille hier 
hundert getrennte Stimmen zu einer verflochten 
hatte. Die Stimmen langten an sein Herz und 
weckten es auf. Aber sie w^aren von allzuw^eit, und 
das Herz verstand den Sinn ihres W^ortes nicht. 
Es konnte nur die grosse, ferne Not ahnen, die es 
anrührte, und w^ar von dieser Zeit zu allen Tagen und 
Nächten im Gleichmass seiner Schläge erschüttert. 
Aber in einer Nacht w^aren die Stimmen ganz nah 
an des Meisters Ohr, zitternd von der Müdigkeit der 
langen W^anderung. Er erkannte sie und w^oher sie 
ihm kamen, und er erkannte Eines, das ihm fremd ge- 
wesen war bis zu dieser Stunde. Denn es >var das 
alte Land, das zu ihm sprach aus der nie erlösten 
Schande des Verfalles. Es w^ar der alte Weinberg, 
nun zur fahlen Steppe gew^orden, die die Herden 
fremder Wandervölker mit verhassten Hufen traten 
Jahr für Jahr, die begrabenen Mauern unter der 
Erde, das verschüttete Erz, das mitdröhnte unter 
der Last des unermesslichen Schuttes, der versteinerte 
Hang, der einmal den leuchtenden W^ald getragen 

88 



hatte, und der verdorrte Wasserquell. Sie schrieen 
aus der letzten Not, die fühlt, dass der Schlaf un- 
versehens in den Tod sich hinüberschleichen ^11, 
jetzt und jetzt, von Atemzug zu Atemzug, w^enn die 
Hand nicht kommt, die aus dem Dunkel aufreisst 
und die Seele befreit, die müde geschlagene Seele 
des alten Landes. 

Und die Stimmen redeten zum Baalschem: ,,Komm, 
komm und säume nicht. Du bist der Erw^artete, 
dessen Atem das Gestein von unseren Gräbern heben 
wird Tvie der Frühlingswind den Flaum, der aus 
dem Vogelneste fällt. Dein ^Vort w^ird die Kräfte 
entfesseln. Der Bach uord rinnen, der Wald auf- 
erstehen. dcr^Veinstock Früchte tragen, der Fels wird 
sich kleiden. Komm und lege deine Hand auf unsl" 

Von der Nacht w^ar die Seele des Baalschem in 
sich gew^iss, dass er sich auftun müsse und hingehen 
zum Lande. Und er reckte sich empor und schrie zu 
Gott: ,,Gib mir Urlaub, Herr, und Frist. Löse, 
womit du mich hier gebunden hältst, damit ich hin- 
gehe in dein Land, das mich ruft." Aber Gott sprach 
nächtens zu ihm und antwortete: ,, Israel, es ist mein 
Spruch über dir, dass du w^eilest an deinem Orte 
und dich nicht auftuest nach meinem Lande." 

Da lag der Baalschem viele Nächte in der Qual. 
Die Stimmen w^aren vor seinem Ohr und das ^Vort 
des Herrn auf seinem Herzen. Und der Jammer 
der Stimmen fuhr als Sturmw^ind in den Lüften, 
und es w^ar eine Bewegung w^ie von grossem Sterben, 
wie an dem Tage, da Jerusalem, die Herrliche, f ieL 
Da siegte die Sehnsucht nach der sterbenden Erde 

e9 



über das Wort des Himmels, und da tat sich der 
Meister auf und wanderte gegen Jerusalem. 

* 

ts war die erste Nacht, da sie auf ihrer Fahrt 
unter fremdem Dache sich zur Ruhe legten, der 
Baalschem und Rabbi Zewi der Schreiber, sein 
Schüler, der mit ihm w^ar. In jener Nacht kehrten 
die Stimmen der Heimsuchung w^ieder an den Ort, 
von dem sie ausgegangen w^aren. Und da sie heim- 
kehrten, flog ihnen ein grosses Raunen entgegen, 
und die alte Erde bebte unter ihrem Gruss, und 
jegliches begrabene, erstarrte und versagende Ding 
erhob sich und lauschte. 

Und die Stimmen riefen: ,, Stehet auf, ihr Schlafen- 
den, und ihr Verstümmelten, bereitet euch, denn 
euer Erlöser ist auf dem Wegel" 

Da hob sich der ungeheure Leib der Erde in 
einem schw^eren Atemzug, und in dem einen Auf- 
atmen schüttelte sie den uralten Schlaf ab. Und 
ein jegliches Ding rief mit herzgeborenem Ton den 
Lebensruf aus, und w^ar ein gew^altiges Rauschen 
der Freude in der Nacht, und ein Leuchten w^ar 
und ein geheimes grosses Erheben von Schlucht zu 
Gipfel, und das versunkene Gut blühte, Schw^ert 
und Opferschale, und die erstorbenen Gew^ässer 
rauschten, und es kreiste der Saft des Kornes und der 
Rebe. Und die Sterne über dem alten Lande w^uchsen 
in dieser blauen Nacht der Erwartung. 

* 

Der Baalschem schritt unverdrossen vorwärts, aber 
seine Helle und Freudigkeit w^ar nicht bei ihm. Er 

90 



blieb still und sann in sieb, und wenn Rabbi Zewi 
von dem wrinderbaren Ziel ibrer Reise spracb, ant- 
w^ortete der Meister kaum anders, als mit einem 
verlorenen Seufzer. Denn er trug ein Ding auf 
seinem Herzen, das lastete sebr und wurde scb-werer 
mit dem ^/ege. Das war die Gottesstimme, die vor 
der Sebnsucbt batte verstummen müssen und nun 
gar stille scbw^ieg, aber immerdar w^eilte und nicbt 
von dem Herzen w^icb. Und zuw^eilen w^ar dem 
Meister, als sei eines zarten Kindes beimlicb ver- 
haltenes \Veinen in seiner Brust, und nacbts w^ar 
da mancbesmal ganz inw^endig ein Klagegetön obne 
Wort, so tief und leidensvoll, dass er erwacbend 
in sieb boreben und boreben musste. Allein mit 
jedem Morgen trug er die w^aebsende Last w^eiter 
auf die ^Vanderscbaft. So Hess er Stadt und Land 
binter sieb. Vertrautes und Fremdes. Der Mond 
hatte scbon zu mehreren Malen über ihm gew^eebselt, 
als er naeb eines Tages Irregeben des Abends an 
die Küste des Meeres kam, das ihn vom Ziele sehied. 
Doch da ^var nicht Haus noch Stätte, so w^eit das 
Auge sab, kein Segel am Wasser, nur Strand, 
schimmernd und w^eit, der W^asserseblag am Sand 
und eine laue Nacht mit mildem Himmelsliebt. Da 
^^arfen sie sich beide nieder zur Erde, die noch des 
vergangenen Tages Glut ausatmete, zu ruhen und den 
Morgenzuerwarten,dersiezu Schiffern^veisen würde. 
In der Mitte der Nacht fand der Meister sich 
mit dem W^eggesellen auf hohem Meer in einem 
kleinen Schiff ohne Ruder, nur ein Segel über sieb, 
flammend rot und gelb. Das Sebifflein aber w^urde 

91 



von einem ungeheuren Sturm hui und her gew^orfen, 
und ringsum 'war nicht Himmel noch Land zu sehen, 
nur Wasser in aller Weite, entfesselt und heulend. 
Der Baalschem suchte um sich, aber da war nichts 
als des W^assers tötliche Einsamkeit. Er suchte in 
sich, aber siehe, da w^ar alles von ihm gewichen, alle 
Weisheit und alle Herrschaft. Da fühlte er eine 
Verlassenheit, die grösser w^ar als die Meeresnot. Er 
fand sich leer und bar in seiner Seele -wie die hin- 
geworfene Schale einer Frucht ohne Saft und Süsse. 
Ein grosses W^einen kam über ihn, und sein Beben 
war stärker als das Rütteln des Sturmes. Dann 
•warf er sich neben den Gefährten hin und w^artete auf 
das Vergehen. Aber indem er lag, ein elend taubes 
Ding, tat sich ganz sacht eine Stimme auf und hub zu 
reden an, erst leise und heimlich, doch allgemach seh w^oU 
sie an und w^ard grossmächtig und schlangdasTobendes 
Meeres w^ie ein nichtiges Geräusch in ihren Schall. 
Und der Meister trank den Laut der Gottesstimme. 

ImMorgenzwielicht erhoben sich der Baalschem und 
Rabbi Zewi aus dem nassen Sand. Haar, Antlitz 
und Ge'wand waren ihnen durchnässt, wie denen, die 
das Meer ans Ufer spült. Sie sprachen nicht und 
mieden einer des andern Auge und ^^andten sich, 
und ohne W^ort und Zeichen schritten sie einig den 
A^eg zurück, den sie am Abend gekommen -waren. 

Als sie mehrere Stunden ge^wandert waren — die 

Sonne stand hoch und trocknete ihnen die feuchten 

Kleider — , sah der Rabbi von ungefähr den Meister 

an und gew^ahrte das alte heilige Leuchten auf seinem 

geliebten Angesicht. 

* 
92 



In der Nacht, da der Baalschem mit der Verlassen- 
heit auf den W^assem und mit der Verlassenheit in 
seiner Seele kämpfte, lag das Land, das ihn gerufen 
hatte, in der Erwartung. Die Stimmen der Lebendig- 
begrahenen redeten aus der Erde hervor und fragten die 
Stimmen in der Luft: ,,^^as höret ihr?" Da sprachen 
die Schwestern in der Luft: ,,Ein Sturm braust, und 
aufden empörten Wassern streitet, deruns erlösen soll". 

Und eine Zeit verging, dann fragten wieder die 
Stimmen der Erde: „Naht er dem Lande?" Und die 
Ant-wort kam: „Das Wort ist über ihm". 

Und wieder schwand eine Zeit, und noch einmal 
stieg die Frage empor: „\Vas höret ihr?" Und wae 
das Rauschen todmatter Flügel klang es zurück: 
„Wir hören den Schritt des Davonziehenden in der 
Feme". Da tat die alte Erde den Mund auf und 
sprach; „So will ich mich hinlegen zu sterben". Und 
sie verhüllte ihr Angesicht und schloss die Augen. 
Und jegliches Ding kehrte an den Ort seiner Ruhe 
zurück und bereitete sich zum Tode. Und die Stille 
dehnte sich über das Land hin, und in der Stille war 
der Gram, und in dem Gram w^ar das Sterben. 

Aber über der Stille w^ard ein Ruf lebendig, der 
durchbrach und zerstreute sie. Und der Ruf umfmg 
das Land und redete zu ihm : „Du wirst nicht sterben, 
meine Freundin. Erde des Herrn, du wirst erw^achen 
und leben. Und du hadre nicht mit dem, den du ge- 
rufen hast. Denn er ist geboren als einer, der w^ieder- 
kehren soll, und die Hand des Herrn ist über seinen 
Wurzeln, ihn w^iederzubringen zu seiner Zeit; ihn 
^ederzubringen zu deiner Zeit, o meine Freundin." 

93 



SAUL UND DAVID 

DIES WAR, ALS DER BAALSCHEM 
zurückgekehrt war von der vergeblichen 
Reise und die Männer sich um ihn zu 
sammeln begannen, das Heil zu nehmen von seiner 
segnenden Hand und von seinem ratenden Munde. 
Und diese Ersten wurden geheissen: die Gemein- 
schaft. Denn sie sassen miteinander an seinem Tische 
und war ihnen gemein die Luft der Seelen, und doch 
erschien Jeglichem das allgemeine MVort des Meisters 
wie eine Heimlichkeit, die seinem Ohre bestimmt 
>var und keinem. 

In jener Zeit geschah es zuw^eilen, dass der Baal- 
schem inmitten des Gespräches in der Rede stockte, 
erbleichte und dann für eine lange Zeit verstummte 
und ohne Anteil, das Auge blicklos ins Ungew^isse 
gew^endet, unter den Freunden verw^eilte. Dann 
pflegten allgemach auch die Getreuen zu erschw^eigen 
und m einem bänglichen Warten auszuharren, bis 
der Sinn des Meisters ihnen heimkehrte. Wenn sich 
dieses nach einiger Frist erfüllte, erschien der Heilige 
sehr ermattet, als ob irgend eine verhehlte Kraft am 
Quell seiner Seele sich genährt und ihn schier zum 
Versiegen gezwungen hätte. Er fand dann w^ohl noch 
ein mildes Zeichen für jeden seiner Gäste, aber als- 
bald pflegte er sich zu erheben und m sein Gemach 
zu gehen, das er sodann für viele Stunden verschloss. 

Die Schüler redeten oftmals untereinander von 
diesem Ereignis, doch fanden sie nimmer, wie sie 
auch forschten, dem fremden Geschehen die Deutung. 

^4 



Da fügte es sich einmal, dass Rabbi Wolf, der 
Fröhliche, der keiner Angst je Einlass gab und immer- 
dar getrost war ob der Liebe des Meisters, um dieses 
Dinges willen ihn anging und Widerrede und Auf- 
schluss empfing. So hat es sich begeben, dass wir 
wissen, wie es sich zugetragen hat. Was aber später 
geschah, das haben die Lippen des Mannes selber 
kundgegeben, der an den ^\^urzeln des Geheimnisses 
wohnte. 

Denn in den Jahren des Baalschem lebte m der 
Stadt Kossow^ ein Rabbi, der in seinem dunkeln ge- 
w^altsamen Geiste den Erhabenen bekriegte. Dieser 
Hader aber w^ar uralten Grundes und hatte seinen 
Keim in den grossen Tagen der Könige. Es w^ird be- 
richtet und dargetan, dass Jsrael, der Sohn des 
Elieser, den w^ir den Baalschem nennen, als ein Erbe 
und Unterpfand der Zeiten in seinem Blute die Seele 
trug, die einst David, den König, verlassen hatte, als 
seine Jugend zerbrach und die Sucht ihn befiel. Dem 
Rabbi von Kossow^ aber, dessen Name w^ie der Name 
jenes künftigen Schmerzgekrönten, des Urenkels des 
Baalschem, Nachman w^ar, hatte Sauls, des Traum- 
fürsten, Seele sich einverleibt. Darum geschah es 
von einer ^^eile zur andern, dass der Rabbi von 
einem Ingnmm befallen wAirde, der unerbittlich und 
aller Martern kundig war und nicht in ihm geboren, 
und den er tagelang in sich hegte und mit dem Leben 
seiner Adern nährte, bis das Ding m ihm mächtig 
'w^ar und ihn übermannte. Dann riss er sich mit den 
letzten Kräften auf und entsandte seine rasende Seele, 
dass sie der Seele des Heiligen sich nahte w^ie ein ge- 

95 



8penstischer Vogel und ihr in düsteren Lauten ein 
Raunen zuwarf, sich mit ihm zu messen, und da jene 
das Tuch übers Haupt schlang und schwieg, sich er- 
höhte wie ein Drache der Finsternis und in ^i^orten 
einer ungestümen Schw^ermut und eines dröhnenden 
Hohnes die Verborgene herausschrie. So ereignete 
es sich, dass der Baalschem zuzeiten plötzlich von 
seiner Seele verlassen wxirde, da sie zum Kampfe 
auszog. MalumMal aber, w^enn die Blicke wie Schilder 
aneinanderklirrtenund die Welten sich aus dem Schlafe 
reckten und erwachten, das glühende Ringen zu 
schauen, vermochte es keine der beiden Seelen, sich 
'Wider die andere zu heben, denn der einen klare 
Flamme schlug m aufrechtem Erbarmen zu den 
Himmeln auf, die-weil der anderen schw^arzes Feuer 
zw^eifelsüchtig und w^ie von Schrecknissen gescheucht 
zerflackerte. Es Avar aber die Macht und das Zehren 
dieser Stille also gew^altig, dass die Seelen, sobald der 
Ruf der Leiber oder eine mahnende Stimme aus der 
ungeschiedenen Tiefe sie traf, zum Letzten erschöpft 
sich erfanden und wie nach schw^erer Fehde heim- 
kehrten. 

Nun aber tat der Rabbi von Kossow^ w^ohl nie- 
mals einem Menschen Erwähnung von diesen Dingen 
und sprach nie im Lauten Feindseliges wider den 
Meister; er konnte jedoch die Schatten nicht verjagen, 
die sein Angesicht überkamen, wenn von allen Zungen 
das lebendige Zeugnis für jenen erstand. Dies ge- 
w^ahrten die Schüler, die ihm anhmgen und ihn 
liebten, und es w^ar ihnen w^eh, seine Seele alsdann 
sich in der Pein ergehend zu schauen, auch erregte sich 

96 



■wohl der Eifer in ihnen, dass ein anderer sich über ihren 
Lehrer erheben sollte. So bedrängten sie den Rabbi 
viele Male mit stacheligen Reden, sein Heimliches 
zur hellen Glut zu schüren und ihn zum offenen 
Widerstreit zu bewegen. „Saget uns, o Herr , 
sprachen sie, „w^ie geht dieses zu, dass alle Leute zu 
diesem Manne ziehen und so •wundersam, mit Ver- 
klärung im Ton und wie von einer Gnade Berührte 
sein Lob ausrufen? Ist es etw^a derwegen, dass nie- 
mals noch einer kam, gross und geschmeidig genug im 
Geiste, seine Ränke und Künste zu zerbrechen? Soll 
«r die Ursache werden, dass Euer Ruhm zu allen 
Zeiten sterbe vor dem semen? Ew^ig die Schlinge, 
die Euren Aufflug hemmt? Ziehet hin, auf dass er 
sich an Euch messe, sodann w^erden w^ir und alle mit 
der Augen Innerstem die Wahrheit schauen. ' 

Lange verschloss sich der Rabbi, der stolz und 
ehrlich vor sich selbst und seines Femdes tief be-wusst 
yi/zr, diesen Worten. Da aber die Schüler nicht ab- 
lieMcn in ihn zu dringen, gew^annen sie allgemach 
Wirkung und Macht in seiner Seele. Eines Tages 
rüstete er sich mit den Seinen zur Fahrt, bezw^ang 
die Scham und zog nach Miedzyborz zum Baalschem. 
Als sie in sein Haus traten, kam der Heilige ihnen 
entgegen, schlank erhoben, doch voller Ehrfurcht, 
und mit hohen ^/orten gab er dem Rabbi seinen 
Gruss. Jener neigte sich und gab den Gruss zu- 
rück, und es w^ar, als ob zw^ei grosse Helden der 
alten Zeit einander den ^^illkomm spendeten. Sie 
schienen den Genossen urfem und entrückt und 
ivurden selber keines andern Dinges gew^ahr und 

97 



achtsam denn einander. Die Schüler verhliehen 
scheu im Vorhof, die Beiden aber traten selbander 
in ein Gemach, und als die Tür hinter ihnen ins 
Schloss fiel, war es der harrenden Schar, als sei sie 
durch einen Wall der Zeiten von den Meistern ge- 
schieden. 

Die standen Aug in Auge, und die alte Liehe stand 
auf und das alte Leid und der alte Hass. \Vie ein 
Feld lebendiger Halme rauschte die Fülle der ver- 
schollenen Jahre. Aber bald war nur noch der 
Grimm imRabbi, und er erfand sich vielverschlungene, 
maschenreiche Reden und führte sie mit schlauem 
Bedacht gegen den Baalschem, dass der sich in ihnen 
verfange vmd ihm erliege; doch sie fielen ohne 
Kraft und Griff zur Erde. Nachdem das Gespräch 
eine TVeile zwischen den beiden hin und her ge- 
glitten w^ar — der Heilige aber ruhte w^ie ein lächelndes 
Kind in der friedseligen Gew^issheit seines Wesens — , 
fragte der Rabbi: „Ist dem so, wie sie sagen, Israel, 
dass du jeglichen Gedanken der Menschensöhne 
w^eisst?" Und der Meister antw^ortete: ,,Dem ist 
so." Darauf fragte jener zum Neuen: ,,So ist es 
dir bew^usst, w^as meinen Gedanken füllt zu dieser 
Zeit?" ,,Du w^eisst," sagte der Baalschem, ,,dass 
die Gedanken der Menschen gemeiniglich nicht zu 
ruhen pflegen, sondern hin und 'wieder kreisen 'w^ie 
die Möven über dem W^asser. Binde deinen Gedanken 
nunmehr an ein Ding, und ich w^ill es dir nennen." 
Also tat der Rabbi, und der Baalschem sprach: 
,,Der vierfach urgeheime Name Gottes ist es, daran 
dein Gedanke hängt." Da der Rabbi erkannte, dass 

9S 



der Heilige in seinen Geist geblickt hatte, ergri£f 
ihn eine fiebernde Erbitterung, und er rief: ,, Dieses 
konntest du ohne Wunder und Erschauen '<^ssen. 
Mass ich doch den Namen Gottes zu jeder Zeit vor 
mir tragen, und Avenn du heischest, dass all mein 
Denken ein Ding umschlinge, "was bleibt mir als 
dieses Letzte, Eine? Gering, fürwahr, achte ich 
deine Kunst." 

Der Baalschem aber harrte aus in seiner Milde 
und sprach: ,,Hat Gott nicht viele Namen? Ich aber 
sage dir den einen, unaussprechlichen an." Da er 
jedoch sah, wie die Blicke des Rabbis zuckten und 
•ich -wehrten, trat er vor ihn hin, und aus seinen 
Augen brach nun entfesselt der Strom der Liebe. 
Und er redete also: ,, Dieses hast du gedacht, Nach- 
man: ,Soll ich ewig gefangen bleiben in den vier 
Buchstaben? Zw^ingt mich ewig das tyrannische Wort? 
Versunken sind die Zeiten und enttauchen w^ieder, 
und mich hält in peitschenden Ketten der Geist. 
Wohin bist du geflogen, letzter der reinen Tage, 
da ich durch das Land Benjamin zog mit fröhlichen 
Schultern, Hauptes länger denn alles Volk? Tag der 
Sonne, Tag der Freiheit, nie, nie bist du gekehrt. 
Aber dein Bruder blieb, der dir gefolgt w^ar, blieb 
bei mir mit dem Olglas und dem Namen des Herrn. 
Er umspannt meinen Hals, w^enn ich mich lege, er 
schliesst sich um meine Knöchel, -wenn ich vom 
Lager aufspringe. Er hat mich mit Zorn getränkt 
und mit Wahnsinn gefüttert. Er führt mein Schwert 
wider meinen Leib: täglich stürze ich darein und 
sterbe.' Dieses hast du gedacht, Nachman: ,Soll 

T 99 



ich ew^ig gefangen bleiben in den vier Bucbstaben? 
^Vie, wenn ich mich losmachte und wieder w^ürdc 
-wie dazumal, ehe ich in die Stadt kam, in der der 
Mann des Herrn war!' Aber ich sage dir, Nachman. 
mein Freund, du Freund Gottes: vv^illst du losmachen 
dein Herz von deiner Brust und dein Hirn von 
deinem Haupte? Sieh: du hast dich erkannt, — bist 
du noch länger gefangen? Sieh, du hast dich erkannt, 
— fühlst du nicht deinen Willen in Gottes Willen 
brennen? Nimm die Last der Zeiten in die Hände, — 
ist sie nicht schon geschw^unden? Küsse den Tag, 
der dich bannte, — bist du nicht schon gelöst? 
Rege die Seele in Gott wie das Herz sich in deiner 
Brust regt. Nun kehrt die Zeit der Sonne dir wieder, 
die Zeit der Freiheit." 

Der Rabbi sprach: ,,Du hast die Wahrheit geredet, 
Israeli" Dann neigte er sich und sprach das W^ort 
des Friedens und ging zur Stunde hinweg mit ge- 
stillter Seele. 



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DAS GEBETBUCH/ 
DAS GERICHT/ DIE 



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DAS GEBETBUCH 




N DEN ZWEIHOHENFESTEN, 
-welche die furchtbaren Tage ge- 
nannt ^Verden, das sind die Feier 
des neuen Jahres und der Ver- 
söhnungstag, pflegte der Rabbi von 
Dsmow, wenn er vor die Bundes- 
lade trat, um zu beten, das grosse 
Gebetbuch des Meisters Lurja zu öffnen und vor sich 
auf den Ständer hinzulegen. So lag es offen vor ihm 
alle Zeit seines Betens, aber er blickte nicht hinein 
und rührte es nicht an, sondern liess es gross und 
offen daliegen im Angesicht der Lade und vor den 
Augen der Gemeinde, dass das starke unverblasste 
Sch-w^arz der Lettern aus dem breiten, gelblichen 
Grunde -weithin schlug, und er stand hochgestreckt 
m seiner ^Velhe davor -wie der opfernde Hohepriester 
vor dem Altar. Also geschah es, und aller Augen 
musflten immer wieder darauf blicken; aber keiner 
von den Chassidim w^agte es, davon zu sprechen. Ein- 
mal jedoch stärkten etliche ihr Herz und fragten den 
Rabbi: „^Venn unser Herr und Lehrer aus dem Buche 
des Meisters Lurja betet, w^arum sieht er nicht hinein 
von Seite zu Seite nach der Ordnung seines Betens, 
und -wenn er nicht daraus betet, warum öffnet er es 
und w^arum liegt es vor ihm?" Da sprach der Rabbi 
zu ihnen: „Ich w^iU euch erzählen, -was sich m den 
Tagen des heiligen Baalschem, sein Andenken sei zum 
Segen, ereignet hat. 

In einem Dorf lebte ein Pächter mit seiner Frau 



t02 



und seinem kleinen Sohn. Der Gutsherr war dem 
stillen Manne zugetan und gewährte ihm manche Ver- 
günstigung. Dennoch kamen schlimme Jahre über 
ihn. Einer schlechten Ernte folgte im nächsten Sommer 
immer w^ieder eine schlechtere, und so stieg undschw^oU 
die Not, bis die grauen Wogen über seinem Haupt 
zusammenschlugen. Er hatte jeder Mühe und jeder 
Entbehrung standgehalten ; dem Elend konnte er nicht 
ins Auge schauen. Er fühlte sein Leben schw^ach 
und schw^ächer w^erden, und als sein Herz zuletzt 
stille stand, w^ar es wie das Ersterben eines Pendel- 
schlags, dessen stetes Leiserwerden man nicht w^ahr- 
genommen hat und dessen Aufhören über einen nun 
•wie etw^as Plötzliches gerät. Und w^ie seine Frau mit 
ihm durch das holde und das arge Schicksal gegangen 
w^ar, so ging sie auch mit ihm hinaus. Als sein Grab 
bereitet w^ar, konnte sie sich nicht länger zw^ingen, 
SIC sah ihren kleinen Sohn an und konnte sich doch 
nicht zw^ingen, und so legte sie sich hin und redete 
sich vor, sie gehe nicht zum Tode, bis sie zu ihm kam. 
Der kleine Nachum w^ar drei Jahre alt, als die 
Eltern starben. Sie w^aren aus der Ferne gekommen, 
und man wusste von keinen Verw^andten. So nahm 
ihn der Gutsherr zu sich, dem der Knabe mit dem 
schmalen, aus den goldroten Locken blütenweiss her- 
vorschimmernden Gesicht gar gut gefiel. Bald gew^ann 
er des Kindes zarte, fast traumhafte Art mehr und 
mehr lieb, und er zog es wie ein eigenes auf. So 
'«vuchs der Knabe heran m Licht und Freude und 
w^urde in allem Wissen und m allen Künsten unter- 
>viesen. Von seiner Eltern Art und Glauben wusste 

103 



er nichts. Wohl vcrsch-wieg ihm der Gutsherr mit 
nichten, dasa sein Vater und seine Mutter Juden ge- 
>vesen >varen; doch als er ihm davon sprach, fügte 
er hinzu : „Ich aher hahe dich mir genommen, und nun 
hist du mein Sohn, und all das Meine ist dein". Dies 
verstand Nachum Avohl: das aber, Tvas ihm von seinen 
Eltern gesagt worden war, das schien ihm jenen Ge- 
schichten zugehörig, die ihm die Mädchen von Wald- 
teufeln, Nixen und buntem Elfenvolk erzählten: 
wunderbar war es ihm nur und unbegreiflich, dass 
er selbst mit solch einer Geschichte zu schaffen hatte, 
und er fühlte sich einem fernen Dunkel verbunden, 
das ein Grauen und eine Sehnsucht zu ihm entsandte, 
von dem er dergestalt zuzeiten w^ic von einer leichten, 
schwermütigen Welle seine Seele umfangen spürte 
und das ihm doch ew^ig fremd und ewig rätselvoll 
blieb. 

Eines Tages kam er unversehens in eine abgelegene 
Kammer des Hauses, in der allerlei Gerumpel über- 
einandergeschichtet lag, das seine Eltern einst hinter- 
lassen hatten. Da w^aren seltsame Dinge, die er nicht 
kannte. Da w^ar ein sonderbar gestaltloser w^eisser 
Mantel mit langen schwarzen Streifen. Da war ein 
gesticktes Stirntuch von prächtiger und doch stiller 
Art. Da w^ar ein mächtiger, vielarmiger Leuchter ver- 
blassten Glanzes. Da w^ar ein reich verästelter, in einer 
Krone zusammenw^achsender GcAvürzbehälter, um den 
noch ein letzter, dünner Duftnebel zu flattern schien. 
Und da w^ar endlich ein grosses schw^eres Buch, in 
dunkelbraunen verschlissenen Sammet gebunden, die 
Ecken silberbeschlagen, mit silbernen Klammem. Das 

t04 



waren die Dinge, die seine Eltern nicht hatten auf- 
geben können, auch vor den Augen des letzten Elends 
nicht. Und nun stand er und sah darauf, und die 
Boten des Dunkels waren ihm näher als je. Dann 
nahm er das Buch und trug es scheu und vorsichtig, 
beide Arme fest darum gelegt, in sein Zimmer. Da 
löste er die Klammem und öffnete es ganz leise, und 
die breiten schwarzen Lettern starrten ihn an, fremd 
und doch nicht fremd, sahen ihn an wie eine Schar 
kleiner Kameraden, blickten zu ihm empor ixae ein 
Reigen lieber feiner Gesellen, wirbelten vor ihm dahin, 
flogen durcheinander, zerflimmerten, — und siehe, da 
-waren keine Lettern mehr, und das Buch -w^ar wie 
ein dunkler See, daraus schauten ihm zwei Augen ent- 
gegen, tränenlos, aber eines e-wigen Schmerzes voll. 
Und Nachum wxisste, dass dies das Buch war, aus 
dem seme Mutter gebetet hatte. Seither hielt er es 
tagüber verborgen, aber an jedem Abend holte er 
es aus dem Versteck, und beim Licht der Lampe, 
und lieber noch beim lebendigen Licht des Mondes 
sah er auf die fremden Lettern, bis sie sich zum Reigen 
einten und zum See zusammenflössen, daraus die Augen 
der Mutter hervortauchten. 

So kamen die Tage des Gerichtes heran, die Tage 
der Gnade, die furchtbaren Tage. Aus allen Dörfern 
zogen die Juden zur Stadt, um im Rauschen der Volks- 
gemeinde vor Gott zu stehen, um ihre Schuld mit der 
Schuld der Tausende ihm darzubringen und in seinem 
Feuer aufgehen zu lassen. Nachum stand vor der Tür 
des Hauses und sah die AVagen vorübereilen, unzählig 
viele, sah Männer und Frauen dann in Festgewändem, 

JOS 



und über allem \var die Macht der Bereitschaft. Und 
ihm ^var, als seien all die Menschen Boten zu ihm, 
Boten des Dunkels nicht mehr, Boten der Sonne und 
des lichten Seelengrundes, und als enteilten sie ihm 
nur deshalb, w^eil er sie nicht anriefe. Und er ns£ 
einen an und fragte ihn : „Wohin fahret ihr, und "was 
ist dies euch für eine Zeit?" Und jener sprach: „^Vlr 
fahren dem Tag der Erneuerung entgegen, dem Tag 
des Anfangs, da im Buch des Himmels geschrieben 
wird unsere Tat und unsere Lösung. Und wir fahren, 
um 2U Gott zu reden in grosser Schar und unsere 
Stimmen zu binden zu einem Gebete. Der Knabe 
hörte das Wort: aber weit ausgespannt darüber flog 
ihm ein anderes W^ort zu, ein grosses Rufen, das kam 
aus der Unendlichkeit zu ihm. Und von dieser Stunde 
an war das Rufen über ihm, brausend im Schweigen 
wie ein mächtiger Sturmw^ind, still im Lärm wie die 
Schwingen eines stillen Vogels. Und das Rufen er- 
hellte das Dunkel, das ihm so lange die W^elt um- 
kleidet hatte, und das Grauen ging m der Sehnsucht 
auf, und die Sehnsucht w^ar w^ie ein junges grünes 
Blatt in der Sonne. So w^andelten die zehn Tage der 
Busse hm, und der Vortag des Versöhnungsfestes w^ar da. 
Und wieder sah der Knabe die Juden aus den Dörfern 
die Strasse zur Stadt fahren ; stumm und regungslos sassen 
sie da, und ihre Gesichter waren bleicher als vordem. 
Und w^ieder fragte Nachum einen von ihnen: „W^aa 
flihrt euch und w^ohin?" Und jener sprach: ..Dies 
ist der Tag, auf den w^ir hofften und harrten, der 
Tag der Versöhnung, da unsere Schuld sich löst 
im Lichte des Herrn und er seine Kinder aufnimmt 

106 



in die Heimat »einer Gnade." Da lief der Knabe 
in seine Stube und nahm das Buch mit den silber- 
bescblagenen Ecken in die Arme und lief aus dem 
Haus auf die Strasse und lief, bis er in die Stadt 
kam. Und in der Stadt lenkte er seinen Schritt 
zum Bethaus, und er trat ein. Und als er eintrat, 
w^ar es die Stunde, da das Kolnidre gesprochen ^vard, 
das Gebet der Lösung und der heiligen Freiheit. 
Und er sah die Scharen stehen, in den langen weissen 
Sterbege^vändem, stehen und sich neigen und sich 
erheben vor Gott. Und er hörte sie aufschreien 
zu Gott, aufschreien aus allen verdeckten Tiefen 
zum Licht, aus allen Geheimnissen ihrer Seele 
zur Wahrheit. Und die Hand des Geistes >var 
auf der Schulter des Knaben, und er stand und 
neigte sich und erhob sich vor Gott, und er schrie 
auf zu Gott. Und da er merkte, wie rings um ihn 
Worte schallten in einer fremden Sprache, und es 
über ihn kam, dass er nicht beten konnte w^ie die 
andern, nahm er das Buch der Mutter und legte 
es auf den Ständer und rief: .,Herr der Weltl Ich 
'weiss nicht 'was zu beten, ich 'weiss nicht 'was zu 
sagen — da hast du, Herr der Welt, das ganze 
Gebetbuch." Und er legte den Kopf auf das 
offene Buch und w^etnte und unterredete sich mit 
Gott. 

Es w^ar aber an jenem Tage, dass die Gebete der 
Gemeinde wie flügellahme Vögel am Boden flatterten 
und sich nicht emporschw^ingen konnten. Und das 
Haus w^ar ihrer voll, schwer die Luft, trüb und 
verzagend der Sinn der Beter. Da kam das Wort 

107 



des Knaben, das nahm die Gebete aller auf seine 
Fittiche und trug sie in Gottes Schoss. 

Der Baalschem aber sah und erkannte alle diese 
Dinge, und er sprach das Gebet in hoher Freude. 
Und als das Fest vorüber ^var, nahm er den Knaben 
zu sich und zog ihn heran und lehrte ihn den Sinn 
des Lebens und alle lautere und gesegnete ^Veisheit." 

Also erzählte der Rabbi von Dyno"w seinen 
Frommen. Und er sprach: ,,Auch ich weiss nicht. 
was ich tun soll, und ich ^veiss nicht, ^e viel, 
und ^vie ich die Absicht der heiligen Männer, der 
ersten Beter, aus deren Mund die Gebete sind, 
erfüllen kann. Darum nehme ich das Buch des 
Meisters Lurja, des Ehrwürdigen, und mische es 
auf, dass es vor mir liege zur Stunde des Gebetes, 
und gebe es Gott mit allem Willen der darin ist 
und aller Inbrunst und allem Sinne." 



108 



DAS GERICHT 

EINMAL BEGAB ES SICH — ES WAR 
an dem vierten Tag der Woche, sagen sie, 
/ und um jene erste Stunde des Abende, da 
die Sonne uns eben entschwoinden ist — , dass der Baal- 
schem sein Haus verliess, eine Reise zu tun. Und keiner 
Seele, so Schüler nicht als Freund, heisst es, hatte er 
dazumal von seinem ^Veg gesprochen, so dass Ziel 
und Sinn jener Fahrt für alle die Seinen im Dunkel 
lagen, selbst für jene, die ihn begleiteten. Und auch 
dazumal fuhr er in einer knappen Stundenzahl eine 
grosse Strecke des \Veges, wie es ja allen bekannt ist, 
dass dem ^Vlllen des Meisters Ort und Zeit nicht 
Fessel und Hindernis bedeuteten -wie einem unter uns. 
Um Mittemacht — die Fahrt -w^ar dermassen eilig 
gegangen, dass die, so mit ihm waren, nicht Haus 
noch Baum am ^Wege unterschieden, — hielt der Baal- 
schem in einem fremdem Dorf vor dem Haus eines 
Zollpächters und Herbergvaters an, die Stunden der 
Nacht, die ihm verblieben waren, dort zu ruhen. 
Es wies sich, dass der Wirt w^eder den Baalschem 
noch einen unter den Seinen kannte, wohl aber be- 
gierig -war, 'Wie es unter Leuten dieses Gewerbes kein 
Seltenes ist, zu wissen, wes Standes sein Gast wohl 
sei und zu welchem Ende er diese Reise unternehme. 
Indem er dem Meister und den andern einen späten 
Imbiss bot und ihnen zum Lager auf breitete, gab 
sich Rede und Antwort, also dass der Baalschem dem 
\Virt auf dessen Anfrage zu wissen tat, er sei em 
Prediger und habe vernommen, dass am Vorabend 

109 



des kommenden Sabbats ein reicher und grosser Mann 
in Berlin Hochzeit halte, und zu der Zeit wolle er 
dort sein, um bei dem Fest seines Amtes zu tun. 
Als der Gastgeber das gehört hatte, hielt er ein 
AVeüchen still und betreten an sich, ehe er sagte: 
„Herr, Ihr verhöhnet \vohl meine Wissbegier! Kenne 
ich doch die Stadt Berlin reichlich hundert gute 
Meilen weit von hier! Wie wollt Ihr die Strecke in 
der Frist abtun, die Euch bleibt! Ja, w^enn Ihr Pferd 
und Mann nicht schontet und Euch des Nachts nicht 
Rast gönntet, Ihr würdet etwa vermögen, zum andern 
Sabbat dort zu sein, nimmermehr aber an diesem." 
Da lächelte der Baalschem ein kleines und bot ihm 
Antwort: „Sei um desw^illen unbekümmert, Freund, 
meiner Pferde bin ich sicher. Sie haben schon manch 
gutes Stücklein für mich getan." 

Der Baalschem legte sich mit den Seinen zur Ruhe 
nieder, derW^irt aber blieb die ganze Nacht auf seinem 
Bette wach, denn der fremde Mann und seine Sache 
dünkten ihm allzu Avunderlich. Dazu verstand er, dass 
etw^as an dem Manne w^ar, was ihn nicht glauben lassen 
mochte, er sei ein Spass vogel oder gar ein Narr. Das Ver- 
langen kam über ihn, das Ende dieses Dinges zu sehen 
Und als er so um einen schicklichen und ehrbaren Vor- 
"wand sann, dem fremden Prediger sein Geleit zu 
bieten, fiel ihm manches Geschäft ein, das er in Berlin 
mit einigem Vorteil hätte abtun können. Da beschloss 
er, des Morgens mit dem Gaste darüber zu reden. 
Als der Meister mit seinen Leuten zu guter Zeit sich 
vom Lager erhoben hatte, trat der Wirt zu ihm und 
trug ihm seinen W^unsch vor, und der Baalschem w^ar 

HO 



Cfl gern zufrieden. Hingegen zeigte er nicht sonder- 
liche Eile wegzukommen, sah sich auf mancherlei 
Weise geruhig im Hause um, sprach mit den Seinen 
eine gute Weile ein Gehet und hiess endlich den 
^(^irt noch eine kräftige Mahlzeit hereiten. Die 
nahmen sie zu sich und verhlieben dann noch in 
mannigfaltigem Gespräch, während der Wirt von 
innerer Unrast und Neuhegier getrieben ah und zu 
ging und sich nicht Rast noch Deutung üher dieses 
absonderliche \Vesen wxisste. 

Als der Tag wiederum niederging, befahl der 
Meister, den Wagen zu bereiten und die Pferde an- 
zuspannen. Sie zogen von hinnen, und bald kam die 
Nacht über sie. Der Baalschem mit den Seinen sass 
schweigend. Dem Wirt w^ar es bald seltsam und 
fremd in seinem Sinne, und es dünkte ihn, dieses sei 
eine Fahrt, derengleichen er niemals noch eine getan. 
Nichts als das Dunkel w^ar da. Zuw^eilen w^ar es ihm, 
als rollten sie tief unter den ^Wegen der Menschen 
durch geheimnisreiche Gänge der Erde hin, und dann 
wieder schien ihm der ^^eg, den sie nahmen, so 
entfesselt von Schw^ere, so leicht und durchsichtig, 
als schw^ebten sie über allen Dünsten in den Lüften 
dahin. Sie begegneten keinem Laut, keinem Menschen, 
kemem Tier, keinem Ort. Der ^Virt vermochte keinem 
Gedanken Halt zu gebieten, alles m ihm und um ihn 
schien sich in Flüchtigkeit aufgelöst zu haben. 

Plötzlich w^ar es ihm, als würde die Luft um ihn 
dichter, die erste Helle brach an, er fühlte die 
Erschütterungen des Wagens auf dem Erdboden 
w^ieder unter sich, fernhin bellte ein Hund, ein Hahn 



krähte, eine Hütte lag seitab im Dämmer. Eine 
Weile fuhren sie so, der Morgen war klar, und 
als die letzten Dünste in der Sonne aufgingen, sah 
der Wirt vor sich eine grosse Stadt liegen. Nicht 
der vierte Teil einer Stunde ging um, da langten 
sie in Berlin an. 

Der Meister wählte eine bescheidene Herberge, 
die am Ende der Stadt stand, in jener Gegend, w^o 
noch niedere Häuser fast ländlich in ihren Gärtchen 
lagen. Da liess er sich in einer Laube vor dem 
Haus mit seinen Schülern zum Morgenimbiss nieder. 
Als sie diesen eingenommen hatten, blieben sie im 
Gebet und in Gesprächen gelassen beisammen. Der 
fremde Wirt, der die Fahrt mit ihnen getan hatte, 
dachte der W^orte des Predigers, dass er zur Hochzeit 
eines grossen Mannes nach Berlin reise und dass 
heute der Tag des Festes sei, und er konnte nicht 
verstehen, w^ie der Baalschem so ruhig sich hier 
verweile, statt sich den Gästen im Hause des 
Bräutigams zugesellen. Noch tief befangen in dem Ge- 
schehnis der Nacht und doch schon gestachelt von der 
neuen Frage, lief er ab und zu, aber w^enn er sich dem 
Meister näherte und sich anschickte, den Mund 
aufzutun, hob der Baalschem das helle Angesicht, 
und der W^irt schaute darin den heiteren Spott, mit 
dem jener über seine unruhige Seele in grosser 
Güte lächelte. Da verging ihm der Mut zur Frage, 
und er nahm Urlaub, sich ein w^enig in der fremden 
Stadt umzutun. 

Er 'WAT noch nicht eine Stunde unterwegs, als 
er sah, dass allenthalben die Menschen beisammen- 



standen, einander eine Neuigkeit mitzuteilen und sie 
zu besprechen. So trat er an einen heran und 
fragte bescheiden, v/ab da wohl geschehen sei, dass 
die Leute ihrer Geschäfte vergässen und so in Auf- 
regung umherstünden. 

Er bekam den Bescheid, dass im Haus eines 
reichen Juden, der eben heute habe Hochzeit halten 
sollen, amMorgen die Braut plötzlich dahingeschieden 
sei, nachdem sie noch bis zur Mittemacht mit aller 
Freudigkeit ihren Staat gerüstet und die Vor- 
bereitungen zum Fest geleitet, den Rest der Nacht 
aber in friedvollem, gleichmässigem Schlafe verbracht 
hatte. Auch war sie keineswegs krank oder schwächlich 
ge^vesen, sondern als ein schönes und starkes junges 
Geschöpf allen bekannt. Der Wirt Hess sich das Haus 
des Bräutigams w^eisen. Dort eingetreten, fand er die 
Festgäste in Trübsal und Verwirrung die Tote um- 
stehen, die bleich, aber unentstellt auf ihrem Bette 
ruhte. Die Ärzte schienen sich noch mm sie bemüht 
zu haben und nahmen eben ihren Abschied von dem 
Herrn des Hauses, indem sie mit etlicher Verlegenheit 
schonend vermeinten, dass nun doch tot bleiben 
müsse, wer tot sei. Der Bräutigam stand und 
schw^ieg, und sein Antlitz -wat vom Kummer -wie 
von einem grauen spinnw^ebenen Schleier umsponnen. 
Der und jener unter den Gästen trat zu ihm und 
raunte ihm zu, was ihn trösten sollte, aber der 
Mann blieb stumm, als ob er nicht hörte. Da 
wagte es auch der Wirt und ging zu ihm und er- 
zählte ihm, auf welche absonderliche Weise er 
heute Nacht so weiten Weg gekommen sei, mit 

8 tiZ 



dem fremdem Prediger, der zu seiner, des Bräutigams 
Hochzeit gewollt habe. Und er meinte, der \Vundcr- 
mann, der diese Fahrt vermochte, verstünde sich 
"Wohl auf mehr, was nicht gewöhnlich sei, und riet 
dem Herrn des Hauses, zu ihm zu gehen und ihm 
sein Leid zu vertrauen. Da w^ies es sich, dass der 
Trauernde ihn vernommen hatte, denn er griff nach 
«einer Hand und hielt sie fest und hegehrte zur 
Herberge des Baalschem zu gehen. Er trat vor 
den Meister und sagte ihm alles von der schw^eren 
Begebenheit und entbot ihn an das Bett der Toten. 
Der Baalschem ging unverweilt mit ihm, trat an die 
entseelte Braut und schaute lange inihr verschw^iegenes 
Angesicht. 

Alle waren still ge^vorden und ivarteten auf sein 
V/ort. Er aber w^andte sich von der Ruhenden 
und achtete keines und sprach mit unbew^egter 
Stimme zu den Frauen: , .Bereitet eilig der Toten 
das Sterbegewand und tut eure Bräuche gar schnell 
und ungesäumt." Zum Bräutigam sagte er: , .Ent- 
biete rasch Männer, dass sie am Orte des Lebens, 
w^o du die Toten deines Hauses zur Ruhe bringst, 
auch dieser eine Stätte bereiten." Da sandte der 
Bräutigam hin und Hess ein Grab aufwerfen. Der 
Meister aber sprach Aveiter: „Ich gehe mit euch 
dieser Toten zum Geleite. Ihr aber nehmet die 
Hochzeitsgew^änder und den Schmuck, den sie 
sich selbst zum heutigen Tage erlesen hat, und 
bringet ihn zum Grabe." Als alles bestellt "war, 
legten sie die Leiche in einen offenen Schrein und 
trugen sie hinaus. Der Baalschem ging als erster 

iH 



dem Sarge nach, und ihm folgte vieles Volk mit 
zitternden Herzen ixnd verhaltenem Atem. 

Vor dem Grahe befahl der Baalachem, die Tote 
im unbedeckten Sarge in die Grube zu legen, so 
dass ihr Angesicht frei gegen Himmel schaute 
und von allen gesehen w^erden konnte. Auch hiess 
er keine Erde auf sie w^erfen. Z^vei Männern gab 
er Weisung, neben ihm zu stehen und seines ^Vinkes 
gewärtig zu sein. Dann trat er zum offenen Grabe, 
lehnte sich auf seinen Stab und Hess seine Augen 
auf dem Antlitz der Toten ruhen. So stand er 
unbe'weglich, und die ihn ansahen, bemerkten, dass 
er gleichsam ohne Leben w^ar, als ob die Seele 
ihm entwichen w^äre oder er seinen Geist an 
einen andern Ort entsandt hätte. Alle umstanden 
in w^eitem Kreise das Grab. Der vierte Teil einer 
Stvinde verging, da regte sich sein Gesicht, und 
er w^inkte den beiden Männern. Sie traten an das 
Grab und sahen, dass das Antlitz der Verschiedenen 
sich mit dem Hauche des Lebens gerötet hatte und 
dass der Atem aus ihrem Munde kam und ging. 
Der Baalschem gebot sie aus dem Grab zu heben, 
und so geschah es, und sie stand aufrecht und blickte 
um sich. Da trat der Meister zurück und befahl 
dem Bräutigam, er möge unverzüglich und schw^eigend 
die Braut in ihre Schleier kleiden lassen und zum 
Baldachin führen und des Geschehenen mit keinem 
Worte gedenken. Der Bräutigam aber bat den 
Meister, er möge es sein, der die Ehe segne. So 
führten sie die Verschleierte ins Haus unter den 
Baldachin. Als der Baalschem aber die Stimme erhob 

s* 115 



und den Ehesegen über das Paar sprach, riss die 
Braut sich die Schleier vom Gesichte, sah ihn an 
und rief: ,, Dieser ist der Mann, der mich losge- 
sprochen hat." Da fuhr der Baalschem auf und 
schrie sie an: ..Schw^eigel" Die Braut verstummte 
und der Baalschem verliess das Haus. 

Später, als alle Hochzeitsgäste beim Mahl sassen 
und die Schatten der vergangenen Ereignisse zu 
>veichen begannen, hub die Braut selbst an, ihre 
Geschichte zu erzählen. 

Ihr Bräutigam ^var bereits einmal vermählt ge- 
w^esen, und als Witwer hatte er sie zur Frau be- 
gehrt. Das erste verstorbene \Veib aber war ihre 
Tante gewesen und hatte sie als kleine Waise bei 
sich aufgenommen und gehegt und neben sich im 
Hause gross werden lassen. Da geschah es, dass 
die Frau krank 'wurde und ihr nimmer zu helfen 
^^ar, und sie selbst verstand gar w^ohl, dass ihrer 
Zeit nun das Ende kam. Da legte es sich ihr 
schwer in den Sinn, dass, w^enn sie ein Weilchen 
tot w^äre, ihr Mann, der noch jung w^ar, es wohl 
kaum w^erde lassen können, eine andere an ihre 
Stelle zu erheben. Und wie sie nachsann, begriff 
sie, dass es ihre junge Verw^andte sein würde, die 
so w^ohl Bescheid wie sie selbst in heilen Tagen 
in allen Geschäften des grossen Hauses wiisste und 
lieblich anzusehen ihm zu jeder Stunde des Tages 
vor Augen sein w^ürde. Und w^eil sie selbst ihren 
Mann sehr geliebt hatte und bang um die kurze 
Frist war, die ihr an seiner Seite nur gegönnt ge- 
w^esen, neidete sie das junge Wesen gar sehr. Und 

U6 



als flic ihre letzten Stunden verrinnen fühlte, rief 
sie die beiden an ihr Bett, die sie so vergehen 
sahen und sie lichten, und ihre Seelen flössen vor 
Trauer üher. Und da nahm sie ihnen Versprechen 
und Handschlag ab, einander niemals zu nehmen. 
Den beiden, die um die Sterbende litten, dünkte 
das nicht sch^ver, und gern gaben sie es hin. 

Dann aber trug man die Tote hinweg, und ihr Platz 
w^ar leer, und selbst ihr Schatten war aus den Räumen 
gew^ichen, und da •w^aren nur noch die Lebenden 
und alles w^ar Leben um sie her, und sie sahen sich 
ins Auge zu jeder Stunde und verstanden bald, 
dass sie einander dennoch nicht lassen konnten. 

Da brachen sie ihren Eid und gelobten sich em- 
ander an. 

Aber am Morgen der Hochzeit, als die Luft im 
Hause voll leichten freudigen Lebens schien und keiner 
der dunklen Tage dachte, da eine nun Tote hier leid- 
voU gehaust hatte, kam der Wille der verstorbenen 
Frau zurück an seine Stätte und heischte sein ge- 
brochenes Recht und begehrte das lebende glückliche 
^Velb zu töten. Als nun, der fremden Kraft zu Ge- 
bot, das Leben der Braut sich von ihrem Körper 
gelöst hatte und der starr und unbew^egt lag, rang ihre 
Seele gevi^altig mit der Seele der Toten um den Bräu- 
tigam. Als man sie zu Grabe trug aber, kamen ihrer 
beider Seelen vor die Entscheidung, und es w^ar eine 
Menschenstimme über ihnen, die das Recht sprach, 
und sie rangen vor ihr um das Gericht. Und die 
Stimme sprach das Urteil: „Du Tote, die du keinen 
Teil mehr an der Erde hast, lass ab von ihr. Denn 

U7 



siehe, bei den Lebendigen ist das Recht. Es ist 
keine Schuld auf diesem AVeib und dem Mann, der 
es begehrt. Sie mussten tun, was sie nicht wollten, 
um die Not ihrer Seele zu stillen." Und da die Tote 
nicht nachliess, die Braut zu bedrängen, sehne die 
Stimme sie an: „Lass ab von ihr! Siehst du nicht, 
dass sie zur Hochzeit gehen muss? Der Baldachin 
wartet! Da erw^achte die Braut zum Leben, Hess 
sich aus dem Grabe tragen und in ihre Schleier 
kleiden, und noch leise betäubt folgte sie den Frauen 
zum Baldachin. 

„Aber , sprach sie zum Bräutigam und zu den 
Gästen, da sie ihre Erzählung vollendet hatte, „als 
der Prediger den Segen über uns sprach, erkannte 
ich die Stimme, die über mich das Recht gesprochen 
hatte." 



US 



DIE VERGESSENE GESCHICHTE 

A LS DER LEIB DES BAALSCHEM SICH 
/ \ im immerwährenden Feuer seiner Seele schon 
J. \ fast aufgezehrt hatte und er daran -war, sein 
irdisch Kleid ahzuw^erfen, rief er alle Schüler zu sich. 
Er w^ar aufsein letztes Lager hingestreckt, das er nimmer 
lassen sollte; den Kopf hatte er, ein weniges erhohen, 
in die linke Hand gestützt, und sein Antlitz war 
w^ährend der ganzen Zeit, da er sprach, voll den 
Seinen zugew^andt. Es w^ar schon gänzlich bleich 
und gleichsam entrückt, aber sein Blick ruhte fest 
und eindringlich auf dem, zu dem er sprach. Er 
sagte einem jeden aus der Schar, w^ie er sein künftiges 
Leben zu führen habe, welchem Geist er es anheim- 
geben solle, und achtete es nicht gering, den ein- 
zelnen Mann zu beraten, w^clcher Art sein Erwerb sein 
müsse, auf dass auch der Seele das Ihre beschieden 
w^erde. Manchem sagte er voraus, w^as die Zeit für 
ihn daherfuhren und w^elcher Gestalt sein Teil sein 
würde, das sie ihm auf ihrem Flug dereinst vor die 
Füsse fallen liesse. 

Unter seinen Schülern aber war einer, der ihm 
auch diente und stets um ihn blieb. Dessen Name 
w^ar Rabbi Simeon. Ihn r\ei der Baalschem zuletzt 
und sprach zu ihm : „Freund, dir ist es vorgesehen, 
in der Welt umherzufahren und alle Orte heimzu- 
suchen, ^vo Juden w^ohnen. Da ^virst du m die Häuser 
gehen und Geschichten erzählen, von mir reden und 
mit ehrlichen \Vorten darstellen, was du all dein 
Lebtag bei mir gesehen und von mir erfahren hast. 

119 



Und w^as die Menschen zum Lohn dir in die Hände 
legen für dein lebendiges ^Vort, davon soll dein Er- 
w^erb sein." Da quoll dem Rabbi Simeon em Unmut 
un Herzen auf. ^Vohl liebte er es, vne nichts sonst 
auf der Welt, vom Meister zu reden und dessen 
^Vorte mit den eigenen Lippen nachzuformen; aber 
"wae mochte es ihm frommen, bettlergleich umher- 
zuziehen, keines Hauses — auch des geringsten nicht — 
Herr zu sein, ein ewiger Wanderer zu Gast am 
fremden Herde? So brachte er es nicht über sich, 
zu schweigen, und musste sein Tröpfchen Bitterkeit 
und Kümmernis in des Herrn Sterben fliessen lassen, 
und er sagte halblaut: „Was wird der Sinn davon sein, 
unstet und flüchtig soll ich w^erden und der ärmstePilger- 
mann hiemieden. ' Da tröstete ihn der Baalschem und 
redete ihm zu: „DeinW^eg w^ird ein lichtes Ende haben, 
Freund, und auch ein irdisches Gut w^irst du auf ihm 
finden." 

W^ie es dann alsbald geschah, dass der Meister 
sacht die letzten Fesseln löste und der Geist m das 
Ew^ige einging, w^aren die Schüler m Liebe bedacht, 
zu erfüllen, w^as der Wille des Baalschem über sie 
bestimmt hatte. Rabbi Simeon tat em W^anderkleid an 
und zog von dannen und ging von Stadt zu Stadt, 
allen Juden die Geschichten vom heiligen Baalschem 
zu vermelden. Er gew^ann Ehre davon und hatte sein 
leichtes Auskommen. Und da er noch jung w^ar 
imd mit unbeschwertem Sinn die Augen schw^eifen 
lassen konnte, gew^ann er die schönen V/ege sehr lieb, 
die über die bunte Erde führen, und im Hin- und 
W^iederziehen fühlte er keine Bangnis mehr. So 

120 



w^aren zwei Jahre und ein halbes hingegangen, da traf 
er einen alten Mann, der aus Jerusalem kam, und der 
tat ihm zu wissen, dass in Italien in einer Stadt, deren 
Namen er ihm nannte, ein reicher Jude angesessen sei 
mit grossem Besitz, der in seinem Herzen eine erstaun- 
liche Liehe trage zum heiligen Baalschem. Sein ganzer 
Sinn sei von ihm erfüllt, und all sein Trachten stehe 
darauf*, vom Meister zu hören. Da meinte Rabbi Simeon 
bei sich, dieser Jude m Italien sei der rechte Mann, 
die wunderbaren Geschehnisse, von denen er zu sagen 
wnsste, zu vernehmen. ^Varen doch seine Worte von 
dem Erhabenen über manchen törichten Sinn dahin- 
und an manchem leichtfertigen Ohr vorbeigezogen, so 
dass er w^ohl Lust spürte, vor einem w^ahren Lauscher, 
der ihm das Herz auftäte, zu erzählen. 

Er kaufte ein Pferd und rüstete sich zur Reise. 
Sieben Monate w^ährte es, bis er zur Stadt des reichen 
Mannes kam, denn er musste an jedem Orte unterwegs 
so lange verw^eilen, bis er sich durch sein Erzählen in 
den Häusern das Geld zur Zehrung für einen neuen 
Teil seiner Fahrt erworben hatte. Sogleich nach seiner 
Ankunft in der Stadt ging er in das Haus eines Juden 
und fragte nach jenem Mann, der so grosse Ehrfurcht 
für den Baalschem hegen sollte. Da erzählten ihm die 
Leute, dass der Jude, den er nannte, vor etwa zehn 
Jahren als ein Fremder in die Stadt gekommen sei. Er 
habe schon damals unerhörten Reichtum mit sich ge- 
tragen. Wemge Monate habe er hier gew^eilt, da 
sei der Letzte eines grossen, schier königlichen Ge- 
schlechtes gestorben: sein Palast und all sein um- 
hegendes Gut sei an einen fernen Verw^andten in 

i2l 



Rom gefallen, der alsbald, da er sein angestammtes 
Haus nicht lassen -wollte, den AVunsch aussprach, 
für all das hier möchte ein Käufer sich finden. Da 
nun sei der fremde Jude hingegangen und habe m 
purem Golde den grossen Kaufpreis erlegt. Und alle 
Juden des Landes seien es über alle Massen zufrieden, 
dass der fremde Mann so fürstengleich unter ihnen 
hause; denn es sei ein frommer und gütiger Segens- 
geist in ihm und über ihm. Auf dem Boden seines 
Besitzes habe er den Genossen einen herrlichen Tempel 
errichtet. Da trage seine Seele, die in einem ewigen 
niegesehenen Aufschwung zu Gottes Füssen liege, auch 
die Seelen der Lauen und \Veltlichen mit sich nach 
oben. Am Sabbat sei sein Palast jedem ehrbaren Juden 
offen, m weiten Sälen stünden die Sabbattafeln im 
Kerzenschein, im Linnen- und Silberglanz, und seit 
dem Fall der heiligen Stadt sei der Tag des Herrn 
wohl nirgend und nimmer so strahlend und herrlich 
erlebt w^orden wie hier. Und bei jeder der drei Mahl- 
zeiten des Sabbats lasse der Reiche je eine Geschichte 
vom heiligen Baalschem sich und seinen Gästen vor- 
tragen, und m Ehren w^erde jeder aufgenommen, der 
von dem Gnadenreichen zu sagen weisse. Auch sei 
der Lohn über alle Weise: am Tage nach dem Feste 
reiche ihn der grosse Jude selbst in w^ohlgeprägtem 
Gold dem Erzähler. 

Als Rabbi Simeon solches vernommen hatte, stärkte 
sich seine Seele in grosser Freude. Er entsandte nach 
dem Palast und liess da melden, ein Diener und 
Schüler des Heiligen sei in der Stadt angekommen. 
Sogleich kam der Haushofmeister, holte ihn ab und 

122 



führte ilin unter mancher Ehrenbezeugung nach dem 
Schloss, wo ihm mehrere schöne und bequeme Räume 
zu seiner ^^ohnving angewiesen -wrirden. 

Indessen hatte es sich in der Stadt selbst, ja im 
ganzen umhegenden Land unter den jüdischen Leuten 
als seltene Kunde verbreitet, dass ein Schüler des 
Baalschem gekommen sei. Und am Sabbat drängten 
sich alle, die zu hören begierig w^aren, in so grosser 
Menge wie noch nie zu den Tischen des gastlichen 
Mannes. Als die Gesänge der ersten Sabbatmahlzeit 
unter den Säulen der Halle feierlich und innig er- 
klungen waren, erhob der Hausherr das Antlitz und 
'wandte es dem Rabbi Simeon zu, und der las dann 
eine tiefe Bitte und eine sehnsüchtige Erwartung. Der 
Grosse forderte ihn mit leiser und demütiger Stimme 
auf, •w^enn er ihn und sein Haus dessen für würdig 
erachte, von dem hohen Meister zum Trost der Seelen 
zu reden. Rabbi Simeon richtete sich m seinem Stuhle 
auf, legte die Arme auf die geschnitzte Lehne und 
öffnete den Mund, um in süssen und ehrfürchtigen 
^Vorten das Bild des •wundersamen Herrn aus seiner 
Seele aufsteigen zu lassen. Und er war es gewöhnt, 
dass die Worte und Gleichnisse aus dem Leben 
des Baalschem wie von selbst aus seinen Lippen 
kamen, und dass sein Herz w^ar 'wie ein volles Salb- 
gefass, bereit, bei jedem Gedenken an den Meister 
überzufliessen. Aber wie er nun da sass, gew^ärtig, 
dass die Rede sich ihm im Munde gestalten 'würde, 
stieg ihm plötzlich von innen eine Eiseskälte auf, das 
^Vort gefror ihm auf den Lippen, er erstarrte und er- 
bleichte: dann stürzte eine siedende \Velle über ihn 

123 



hin, er erglühte und errötete, und alles Besinnen wich 
von ihm. Wie hinter einem glutroten Schleier sah er 
viele Augen an seinem Munde hängen : er tat die Lippen 
auf, seinen eigenen Laut zu hören, ah er er fühlte, dass 
er klanglos totgehoren hlieh. Es peimgte ihn die stumme 
Forderung auf all den Gesichtern, die ihm unerbitt- 
lich zuge>vandt blieben; allenthalben sah er Gedanken 
des Z-sveifels und der Vieldeutigkeit wie kleine böse 
Geisterchen darüber hinschw^irren. Da nahm er alle 
seine Kraft zusammen, um das Bild des toten Meisters 
vor seine Seele zu stellen, aber es blieb m ewigem 
Schatten und w^oUte nicht aufsteigen. Nun gedachte 
er der Stadt Miedzyborz, ihrer Häuser und Mauern 
und Gärten und all der kleinen Dinge, die ihm so 
vertraut w^aren, aber der Gedanke w^andelte sich nicht 
zum Bilde und sein Herz blieb leer. Und nichts, 
mcht der klemste Zufall, mcht die geringste Begeben- 
heit w^ar ihm gegen w^ärtig. Es -war, als ob er, am 
selben Tag geboren, nichts von der \Velt in seinem 
Sinne trüge. Tief verwirrt und beschämt brach er 
in Tränen aus und fühlte 'wre ein Feuermal bren- 
nend den Schmerz in seiner Seele, den die Missachtung, 
die nun offen auf allen Gesichtern stand, ihm zufügte. 
Sie mochten wohl glauben, er sei ein Betrüger, vom 
Geist der Lüge tückisch im Stiche gelassen, ein Falscher, 
der den Baalschem nie von Angesicht erschaut. Und 
er erlebte, wie die Leute voll Abscheu sich von ihm 
wandten. Nur der Hausherr sah ihn voll gütigen 
Verstehens und versonnen an, und er sagte : „^Vir 
w^arten bis morgen. Vielleicht kommt dir dem Erinnern 
zurück." 

t24 



Rabbi Simeon lag die ganze Nackt in Tränen und 
^vartete, dass da« Bild des Baalscbem ihn heim- 
suchen würde. Aber er blieb verlassen, und sein 
Sinn w^ar verödet. Als er bei der Sabbatmorgen- 
mahlzeit erschien, wandten sich alle von ihm ab 
oder sahen über ihn hinweg, als ob der Raum, in 
dem er sich befand, eitel Luft w^äre, und er spürte 
wohl, w^elch bittere Verachtiing aller Herr gew^orden 
^var. Der Hausherr aber sprach ihn wiederum an : 
»Vielleicht kannst du uns jetzt eine Geschichte er- 
zählen." Da redete Rabbi Simeon zu ihm und be- 
schw^or ihm, dass diese Nacht des Vergessens, in 
die sein Denken versunken w^ar, kein leer und zu- 
fällig Ding sei, sondern sicherlich von einer über- 
irdisch herrschenden Gewalt verhängt aus tiefem 
Grund und zu sinnvollem Ziel. Der reiche Mann 
antw^ortete; ,,Lasst uns w^arten bis zur dritten Mahl- 
zeit." Und Rabbi Simeon woirde auf seinem Ange- 
sicht eines stillen, demütigen und ergebenen Lächelns 
gew^ahr. Aber er war von Schmerz und Scham 
allzusehr heimgesucht, als dass er sich dessen in sich 
bedacht hätte. Auch bei der dritten Mahlzeit kehrte 
ihm die Erinnerung nicht wieder, und er litt in 
einem Abgrund der Qualen. Der Sinn der Gäste 
'w^ar gegen ihn ergrimmt, denn sie vermeinten, er 
habe sie mit falschen Worten verhöhnen wollen 
oder sein Herz Bei noch mit unerforschten Ränken 
wider sie erfüllt. Sie sagten ihm spitze und beissende 
Reden und übergössen ihn mit Spott und schimpf- 
lichen Worten. Er aber w^appnete sich in Liebe und 
nahm alles mit getreuem und unverzagtem Herzen 

i25 



entgegen, denn ganz in sich fuKlte er nun, dass allef 
dies geschehen müsse, um ein ^vunderbares Ding zu 
erfüllen. Aber sein irdischer Verstand gab sich 
nicht zufrieden, "wie sehr auch sein hohes Erkennen 
in sich ruhte. Er quälte sich gar sehr, seine Seele 
mit einer Erklärung des Geschehens zu stillem. 
So meinte er zuw^eilen, dass der Baalschem über 
ihn erzürnt sei, weil er die Heimat gelassen habe, 
um in ein Ungewisses Land zu ziehen, oder dass 
er ihn um der Ursache willen, dass sein Sinnen- 
grund nicht genug geläutert und erglüht sei, nicht 
mehr 'wert erachte, sein Leben zu erzählen. Und 
noch viel dergleichen ersann er sich, aber nichts 
drang so tief in sein Gemüt, dass es seine fragende 
Begierde erlöscht hätte. So w^aren seine Nöte ohne 
Ende, und er versank ins Gebet, ob ihm nicht aus 
dem Grunde der Andacht sein Heil entgegenschauen 
möchte. 

Am Sabbatausgang sandte sein Gastgeber ein letztes 
Mal zu ihm und Hess ihn fragen, ob er sich nun 
entsinne. Aber Rabbi Simeon fühlte den hohen Sinn 
der Dinge nicht mehr, auch nicht die Inbrunst und 
Sehnsucht, die in der Frage w^ar; er spürte nur 
noch die Bedrängnis, die man ihm antat, und die 
verdross ihn sehr, und er sprach; ,,Es liegt nicht in 
meiner Macht. Der Himmel ist es, der nicht will. 
Lasst mich nach Hause zurückkehren I" Da kam der 
Herr selbst zu ihm und sagte ihm: ,,Tue mir die 
Liebe an und verweile noch ein w^eniges, etiva bis 
zur Mitte der ^Voche, vielleicht dass uns von oben 
noch Erbarmen w^ird. Und entsinnst du dich auch 

J26 



dann nicht, so magst du scheiden und nach Hause 
zurückkehren." Rabbi Simeon achtete der Worte des 
Mannes in seinem eigenen Gram nicht allzusehr. 
Er verstand nur, dass er bleiben sollte, und er willigte 
darein, -weil er dem Herrn, der durch ihn enttäuscht 
^vordcn war, zu Willen sein mochte. 

Die Zeit aber war bald dahin, und nichts hatte 
flieh verändert. Rabbi Simeon nahm unter Tränen der 
Scham Urlaub. Der reiche Mann entliess ihn mit 
traurig gesenktem Auge und reichte ihm eine an- 
sehnliche Gabe, die ihn für die w^eite Reise und die 
vielen Nöte entschädigen sollte. Auch gab er ihm 
einen bequemen Reisewagen und Diener mit, dass 
sie ihn bis an die Grenze des Landes brächten, von 
wo ab er sich w^ohl leichter allein mit seinem Pferde 
behälfe. Der Gast stieg hinab und setzte sich in den 
Wagen. Alles war bereit, der Kutscher trieb eben die 
Pferde an, da war es Rabbi Simeon, als führe ihm 
blitzgleich ein weisser zündender Lichtstrahl durch 
den Leib. Schmerz und Seligkeit w^aren in ein Ge- 
fühl gemengt. Und als er sich auf sich selbst zu 
besuinen vermochte, war es eine gewaltige Geschichte 
von dem heiligen Baalschem, die plötzlich umahe 
mit Bildesklarheit ihm vor der Seele stand. Er gab 
«ich eine W^eile dem heftigen Entzücken hin, das 
ihn im Augenblick der Gnade überkommen hatte, 
dann hiess er den Kutscher den \Vagen, der sich 
bereits einige Strassen von dem Palast entfernt hatte, 
w^enden und kehrte zum Hause zurück, wo er einen 
Diener zum Herrn entsandte und ihm melden Hess, 
Rabbi Simeon sei zurückgekehrt, da er sich einer 

t27 



herrlichen Geschichte von dem heiligen Meister ent- 
sonnen habe. Und der Herr empfing ihn — Rabbi 
Simeon aber, der nichts als seine Geschichte sah und 
fühlte, entging die zitternde Er^vartung in seinen 
Mienen — , und er sprach: „Ich bitte dich, dass du 
dich zu mir setzest und mir die Begebenheit ver- 
meldest, deren du dich zu dieser Stunde entsannest." 
Rabbi Simeon aber erzählte ihm, ^vas folgt: 

,,Es begab sich einmal um die Zeit des ersten 
Frühjahrs, just vor den Tagen, in denen die Christen 
ihr Ostern feiern, dass der heilige Baalschem 
einen ganzen Sabbat in unsäglicher Betrübnis ver- 
brachte. In tiefer Versunkenheit ging er in seinem 
Haus umher, bange, als ob seine Seele ihn verlassen 
hätte und zu irgend einem gefahrreichen, verhängnis- 
sch^veren Kampfe gezogen wäre, und als erw^artete er 
zitternd und der Zw^eifel voll ihre W^iederkehr. Nach 
der dritten Mahlzeit, die er schweigend eingenommen 
hatte, hiess er den Wagen bereiten und die Pferde 
einspannen. Seine Sch'w^ermut und sein Zagen hatten 
w^ie eine drohend gefärbte ^Vette^wolke über dem 
Haus und den Seinen gelagert; es w^ar, als ob alle 
in einem innem Weinen aufgingen. Bei seinem Ge- 
bot, die Ausfahrt zu rüsten, aber zog ein freies Auf- 
atmen erlösend durch den Raum, denn alle wnssten, 
auf diesem^Veg ins Land nach Sabbatausgang pflegte 
sich zu schlichten und zu befreien, w^as vorher an 
Bösem und Gefahrvollem sich angesammelt und zu- 
sammengeballt hatte. 

Diesesmal w^aren es nur drei unter den Seinen, 
denen er den Segen gönnte, an der Fahrt teilzuhaben, 

\2& 



und ich war einer unter ihnen. ^Vi^ fuhren die 
ganze Nacht, und wie oft schon, kannte keiner von 
uns das Ziel der Fahrt. Als das Morgenlicht zögernd 
aufstieg, kamen >vir in einer grossen Stadt an. Die 
Pferde mässigten ihren rasenden Lauf und hielten 
plötzlich, w^ie von einer gew^altigen Hand eingehalten, 
vor dem Tor eines grossen düsteren Hauses, dessen 
Seite in einer engen Gasse lag, während der Giehel 
einem breiten Platz zugekehrt schien. Das Tor 
aber war verschlossen, die Fenster von den Läden 
bedeckt, die ganze Gasse lag öde und versch^egen 
da. Der Meister hiess mich absteigen und anpochen. 
Ich tat es und tat es eine geraume Zeit vergeblich, 
und schliesslich legte ich all mein Begehren nach 
Rast hinein, und die grauen, verschlossenen Häuser 
hallten von meinen Schlägen 'wieder. Da wurde 
eine kleine Tür, die in einem der riesigen Seiten- 
flügel des Tores eingelassen war, von innen geöffnet. 
Vor uns stand eine alte Frau mit verstörtem Angesicht, 
daraus die geröteten Augen uns trübe und verzweifelt 
anstarrten. Sie betrachtete uns eine Weile, dann 
schrie sie plötzlich auf uns ein: ,,Was treibt euch, 
dass ihr gerade heute hierher kommen musstet I Ja, 
wisset ihr denn nicht, dass ihr auf dem Wege zur 
Schlachtbank seid?" Und da ich sie ohne Verständnis 
anblickte, denn mir schien, es sei uns eine Tolle in 
den Weg geraten, zog sie uns in den Torweg und 
sprach: ,,Nun sehe ich, dass ihr Fremde seid und 
mit dem Brauch unserer Stadt nicht vertraut. Der 
ist ao: Sie haben seit etlichen Jahren hier einen 
Christenbischof, einen stolzen, unbeugsamen Mann, 

» 129 



der den Juden blutfeind ist. Der nun hat geboten, 
dass sie alle Juden, die sie am Tag vor ihrem 
Osterfest auf der Strasse finden, greifen und martern, 
um Rache für ihren Messias zu üben. Deshalb 
hüten \vir uns an diesem Tag und bergen uns zuinnerst 
in den Häusern. Das w^issen sie \(^ohl, und nun 
^9wollen sie das Los werfen, v^er von unserem Volk 
der Pein anheimfallen soll. ^Vehe ihm, er \vird 
vergehen unter ihren Händen I Euch aber," schrie 
sie und drängte uns zum ^Vagen, ,,euch, die ihr 
fremd hier seid, 'w^ird man nicht schonen I Ihr kennet 
nicht die Leute dieser Stadt, reissende Tiere sind 
sie, wenn ihr Blut entzündet w^irdl Eilet, eilet, 
suchet den nächsten Ort zu gewinnen und ^vartet 
dort das Ende dieses Unglückstages ab, ehe ihr hier- 
herkommet, eure Geschäfte zu tiinl" So schrie die 
Alte und goss ihren Schmerz über uns aus und hob 
die Hände und ballte sie gegen oben. Uns dreien, 
die w^ir den Meister geleitet hatten, ^vurde es dunkel 
im Herzen. Der Baalschem aber hatte ihrer keine 
Acht, schob sie beiseite, trat ein, hiess uns das Tor 
öffnen und Wagen und Pferde in den Ställen und 
unseren Bedarf, den wir mit uns führten, im Hause 
bergen. Er aber stand und schaute ruhig auf alles, ^vas 
nach seinem Wort geschah. Dann hiess er uns Tor und 
Tür w^ieder schliessen, und wir standen in dem grossen 
dunklen Flur. DerMeisterw^inkte uns und ging voran, 
die Treppe aus geschnitztem Holz um einige Stufen 
ersteigend. Er öffnete eine Tür, undv/ir traten in einen 
grossen, stattlichen Raum, der um ein weniges über die 
ebene Erde erhöht war. Ich stand eine Weile, ehe 

J30 



meine Augen das Zimmer übersahen, denn ob'wolil 
draussen inzwischen der helle Morgen heraufgestiegen 
'war, lag das Gemach im Dunkel. Man hatte die 
Fensterläden geschlossen und überdies die schweren 
Vorhänge zusammengezogen. Nach einiger Umschau 
^koirde ich gew^ahr, dass der Raum viele Menschen 
barg. Sie hatten sich lautlos, w^ie vor Schmerz 
und Angst der Besinnung ledig, in den Ecken und 
^^inkeln versteckt. Es mochte w^ohl der ganze 
Hausstand hier versammelt sein. Indessen war uns 
die Alte vom Hausflur hereingefolgt, w^einte und 
widerstritt in heftigen Worten dem Baalschem, dass 
er eingedrungen sei und am Ende damit gar das 
Unglück über ihr Haus herbeiziehe. Er antwortete 
ihr aber nicht, sondern durchmass die Stube mit grossen 
Schritten und hielt bei einem der Fenster, das von 
einem halbrunden Ausbau ins Freie ging. Er streckte 
gelassen die Hand aus und schob die Vorhänge 
zurück, hierauf öffnete er die Fenster und die 
hölzernen Läden dahinter und stand nun mit seiner 
ganzen Gestalt gegen den offenen Rahmen. Die 
Morgenhelle und eine klare Luft strömten herein. 
Die Alte w^agte nicht mehr laut zu reden, aber sie 
bedrängte den Meister mit verzweiflungsvollen Ge- 
berden, dass er w^ieder schliessen und sich zurück- 
ziehen möge. Da er aber gar nicht auf sie sah, 
•ank sie endlich schw^eigend neben den andern zu 
Boden. 

Das geöffnete Fenster aber, das uns nun den freien 
Blick gCAvährte, ging nicht in die enge Gasse, durch 
die w^ir angekommen waren, sondern auf jenen grossen 



Platz, dem die Giebelseite des Hauses angehörte. 
Inmitten sah ich eine Kirche aus weissem, edlem 
Gestein, die z'wei schlanke, spitze Türme gegen oben 
sandte. Gerade unserem Fenster gegenüber, an der 
Aussenseite des Gemäuers, >var eine Kanzel an- 
gebracht, ^vunderbar anzuschauen, ^vie ein geöffneter 
Blütenkelch. Sie war herrlich geziert mit erhabenem 
Bildwerk und goldenem W^andschmuck. Etw^a 
dreissig steinerne Stufen führten zu ihrer Höhe. 
Als der Meister aufgetan hatte, w^aren noch w^enige 
Menschen dagew^esen, aber sie mehrten sich von einer 
Minute zur andern, sammelten sich und umstanden 
jetzt schon in gew^altiger Menge die Kanzel. Und 
alsdann dröhnten die Stimmen vieler Glocken über 
uns hin und machten die Luft in dem Zimmer er- 
beben. Draussen unter den Menschen -wurde eine 
Bewegung bemerkbar, ein Schieben und Drängen, 
und dann wurde in der dunklen Menge eine breite 
lichte Strasse, und es erschien im prächtigen Aufzug 
mit Fahnen, Lichtern und Räucherwolken unter 
seinem silbernen Baldachin der Bischof. Nun w^ar 
alles still gew^orden und wartete, der Bischof aber 
in seinem gleissenden brokatnen Gew^and stieg die 
Stufen zur Kanzel hinan. Dort versank er anscheinend 
in ein stilles Beten, sich zur Predigt zu bereiten, 
und die ganze Menge kniete lautlos. 

Der Meister aber stand unentwegt in dem offenen 
Fenster und sah hinaus. Plötzlich sprach er mit 
heller Stimme in eben dieses lautlose Schw^eigen 
hinein: ,,Simeon, gehe hinaus und sage dem Bischof: 
Israel, der Sohn Eliesers, ist hier und lässt dich 

132 



rufen." AI0 die Leute, die mit uns im Zimmer 
ivaren, diese Worte hörten, kam eine wilde Angst 
über sie und Hess sie selbst die Furcht vergessen, 
die sie vorher getrieben hatte, sich in den Ecken 
zu bergen. Sie fuhren insgesamt auf und umringten 
den Baalschem und schrien auf ihn ein. Ein alter 
Mann sagte ihm, bebend vor Zorn: ,,^Ver bist du 
denn. Verruchter, der du einen jüdischen Mann zu 
dieser Stunde dem Henker in die Hände lieferst!" 
Und sie verfluchten ihn aus der Bitterkeit ihrer 
gefolterten Seelen. Er aber stand, als rührten ihre 
Worte ihm nicht an Ohr und Verständnis, sah 
mich bedeutsam an und sprach: ,,Geh, Simeon, geh 
schnell und fürchte dich nichtl" Und ich, der ich 
einen Gedanken lang gestanden und wider die Furcht 
in meinem Herzen gestritten hatte, erkannte nun 
meinen Herrn wie zuvor und ging ohne Zagen durch 
die Menge zur Kanzel, und keiner hat auch nur 
ein ^Vort gesprochen oder einen Finger an mein 
Gew^and getan. Und ich schritt die Hälfte der 
Stufen hinan, bis ich innehielt und den Bischof in 
hebräischer Sprache anredete: ,,Der Baalschem ist 
hier in jenem Hause. Er lässt dich rufen, dass du 
zu ihm kommen mögest." Da gab mir der Bischof 
in der gleichen Sprache Erwiderung: ,,Ich w^eiss 
von seiner Gegenw^art. Sage deinem Herrn, dass 
ich sogleich nach der Predigt bei ihm erscheinen 
w^erde." Und ich w^andte mich und ging durch 
die Menge über den Platz und trat in das Haus. 
Die Leute aber, bei denen w^ir w^eilten, hatten in 
der Beängstigung ihrer Sinne sich an die ver- 

133 



schlos0enen Fenster geschlichen, um durch die 
Spalten auf den Platz zu blicken und zu sehen, 
^vas mit mir sich begeben würde. Und sie sahen, 
dass ich heil durch die Menge zur Kanzel kam, 
mit dem Bischof Zw^iesprache hielt, wie mir ge* 
heissen ward, und ungefährdet "wieder heimkehrte. 
Da fassten sie, dass es etwas Grosses um unseren 
Meister sein müsse, der dem Geist der Blutgier 
gebot, und als ich in das Zimmer trat, gewahrte 
ich sie meinen Herrn umringen und ihm Abbitte 
tun. Aber so w^ie er früher nichts um ihr Schelten 
gegeben hatte, so achtete er jetzt ihres Lobes nicht. Er 
hörte unbeirrt nur auf meine Botschaft, als seien er 
und ich allein im Hause. Als er mich vernommen 
hatte, lächelte er ein w^eniges und sprach zu mir: 
„Kehre um, geh noch einmal zur Kanzel und sage 
dem Bischof: ,Sei kein Narr und komme sogleich, 
denn es ruft und lädt dich der Mann Israel, der 
Sohn des Elieser'." Ich tat nach seinem Geheiss 
und schritt wieder zur Kanzel. Als ich auf den 
Platz trat, hatte der Bischof eben begonnen, zu 
predigen. Ich stieg hinan und zog ihn ein wenig 
an seinen Mantel, dass er meiner gewahr werde. 
Da hielt er inne und sah mich an, und ich 
w^iederholte die Worte des Baalschem. Ich be- 
merkte, dass sein Angesicht sich bei meiner Rede 
verfärbte; dann w^andte er sich zum Volk und 
sprach: ,, Habet für eine kleine Weile Geduld. Ich 
w^erde zurückkehren." Er folgte mir über den 
Platz durch die Menge in seinen gold' und blumen- 
gestickten Gew^ändem, die hohe goldene Mütze auf 

134 



dem Haupt, und also trat er in das Haus und 
trat vor meinen Meister, den heiligen Baalschem. 

Sie gingen beide in ein besonderes Zimmer, ver- 
schlossen die Tür hinter sich und verharrten so 
an die zwei Stunden. Dann trat der Baalschem 
allein heraus. Er war hoch aufgerichtet, und in 
seinen Augen leuchtete die Herrlichkeit Gottes. Er 
befahl vms, eilig Wagen und Pferde zu rüsten, und 
ohne Besinnen und Umschau fuhren wir von dannen. 

Ich 'weiss nicht, "was z'wischen dem Bischof 
und unserem Meister sich ereignet hat; auch den 
Namen der Stadt w^eiss ich bis heute nicht, denn 
der Baalschem hat ihn uns damals und später nicht 
kund getan. Ich w^eiss nur, dass es ein Grosses 
w^ar, das der Heilige gewirkt hatte, als er aus 
jener verschlossenen Stube trat, denn der Geist des 
Herrn leuchtete gewaltig von seiner Stime, und er 
'w^ar anzusehen vwie ein Cherub aus den Heerscharen. 
Nach seinem Tod habe ich versäumt, Nachfrage 
nach jener Begebenheit zu halten, denn ich hatte 
sie alsbald nach unserer Rückkehr völlig aus den 
Gedanken verloren, und heute erst, eben als ich 
dieses Haus verlassen hatte, entsann ich mich ihrer 
w^ieder." 

Als Rabbi Simeon schw^ieg, stand der reiche Mann 
auf, sank -wortloa in die Knie, streckte die Hände 
gegen oben, und Tränen stürzten aus seinen Augen 
nieder. Endlich rang sich ein Strom glühender 
Dankes-worte von seinen Lippen, und er pries Gott 
mit unendlichem Lobe. Dann sprach er zu Rabbi 
Simeon: ,,Mein Freund, gesegnet sei dein Kommen, 

>35 



und gesegnet ein jedes deiner ^Vorte. Ich weiss, 
dass die lautere Wahrheit aus deinem Munde kam. 
Ich i^rill dir kundtun, w^as von der Begebenheit dir 
dunkel blieb. Wisse, dass ich jener Bischof bin, 
den du gerufen hast. Und wisse, dass ich dich 
erkannt habe, sowie du mein Haus betratest. 

Ich w^ar einst ein Jude, erfüllt mit der w^ahren, 
w^underbaren ^Veisheit, und eine geheiligte Seele 
w^ar mein eigen. Da gew^ann der Geist der bösen 
Mächte Gew^alt über mich und beherrschte mich 
völlig, also dass ich vom Glauben abfiel. Und da 
meine Seele stark und fruchtbar blieb und voll des 
Feuers w^ar, gew^ann ich bald hohes Ansehen unter 
den Gläubigen meines neuen Bekenntnisses. Ich 
nahm die W^eihen ihrer Kirche, stieg immer höher 
in ihren Würden, und bald beherrschte ich als 
Bischof alle Seelen des Landes. 

Gross aber war mein Hass gegen mein einstiges 
Volk, und immer höher schw^oU er an jedem neuen 
Tage. Denn wisse: in den Nächten, w^enn meine 
Seele w^ehrlos -war und vom bösen Geiste allen 
Gew^alten preisgegeben, kam die Scham des Ab- 
trünnigen zu mir und erwürgte mir alle Ruhe. Tags 
aber, w^enn ich gewappnet "war mit dem Schilde 
des Versuchers, nahm ich Rache für die Unrast 
meiner Nächte, und da schürte ich das böse Feuer 
und nährte alle Tücken in den Seelen meiner Ge- 
meinde gegen die Kinder des Volkes, das ich ver- 
leugnet hatte. Ich hiess sie grausame Racheostem 
feiern und vergiftete den Juden alle Tage des Jahres 
mit bitterer Angst. 

136 



Nun aber war es so, dass meine jüdischen Ahnen 
ein glaubensstolzes und ehrenhaftes Geschlecht dar- 
stellten, das ein grosses Verdienst vor dem Herrn 
aufwies, und manch einer von ihnen hatte mit 
dem Blute seines Herzens den hohen Bund besiegelt. 
Meine Missetat hatte den Frieden ihrer Ew^igkeit 
gestört; im Schmerze versammelten sie sich und 
suchten den heiligen Baalschem heim und baten 
ihn, dass er sich meiner verfallenen Seele erbarme 
und zu meiner Lösung wirke. Da kam der Geist 
des Heiligen in nächtlichen Träumen zu mir und 
rang mit dem bösen Geiste, der mich besass. Sie 
waren beide gew^altige Kämpfer, und ich -wurde 
zwischen ihnen hin- und hergerissen wie ein arm- 
seliges Blatt im feurigen Sturm. An jenem Sabbat 
der Juden aber, der dem christlichen Osterfest 
voranging, w^ar der Geist des Heiligen Tag und 
Nacht mir zur Seite, und schon hatte er meinen 
\Villen gew^onnen, und in der Nacht beschloss ich, 
am Morgen zu fliehen, alles zu lassen und zu dem 
Volk meiner Kindheit wiederzukehren. 

Aber mit dem Tage stieg der Zw^eifel in mir 
auf, und als die Glocken nach mir riefen und die 
Menge w^artend die Kirche umgab, die Diener mir 
die goldenen Gewänder auf die Schultern legten, 
da vermochte ich nicht, all dem Glanz auf Erden, 
all der Macht über den Menschensinn zu entsagen, 
und ich schritt hinan zur Kanzel. Da entsandte 
dich der Heilige, mich zu rufen. Ich aber w^ollte 
vorerst meine Predigt sprechen, denn an meinen eigenen 
Worten, am entzündeten Gemüt derer, die mich 

137 



umringten, gedachte ich meinen Willen zu stärken, 
um dann vor dem Meister in meinem Trotz be- 
stehen zu können. Du riefst zum z'weiten, und 
siehe, da verliess mich aller Widerstand, und ich 
folgte, wie ein Kind in der Dämmerung dem Ruf 
der Mutter nachgeht. 

Ich kam zum Meister, und er rang um meine 
Seele und gewann sie. Er \vies mir den Weg, 
■wie ich mich von meiner Schuld erlösen könne, 
und ich w^urdc zum Büsser von dieser Stunde an. 
Vor dem König und vor allem Volke bekannte ich 
mein Verfehlen; dann zog ich aus dem Land. Ich 
kam hierher und verbrachte meine Jahre in der 
Läuterung meiner Seele und erwartete den gött- 
lichen Losspruch. Denn w^isse, der Baalschem hat 
mir verkündet: ,Wenn einst einer zu dir kommt 
aus fernem Land und dir deine Geschichte erzählt, 
deute es als das Zeichen der Befreiung aus den 
Ketten deiner Taten.' Und als du kamst und alles 
Geschehene deinem Gedanken entrückt w^ar, da ver- 
stand ich, dass dies um meinetwillen sei, weil ich 
das Meine noch nicht vollbracht habe. Und ich 
versenkte mich aufs neue in die Tiefen der Hin- 
gabe. Nun aber, da du dich entsannest, w^eiss ich, 
dass mir geholfen ist. 

Du aber, mein Freund, w^irst nun eine Stätte 
haben und nimmer flüchtig sein auf Erden; denn 
alles, "was mein ist, w^ill ich mit dir teilen, aus 
dessen Munde mir das Wort der Lösung kam." 



138 



DIE NIEDERGESTIEGENE SEELE 

ES WAR UNTER DEN VIELEN KINDER- 
\oaen Ehefrauen, die mit Bitten und Be- 
/ drängen um das W^under zum Baalschem 
kamen, ein W^eib, das regelmässig in bestimmten, 
kurzen Zeitfristen w^iedcrkehrte , um zu seinen 
Füssen zu •weinen und ihm den Mangel ihres Lebens 
still ans Herz zu fesseln. Von ihr kam kein lautes 
Heischen, kein gewaltsam überfliessendes Schluchzen 
und Begehren. Sie erschien und verschwand ohne 
viele ^^orte, doch mit einer stummen, stählernen 
Zähigkeit und einem hartnäckigen Brand in den 
Augen. Als der Baalschem sie zum erstenmal 
unter seinen Besuchern gesehen hatte, war sie ein 
lieblich jugendfrisches Geschöpf gewesen. In den 
Jahren aber, da aic in ihrer eindringlich schweig- 
samen Art oftmals wiedergekehrt war, wxirde ihr 
Antlitz vergilbt und ihre Gestalt so hager, als sei 
alles hinw^eggebleicht und hinw^eggezehrt vom grossen 
^/^unsch und von den vielen \Vanderwegen, denn 
die Stadt, wo sie vermählt und behaust war, lag 
weit vom ^Vohnort des Meisters. 

Da« war dem Heiligen w^ohl bekannt und griff 
ihm innig ans Herz. Als sie einstmals wieder 
das schmale, stille Haupt vor ihm beugte, die dunklen 
Augen von lautlos rieselnden Tränen benässt, flehend 
mit dieser einzigen, ehrfürchtigen Geberde, legte er 
ihr seine Hand auf den Scheitel und hielt eine 
lange \Veile nachsinnend inne. Sein Auge sah 
w^eithin, wie da« Auge eines, der aus einer dahin- 

$99 



gegangenen Feme eine lange Reihe vergangener 
Bilder auf>veckt. Dann atmete er tief auf, schaute 
auf sie nieder und sagte mild: ,,Geh heim, Weib, 
du wirst in Jahresfrist den Sohn gebären, auf den 
deine Seele hofft I" Das Weib ging also hinweg. 
Und sieben Jahresläufe w^urde sie nimmer vom 
Meister ersehn. Darnach fand er sie eines Tages 
^eder mit einem herrlichen Knaben an der Hand 
unter der Schar derer, die ihn zum Fürsprech ihrer 
Seelen erkoren. ,, Meister," sprach sie, ,,sieh hier 
das Kind, das mir nach deinem Worte geboren 
w^urde. Dir bringe ich es dar, deim w^isse, ich 
zittre um sein ^Vesen, das nicht aus meinem ge- 
boren scheint, 'wie sein Leib aus meinem Leibe. 
Und ich bin bange, dass sein Anblick und Besitz 
mein und meines Mannes geringen Sinn zur Hof- 
fahrt verführen möchte." Der Baalschem sah auf 
das Kind, und es war ihm, als hätte er niemals 
etw^as so Anmutiges und Stolzes ersehen wie dieses 
kleine Geschöpf in seinem dürftigen Ge'wändchen. 
Auch das zarte Wesen schaute auf, aber keinesw^egs 
nach Kinderart, scheu oder zutraulich, vielmehr 
ernst und schw^er senkte es seine Augen in die des 
Meisters ein. Es w^ar ^e ein Fragen darin oder 
ein schwermütiges Suchen. Der Baalschem hob 
das Kind hoch auf seine Arme und fragte das 
Weib: ,,W^ie kann dein Herz es verwinden, ihn 
von dir zu lassen, um den du all die Jahre deiner 
Jugend mit Gott gerungen hast?" Da antwortete 
das Weib: ,,Herr, als der Knabe zum erstenmal 
seine Augen auftat und mich ansah, mit fremden 

140 



Blicken 'wie von 'weither, da zog mein armes Herz 
sich zusammen in Staunen und Scheu, als ob er 
nicht meines Blutes -wäre. Mit seinem fernen 
Auge hat er alsdann, als er grösser wxirde, über 
unser kleines Haus hin'weggesehn und über all 
unser Tun und ist mit uns gew^esen gleich als 
ein Gast und nicht als unser einer. Ob er auch 
still und gut "war und mir w^enig Nöte mit seines 
Leibes Bedürfen antat, Meister, es ist ein ew^iges 
Zuwarten und Aufhorchen in seinem kleinen Gesicht 
und ein ganz seltsames ^^esen über ihm. Da sank 
uns gar bald der Mut, dieses Kind zu leiten und 
aufzuziehn, denn uns dünkt, w^er ihm Führer sein 
will, der muss w^eiter sehen, als wir beiden armen 
Leute. Darum biete ich ihn dir!" 

Der Baalschem nickte sch'weigend und entliess 
die Frau, den Knaben aber nahm er unter sein 
Hausgesind auf. Und er gew^ährte ihm, heranzu- 
"wachsen, seinem Herzen allzeit nahe, und speiste 
seine Seele mit dem grossen, heiligen Feuer des eigenen 
W^esens. Er liebte ihn mit einer blühenden, reichen 
Liebe, w^ie man eines einzig teuren Freundes Kind 
hält. Der Knabe aber hing seinem Pfleger mit 
einer Treue an, die so brennend als ehrfürchtig 
^^ar, und kannte kein seligeres Genügen, als mit 
dem Heiligen die Luft eines Raumes zu atmen 
und still geduldet jedes Wort seiner Rede aufzu- 
saugen. Und derart w^ar das Kind im Stand der 
hohen Gnade, dass es allen Staunen schuf, die ihn 
sahen, und in aller Herzen Gefallen ge'wann. Es w^aren 
viele unter den Reichen, die ihn gern ihrem Haus 

141 



2ur Ehre gewonnen hätten und ^villens "waren, ihn 
einer Tochter zu vermählen. Und es schickte sich, 
dass sie dem Meister davon redeten. Der aber gab 
ihnen nur geringes Gehör und wehrte sie so leicht- 
hin lächelnd ab, w^ie man ein gänzlich Unmögliches 
abstreift. So gedieh in allen die Meinung, es sei dies 
darum, dass keine der Verbindungen ihm genug des 
Glanzes für den Pflegesohn vcrheisae. So gebot 
ihnen die Ehrfurcht vor dem Meister, ihren ^/^unsch 
zu vergessen. 

Da geschah es eines Tages, dass der Baalschem 
einen Vertrauten zu sich beschied und ihn in eine 
entfernte Stadt gehen vmd alldort einen Mann auf- 
suchen hiess, dessen Namen er ihm zu wissen tat. 
Diesem hiess er ihn ein Schreiben reichen, dass er 
in seine Hände legte. Der Bote ging wie ihm be- 
fohlen w^ar und kam nach zw^eier Wochen Wander- 
schaft in den genannten Ort und forschte in den 
Häusern der Frommen nach dem Manne. Allein, 
es zeigte sich, dass keine Seele den Namen kannte. 
So ging Tag um Tag hin, und nichts w^urde dem 
Suchenden kund, so dass sein Mut schon sank und 
Beschämung ihn befiel, als er eines Abends einem 
ältlichen, gebückten und armseligen Juden begegnete, 
der einen Korb frischer Gartenfrüchte feilbot. Da 
er ihn von ungefähr nach seinem Namen fragte, 
"w^ies es sich, dass er es sein musste, dem das 
Schreiben des Baalschem bestimmt war. Da der 
Bote dies erkannt hatte, reichte er ihm den Brief, 
obgleich es ihm gar sonderbar erschien, w^as der 
Heilige diesem geringen und töricht aussehenden 

i42 



Manne ao wichtiges mitzuteilen haben möchte. 
Allein alsbald zeigte sich, dass der Händler des 
Lesens keineswegs kundig w^ar, und so eröffnete der 
Bote den Brief und las ihn ihm vor. Da >var ge- 
schrieben, dass der Meister für seinen Pflegesohn 
des armen Mannes drittgeborene Tochter zum W^eibe 
heische — es war ihr Name und Alter genannt — , 
und femer, dass er w^illens sei, die Aussteuer und 
Hochzeit aus seinem Gute zu besorgen. Auch 
^voUe er dem Vater fürder Beistand tun, falls es 
ihm an irgend einem Dinge mangle. ».Bist du also 
zufrieden?" fragte der Bote den Alten. ,,Ach, Herr", 
sagte der und lachte über sein ganzes vergrämtes Ge- 
sicht, ,,w^ie sollt ich es w^ohl zustande bringen, da un- 
zufrieden zu sein? Hab ich nicht das Haus voller 
Töchter, die barfuss gehen und sich um den raren 
Bissen untereinander balgen? Und gar dies Kind, 
das der Erhabene seinem Knaben zum Weibe be- 
gehrt? Sie ist viel zu vornehm für meine Armut, 
geht und tut ihr Tage'werk, als ob sie im Traume 
w^andle, und setzt ihre Rede, dass ich alter Ein- 
fältiger kaum weiss, w^as sie da sagt!" 

Des nächsten Tages brachen sie auf, zum Baal- 
schem zu ziehen, der Bote und der alte Jude mit 
seinem Kind. Als sie im Haus des Meisters an- 
gelangt w^aren, gab er dem Vertrauten reichen 
Dank und Lohn, den Vater mit seiner Tochter 
aber nahm er liebreich auf und tat ihnen viel Güte 
an, dass sie in Freude und Heiterkeit auferstanden 
w^ie die Pflanzen am Morgenlicht. Alsbald bereitete 
•ich das Haus zur Hochzeit. Das Segensgeleit aber 

143 



sprach der Baalschem selbst über die jungen Leute. 
Als das Mahl seinem Ende zuging und alle, die um 
die blanken Tafeln sassen, freudigen und feierlichen 
Herzens waren, begann der Heilige, fast ^vie achtlos, 
nur zum Nächsten ge^vendet, und erzählte mit leiser 
Stimme eine Geschichte. An seinen Mienen jedoch 
und am Ernste seiner wunderbaren Augen erriet 
ein Jeder, dass dieses Ding, von dem er zu reden 
anhub, aus der Urquelle seines Wissens kam und 
an den Sinn dieses heiligen Tages rührte. So 
wurden sie aufhorchend stumm und unterliessen 
jegliche Hantierung, das Antlitz und das W^esen 
dem Meister zugew^andt. Das Brautpaar aber fasste 
sich an den Händen und lauschte, ■wie in die eigene 
Seele hinein horchend, vom Geheimnis umfangen. 

Die Geschichte lautete also: 

Es herrschte einst ein 'w^eitgebietender König in 
einem fernen Lande, der w^ar sehr traurig durch 
viele Jahre, denn sein Gemahl hatte ihm kein Kind 
geboren. 

Und da er nach seinem Hingang all seine hohe 
Macht und das Reich nicht seines eigenen Blutes 
Sprossen lassen konnte, starb ihm im Herzen der 
letzte Freudenfunke und der Anblick seiner Thron- 
güter und seines Landes edle Friedensblüte machten 
ihn nimmer froh. Also sprach er von dieses 
Schattens nächtiger Düsterkeit über seinem einst 
strahlenden Leben mit einem grossen Magier jener 
Tage. Der hörte ihm w^ägend zu, lächelte böse 
und vielsagend und redete alsdann: ,,Mein Herr^ 
es liegt ein jegliches Ding daran, dass wir die 

144 



Oberen zwingen mit heftigem Ansturm der -wün- 
schenden Seele und mit nimmermattem Ringen, 
unserem Begehren nachzugeben. Es mag aber sein, 
dass du ermüdet bist ob deiner Schwermut. So 
harre ein kleines, ich will dir Helfer schaffen im 
Rufen und im Streit. Folge nur meinem Rat ohne 
Besinnen und lasse noch heute im Lande wissen, 
dass du es verhängest über das Volk der Juden, 
das unter deinem eingeborenen Volke haust, es möge 
solange verurteilt sein, seines Glaubens und seiner 
Sitten zu vergessen und ihrer nimmer zu pflegen bei 
Todesnot, bis der Himmel dir den Sohn und Erben 
deiner glorreichen Herrschaft gew^ährt." 

Obzwar der König mit nichten begriff, ^e m 
in der Meinung des Magiers um das bestellt w^ar, 
ivaa er dartat, und wie all dies mit einem Erbea 
seines Blutes, den er also ge'winnen sollte, zu' 
sammenhing, w^illigte er gleichwohl in den Vorschlag 
und Hess die Kunde verbreiten rings in allen seinen 
Landen. Da erschrak ein jeglich jüdisches Herz 
in seiner schmerzlichsten Tiefe, und Scheu und 
Kummer krochen in die Seelen. \Veil die Juden 
aber ihrem Glauben ergeben waren, Hessen sie 
nicht von ihm, sondern dienten ihm wohl unter 
Zagen, aber in gleicher Treue w^ie ehedem, in 
dunklen Nächten und heimlichen Verliessen, in 
stählern gehüteter geheimnisvoller Gemeinschaft. 
Und so kam es, dass die Seelen, die des Tages in 
den Krallen jenes bitterbösen Tieres, das da Angst 
heisst, stumm und verschlossen waren, des nächtens, 
Tvenn ihnen niemand ihren Gott wehrte, auf- 

1« 145 



stöhnten in hellem und loderndem \Vehe, und wie 
Sturmwind gewaltig stiegen ihre vereinten Bitten 
auf| der Herr möge dem König das Kind senden, 
das sie aus knechtischer Schande und Bitterkeit 
befreie. Und so schaurig w^ar ihr Schrei und so 
inbrünstig ihre Ausdauer, dass die Himmel von der 
Unruhe und dem Andrang erregt wxirden und die 
heiligen Seelen, die unentw^egt in der Freude Gottes 
bestehen, wieder irdisches Leid mitzufühlen be- 
gannen und mit erzitterten in dem grossen Jammer- 
ruf. Aber der Sinn des Allerhöchsten blieb also 
ruhevoll, als teile nicht der leiseste Seufzer einer 
Kreatur die seligen Lüfte. Da wnrde eine der 
verklärten Seelen so gar w^underbar vom Gefühl 
des süssesten und brennendsten Mitleidens ergriffen, 
dass sie die Scham beiseite tat und herrlich glühend 
vor dem Thron des Ew^igen erschien und bat: „Du, 
dessen Namen ich nicht nenne, li^sse mich wieder- 
kehren zur Erde, von der du mich erlöst hast, auf 
dass ich, dem König zum Sohn geboren, durch 
meine Einkehr in die Menschheit das Judenvolk 
freimache, das in seinem Jammer meine Seligkeit 
mit Weh verdunkelt." Und der Herr gew^ährte es. 

Dem König -wurde der Sohn geboren, nach dem 
sein Sinn verlangte. Allein in der völligen Be- 
glückung vergass der König die Juden und unter- 
liess es, ihre Not nach seinem Wort zu beenden, 
und es war keiner im Land, der ihr Fürsprech beim 
Herrscher geworden wäre. 

Das Kind aber w^ar über alle Massen schön von 
Angesicht und liebreizend in seiner Seele und von 

U6 



frühen Jahren an dem sinnenden Ernst und der 
^Veisheit hold. Es -wies sich späterhin, als es zum 
Jüngling wurde, dass an seinem lauterklaren Geist 
die Lehren seiner Erzieher erbleichen mussten wie 
trügerisches Metall, und so kam der König in eine 
wahrhafte Not, w^en er seinem Sohn zum Führer 
bestelle. Just in jenen Tagen jedoch w^ar rings im 
Land viel des Aufhebens um einen alten Fremd- 
ling, der vor kurzem erst nach der Königsstadt ge- 
kommen und von dessen Herkunft wohl viel des 
Vermutens aber keine sichere Kunde war. Obz'war 
der greise Mann keinen suchte und den Markt und 
die Gassen mied, erzählte man sich doch vieles von 
seinem unerhörten AVissen und einer seltenen Macht 
seiner stolzen und gütigen Seele, die ihn da und 
dort, w^o die Not es heischte, zum Berater und 
Helfer w^erden Hessen. Auch sprach man viel von 
den eigentümlichen Gewohnheiten seines Lebens- 
die ganz und gar von jenen abw^cichen sollten, deren 
man in jenem Land und zu jenen Tagen pflegte. 
Das Ende all dieser Betrachtungen war, dass das Volk 
w^ähnte, er sei höheren Gew^alten verbunden oder gar 
verschw^istert, und grosse Ehrfurcht vor ihm gew^ann. 
Auch dem König wurde davon geredet, und es kam 
soweit, dass dieser in dem geheimnisreichenMann den 
rechten Lehrer für seinen einzigen Sohn erblickte und 
ihn vor sich rufen Hess und von ihm verlangte, dass 
er bei ihm ^vohne und den Königssohn erziehe. 
Der w^eise Mann w^ar w^illens, das Begehren des 
Königs zu erfüllen, w^enn ihm ein Bedingen, das 
er stellte, erfüllt würde. ,, Wisse," sprach er, ,,dass 

jo» J47 



im Kreislauf eines jeglichen Tages für mich Stunden 
kommen, da meine Seele meinen Leih ver^vaist und 
zum Firmament aufsteigt, einem e^vigen Geheisa 
Folge zu leisten. In dieser Zeit ist mein Leih 
todesgleich und meine Sinne sind verschlossen, w^er 
meiner gewahr wird, scheidet mein ^^esen für 
immer und fallt mit mir dem Tod anheim. Darum 
w^illst du, dass ich in deinem Hause w^ohne, gehiete, 
dass zu jenen Stunden, in denen ich mein Gemach 
verschlossen halte, keiner hei mir eindringe, mit 
Gew^alt nicht, noch mit ListI" Das gelohte der 
König mit seiner Rechten und gah es allem Haus* 
gesind w^ie seinem eigenen Sohn zu w^issen, dass 
nach seinem Willen der Wunsch des Weisen zu 
achten sei hei eines jeden eigenem Lehen. 

Der Königssohn gewann eine starke Liehe zu 
dem Alten und "war ihm mehr zugetan denn 
seinem eigenen Vater. Nur dass der Lehrer ihm 
zu Zeiten gebot, ihn zu verlassen, tat ihm bittern 
Schmerz, und nach Art der Jugend setzte er dem 
Manne zu, mit Schmeicheln und Bitten, er möge 
ihn in jenen geheimen Augenblicken um sich dulden, 
ohne dass ihm jemals Gewähr 'ward. Da verbarg 
er sich eines Tages in einem \\^inkel des Gemachs, 
hinter einer Tür, die auf einen Söller führte, und 
harrte mit pochenden Pulsen. Als der Meister den 
Raum verriegelt hatte und nach einer \Veile alles 
still wxirde, trat er heraus und fand seinen Lehrer 
an einem Tisch sitzend über einem alten Buch, 
bekleidet mit dem Gebetmantel und mit den Gebet- 
riemen gekrönt. Der Alte aber sah ihm voll 

US 



Kummer und Schrecken sch>veigencl ins Angesicht. 
Da "wxirdc dem Jüngling recht wehe und er sprach: 
,,Ich habe Euch mit nichten betrüben wollen, der 
ich Euch im Grunde meiner Seele getreu bin. 
Doch nun w^ürdigt mich Eures Vertrauens und 
saget mir, w^elcher Art dies seltsame Gebaren 
ist, das ich an Euch bemerke." Da erzählte der 
Alte, dass er, von Geburt und Abstammung ein 
Jude, durch das Gebot des Königs seines Glaubens 
vcrw^iesen also zur Heimlichkeit verurteilt sei. Der 
Jüngling wnrde begierig, etwas von den Gesetzen 
und vom W^esen dieses Glaubens zu erfahren. Der 
Lehrer tat ihm den Willen, da er ihm im Gemüte 
hold w^ar. Alsbald gewann der Königssohn eine 
Neigvmg zu den heiligen Schriften, und der Lehrer 
unterwies ihn nun Tag für Tag in grossem Eifer 
und Geheimnis. Das alte wundermächtige und 
heldenhafte Leben, das aus den ehrwürdigen Zeichen 
aufstieg und in dem jungen Geist lebendig wxirde, 
überkam den Knaben, und er fühlte, da58 er alles 
dieses fürdcr nimmer in Verborgenheit ge'winnen, 
sondern offen bekennen und erwählen müsse. Das 
sprach er seinem Lehrer aus. Der aber riet ihm, er 
möge, w^enn dem also sei, Stand und Ehren und allen 
Glanz der Zukunft dahinw^erfen und in der Stille 
nächtens mit ihm fliehen in ein fernes Land, wo sie 
unbekümmert und unangefochten der Lehre leben woll' 
ten. So war es der Jüngling zufrieden, und sie gingen 
hin^veg, eilends, mit Schw^eigen und unter grosser 
Vorsicht, dass keiner ihres \Vege8 gewahr wxirde. 
Also kamen sie in ein Land, da das Judenvolk 

149 



in Frieden seines Glaubens pflegte. Hier lebten 
sie mehrere Jahre in Abgeschiedenheit. Der Jüng- 
ling wurde unter der Leitung des Meisters und 
durch der eigenen Sehnsucht brennende Bestrebung 
ein Grosser in der Erkenntnis und ein Begnadeter der 
Mysterien. Damach fügte es sich, dass ein heiliger 
Zaddik aus uraltem, erhabenem Geschlecht in jene 
Stadt kam, wo die Juden ihn in hohen Ehren 
empfingen Auch der Königssohn und sein Lehrer 
eilten herbei, den Heiligen zu grüssen. Dabei begab 
CS sich, dass der Jüngling durch seine edle Führung 
und die grosse Lauterkeit, die von ihm ausging, das 
Wohlgefallen des Zaddiks so sehr gewann, dass er 
ihm seine einzige Tochter zur Ehe bot. Als der 
Königssohn die Hochzeit beging, sprach er zu dem 
jungen Weibe: ,,Ich habe eine Bitte an dich, Teure, 
an diesem Tag: es ereignet sich zuw^eilen, dass in den 
Augenblicken der Erhebung mein Leib w^ie leblos dar- 
nieder liegt und einem Toten gleich sieht. Dann 
mögest du mit nichten dich dem Schmerz hingeben, 
noch Zeugen herbeirufen, dass sie mich etw^a beleben, 
sondern gleichmütig und in Frieden die Zeit er- 
warten, da meine Seele freiw^illig in den Bezirk 
des körperlichen Lebens zurückkehrt." 

Das Weib, das so holden als tapferen Gemütes 
w^ar, versprach dies -wohl zu achten und tat es auch 
hinfürder, sow^ie die Umstände es geboten. Sie w^ar 
dem Manne eine sanftmütige und glückliche Gesellin 
und die beiden weilten all ihre Zeit in liebreicher 
Gemeinschaft. Da ereignete es sich einstmals, dass der 
Gatte in eine ungew^öhnlich tiefe Verzückung verfiel, 

150 



in der sein Leib w^ahrlich totengleich verblieb. Die 
junge Frau ertrug den Anblick anfangs gefassten 
Mutes, alsdann aber, als die übliche Spanne Zeit ver- 
strichen war, überkam sie eine betäubende Angst, 
•ie w^ollte Menschen herbeirufen, entsann sich aber 
des Verbotes und sank alsdann still an der Seite 
des Leblosen in verz'weifeltem Harren nieder. Nach 
langen Stunden zeigten sich an dem Körper des 
Entrückten die ersten Spuren der 'wiederkehrenden 
Belebung. Er richtete sich auf und kam langsam 
zur völligen Besinnung. Die Frau -wollte ihn freudig 
grüssen, allein er erwiderte still und w^ehmütig ihre 
fröhlichen W^orte, und es war ihr, als ob sein Blick 
mit einem zagenden, zarten Mitleiden auf ihr ruhe. 
Auch blieb er den ganzen Tag in sich gekehrt und 
versonnen. Des Abends fragce ihn die Frau mit 
liebevollem Drängen, w^as ihm das Herz belaste, er 
möge ihr nichts versch-weigen. Da antwortete er 
ihr; ..Wisse, Geliebte, dass mir heute, als ich in 
den ew^igen Höhen w^eilte, eine bittere Kunde ge- 
w^orden ist. Um meiner Geburt w^illen und um 
der ersten Jahre meines Lebens, die ich in Gepränge 
und eitler Weltlichkeit am Königshofe gehalten 
w^urde, ist mir ein höherer Aufstieg der Seele verwehrt, 
es sei denn, dass ich den Tod ergreife und dannw^ieder- 
geboren werde von einem armen, reinen und demütigen 
W^eibe, Darum bitte ich dich, mein Liebling und mein 
Gemahl, dass du eines Sinnes mit mir seist, und mir, 
der voll Sehnsucht ist, gew^ährest dahinzugehen ohne 
Verzug.** Es sprach die Frau in leuchtender Liebe: 
.,Icfa bin es zufrieden, w^enn du mich mit dir sterben 

J5J 



läflst und ^irenn ich mit deiner Seele >viederum zur 
Erde kehre und alsdann in deinem verjüngten Leben 
aufs neue dir als Weib vereint -^erde." 

Sie legten sich zum Todesschlaf selbander und 
gingen im gleichen Atemzug vereint dahin. Und 
es verging hier unten ein Mass der Zeit, in* 
dessen ihre Seelen ins Dunkel tauchten, da man die 
Zeit nimmer misst. Und dann kehrten sie i^ieder. 
Der Mann wurde von einer Demutsreichen in der 
Stille der Armut geboren, und das Weib sah in 
eines Dürftigen Hütte wieder ins irdische Licht. 
Und siehe, ihre Kindheit und die Jahre ihrer Jugend 
w^aren ein langes, ungew^usstes Suchen nach dem 
Unbekannten, das ihnen im Grunde des Herzens 
schlief Sie sahen über das Leben und ihre Nächsten 
hinaus mit fremden, irrenden Augen dem Gemahl 
ihrer Seele entgegen und w^aren nur zaghaft, w^eil 
sie, seit sie aus den Fluten des Vergessens aufgestiegen 
waren, nicht mehr ^oissten, was sie erwarteten. Und 
ihr, Freunde, ihr alle sollt w^issen, dass sie sich 
gefunden haben und sich begegnet sind auf dem neu 
bestrahlten ^Vege ihrer Jugend, und dass sie hier 
Bräutigam und Braut mild vereint unter euch 
sitzen." 

Da w^ar ein grosses Bewegen in aller Herzen, als 
der Baalschem schwieg, und über aller Stirnen lag 
ein Glanz wie vom Begreifen aller Wandelgänge 
der Ew^igkeit. 



152 



DER PSALMENSAGER 

IN EINER STADT UNFERN DER STADT 
des Baalschem lebte ein reicher Mann, der zu 
den stillen seltenen Zeiten seiner Einkehr in 
•ich selber dem Dienste Gottes gar hold war, ge- 
meinhin aber dem bunten Treiben und einer herz- 
haften Geselligkeit hingegeben die Güter seiner 
Seele brachliegen Hess. Er hatte wohl oft von 
dem Heiligen gehört und wusstc, dass alle Frommen 
ihn heimsuchten, doch mied er ihn von jeher, sei 
es, dass er eine Scheu vor ihm trug, sei es, dass 
er von jeglichem Tag mit irgend einer Last w^elt- 
Ixchen Glückes beladen keinen Drang nach dem 
hellen Frieden des Meisters verspürte. Der Baal- 
schem aber woisste um ihn und um sein Leben, "wie 
um das aller Kreatur, und liebte ihn auf eine heim- 
liche Weise aus der Feme. Denn der sorglose 
Mann war im Grunde seines lärmenden \Vesens 
von einer triebhaften grossen Güte, die, bisw^cilen 
vom Begehren nach der Lustbarkeit überwuchert, 
vom jäh aufw^allenden Zorn verdunkelt, doch immer 
wieder kräftig hervorbrach und vielen Armen und 
Bedrängten ein bescheidenes Genügen im Schatten 
•eines breiten, reichlichen Daseins gew^ährte. 

Als er einmal wiederum in sich schaute, fand er, 
dtLB» er etwa« für die Ehre Gottes tun müsse, und 
beschloss gesammelt und voll Demut, eine Thora 
schreiben zu lassen. Als die Stille aus seinem Herzen 
verflogen war, blieb wohl der Wille zurück, allein 
die Demut hatte ihn verlassen, und er begann die 

153 



Ausführung auf aeine Art mit vielem Prunk und 
Glanz. Ein berühmter und sehr kunstreicher Thora- 
schreiber wurde berufen. Dann Hess der Reiche 
selbst die auserlesensten Tiere schlachten, verteilte 
ihr Fleisch unter die Armen, Hess die Häute zu 
Pergament verarbeiten und auf sie die heiligen Bücher 
schreiben. Das Werk w^ährte eine lange Zeit und 
war vollendet die Rede und das Staunen der Stadt. 
Der Besitzer hatte ihm eine kostbare Lade und 
eine Hülle aus edlem Stoff mit Zieraten au» 
Metall und Steinen bereiten lassen. Als alles 
fertig dastand, gab er der Stadt ein Fest. Nicht 
die Armen und nicht die Missgünstigen schloss er 
aus, sondern nahm alle in sein Haus auf zum Mahle, 
denn er wollte, dass sein stolzer Gottesdienst ein 
Freudenfeuer in allen Seelen entzünde. 

Es währte schon drei Tage, dass sein Haus sich 
zu jeder Stunde aufs neue mit Menschen füllte, 
die sich an die langen Tische setzten und assen 
und tranken, und i^ine Diener hatten all die Nächte 
flieh des Schlafes envehren müssen. Unter ihnen 
w^ar einer, ein schlichter und redlicher Mann, der 
Psalmensager zubenannt, w^eil die heiligen Gesänge 
nicht aus seinem Munde w^ichen; er gesellte sie 
aller Arbeit, die er tat, und sagte sie auf eine schöne 
und seltsame Weise, nicht w^ie ein Buch der Schrift, 
sondern w^ie die Klage eines Menseben, der leidet 
und Gottes Ohr an seinem Munde fühlt. Der 
Reiche kam oft leise herbei und hörte ihm zu, 
und sein Herz sang mit dem Singenden. Es w^ar 
ihm, als töne in dem Lied des Mannes die Stille, 

154 



die ihn selber so selten heimsuchte, und ^vie um 
ihr zu gehorchen, ehrte er ihn und hielt ihn niemals 
ZVL harter Arbeit. In den Tagen des Festes aber 
hatte der Psalmensager gleich den andern Knechten 
unablässig bei Tische aufwarten und den Gästen 
dienen müssen. Doch hatte ihn der Hausvater 
den Besuchern zugeteilt, die er vor allen wert 
hielt und in seiner eigenen Stube bew^irtete. Da 
begab es sich am Abend des dritten Tages, dass 
die Gäste das Handwasser zum Segen der Waschung 
vor der Mahlzeit begehrten; sie riefen den Diener, 
und es w^ies sich, dass er nirgends zu finden war. 
Da ging der Herr selbst im Hause umher, ihn zu 
suchen, und fand ihn nach einiger \Veile in einer 
der Bodenkammern in seinen Kleidern auf einem 
Bette schlummernd. Er rief ihn an, aber der 
andere war tief im Schlaf befangen und gab nicht 
Rede und Antw^ort. Da stieg dem Herrn der 
Grimm auf, er riss den Liegenden an den Schultern 
hoch und schrie ihm zu: ,,Geh zum sch'w^arzen 
Jahr, du Psalmensager I" Der Diener sah dem 
reichen Mann mit starren Augen ins Gesicht. Dann 
sprach er: ,,Herr, Ihr wähnet schlecht, wenn Ihr 
glaubet, es sei da keiner, dem armen Psalmensager 
sein Recht zu schaffen." Der Herr aber achtete 
seiner Worte gering und begab sich w^ieder zu seinen 
Gästen. 

Als er ein geringes später vom Saal auf den 
Flur des Hauses ging, um etw^a Neuangekommene 
zu begrüssen, trat eben ein fremder Mann zum 
Tor herein, nach der Art eines Dieners im Ge- 

155 



wände, der sprach ihn an und sagte: ,,Herr, mein 
Gehieter hat ein Ding mit Euch zu bereden, das 
ist von ^Dichtigkeit und mag keinen Aufschub 
leiden. Darum bittet er Euch, da ihn einiges ab- 
hält zu Euch zu kommen, Ihr möget die kleine 
Mühe nicht scheuen, in den ^Vagen zu steigen, der 
vor Eurer Tür steht. Der W^eg ist kurz und die 
Pferde schnell, Eurer Zeit "w^ird geringe Einbusse 
geschehen." 

Der reiche Mann wunderte sich ob des fremden 
Dieners und ob der sonderbaren Sache, aber etwas 
lähmte sein Bedenken, verbot ihm die Frage und 
drängte ihn vorwärts. Im leichten Hausgew^and 
stieg er in den Wagen, und das Gefährt bewegte 
sich eilends von hinnen. Der Mond schob sich 
gelb und >vächsern den Himmel herauf, gross und 
noch nie erlebt. Nach einer Weile, die dem Mann 
nicht kurz noch lang schien, bemerkte er, dass der 
Hufschlag der Pferde verstummt w^ar und der 
W^agen dennoch w^eiter raste. Es w^ar kein Weg 
mehr, und rechts und links war nimmer, keine Luft 
um ihn, und nichts, dessen sein Erkennen sich hätte 
bemächtigen dürfen. In ihm war alles in ein 
Staunen gelöst, ohne Erw^artung oder Angst. Er 
fühlte, er hatte den Schritt hinüber getan, und was 
gegolten hatte, galt nun nicht mehr. 

Da hielt der W^agen an. Er folgte einem Zw^ang, 
der 00 unfassbar als bestimmt w^ar, und stieg aus. 
Im selben Augenblick gewahrte er, hinter sich 
blickend, dass der Wagen, dessen Tritt sein Fuss 
noch vor einer Sekunde berührt hatte, verschw^unden 

156 



M^ar. Er stand in einem hochstämmigen AVald, 
dessen Bäume wie ragende Säulen aufschössen, 
schlank und glatt; die Kronen aber sah er nicht, 
Ttreil sie zu hoch sich 'wölben mochten und weil 
ein milchw^eisser Nebel zw^ischen den Stämmen 
^i^ar, der ihm die Sicht benahm. Unter seinen 
Füssen war klirrender Frost. Ihn fror mit schnei- 
dendem Schmerz an allen Gliedern. Das zw^ang 
ihn vorw^ärts, schw^ieg auch sonst sein Wille und 
all sein W^esen, dem zumute w^ar w^ie einem Kind, 
das diesen Augenblick in eine gar fremde Welt 
geboren w^urde. Er ging und ging und es schien 
ihm, als ob in dem milchigen Dunst, der statt einer 
Luft w^ar, Gesichter auftauchten, ein W^allen und 
Bew^egen von Gestalten, nicht dichter als dieser 
Nebel selbst und völlig in ihn verschmolzen. Er 
wanderte durch all dies hindurch, und sein Gehen 
w^ar ohne Mass und Vergleich -wie vordem seine 
Fahrt, bis vor ihm in der W^eite ein Licht aufstand, 
das, den Dunst durchstrahlend, ihn nach einem 
Ziele lockte. Dieses wies sich als ein Haus, ver- 
schleiert vom Nebel, und die Lichtquelle war die 
Tür, die offen stand und jene klare Helle aus- 
strömen Hess. 

Er ging heran, und da er auf der Schw^elle stand, 
klärte sich der Nebel zu einer krystallenen Luft, 
die unbeweglich stand. Er trat in eine Stube, deren 
Decke aus starken Balken Avar und ganz altersbraun, 
aber Wand und Boden waren frisch und strahlend 
^^eiss. Die Stube war von einer süssheimlichen 
Wärme erfüllt. Sieben hohe Lichter brannten fcst- 

157 



lieh in einem Ständer auf dem mächtigen Tisch und 
flammten starken Duft aus ihrer Leuchte. An 
den Wänden standen Stühle mit aufstrebenden 
Lehnen, alte dunkle Stühle, aber umfangend und 
gebieterisch fast w^ie Throne. Sonst gewahrte der 
Eingetretene nichts, als einen ungeheuren grünen 
schimmernden Ofen, der eine Ecke des Raumes 
füllte. Bang und wie traumbefangen trat er näher, 
w^agte nicht Tisch noch Stuhl zu berühren, sondern 
barg sich hinter dem Ofen, zu w^arten, w^er allda 
käme. Da sass er, und die gläserne Luft sang 
seltsam in seinen Ohren. 

Alsdann traten Drei in die Stube, je einer in 
kurzer Frist nach dem andern, und w^aren uralte 
Männer, gebeugt und dennoch so hoch, dass ihr 
Haupt an die Balken der Decke zu rühren schien. 
Haar und Bart wallten eisgrau und es war, als 
habe die Zeit sich in ihren W^ellen verflochten. 
Hinter dem Schatten der w^eissen Wimpern barg das 
Auge Sonne und Blitz. Das Gew^and der Drei w^ar 
schlicht, Leinen und Fell, allein ihr W^esen w^ar 
von solcher Art, dass der Mann hinter dem Ofen 
zur Stunde wusste, es habe der Vater- und Königs- 
name vor diesen nimmer zu Recht bestanden. Sie 
grüssten einander mit grossem sanftem Grüssen mit 
der Erzväter Namen und Hessen sich in die Stühle 
nieder und ruhten stumm w^ie nach langer W^ande- 
rung. Indes sie sassen, trat ein Vierter ein, der 
war nicht so alt und nicht so gross, doch mit des 
Herrschers Gewand und Geberden angetan. Er 
neigte sich, wie ein Enkel sich ehrfürchtig dem 

J58 



Ahnen neigt, und sie grüflsten ihn mit Davids, des 
Königs, Namen. Und er erhob seine Stimme, und 
es wzr, als ob die Luft vor ihrem Grimm erbebte, 
und die Lichter schienen einen Augenblick lang zu 
versprühen, als er sagte: , .Einen Rechtsstreit, o 
Väter, habe ich wider den Mann, der hinter dem 
Ofen sitzt!" Dem Verborgenen rissen die Worte 
die Brust auf, als dränge ein Schwert in sie, und 
seines eigenen Herzens Schläge empörten sich wider 
ihn: über ihm stand nichts mehr denn das Grauen. 
Die Väter aber hoben die Häupter zu lauschen. 
Da, so fühlte der Mann, tat sich zw^ischen Ge- 
schehen und Geschehen ein Abgrund auf» und 
ein ungeheures Rad stand irgendw^o stille. 

Der König sprach: „Der sich hier verborgen 
hält, hat der Unbill eines Atemzuges w^egen mit 
der Verwünschung seines Mundes über einen ^»^ehr- 
losen Knecht die letzten Greuel geschleudert. Und 
diew^eil der Knecht mein Diener w^ar vor allen 
und auf seinem Munde mein Lied nicht erstarb, 
bin ich aufgestanden zu seiner Hut und heische 
hier sein Recht, und dass der es beugte des Todes 
sei um seines Frevels \villen." 

Dem Reichen in seinem Versteck w^ar, als ob 
sein Blutkreis allbereits stocke über dem Königs- 
wort; und grösser als alle erdgeborene Angst war 
•eine Angst und Not. Er hob das Auge, dass es ihm 
den letzten Blick gönne, da sah er jenseits des Tisches 
einen Mann stehen und erkannte ihn als einen, dem 
er im Leben zuw^eilen von ferne begegnet war und 
den sie den \Vundertäter und den Meister des 

J59 



Namens genannt hatten. Der Mann aber stand dem 
König aufs Haar gegenüber und trug das Haupt 
koch und in seinen Augen -w^ar ein Blitzen "w^ie 
von blauem Stahl. Und er fing des Königs 
letztes Wort auf, da es noch die Luft schnitt, 
und erhob seine Stimme wider ihn und sprach, 
indes die Väter mit stummem Haupteswenden gross 
und vertraut zu ihm herüberschauten: ,, Bruder 
David, kommst von den Himmeln, und ist mir doch, 
als sässest noch auf deinem Throne zu Jerusalem F 
^Villst ein Böses mit Böserem tilgen, w^illst ein 
geringes \Veh mit unleidlichem ^Veh stillen, w^illst 
ohnmächtige Rache reinigen mit zündender Rache?" 
Da antwortete ihm der König, und sein Wort flog 
w^ie ein Felsblock, geschnellt von Gipfel zu Gipfel: 
,,Du spotte mir nicht, Bruder l Ich bin nicht um 
Rache gierig, es ist um Strafe und Gerechtigkeit! 
Oder ist dies deine Meinung, dass der getreue 
Knecht getreten w^erde und sein Peiniger stolz und 
straflos verharre?" 

Aber die Stimme des Baalschem stand auf und 
w^ar gew^achsen im Schw^eigen w^ie eines Erzengels 
Stimme, die die Ew^igkeit geschmiedet hat im Funkeln 
der Elemente. Und er sprach also: ,, Bruder und 
König, siehe, es ist ein Fremdling bei mir zu Gast, 
und hat des jungen Hirten w^eiss-rotes Angesicht 
und blanke Augen, und lasten gleichw^ohl Binde und 
Reif auf seiner Stirn, die ohne Schatten ist — — 

König, eines Königs Seele ist mit mir. Sie kam 
zu mir, als ich durch des \Veibes Leib dieses neue 
Mal zum Leben w^iederkehrte. Und in Stunden 

(60 



der Nacht, wisse, redet sie, geschmiegt an meines 
Ohres ^W^urzel, und ist ganz scheu und ist mir 
ganz vertraut. Und redet aus Urtiefen, aus 
Schmerzensahgrund: ,Ich habe hei ihm gestanden, 
als er zum Treuen sprach: ,Geh hinab zu deinem 
Hause', und habe vernommen, als er am andern Tag 
zu ihm sprach: «Warum bist du nicht gangen zu 
deinem Hause?' und war mit ihm am Tag, der 
nach diesem kam, da er den Brief schrieb: .Stellet 
ihn vor den Streit, da er am härtesten ist, und 
"w^endet euch hinter ihm ab, dass er erschlagen 
^'erde und sterbe I' Zu der Stunde habe ich mich 
von ihm gehoben mit Blut und Schmerzen, und 
bin ^'und von der Stunde anl'" 

Da hob David die Stirn unter dem Reif, und 
Stirn und Krone glänzten, und er sprach, und ein 
tiefer Strom lief unter seiner Stimme hin: ,,Ich 
bin in des Ungeheuers Rachen zutiefst getaucht 
und bin ans Licht gestiegen, und meines Mantels 
Saum Avar schwarz und klebte von geronnenem 
Blut, und ich habe mein Lied mit mir herauf- 
getragen. Denn mein Lied ist mir geboren aus 
Sünde und Befleckung, und ist aufgestiegen, und 
^^ar Friede zw^ischen Ihm und mir." 

Nach diesen \Vorten des Königs geschah es, dass 
das Schw^eigen vom Boden aufstand und zwischen 
die beiden trat. Da stand es ragend zw^ischen 
beiden und sah zu ihnen nieder. Und unter seinem 
Blick wandelte sich das Antlitz des Baalschem. 
Geheimnisse und Klarheiten glitten darüber und es 
"WUT ZU schauen, ^vie ^^enn das Firmament seine 

II i6t 



Landschaft mählich entschleiert und hinter den 
Wolken öffnet sich der krystallene Plan. Alsdann 
redete der Baalschem, und auch seine Stimme war 
gewandelt: „Dein Lied ist die diamantene Brücke, die 
hinauffuhrt aus dem Kessel der Verw^orfenheit an 
Gottes Herz. Und w^enn es im Ohr des Sündigsten 
erklingt, ist es eine goldene Kette und bindet ihn 
an Gottes Hand. Und wenn es in einer Nacht 
aus der Brust des Unholds aufstöhnt, ist es ein 
Engel und trägt ihn über die Sphären und bettet 
ihn in Gottes Schoss. Als dein Lied mich an der 
Hand nahm, vergass ich die Gerechtigkeit, und als 
es mir zulächelte, entschw^and mir alles Gegenüber." 

Da beugte der König sein Haupt vor dem Meister, 
und aus dem Zeitlosen rauschte eine grosse Be- 
w^egung empor, w^ie wenn ein Geheimnis sich erfüllt 
und untergeht. 

Dem Mann hinter dem Ofen fuhr ein w^eisser Strahl 
über die Augen. Er stand in seinem Haus und 
hielt die Klinke seiner Stubentür. Da w^aren die 
Gäste und wxischen ihre Hände vor der Abend- 
mahlzeit. 



t62 



DER ZERSTÖRTE SABBAT 

-^ ^ r-IE IN JEDER WOCHE FUHR DER 
\ \ / Baalachcm damals bei Sabbatausgang 
\ Y aus der Stadt, und mit ihm Ovaren 
die drei seiner Schüler, die die drei Davide ge- 
nannt Tvurden, nämlich Rabbi David von Nikolaje^^, 
Rabbi David Pirkes und Rabbi David Leikes, und 
der Diener Aleksa, der die Pferde lenkte. Und ge- 
meiniglich war es so, dass der Meister Richtung und 
Schnelligkeit der Fahrt ohne alle Rede mit seinem 
Willen bestimmte, und der Diener Aleksa mochte 
seinen Rücken den Pferden zuwenden, sie brachten 
den AVagen zur ge'wiinschten Zeit an die ge'wünschte 
Stelle. Diesmal aber fühlte der Baalschem, wie 
sein \Ville ohnmächtig w^ar dem starken Zug der 
Tiere gegenüber, und er sah, wie sie den W^agen 
einem unbekannten Ziel zuführten und keinen 
Befehl des erschrockenen Kutschers annahmen. Da 
wollte er umkehren und rief es laut und fasste 
selbst die Zügel, aber er hatte keine Macht über 
die Pferde, und sie liefen, dem Geheiss seiner 
Hand entgegen, in scharfem Trabe w^eiter, wohin 
der unsichtbare Zw^ang sie trieb. So kamen sie in 
eine AVildnis und zogen den \Vagen hinein, bis 
ringsum kein Pfad und kein Ausblick war, und 
irrten nun in knappem, gleichmässigem Schritt in 
der Wildnis umher. Dies w^ährte drei Tage, vmd 
der Baalschem trug es wie ein Verhängnis, gegen 
das keine Menschenseele zu murren w^agen kann, 
aber die Schüler sassen betäubt und elend da, und 

if {63 



der Diener Aleksa gebärdete sich wie toll, als ob 
er nie noch mit seinem Herrn Wundersames und 
Furchtbares erfahren hatte. Nach den drei Tagen 
aber kam ein neuer Trieb in die Pferde, und sie 
rannten aus der ^/^ildnis in einen darangrenzenden 
Wald und zerrten den Wagen in das tiefste 
Dickicht hinein. Da blieben sie stehen und 
-wieherten behaglich, als w^ären sie in den Stall 
zurückgekehrt und hätten das schönste Futter vor 
sich. Die im W^agen aber konnten nicht mehr scheiden 
zwischen Tag und Nacht. Sie nährten sich kümmer- 
lich von den geringen Vorräten, die sie mitgenommen 
hatten, und kein Schlaf kam über sie, so überstark 
hielt die Bangigkeit ihre Herzen umfangen. So 
vergingen Stunden und wieder Stunden. Aber 
eine kam, da erkannte der Baalschem an der sieben- 
fachen Traurigkeit, die in seine Sinne drang, dass 
der Vortag des Sabbats herangebrochen war, und 
er w^usste nicht, w^ie er mit seinen Schülern den 
hohen Tag empfangen und ehren könnte. Da drang 
die Traurigkeit von seinen Sinnen in seine innere 
Einsicht, und er fühlte, w^ie ein schwellendes 
W^asser über all seine Weisheit hinströmte und 
sie verschlang. In der tiefen Not sass er da und 
schaute vor sich hin und spürte eine trostlose Er- 
müdung sich über alle seine Glieder hinziehen und 
verfiel endlich in einen schw^eren, stumpfen Schlaf. 
Da kam eine Hoffnung in die Seele der Schüler, 
denn sie woissten die Heiligkeit, die um den 
Schlummer ihres Meisters allezeit webte, und w^ie 
ihm, was im Wachen düster und verworren er- 

164 



«ckien, im Traum flieh klärte, tind wie da aus aller 
Trübe die reine Gestalt der Wahrheit sich in 
strahlender Erscheinung hob; denn der Mund der 
Dinge suchte das Ohr des Meisters, wenn er mit 
geschlossenen Aussensinnen lag und flein Geist 
sich dem inneren Worte eröffnete. Aber der 
Baalschem erwachte in einer dumpfen und ruhe- 
losen Weise, und die Starrheit, die auf ihm lag, 
w^ar fast zur Lähmung gew^achsen. Dies w^ar der 
Augenblick, da die Verzweiflung aus dem Wasser 
oder aus der Mauer oder aus den \Volken hervor- 
kriecht und den Menschen ansieht. Schon züngelte 
sie heran, schon suchte ihr roter Blick den, der 
der Herr der Geheimnisse gew^esen w^ar und nun vom 
letzten Wissen verlassen sass : da reckte er sich auf 
und hob den Arm und deutete mit zitterndem Finger 
in die Feme. Siehe, da w^ar ein Licht m der Feme, 
ein kleines, schw^ankendes Licht hinter tiefem Ge- 
strüpp. So liessen sie den AVagen und gingen mühe- 
voll dem Lichte zu, und allgemach erleuchtete sich 
ihnen das Angesicht der Erde, und die ew^ige Sonne 
stand über ihren Häuptern, und sie sprachen: „Gesegnet 
SCI der Herr, und gesegnet sei sein Name!" Im Lichte 
aber sahen sie in der Feme ein kleines Haus, das lag 
w^ie ein matter grauer Fleck mitten in dem dunkeln 
Grün des ^^aldes. Sie gingen auf das Haus zu. Vor 
der Tür stand ein riesenhafter, stiernackiger Mann, 
gekleidet nach der Art jener Leichtfertigen, die die 
gute Sitte der Väter verachten, mit rotgelbem, strup- 
pigem Haar und ungeschlachten, baren Füssen : auch 
"waren die Schaufäden des Gesetzes an seinem Ge- 

165 



"wände nicht zu sehen. Er stemmte die Fäuste in die 
Seiten, sah die Herankommenden hohnvoll an und 
schwieg. Sie verneigten sich vor ihm und fragten: 
„Ist es gew^ährt, dass wir den heiligen Sahhat in Eurem 
Hause feiern?" Da sehne er sie mit greller Stimme 
an: „Ich will euch nicht und leide es nicht, dass ihr 
üher meine Schw^elle tretet. Kenne ich euch nicht? 
Euer Gesicht redet von euch. Chassidim seid ihr, 
tragt eure Frömmigkeit zu Markt und predigt auf den 
Gassen. Geht, mein Nacken ist Erz gegen eure nichti- 
gen Worte. Ich hasse euch, euch alle hasse ich von 
gestern und ehegestem und von je her. Mein Vater 
hat euch gehasst und mein Grossvater, meinem ganzen 
Hause seid ihr verhasst. Darum geht eilend von 
hinnen, denn ich will euer Gesicht nicht mehr sehen. 
Sie aher trugen seine ^Vorte m Schw^eigen und fragten 
nur: „So wollet uns sagen, oh es in der Nähe andere 
Wohnstätten giht, dahin wir uns wenden könnten, 
um den heiligen Sahhat zu feiern." Da lachte der 
Mann hoch auf und ne£ in grimmigem Lachen: 
„W^ieviel Zeit ihr gehraucht haht, um hierherzu- 
kommen, so viel Zeit und mehr hraucht ihr, his ihr 
an einen anderen Menschenort kommet." Als er dies 
gesagt hatte und in der gleichen Weise w^eiter und 
weiter lachte, als könne er nimmer aufhören, w^ollte 
ihnen der neue Mut, der zu ihnen gekommen w^ar, 
schier w^ieder entschwinden. AherRabhi David Pirkes, 
der jüngste der Davide, der sonst nie ein ^Vort 
sagte, sondern in der Schar der Schüler schw^eig- 
sam und versonnen zu sitzen pflegte, trat hervor und 
sprach zu dem Mann, gar leise und friedfertig: „Es 

i66 



mag sein, dass dieses und jenes in deinem Sinne "wider 
uns redet. Aber ist es wahrhaft so, dass du in deinem 
^^illen trägst, uns m die A\^ildnis hinauszustossen? 
Sieh, der Sabbat ist dein und unser Heiligtum, und 
\^enn wir uns in ihm ergehen, müssen wir irgendw^o 
und irgendw^ann auch deinen Schritten begegnen. 
^\^illst du den Sabbat der Zukunft verderben? Sieh, 
der Herr ist dein und unser Gott, und Tvenn du deinem 
Rasen gebietest und erschw^eigst und deine Seele zu- 
rückrufst im Schweigen, wirst du es verspüren, wie 
in diesem Augenblick er dich anschaut aus dem Herzen 
der ^^elt.** Da w^ar der Mann still vmd sah von 
einem zum andern, ohne zu sprechen. Aber Rabbi 
David von Nikolajew^, der älteste der Davide, der 
sich -wohlbew^andert glaubte in dem Treiben des 
Menschengemütes und auf den Wegen der heimlichen 
Menschenabsicht, sprach: „Bedenke auch, dass \«ar 
kein Geschenk begehren. Vielmehr wollen wir dir 
zahlen, w^ieviel du auch fordern magst, und sei es das 
Zehnfache dessen, w^as allerorten üblich ist." Der 
Mann jedoch sah mit verächtlichem Lächeln über ihn 
hinw^eg und wandte sich zu dem Jüngsten und sagte 
in einem brummigen und unw^irschen Ton: „So sei 
es. Aber glaubet nicht, dass ihr mir in mein Haus 
euren Sabbat bringen dürfet. Hier herrscht mein 
Brauch und mein Gesetz allein. Daher merket auf, 
w^as ich über euch verfuge. Fürs erste w^eiss ich 
w^ohl, ihr bringt viel Zeit damit zu, euch zum Gebet 
zu bereiten, und achtet nicht, w^ie w^eit es im Tag 
sei, und w^artet, dass die Gnade euch erfasse. Aber 
hier gilt das Dasitzen und Ausschauen mcht, ich bete 

167 



ab, was zu beten ist, und dann gehe ich ans Essen, 
denn ich bedarf vieler Speise und muss oft und 
schnell meinem Hunger Genüge tun. Fürs zweite 
kenne ich eure Art, zu beten, wie ihr schreit und tobt 
und einer lauter als der andere zu Gott reden w^ill. 
Aber hier ist kein Raum für den Lärm eurer Ver- 
zückungen, und ich w^erde mich und meine Leute von 
euch nicht belästigen lassen. Fürs dritte liebt ihr es, 
an dem Mahl zu mäkeln und w^ie rechte Narren des 
langen zu erw^ägen, ob dies und jenes für euch 
Chassidim rein sei; das soll euch hier nicht beifallen." 
Solch Verkennen und Entstellen der heiligen Sitten 
und das Verbot, dass sie nicht geübt w^erden sollten, 
w^ar dem Baalschem und den Seinen eine harte 
Schickung, aber sie hatten keinen Weg vor sich als 
diesen, und so stimmten sie zu und versprachen, sich 
in alles zu fügen. Da hiess er sie eintreten. Sie 
kamen in eine enge und kahle Stube. Als sie sich 
eine Weile auf den Boden ausgestreckt und von der 
schwersten Müdigkeit befreit hatten, fragte der Baal- 
schem, ob in der Nähe sich ein Bach oder ein Wasser- 
behälter befinde, -wo sie ein Tauchbad nehmen 
könnten zu Ehren des Sabbats. Da geriet jener von 
neuem in Wut und sehne: „Habe ich es mir doch 
gleich gedacht, dass ihr ein elendes Diebsgesindel 
seid! Ihr w^oUt nur herumspähen, w^o ich mein Gut 
verw^ahre. Wahrlich, ich nehme eure Siebensachen 
und w^erfe sie hinaus und euch dazu!" Da mussten 
sie lange flehen und Versöhnung erbitten, bis er sich 
wieder geneigt zeigte, sie zu behalten. 

Der Baalschem und die Seinen sassen nun da und 

168 



sahen dem Mann zu, der in der Stube aus- und ein- 
ging, und verwunderten sich über ihn, denn sie hatten 
noch nie einen Menschen gesehen, der so plump und 
roh und unsauber war wie dieser. Auch in der Stube 
w^aren Boden und Wände besudelt, und w^eder Tisch 
noch Bank standen da, sondern vier Pfähle w^aren in 
die Diele eingerammt, und darauf lag ein unbehobeltes 
Brett. Bald bemerkten sie, dass dies der einzige 
W^ohnraum war, denn wohl gab es andere Stuben 
im Haus, aber »ie waren alle verschlossen, und die 
Türen w^aren grau vor Staub und mit Spinngew^eb 
bezogen, als ob sie nie geöffnet w^ürden. Auch w^ar 
nirgends ein lebendiger Hausgenosse zu sehen, nicht 
einmal eine Katze oder ein Vogel. Der Abend war 
nah, und noch erblickten sie nirgends w^eder Geräte 
noch Speisen zu Ehren des Sabbats. Der nesige Mann 
ging müssig umher, schnitt zu'w^eilen eine Schnitte 
von einer ungeheuren ^Vassermelone ab, die in einer 
Ecke lag, und steckte sie in den Mund. Dann ging er 
■wieder einher und summte vor sich hin nach Art 
der Bauern. Die Gefährten befiel em Schrecken, er 
könnte gar des Sabbats nicht achten und ihm die 
Weihe versagen, der alle Juden in der Welt mit 
heiligem Eifer dienen. Da nahm er aber em Stück 
grober, ungebleichter Lemw^and und breitete es auf 
•einem elenden Tische aus. Darauf legte er einen 
kleinen Haufen Lehm, bohrte mit dem Finger em 
Loch hinein und tat darein eine armselige \Vach8- 
kerze. Nun begann er die süssen und holden Worte, 
mit denen seit Urzeiten ^^oche für W^oche in allen 
Ländern der Erde der Sabbat als die Braut imserer 

i69 



Seele empfangen wird, in eitler Eile herzusagen, -wie 
die Toren tun, die die Laute schlingen und den Sinn 
des ^^ortes ersticken. In einem Augenblick hatte er 
das Gebet vollendet, und die Gäste mussten desgleichen 
tun, von ihrem Versprechen gebunden. ^Vle sehr 
sie auch sein Wesen und sein ^ViUe peinigte, konnten 
sie doch in der Heiligkeit des Abends keinen Hass 
'Wider ihn hegen und riefen ihm zu: „Gut Sabbat!' 
Er aber schnaubte sie zur Antwort an: „Ein böses 
Jahr komme über euch!" Und als sie den Sang an- 
stimmen wollten: „Friede sei mit euch!", fuhr er auf 
sie los und machte sie sch'weigen. Dann schickte er 
sich an, den Segen über den Wein zu sprechen. Sie 
baten ihn, er möge ihnen ^^ein geben, damit sie selbst 
den Segen tun könnten, aber er w^eigerte ihn und nef : 
„W^enn ihn alle segnen w^oUten, wHirde das Licht 
bald dahin sein. Lasst nur mich es für euch tun. 
Und so nahm er den Becher zw^ischen zw^ei Finger 
und murmelte die W^orte vor sich hin. Sodann tat 
er den Mund w^eit auf und goss den Wein hinein, 
dass nur ein paar Tropfen auf dem Grunde des 
Bechers blieben. Die reichte er ihnen und sagte: 
„Da, ihr Saufbolde, aber trinket nicht zuviel, dass 
ihr euch nicht berauschet." Nun legte er ein hartes, 
schimmeliges Brot aus schw^arzem Mehl und Roggen- 
kleie auf den Tisch und brach für jeden ein Stück 
ab. Und als einer von den Schülern nach dem Laib 
greifen -wollte, um sich ein zw^eites Scheibchen ab- 
zuschneiden, stiess ihn der Hausherr zurück und 
sprach zu den Gästen: „AVaget es nicht, mit euren 
eklen Händen an mein Brot zu rühren." Hierauf 

170 



setzte er ihnen eine Schüssel mit dünnem Lmsenbrei 
vor und legte vor jeden einen grossen Löffel und 
hiess sie hineingreifen und essen, denn Teller und 
dergleichen Feinheiten mehr gebe es hier nicht. Dabei 
neigte er sich über die Schüssel und schöpfte sich 
einen Löffel voll Brei und ass mit gieriger Hast, dass 
ihm die Brühe aus den Mundwinkeln in die Schüssel 
zurückfloss und die Gefährten es nicht mehr über 
sich vermochten, eine Hand nach der Speise auszu- 
strecken. Nach dem Mahl wollten sie die Sabbat- 
lieder singen, aber auch das verbot er ihnen, sagte 
schnell und allen Brauch vernachlässigend das Tisch- 
gebet herunter und erhob sich, um den Gästen auf 
dem Boden ein unw^ürdiges Lager zu bereiten. 

In der ersten Morgenfrühe erwachten sie und 
hörten ihren Gast'wirt umhergehen und das Morgen- 
lied, das mit den Worten anhebt „Die Seele alles 
Lebendigen", nach einer bäurischen Tanzw^eise ab- 
singen. Damit begann ihr Tag, und er wurde noch 
bitterer und leidvoller, als der Abend gewesen war. 
Den Baalschem hatte alle Kraft des inneren Blickes 
verlassen, und die heilige ^Veisheit war von ihm ge- 
-wichen, und so sass er und schlug die Hände in- 
einander und konnte nichts denken als dieses: „Was 
ist dies, und warum ist dies, das mir Gott hier getan 
hat?" Endlich brach die Nacht heran, und der Schlaf 
kam sanft und gütig über ihn. Als er sich am Morgen 
erhob, fühlte er eine neue Kraft in sich keimen und 
betete mit Macht, denn er reiste nie von einem Orte 
ab, ohne mit Gott geredet zu haben, und sodann be- 
fahl er dem Diener Aleksa, die Pferde, die in den 

171 



Stall gebracht -worden w^aren, vor den Wagen zu 
spannen. Aber der Diener kehrte sogleich zurück 
und berichtete, die Haustür sei geschlossen. Da ging 
der Meister zum Hausherrn und bat ihn, die Tür zu 
öffnen, und sprach: „Nimm unseren Dank für alle 
Freundschaft, die du uns erzeigt hast, und -w^oUe 
uns nun den Weg ^velsen, darauf -wir am schnellsten 
nach unserer Heimat zurückkehren können. ' Jener 
aber gab zur Antw^ort: „Mit nichten, sondern ihr 
werdet noch meine Gäste bleiben." Und er liess sich 
nicht erbitten und hielt sie gleichsam gefangen m 
seinem Hause bis zum vierten Tag. 

Am Morgen des vierten Tages aber kam er zu 
ihnen und sprach : „Heute ^verde ich die Tür öffnen." 
Und während er dies sagte, sah er sie in einer selt- 
samen Weise an und ging. Da kam ein Grauen über 
sie, denn sie verstanden sein Gebaren nicht, und so 
schlich sich ihnen m den Sinn, ob er sie nicht er- 
morden wolle. Während sie aber solcher Furcht 
nachsannen, öffnete sich die Tür zu einem der ver- 
schlossenen Zimmer, und eine schöne und edel ge- 
kleidete Frau trat hervor, die neigte sich vor dem 
Meister und sprach: „Rabbi, ich erbitte von Euch, 
Ihr möget mit euren Schülern bei mir den heiligen 
Sabbat feiern. Der Baalschem antwortete ihr: „Du 
nennst mich Rabbi. Wie konntest du da zulassen, 
dass mein Sabbat dergestalt zerstört wurde?" Da 
fragte die Frau: „Rabbi, erkennet Ihr nuch nicht?" 
Er sprach: „Nein, ich erkenne dich nicht." Sie sprach: 
„Als ich fast noch ein Kind w^ar, diente ich in 
Eurem Haus. Ich w^ar eine W^aise, und kein 

172 



Mensch lebte mir in der \Velt. Über meinen Händen 
aber waltete ein Ungeschick, also dass ich manches 
kostbare Gefäss, das ich trug, zu Boden fallen undzer- 
schellen Hess. Darob ermahnte mich Eure Frau gar 
häufig. Da ^vurde einmal der Sabbattisch bereitet, und 
Eure Frau ^voUte die Schüsseln auftragen. Ich aber 
mochte weisen, dass ich gewandter \vorden war, 
und bat sie, die Sabbatschüssel in meine Hände zu 
geben. Kaum aber hielt ich sie, kam ein Zittern 
in meine Finger, und ich Hess die Schüssel fallen. 
Da erzürnte sich Eure Frau über mich und gab mir 
einen leichten Streich ins Gesicht. Ihr aber sasset 
unfern und sähet es und liesset es schw^eigend ge- 
schehen. Da schrie eine Stimme in den Himmeln 
laut auf, und das Urteil w^ard über Euch gesprochen, 
dass Ihr um Eures Schw^eigens w^illen verlieren 
solltet, w^as Euch in der kommenden Welt bestimmt 
war. Mir aber geschah später die Gnade, dass ich 
von diesem Mann, der ein heimlicher Zaddik ist 
und seine Heiligkeit in seinem Tun verbirgt, zur 
Frau genommen w^urde. Er w^ar es, der mir eröffnete, 
w^as über Euch verhängt w^orden w^ar. Da begannen 
^r zu Gott zu beten, dass das Urteil gew^andelt 
werde, und unsere Bitte wxirde uns gewährt, und 
es ward milder und immer milder, bis man aus- 
sprach, dass Euch ein Sabbat zerstört werden müsse, 
denn der Sabbat ist die Quelle der kommenden 
Welt. Und uns w^urde es aufgegeben, Euch solches 
anzutun. Aber nur, w^enn w^ir es ganz und gar 
vollendeten, so ward uns gesagt, würde unsere Tat 
das Verhängnis vernichten. So haben wir es denn 

J73 



getan im Wehe unserer Herzen. Und nun ist Euer 
Teil zu Häupten des obersten Paradieses." In diesem 
Augenblick kehrte die Weisheit zum Meister zu- 
rück, und das innere Sehen lebte in ihm auf, und 
er sah in die Tiefe der Geschicke und sah sein 
Heil und sah den heiligen und heimlichen Mann in 
seiner Wahrheit vor sich stehen. So gingen sie 
mitsammen in die geschmückten Räume und ver- 
blieben miteinander diesen und die nächsten Tage 
und feierten den Sabbat in hoher Freude. 



174 



DER WIDERSACHER 

EINER DER EIFRIGSTEN UNTER DENEN, 
die sich wider den Baalschem erhoben, -war 
/ Rabbi Jakob Josef von Szarygrod. Keinem 
wohl strömte der kämpfende Wille aus so tiefen und 
verborgenen Quellen zu. Denn die ketzerischen Dinge, 
die ihn erschauem und ergrimmen machten, lagen wie 
Ahnung und Keimachicht m seiner eigenen Seele, ganz 
unten, unter dem Bereich des Wortes, ja tiefer als 
der Raum, in dem sich der Gedanke gebiert. 

Drei Bräuche der Neuerer aber waren es vor allen, 
denen der Rabbi feind war: die Freude ihrer Feste, 
die den Zaun des heiligen Gesetzes niederbrach und 
hoch aufwallte im Tanz und im trunkenen Lied; die 
Seltsamkeit ihres Dienstes, da die Gemeinde nur lose 
die Betenden umschlang und in Wahrheit jeder für 
sich und auf seine ^Velse, oft auch mit wilder und 
entfesselter Geberde zu Gott redete; mehr als alles 
aber die leise, von Geheimnis schw^ingende Predigt 
des Meisters nach der dritten Sabbatmahlzeit in der 
Dämmerung. Oft hatte der Rabbi von dieser Predigt 
gehört. Sie war mcht, wie die Sitte gebot, aus Deu- 
tungen der Schrift aufgebaut, auf denen sich kunstvoll 
Deutungen der Deutungen türmen. Sie sprach von 
den Dingen der Seele, als ob man von diesen Dingen 
reden dürfte. Manchesmal w^aren es gar gew^öhnliche 
Geschichten, wie das gemeine Volk sie sich in den 
Trinkstuben erzählt: aber sie wurden langsam und 
feierlich gesagt wie die Worte des Mysteriums der 
Keduscha, und die Leute lauschten ihnen, als setzten 

J75 



sie die Offenbarung am Sinai fort. So oft auch dem 
Rabbi davon berichtet wurde, immer wieder überkam 
ihn der Zorn -wie zum erstenmal. Geschichten am Sabbat ! 
^Vas fiir einen Sinn können Geschichten haben? Und 
noch zorniger hiess er in sich die Stimme schw^eigen, die 
tief unten er^vacht war und es zu wissen vorgab. 
Und er mahnte seine Seele an den w^ahren ^Veg zur 
Vollendung, durch die Abkehr vom Lebendigen, durch 

Zucht und Herbheit, durch Fasten und Schw^eigen. 

* 

Einstmals machte sich der Baalschem am Abend 
auf und fuhr nach Szarygrod. Er w^ar ohne Ge- 
fährten und unterredete sich mit der Sommernacht 
w^ie mit einer Freundin. Als sie Abschied nahm 
und der Tag noch zögernd aufstieg, kam der Wagen 
des Meisters in die kleine Stadt. Da lagen die 
Häuser mit geschlossenen Fensterläden im Zw^ielicht 
wie freudlos Schlummernde mit schw^eren ge- 
schlossenen Lidern. Den Baalschem kam das Er- 
barmen an mit ihnen allen, die hinter diesen Fenstern 
ihren dumpfen Frühschlaf hielten. Er ging mit 
steten Schritten unter der w^achsenden Tageshellc 
auf und nieder, bis über eine Weile ein Gesell des 
^Veges kam; der trieb einige Tiere vor sich her, die 
er tagüber vor der Stadt auf der \Veide hatte. Zu 
dem begann der Meister wie von ungefähr zu reden 
und kam, indes der Mensch anfangs ein wenig ein' 
fältig und scheu ihm Antw^ort bot, allmählich ins Er- 
zählen einer Geschichte. W^ie er so redete, kam ein 
anderer herzu, alsbald ein dritter, dann aber immer 
mehr und mehr, meist Knechte und arme Leute, die 

J76 



den Tag früh beginnen. Sie alle standen und lauschten 
begierig und riefen gar noch andere aus den Häusern 
herbei. Wie die Stunde vorrückte, kamen die Mägde 
mit den Wasserkrügen auf dem Weg zum Brxinnen 
und hielten inne, die Kinder kamen aus den Stuben ge- 
Sprüngen, und die Hausväter selber Hessen ihr Ge- 
schäft imd ihren Gang, dem fremden Mann zuzu- 
hören. Es war aber seine Erzählung so seltsam 
lieblich verknotet, dass, -wann immer einer ankam, 
es ihn wie ein Anfang dünkte und jeder, des früheren 
unbegierig, ganz auf das Kommende gerichtet war und 
ihm entgegenharrte wie der Erfüllung seiner liebsten 
Hoffnungen. So hatten sie alle die eine grosse Ge- 
schichte, und darin jeder seine eigene kleine und aller- 
w^ichtigste, und die kleinen kreuzten einander und ver- 
hakten sich, alsmüssten sie sich tief verwirren, aber im 
Nuw^aren sie wieder gelöst und geordnet und liefen fein 
säuberlich neben einander hin; w^ar aber eine abge' 
laufen, dann Hess sie eine neue Verheissung zurück, 
die alsbald eine Genossin zu erfüllen sich anschickte. 
Um ein geringes stand das ganze Städtchen auf dem 
Marktplatz, und alle lauschten, und jeder hatte ver- 
gessen, w^as ihm sonst um diese Stunde zu tun obliegen 
mochte. Die Handw^erker hatten ihre Geräte in der 
Hand und die Frauen ihre Kochlöffel. Ganz vom 
aber stand mit einem grossen Schlüsselbund der 
Tempeldiener, der just auf dem \Veg zum Bethause 
gew^esen w^ar, es zu öffnen. Ueber ihn w^ar die Er- 
zählung mit solcher Gewalt geraten, dass er sich bis 
dicht vor den Meister durchgedrängt hatte und nun 
stand und lauschte mit Ohr und Herz und dem ganzen 



12 



177 



Leibe, seines Amtes so -w^enig eingedenk, als ^väre es 
nur ein verschollener Traum. 

Es w^ar aber die Erzählung des Baalschem nicht 
wie eure Erzählungen, Kinder der Zeit, die krumta 
'vv^ie ein kleines Menschenschicksal oder rund wie ein 
kleiner Menschengedanke sind. Sondern der farbige 
Zauber des Meeres war darin und der weisse Zauber 
der Sterne und der unbegreiflichste von allen, das 
zarte Wiuider der unendlichen Luft. Und doch w^ar 
es keine Mär der Feme, w^as die Erzählung sagte, 
sondern jedem erw^achte unter der Berührung ihres 
Wortes die heimliche Melodie, die verschüttete, zer- 
sprengte, totgew^ähnte, und jeder empfing die Bot- 
schaft seines verlorenen, vergessenen Lebens, dass es 
noch da und ihm offen und nach ihm bange war^ 
Zu jedem sprach sie, zu ihm allein, kein anderer ^var, 
alle w^aren er, er war die Erzählung. 

Da hob der Meister den Blick und sah lächelnd 
ins W^eite, sah durch Häuser und Mauern, w^ie vor 
der Tür des Bethauses der Rabbi stand, der um diese 
Stunde sein Gebet zu verrichten kam; und da w^ar 
das Haus geschlossen, und der Diener fehlte, und da 
w^ar keiner von den allen, die Tag um Tag zu dieser 
Zeit versammelt w^aren und ihn erwarteten. Der 
Baalschem sah in den Geist des Rabbis und sah den 
Grimm und die Bitterkeit in ihm wachsen und w^ie 
er seinen Unwillen band und sich zur Geduld be- 
zw^ang. Da beschloss der Meister, den Diener aus 
der Erzählung zu lösen, und augenblicklich kam es 
über den Mann w^ie ein Erwachen, und ohne sich zu 
besinnen lief er, so schnell er konnte, nach dem 

178 



Bethaus. Als er an der Tür ankam, fand er den 
Rabbi, der mit gefalteter Stirn, die Augen zu Boden 
gesenkt, die Worte des Unmuts zurückdrängte und 
nur mit einer barschen Be-wegung zu eiligem Offnen 
drängte. Der Diener aber, noch erfüllt und umgeben 
von der Erzählung, ward weder der eigenen Ver- 
fehlung noch des Argers seines Herrn gew^ahr, 
sondern begann von dem fremden Mann zu melden, 
der auf dem Platz stehe und Geschichten sage, 
alles Volk um ihn geschart. Er beschrieb die Ge- 
stalt und das Ansehen des Fremden, und da wusste 
der Rabbi, w^er gekommen w^ar und mit ihm um die 
Seelen stritt, und ein zorniges und w^ehes Funkeln 
kam in seine Augen, ^^ortlos schob er den Diener 
beiseite, trat in das Haus und begann zu beten. 

Nach einer Zeit geschah es, dass ein Mann von den 
Frommen des Baalschem und aus seiner Stadt seine 
Tochter einem geliebten Schüler des Rabbis von Szary- 
grod verlobte. Die Hochzeit sollte in der Stadt des 
Baalschem vollzogen "werden. 

Rabbi Jakob Josef hegte einen schw^eren Kummer 
ob dieses Verlöbnisses. Als er davon erfuhr, w^ar es 
ihm w^ie die Kunde, sein Sohn sei unter schlimme Gc' 
seilen geraten. Wohl erwies sich, als der Schüler 
selbst vor ihm erschien und ihm alles berichtete, die 
Liebe stärker als der Zorn, und er musste ihn segnen. 
Aber als er ihn bat, zu seinem hohen Feste nach 
Miedzyborz zu kommen, ^veigerte er es ihm und er- 
klärte, nie und nimmer könne er die Stätte des Ketzers 
betreten. Der Schüler jedoch lag ihm mit inständigen 



12* 



179 



Bitten an Tag für Tag, bis dem Rabbi einmal das 
Wort entfuhr: ,,Wie soll ick mit dir ziehen — wird 
doch dich vind deine Freunde der erste Gang in 
Miedzyborz zu dem unheiligen Mann führen, der das 
Volk Israel verdirbt I" Da versprach der Jüngling, 
um einen günstigen Spruch seines Lehrers zu ge- 
'w^innen, er 'wolle das Angesicht des Baalschem nicht 
schauen, und unter dieser Bedingung willigte der 
Rabbi ein, mit ihm zu fahren. 

Als sie aber unterwegs w^aren und unfern des Reise- 
ziels in einer Herberge weilten, merkte er, w^ie der 
Schüler' sich mit seinen Freunden heimlich unter- 
redete, und er erkannte, dass sie darüber sprachen, 
w^ie sie es anstellen möchten, ohne das Wissen des 
Rabbis in das Haus des Baalschem zu kommen. Da 
trat er auf sie zu und sagte zum Bräutigam: ,,Ich 
habe Unrecht daran getan, dir ein Bedingen aufzu- 
legen, das du nicht zu erfüllen vermagst. Da es mir 
aber nicht ansteht, allein die Heimfahrt anzutreten, 
^^erde ich hier verbleiben, bis ihr von der Hochzeit 
heimfahret, und sodann 'mit euch nach meiner Stadt 
zurückkehren." Der Schüler versuchte stammelnd 
erneute Bitte und Versprechung, aber der Rabbi 
hörte ihm nicht zu, sondern wandte sich zum W^irt 
und ersuchte ihn, ihm ein Zimmer zu weisen, in dem 
er ungestört seinen Studien obliegen könnte. 

Eine ^Veile danach sass er in einer stillen Stube 
und hatte die Bücher aufgeschlagen vor sich liegen. 
Aber als er sich darüber beugte und beginnen w^ollte 
zu lesen, sah er, dass die Lettern, statt wie immer in 
ihrem schönen Gefüge willig dazustehen, — jede 

180 



freudig erwartend, dass er an sie käme, stolz te- 
friedigt, wenn er sie gelesen hatte, — sich in einem 
tollen Tanze einherschwangen xind die Gliedmassen 
in die Luft warfen, ja ein dickes rundes Ding über- 
kugelte sich in einem fort, ohne zu ermüden. Der Rabbi 
schloss die Augen, öffnete sie wieder, und als das Un- 
w^esen nicht aufhören w^oUte, schlug er mit heftiger 
Hand auf das Buch . D a war im Augenblick alles still vind 
w^ohlgesittet, jedes sass an seinem Platz, als hätte 
es sich nie von dannen gerührt, vind ein paar oben- 
stehende Lettern hatten sogar schon das Lächeln 
der freudigen Erwartung bereit. Als aber der 
Rabbi nun anheben w^oUte zu lesen, drang ihm aus 
dem Buch ein aus hundert dünnen Stimmen ge- 
mischter Lärm entgegen. Das w^aren die ^Vörter, 
die miteinander stritten. Aber es w^aren nicht etw^a 
zw^ei Lager von Kämpfern, sondern jedes \Vort 
w^idersprach allen andern, und jedes versicherte, 
es sei von Lügnern und Heuchlern umringt, die es 
lediglich darauf abgesehen hätten, ihm seinen ein- 
geborenen Sinn zu rauben und zu erschlagen, aus 
tückischem Neid, w^eil sie selbst keinen Sinn und 
keine Seele hätten. Und als der Rabbi auch diesen 
Krieg beschwichtigt hatte, standen die Sätze auf 
und erklärten, sie ^voUten nicht länger einem unbe- 
kannten Zweck dienen, der über allen schw^ebt, 
sondern aus sich selber und für sich selber leben. 
Der Rabbi sah auf das Buch und lächelte. Dann 
schlug er es zu und lächelte wieder. Hatte er doch 
ein Buch in sich, ein grosses und überreiches, das 
keiner ihm ver^virren konnte. Aber als er den 

ISf 



«rsten Gedanken aufrufen w^ollte, brach sein Lächeln 
ab. Denn kein Gedanke stieg auf, nur ein dumpfes 
Vergessen lagerte wie über einer verlassenen Gräber- 
stätte. Da erschrak der Rabbi, und das erste Er- 
schrecken seines Lebens kam über ihn wie eine 
Todesnot. Dann aber verstand er, dass ihm befohlen 
war, nach Miedzyborz zu gehen. Und alsbald lebten 
die Gedanken in ihm auf, so sturzhaft, dass er fast 
zum zweitenmal erschrak. 

Es kam ihm nicht in den Sinn, einen Wagen zu 
mieten, er trat hinaus auf die Strasse und ging. 
Als er nach Miedzyborz kam, trug es ihn w^eiter, 
ohne dass er seine Augen oder seinen \Villen be- 
fragte, bis vor ein grosses, abgesondert stehendes 
Haus, aus dem das Licht vieler Kerzen und das 
Gespräch vieler Stimmen ihm entgegendrangen. Er 
verstand, dass es das Haus des Baalschem 'war, 
und w^oUte weitergehen, als es urplötzlich stille 
w^ard. Dann erschien es ihm, das Licht w^erde drei- 
fach heller, und aus dem Schweigen begann eine 
Stimme zu reden, die tönte so -wunderbar, dass er 
näher treten und lauschen musste. Und er hörte, 
-w^as die Stimme sprach. 

,,Ich w^ill euch eine Geschichte erzählen. 

Es w^ar einmal ein Rabbi, ein -weiser und strenger 
Mann. Der sass in der Nacht des neunten Ab in 
seiner Kanuner und trauerte über den Tempel und 
über Jerusalem. Und anders als in allen Jahren 
in dieser Nacht -war diesmal seine Trauer. Denn 
in den anderen Jahren war es ihm gewesen, als 
w^äre er hingestellt in die Zerstörung der Stadt 

182 



und schaute mit seinen Augen den Brand und das 
Verderben. Aber in dieser Nacht war es ihm, er 
sei eine eherne Säule am Hause des Herrn, und 
er fühlte die Hand der Chaldäer auf sich, die ihn 
zerbrach, und wieder w^ar es ihm, er sei das Erz 
einer zerbrochenen Säule, das gen Babel geführt 
>vird. Und das Klagelied kam auf seinen Mund, 
aber nicht w^ie dessen, der sieht und trauert, sondern 
"wie das Stöhnen der zerbrochenen Säule. Und nicht 
wie einer, der kommt und geht, sondern ^vie ein Ding, 
das in der Herrlichkeit gelebt hat und nun zer- 
schlagen und in die letzte Schmach geschleppt w^ird, 
rief er zu Jerusalem: Stehe auf, schreie in der 
Nacht, am Anfang der Wachen schütte dein Herz 
au« vor dem Herrn w^ie Wasser I Und da w^ard ce 
ihm, er sei Jerusalem die Stadt, und der Brand 
und das Verderben gingen über ihn hin, und die 
tausendfache Verwüstung geschah an seinen Gliedern. 
Da brach der Schrei aus ihm und schüttelte ihn 
^e ein Sterbendes und w^arf ihn auf das Lager. 
Und da er also lag, w^ar sein Leib so bar des 
Lebens, wie der Leib eines, der im Vergehen liegt. 
Die Nachtstunden strichen hin vmd kamen auf ihn, 
der ohne Empfindung w^ar, wie w^enn die Zeit zu 
Sand würde und auf ihn niederrieselte, ihn zu 
begraben. Um die Mittemacht aber fühlte er ein 
Bewegen in der Luft, und ein Hauch glitt an seine 
Stirn w^ie lebendiger Atem. Er öffnete die Augen 
und gew^ahrte über sich gebeugt die Gestalt eines 
Knaben und erkannte das Angesicht seines Lieblings- 
achülert, die w^eichen Züge, die nun von einem 

)83 



Schrecken entstellt -waren. Der Knabe berührte 
seine Hand und sprach, und seine Stimme sch^vankte : 
,, Rabbi, Ihr läget -wie einer, dessen Seele schon 
flüchtig ist, ihn zu verlassen. Ihr müsset Euch ein 
-wenig Speise gewähren, um Euer Leben zu stärken." 
Der Rabbi -w^andte das Haupt und flüsterte, und 
seine Zähne schlugen wider einander: ,,Kind, w^as 
redest du? Ist doch heute der neunte Ab, ein Tag 
der Trauer vmd des grossen Fastens I" Aber der 
Knabe umschlang seine Hand fester mit seinen 
beiden warmen Händen und bat: ,, Rabbi, denket, 
dass es verboten ist, sich mit W^illen dem Tod 
anheimzugeben I" Und er ging und kehrte wieder 
und trug, sie mit den Armen umfassend, eine grosse 
Schüssel voll herrlicher Früchte und kniete vor dem 
Rabbi nieder und sah ihn bittend an und neigte 
bittend den Kopf. Und der Rabbi, vom bunt- 
ß-eudigen Anblick und Wohlgeruch belebt, richtete 
sich auf und sprach den Segen über die Frucht des 
Baumes, w^ie einer, der sich anschickt zu essen. 
Aber als das letzte ^Vort seinem Mund entw^ichen 
•war, ergriff ihn ein jähes Entsetzen über sein Tun. 
Er hob die Hand gegen den Schüler und schrie ihn 
an: ,,Hebe dich hinw^eg, Geist der Verfuhrung, der 
du vertraute Gestalt borgst, mich zu betören I" Der 
Knabe erzitterte unter den "Worten seines Lehrers 
und wich bangend aus dem Hause. 

Der Rabbi aber fiel in einen tiefen Kummer 
w^ie in einen Abgrund. Vor ihm erschienen die Jahre 
seines Lebens mit all ihrem Opfer und Bann, mit 
ihren Kriegen und Triumphen, mit der hohen Macht 

)84 



über «ich selber, die wucbs und stieg von Jahr zu 
Jahr. Und dann erschien vor ihm ein kleiner matt- 
äugiger Wunsch, der schleppte sich wie ein kranker 
Zwerg zu den Jahren hin und w^ischte sie mit seinem 
Finger w^eg, dass nichts mehr von ihnen da war. 

Und der Kummer des Rabbis ^^oirde immer tiefer, 
bis die Trauer dieses Tages und das Leid um Je- 
rusalem in dem Kummer versanken, und der Kummer 
schlang sie ein und breitete sich und herrschte über 
die Seele mit Geissei und Feuerbrand. Und in 
dem Rabbi war nichts mehr von der Stunde, da 
er eine Säule gewesen 'war im Hause des Herrn 
und da er die Stadt gew^esen w^ar unter der Hand 
des Unheils, sondern er w^ar dieser Mensch, hier 
liegend auf einem Lager in der Nacht, dieser Mensch, 
der gesammelt und gesammelt hatte, mit strenger 
und nicht ermüdender Hand, und dem nun ein 
kranker Zw^erg alles raubte, mit dem Ruck eines 
dürren Fingers in der Finsternis. Über sich und 
ringsum fühlte er die Nacht, stehend und unw^andel- 
bar, die Nacht und den Abgrund. 

Aber die Nacht stand nicht, sondern zog über 
ihm hin mit dem Wallen ihrer Haare und dem 
^Vehen ihrer Schleier. Und ehe sie entwich, legte 
sie ihre Hand auf seine Augen und gab ihm den 
Schlaf. Aber irgendw^oher fiel ein Samen in den 
Schlaf, und der Traum keimte und w^uchs und kündete. 

Der Traum führte ihn unter den offenen Mittags- 
himmel, der durch die Baumkronen eines grossen 
Fruchtgartens auf ihn herabschaute. Er ging durch 
die schmalen vielverschlungenen W^ege des Gartens, 

J85 



gestreift vom hohen Gras und den niederhangenden 
früchteschweren Zweigen. So kam er an das Ende 
des Gartens und sah über die niedrige Mauer hin- 
aus, und w^as er sah, waren die Gässchen der Stadt, 
in der er hauste. Ihm aber -war in seinem Traum 
wohl bewusst, dass ein Garten solcher Art in seinem 
Wohnort nicht stünde, und w^underlich furchtsam 
und zw^eifelnd w^andte er den Fuss und ging in den 
Garten zurück und suchte nach einem, der ihm 
Rede stehen könnte. Als er der Mitte des Gartens 
sich näherte, w^o alle Wege sich kreuzend zusammen- 
liefen, sah er einen Mann in Gärtnertracht stehen; 
der w^ar tief zur Erde gebeugt, hob aber nun die 
Stirn ihm entgegen und blickte ihn funkelnd an. Der 
Rabbi fragte ihn: ,,Was für ein Garten ist dies, 
und sage mir, w^essen ist er?" Der Mann redete 
hart und kurz: „Er gehört dem Rabbi dieser Stadt." 
Der gab verwundert zurück: ,,Ich bin der Rabbi 
dieser Stadt und bin arm und kenne keinen Besitz. 
Woher käme mir dieser Garten?" Da sprach der 
Mann w^ieder, und Blitze erw^achten auf dem Grund 
seiner Augen, und ein Donner spielte in seiner 
Stimme: ,,Aus Wunsches Pein, aus Schuld und 
Scham, aus einem eitlen Segensspruch hat dir die 
Hölle diesen Garten geboren." Er stampfte mit 
dem Fusse auf, da spaltete sich die Erde bis 
zum feurigen Kern, und der Rabbi sah die W^urzeln 
der Bäume verschlungen in die Urtiefe sich senken 
und dort vereint sich aus der Flamme nähren. 

Da erwachte er, und der Schauer des Traumes 
hielt ihn bis zum Abend, da der Trauertag endete. 

t&6 



Zu der Frist reckte sich der Rabbi auf und schüttelte 
alles von seiner Seele ab, ging in seine Stube und 
verschloss die Tür. Er nahm die Bücher der 
Psalmen in die Hand und stand und sprach die 
Psalmen mit ge^valtigem Ton. Das erste Buch 
hatte er gesprochen, da ■ward fem in der Nacht 
draussen ein Laut, der redete: , .Genug, die Früchte 
sind schon abgefallen!" Aber der Rabbi erhob 
das Haupt und die Stimme und sprach das zweite 
Buch. Und da er geendet hatte, tat sich wieder 
der Laut auf, und er klang näher und deut- 
licher: ,. Genug, das Laub ist schon verwelkt!" 
Doch der Rabbi erneute seine Kraft und betete 
das dritte Buch. Nun w^ar die Stimme ganz nah, 
und von ihrem Hauch klirrten die Fenster, und sie 
redete: ,, Genug, schon sind die Zw^eige verdorrt!" 
Der Rabbi spannte alles Vermögen seiner Seele 
und las das vierte Buch. Da wankte der Boden 
seines Hauses, und die Stimme erscholl, als w^ürde 
sie unter seinen Füssen aus der Erde geboren: ,, Ge- 
nug, schon sind die Äste abgestorben!" Der Rabbi 
fühlte, w^ie das Ermatten sich an ihn heranschlich, 
aber sein Blick zuckte nicht, und er riss die letzte 
Macht hervor, und das letzte Buch erstand von seinem 
Munde und stieg hoch und w^irbelnd wie Opfer- 
rauch. Als er schw^ieg, sprang die verschlossene 
Tür des Gemaches w^eit auf, und in ihr stand 
ein düsterer Bote, gebeugt und keuchend, w^ie 
gehetzt von einem langen, w^ilden Lauf, und seine 
Stimme w^ar w^ie verflackernd im Luftzug: ,, Genug, 
genug, du hast uns besiegt, schon sind die Stämme 

187 



abgehauen I" Und die Gestalt zerging mit ihrem 
letzten Ton. 

So hat es sich dazumal ereignet. DieTage, die Monde 
und Jahre sind darüber hingegangen. Aber die ^Vurzeln 
des Gartens sind in der Erde geblieben, und der Rabbi 
■wacht in vielen Nächten, sinnend, wie er sie aus- 
rotten möchte. Allein er kann es nimmer ersinnen." 

So erzählte die Stimme drinnen im hellen Saal. 
Rabbi Jakob Josef stand im Schatten, die Stirn an 
die Mauer gepresst, und die Worte fielen aufsein 
Herz "wie Tropfen eines flüssigen Brandes. Als 
die Rede drinnen verstummte, seufzte er auf und 
stürzte durch die Tür in den Saal und zu den 
Füssen des Baalschem und rief: ,, Meister, lehre mich, 
^vas ich tun soll, die ^Vurzeln auszurotten I" 

Der Baalschem sprach: ,,\Visse, nicht aus dem 
AÄ^unsche ist dir der Garten geboren worden, 
sondern aus des Wunsches Kummer und Pein, da 
du dich befleckt w^ähntest und um dich littest und 
den Gram auf dein Haupt streutest "wie Asche. 
Da hast du dem leichten Bilde deines W^unsches 
Bestand und Dauer gegeben und hast seine W^urzeln 
eingesenkt in das Reich der Körper, da es zuvor 
ein Schatten w^ar. Aber als ich dies erzählt habe, 
ist der Körper zum \Vort geworden und zum 
schw^ebenden Atem und leichter, als das leichte 
Bild deines W^unsches gew^esen war. Und da ich 
ein Froher zu Frohen redete, ist die Freude hin- 
gegangen und hat die ^Vurzeln ausgerissen." 

Rabbi Jakob Josef aber ist darnach der gew^ordcn, 
den sie den grossen Jünger nannten. 

188 




def^dritte 
kreis: 

DIEPREDIGTDESNEU 
MIAHRES/DE.WIE: 

OERKEHR/VOKHEER 
ZU HEER/DAS DREC 

malige: LACHENz 
3IL VOGELSPRACHE 
DASRUFENDERHIPT 




DIE PREDIGT DES NEUEN JAHRES 

IIB ERSTESONNEDES JAHRES 
stand in der Mittagshöhe und die 
Luft war voll des Schofarklanges. 
Man hörte ihn auf allen Wegen, 
ja es gab der Schüler welche, die 
ihn zu sehen vermeinten, als hätte 
das Tönen Kreise eines fremden, 
glühenden Lichtes m das Grau des Frühherhsttages 
gezogen. 

In dem Hause des Baalschem sassen die Schüler 
um den uralten langen Tisch, der heute fester als je 
die Füsse gegen den Boden zu stemmen schien, um 
sich ^vider die Zeit zu behaupten. Die einen blickten 
hinaus in die Lichtkreise, die andern sahen an den 
geschwärzten ^Vänden hinauf, als müssten sie im 
nächsten Augenblick zur Seite ^veichen und das 
Reich des Geheimnisses erschliessen. 

Der Nachsegen des Mittagmahles w^ar beendet, und 
der Baalschem begann, die Predigt des neuen Jahres 
zu sprechen. Die Schüler konnten in sein Angesicht 
nicht schauen, aber wenn sie die Augen schlössen, 
kam Wort fiir Wort vor sie mit einem Angesicht, 
blitzend das eine, abgrundsdunkel das andere, ein 
drittes rein und still w^ie die Liebe Gottes zur Welt. 
Mit geschlossenen Augen sassen sie da, die jungen 
und die alten, und lauschten, und schauten. 

Und der Baalschem sprach. Es ist zu sagen, dass 
die Stimme des Baalschem gemeiniglich war w^ie ein 
leichtes Schlagen von Erz an Erz, und nur im tiefen 



i90 



Gebet mischte es sicli zuweilen darein wie der 
Schrei der Lerchenkehle. Aber am Tag des neuen 
Jahres w^ar seine Stimme neu und gew^andelt. Es 
-war der Schofar, der in ihr atmete und Menschenlaut 
war. Der \Veckruf des Tekia kam und rüttelte an 
den Toren der Seele. Das w^ogende Schew^anm um- 
pfing die Losgemachte wie das Beben der Sehnsucht. 
Der hohe Jubel der Terua trug sie zur Erlösung empor. 

Und das Wort, über das der Baalschem sprach, 
w^ar das Wort des neuen Jahres: Stosse in den grossen 
Schofar zu unserer Befreiung! 

„Stosse in den grossen Schofar", so rief er zum 
Herrn, „wenn der Kreis des Jahres sich rundet und 
die Seelen aller Dinge in die Finsternis tauchen zu 
neuer Geburt. Siehe, deine Kmder sind morsch ge- 
w^orden vom Anhauch der Stürme. Siehe, der Brand 
der Wüste hat ihr Mark versehrt. Nun da der 
Kreis deines Jahres sich schliesst und das Dunkel 
der V/ende seine Fluten entsendet, stosse in den 
grossen Schofar, o Herr, zur neuen Geburt! 

Deine Pein hat unsere Hände gemartert, bis sie 
schw^ach w^urden vor dem Leben. Deme Wander- 
schaft hat unsere Füsse gejagt, bis sie auf festem 
Boden w^ankten. Du hast den Wurm m unsere 
Herzen geschickt, und sie sind zernagt wie krankes 
Laub. Dem Bote hat seine Hand auf unsere Stirnen 
gelegt, und unsere Gedanken starren im Eise. Stosse 
in den grossen Schofar, o Herr, zu unserer Befreiung! 

Der Engel des Herrn erfasste mich in der Nacht 
und führte mich hinaus, und ich stand im Leeren, vmd 
die Nacht lag auf meinen Schultern wie eine grosse 

J9| 



Last, und die Nacht wälzte sich von unten an meine 
Sohlen heran. Und der Engel sprach: „Schaue!*, 
und die Finsternis wich, und ich stand leicht in heller 
Leere, und ich sah. Da -w^ar ein Kreis zw^ischen 
zwei Abgründen, ein schmaler runder Grat. Und 
im Bezirke des Kreises schloss sich ein roter Abgrund 
sAe ein See von Blut, und ausser des Bezirkes des 
Kreises dehnte sich ein schw^arzer Abgrund wie ein 
Meer von Nacht. Und ich sah, siehe da ging ein 
Mensch auf dem Grate wie ein Blinder, mit wanken- 
den Füssen, und seine beiden sch'wachen Hände 
rührten an die Abgründe zur Rechten und zur 
Linken, und seine Brust 'war aus Glas, und ich sah 
sein Herz flattern wie krankes Laub im Wmde, 
und auf seiner Stirn war das Zeichen des Eises. 
Und der Mensch ging w^eiter und w^eiter den Weg 
des Grates, ohne rechts und links zu sehen, und schon 
w^ar er dem Ende des Kreises nahe, das sein Anfang 
ist. Und ich w^ollte ihm rufen, aber mein Sehen 
lähmte meine Zunge. Und der Mensch blickte plötz- 
lich auf, und sah rechts und links, und er strauchelte, 
und aus den Abgründen stiegen Arme auf, ihn zu 
fangen. Da berührte der Engel meine Lippen, und 
meine Zunge w^ar frei, und ich nef und schrie zu 
jenem: „Erhebe deine Flügel und fliege!" Und siehe, 
da erhob der Mensch seine Flügel, und keine Schw^äche 
und keine Starrheit w^ar mehr an ihm, und der Grat 
verschw^and unter seinen Füssen, und den Abgrund 
des Blutes verschlangen Gottes Wasserquellen, und 
der Abgrund der Nacht verging in Gottes Lichte, und 
die Stadt des Herrn lag da, offen allerwärts. 

J92 



Sehet, ein Kreis ist unser Jahr. V/ir gehen auf" 
schmalem, rundem Grat zwischen zwei Abgründen 
und sehen die Abgründe nicht. Sind wir aber an 
das Ende des Grates gekommen, das sein Anfang ist, 
da fällt die Angst und das Zittern über uns w^ie der 
Sturm des Herrn, und der Blitz des Herrn fährt 
über die Abgründe hin, und wir sehen sie, und wir 
schwanken. Aber der Schofar tönt über uns und 
fasst unsere Seelen und trägt sie, und jeder Schofar- 
ton trägt viele Seelen auf seinen Flügeln. Und die 
Schofanm schw^ingen sich zu den Himmeln auf. Und 
die Himmel lauschen, und die Angst und das Zittern 
kommt über sie wae der Sturm des Herrn, und der 
AVeltenschofar erschallt. Und der ^^eltenschofar 
trägt auf seinen Flügeln die Seele, die aus unseren 
Seelen geboren woirde und die Seele des Messias 
ist. Und er schw^ingt sich auf zu dem Reiche 
des Geheimnisses, und er schlägt mit seinen Flügeln 
an die Pforte, und die Pforte tut sich w^eit auf, 
und siehe, da ist mcht Pforte mehr noch Mauer, 
sondern die Stadt des Herrn liegt da, offen aller- 
wärts. 

Stosse in den grossen Schofar, o Herr, zur Ge- 
burt der Seele!" 

Die Stimme des Baalschem war wie der Schofar, 
bis er schwieg. Dann erhob er sich und gmg in seine 
Kammer und schloss sich ein. Und mit ihm erhoben 
sich die Schüler und traten hinaus, ^/le Träumende 
gingen sie durch die Gassen, blicklos und bang. Sie 
hatten ein kleines Haus ausserhalb der Stadt, w^o sie 
sich zu versammeln und miteinander die ewigen Dinge 

13 J93 



zu betrackten pflegten. Dahin gingen sie nun, und 
die Flügel der Stimme waren über ihnen. 

Aber im Haus des Baalschem lebte dazumal ein 
Knabe, Josef mit Namen, und alle nannten ihn Jossele. 
Als der Meister in seine Kammer gegangen war und 
die Gefährten alle zu ihrem Hause ausserhalb der 
Stadt, blieb er allein zurück an dem langen Tische, 
denn er war zu jung, um von jenen nach dem Ort 
ihrer Betrachtung mitgenommen zu w^erden. So sass 
er zwischen den geschw^ärzten Wänden und fühlte 
die Flügel der Stimme an seinen Schultern. Und wie 
die ersten Schatten des Spätnachnuttages ihr gold- 
braunes Zucken über die w^eisse Decke des Tisches 
warfen, legte Jossele den Kopf in die Hände, denn 
ihm war Angst um der Flügel der Stimme w^iUen, 
die er an seinen Schultern fühlte. Und die dicht 
aneinander und vor die Augen gepressten Finger 
schufen ihm ein Dunkel, aber in dem Dunkel er- 
-wachte ein rotblaues Licht, das sang zu ihm wie die 
Stimme, um deren willen ihm Angst w^ar. Und es 
geriet über Jossele mit einer stürzenden Gewalt, wie 
lang verhaltene Tränen urplötzlich hervorschiessen : 
Jetzt und jetzt wird Meschiach kommen. Und die 
Stube weitete sich, und die \Vände verschw^anden, 
und vor ihm w^ar ein rotblaues Licht, das strahlte 
nngs hinaus mit Strahlen einer nächtigen Sonne. 
Und Jossele lief auf das Licht zu. Aber da w^ar die 
Türe, wie ein stechender, w^eckender Schmerz. Der 
Knabe stand einen Augenblick lang sehend auf 
einem schmalen Grat zwischen zw^ei Abgründen, 
und der Blitz des Herrn fuhr vor ihm hin, und er 

J94 



schauderte und 9cli\vankte. Da aber erfasste ihn die 
Gewalt nut Fängen der Cherubim, und die Stimme 
brauste, und das Licht "w^ar in sein Herz gefallen und 
brannte. Und Jossele öfFnete die Türe und lief hin- 
aus, und er lief durch die Gassen der Stadt, und lief 
m stürzender Eile, bis er zum Hause der Schüler 
kam. Da standen seine Sohlen, und seine Kehle 
spannte sich, und er ne£: „Meschiach !" Aber da war 
kein Laut nngs um ihn, nur seine Stimme tönte und 
verklang sehr langsam und lebte vor ihm und war 
w^ie die Stimme, deren Flügel er an seinen Schultern 
fühlte. Da zw^ang er seine Augen, aufzusehen, und 
mühte sich, bis er sah. Da sassen die Gefährten 
alle vor der Schw^elle des Hauses in langer bogen- 
runder Reihe, und eines jeden Mund w^ar fest ver- 
schlossen, und eines jeden Blick lag in der Feme, 
und kein Glied regte sich. Und Jossele hörte seine 
Stimme rufen: „Jetzt und jetzt wird Meschiach 
kommen" und hörte die Stimme verklingen mitten in 
starrendem Sch>veigen. Da flog die Seele des Knaben 
auf den Flügeln der Stimme auf und flog zu einem 
der Schüler hm und legte sich an seine Brust, und 
Jossele sprach : „Nachum, w^eisst du noch, w^ie du ge- 
fastet hast von einem Sabbat zum andern, um 
Meschiach zu rufen? Weisst du noch, wie ich zu 
dir kam, als du am Boden lagst am letzten Tag und 
mit der Stirn an die Diele schlugst, w^ie w^ir dann 
zusammen geweint und gebetet haben? Sieh, Meschiach 
kommt!" Aber jener schwieg. Und die Seele wandte 
sich und flog zum zweiten hin und schmiegte sich 
an seme Schläfe, und Jossele sprach: „Elimelech, 



13* 



195 



ich sah dich einmal üher ein Feuer geneigt, dass deine 
Locken an die Flammen sprangen, und deine Lippen 
flüsterten : Meschiach. Ich sah dich einmal den Arm 
emporheben und die Hand gen Piimmel schütteln, und 
deine Lippen flüsterten: Meschiach. Elimelech, er 
kommt!" Aber jener schwieg. Und abermals wandte sich 
die Seele und flog auf den dritten zu und glitt über 
seine Hand, und Jossele sprach : „Jehuda, ich habe 
dich damals gehört, als du den Zauber tatest über 
den ^Vassern und den dunklen Spruch sprachest in 
das AVehen des ^Vlndes. Der Zauber ist mit den 
Wassern verronnen, und der Spruch ist im ^Vlnde 
verw^eht. Aber jetzt Jehuda, horch, jetzt kommt er, 
hörst du ihn kommen? Jehuda, lass uns ihm ent- 
gegengehen." Aber jener sch-wieg. Und Jossele sah 
die Gefährten an und schaute mit seiner Seele auf 
sie, und da sah er, sie hörten seine Worte nicht, und 
er sah sie lauschen, einem fernen Schritt. Da sassen 
sie in langer, bogenrunder Reihe und horchten auf 
einen fernen Schritt und blickten in die Feme. Als- 
dann kam die Einsamkeit über Jossele und legte ihre 
kalte, harte Hand auf seinen Nacken, und die Krallen 
der Hand gruben sich in sein Fleisch, und die Hand 
lag auf seinem Nacken wie ein riesenhaftes, lebendiges, 
sich einkrallendes Siegel. Und Jossele sah, wie das 
rotblaue Licht seinem Herzen entstieg und vor seinen 
Augen verflimmerte. Und Jossele fühlte, w^ie die 
Flügel an seinen Schultern verschrumpften und w^ie 
sie abfielen. Und Jossele wollte sprechen, aber seine 
Kehle trug keine Stimme. Und Jossele w^oUte hin- 
w^eg, aber er konnte den Fuss mcht heben. Und 

i96 



Jossele setzte sich zu den andern und blickte in die 
Feme und horchte auf einen fernen Schritt. 

So sassen sie beisammen, bis die Sterne kamen. 
Da \vich es von ihnen, und sie kehrten in die Stadt 
zurück. Und Jossele stand m seiner Stube wie ein 
Blinder, mit wankenden Füssen, und seine beiden 
sch^vachen Hände rührten an die Abgründe zur 
Rechten und zur Linken, und sein Herz flatterte wie 
krankes Laub im ^Vlnde, und auf seiner Stirn w^ar 
das Zeichen des Eises. 



SCHOFAR = die Posaune, die am Tage des Neuen Jabres 
geblasen wird. TEKJA. SCHEWARIM. TERUA = Namen der 
angeordneten Scbofarklänge. MESCHIACH = Messia«. 



197 



DIE WIEDERKEHR 

AM JAHRESTAGE DES TODES DES HEI- 
/ \ ligcn Ropczycer Rabbis hatten sich alle 
J, Ik Zaddikim in Ropczyce versammelt. Dort 
sassen sie in einem Saal und harrten in Wehmut 
und Sch^veigen, ob die Seele des Verstorbenen die 
Schatten seines erhabenen Wesens über ihre in 
Trauer verdunkelten Herzen ausgiessen würde, als 
die Tür aufflog und ein grelläugiges \Veib herein- 
türzte, das stöhnen d aus unbesch'wichtigten Schmerzen 
sich auf die Erde warf und schrie: ,,Seid mir gnädig, 
ihr heiligen Meister, und höret, was für ein grausames 
Unglück über mich dahergefahren isti Da habe ich 
vorige ^Voche einem Juden achthundert Silbergulden 
eingehändigt, damit er auf die Dörfer fahre, Flachs 
einzuhandeln. Und den Gew^inn, der uns ganz sicher 
w^ar, darein w^oUten wir uns teilen, in halb und halb. 
Vergehen mir da etliche Tage, ich höre nichts von 
ihm, und mir wird ganz gequält und unruhig um das 
Herz. Just heute am frühen Morgen kommt mir 
einer ins Haus, der hier in der Gegend heimisch ist, 
und ich hör von ihm, der Jud ist gestorben eines 
jähen Todes und hat man nicht Geld noch Kauf- 
briefe bei ihm gefunden. Nun frag ich und heisch 
ich, wo ist mein Geld geblieben? Rabbanim, schaffet 
mir einen rechten RatI Ihr sitzet hier beisammen, 
^e die Erzengel des Herrn im Licht, über euren 
Häuptern steht der Himmel als eine offene Pforte, 
eurem Wollen ist die Macht dort einzudringen, w^as 
Zaddikim verhängen, macht der Herr zu Geschehen!" 

J98 



Da griff der Jammer des AVeibes etlichen der 
Zaddikim an die Seele, so dass sie sprachen: „Werde 
atill, Weib, wir wollen dazu tun, dass dein Geld 
gefunden w^erdel" 

Jetzt aber ist der Zaddik Rabbi Schalom von Ka- 
minka aufgestanden und bat gerufen: ,,Hört ibr alle, 
und auch du, WeibI Hier kann kein Versprechen 
bestehen und Frucht tragen. Das Geld bleibt ver- 
loren fiir alle Zeit. W^er es suchen w^oUte, müsste 
in die Kette des Geschehens greifen, die über das 
Rad aller Zeiten läuft. Vermagst du mir zu sagen, 
Weib, in welchem Körper deine Seele gehaust und 
w^as sie in ihm gew^irkt hat, ehe sie auf dem Weg 
der ^^anderung in diesen kam? Es wird sich be- 
geben haben, dass du in einem verblichenen Leben 
eine unerfüllte Schuld mit von hinnen genommen hast, 
und dieser Jude wxirde nur geboren, um deine Schuld 
zu erfüllen, und da er es getan hat, w^ar sein Tun 
in diesem Leibe vollbracht und er ist hingegangen. 

Du aber sei froh und danke, dass der Mangel 
deiner Seele hinw^eggetilgt istl" 

Und als er dies gesagt hatte, w^andte Rabbi Schalom 
sich zu den Zaddikim und redete: ,, Meine Lehrer und 
Meister, ao es euch gefällt, höret auf mich, ich -will 
euch eine Geschichte sagen vom heiligen Baalschem, 
dessen unendliches Verdienst uns stärke. 

In Rischa hat in den Tagen des grossen Heiligen 
ein vornehmer Jude gelebt, ein reicher Mann, gelehrt 
und wohlbew^andert in den Schriften. Ob er gleich 
den Chassidim nicht zugezählt w^erden durfte, achtete 
er doch den Baalschem als einen \Vunderbaren und 

199 



Begnadeten, vernahm mit Begierde die Reden, die 
umgingen über die erstaunlichen Zeichen, die der 
grosse Meister gewirkt hatte, und gewann so endlich 
das Verlangen, ihn von Gestalt, Angesicht und Rede 
kennen zu lernen. Da Hess er eines Tages seinen 
Reisew^agen rüsten, hiess den Kutscher und den 
Diener aufsitzen und fuhr stattlich und prächtig 
angetan w^ie ein Adliger nach Miedzyborz, dem 
Wohnorte des Baalschem. 

Dort betrat er dessen Haus und w^ar recht be- 
dacht, den Heiligen seine Gelehrsamkeit spüren zu 
lassen, denn so hoffte er es zu erlangen, dass der 
Meister ihn w^ert erachte, mit ihm über die Aus- 
legung der Schrift oder über die Geheimnisse der 
Kabbala zu reden. Dergleichen aber Hess der Baal- 
schem gar fiiglich abseits liegen und sprach einfach 
und beschaulich von allerlei Weltdingen, w^obei den 
reichen Juden dünkte, dass der Zaddik ihm durch 
das Gespräch keine gew^altige Ehre erw^iese. Den- 
noch wollte er ansehnlich und w^ürdig Urlaub 
nehmen, und so legte er, bevor er seinen Abschied 
bot, ein Päckchen Rubel still vor sich auf den Tisch. 
Der Baalschem sah es, und für einen Augenblick 
kam ein feines, strahlendes Lächeln in seine Augen, 
und es w^ar, als ob er über die Stube und den Gast, 
ja über alles Land w^eit hinaus auf ein fernes Ge- 
schehnis schaue. 

Wie es nun der Brauch ist bei den Juden, dass 
sie den Zaddik heimsuchen und von ihm heischen, 
dass er mit der Gew^alt seines Gebetes den Himmel 
bezwinge, ihren W^ünschen Gnade und Erfüllung zu 

200 



gewähren, dafür ihm aber eine Gabe reichen, damit 
er, der um ihretwillen stets mit dem Geist über der 
Erde schw^ebt, sein und seines Hauses täglich Bedürfen 
au£ ihr bestreiten könne, so gab der Baalschem sich 
jetzt den Anschein, er vermeine, auch hier sei es um 
solch ein Lösegeld zu tun, und sprach: ,Nun, Freund, 
müsst Ihr mir aber auch sagen, was Euch fehlt und 
wofür ich den Mittler machen muss?' Darauf sprach 
der Reiche, und er legte in seine Worte eine gar 
stolze Zufriedenheit : ,Mir mangelt — der Name Gottes 
sei gesegnet — nichts I Mein Haus hat seinen Wohl- 
stand, die Kinder sind mir aufgewachsen zur Freude 
meiner Seele, meine Töchter haben mir angesehene 
Eidame zugebracht, Enkelkinder w^erden mir im Hause 
gross. . . . Nein, Meister, nichts fehlt mirl' 

Nun, meinte der Baalschem, solch ein Lösegeld 
sei ein rares Ding und nicht übel anzunehmen. Ihm 
sei es noch nie 'widerfahren, dass ein Jude vor ihn 
getreten sei und ihm ein Opfer gereicht habe, ohne 
ihm zugleich das Herz zu zerreissen und die bittere 
Lauge seiner Leiden ^e eine ätzende Flut darüber 
auszugiessen. Der eine bot ihm den Anblick einer 
qualvollen W^unde, für die er Heilung suchte, ein 
anderer w^einte, dass sein unfruchtbares W^eib ihm 
Kinder gebären möge, dem dritten drohte das Ge- 
fängnis und er wollte ihm entrinnen. Hier aber 'w^ar 
einer gekommen, der gab, und begehrte nichts. 

,\Veshalb bist du denn zu mir gekommen?' fragteer. 

,Nur sehen w^oUte ich Euch,' gab der Mann zu- 
rück, ,denn Eure Wunder leben im Volke, und man 
nennet Euch einen göttlichen Mann. Ich aber habe 

20t 



zu meiner Seele gesprochen: ,Ich -will hingehen und 
ihn von Angesicht und Stimme kennen I' 

Darauf der Baalschem: ,Nun, Freund, ist dem so, 
dass du den weiten Weg getan hast, allein um vor 
mir zu stehen mit Aug und Ohr, so sieh mich auch 
gut an und hör mir zu — ich will dir eine Ge- 
schichte erzählen und hingehen zur Spende auf deinen 
^Vcg. Aher, Freund, gut hör mir zu, und alle Kraft 
der Seele leg in dein Lauschen I Meine Geschichte 
ist so geschehen: 

Es hahen einmal in einer Stadt z"wei reiche Juden 
gew^ohnt, Nachharsleute, die hatten ein jeder einen 
Sohn. Die Jungen waren hei gleichen Jahren, he- 
gnadete Seelchen und heide von fruchtbarem Ver- 
stand. Sie ersannen ihre Spiele füreinander und 
lernten zusammen und liebten einander mit einer 
tiefen, unbeirrbaren Liebe, dass einer gleichsam des 
andern Leben w^ar. Aber w^ie lange ist Judenkindem 
die Jugend gegönnt? ^Verden sie nicht gleichsam zu 
früh aus dem Schlummer gerissen, der die Kraft des 
Tages bergen sollte? So die beiden. Sie w^urden 
dreizehn, vierzehn Jahre alt, dann vermählte man sie. 
Der eine zo^ viele Meilen w^eit gegen Mittag, der 
andere noch weiter nach der anderen Seite fort. 

Nun aber, Freund, hör mir gut zu. Die beiden 
jungen Leute waren bloss in ihrer Liebe zueinander 
heimisch, die ^iVelt -war ihnen noch fremd, und so 
schrieben sie sich allw^öchentlich lange Briefe und 
dann \var ihr Leben. 

Allmählich jedoch haftete ihr Blick an dem, was 
ne zunächst umgab und anging, und das zog ihre Ge- 

202 



danken an sich und sog sich fest in ihrem Geiste; 
aber jeden Monat schrieben sie einander und ver- 
schwiegen sich mit nichten, was ihnen begegnet >var. 
Dann aber schloss die "Welt sie in ihre Arme und 
presste ihren Seelen den freien Atem aus, und sie 
hatten Scham, einander in Briefen zu gestehen, dass 
ihrem Herzen die Stille mangelte, daraus das le- 
bendige ^^ort der Liebe kommt, und waren sich zu- 
tiefst zu teuer, einander die hohlen Schalen leerer 
AVorte zu bieten, und so schwiegen sie endlich gar, 
und nur das Gerücht aus fremdem Mund spann 
zw^ischen ihnen feine Fäden hm und wieder, und sie 
hörten voneinander, dass beide m ^Vohlstand hausten 
und gross und gesegnet in ihrer AVeit w^aren. 

Nach vielen Jahren aber fügte es sich, dass einer 
von ihnen alles dessen verlustig ging, w^as ihn reich, 
froh und sicher gemacht hatte, ja, dass er so arm 
^vurde, dass kein ehrbares Gew^and sein eigen war. 

^^le er nun dastand und wider das Elend stritt, 
dachte er des Jugendfreundes und sprach zu sich: 
Er, der mir einst die ganze AVeit und viel schöner 
w^ar, als sie selbst es später sein mochte, er wird 
mich wiederbeleben aus dieser Not, die mich starr 
und lahm macht, w^enn ich nur zu ihm kommen 
w^erde. Und er ging unter den Leuten umher und 
erborgte sich das Reisegeld unter vielen Demütigungen 
vind Leiden und fuhr in die Stadt, in der der Freund 
hauste, und suchte ihn heim. Dort -w^urde er in 
glücksehger Herzensw^ärme empfangen, das ganze 
Haus einte sich zum Feste. Als sie beim Mahle 
Sassen, Seite an Seite, fragte der Freund: ,Du Seele 

203 



meiner Kindheit, sage mir, wie ergeht es dir in der 
AVeit?* Sprach der andere: ,Viel mag ich nicht 
reden, wisse nur, selbst die Kleider, in denen ich 
gehe, sind mcht mein!* Und wie er redete, fielen 
ihm die Schmerzenstränen aus den Augen und 
sickerten in das ferne Linnen, das den Speisetisch 
festlich deckte. Da hat der Gefahrte nimmer gefragt, 
und das Mahl ist w^eitergegangen mit Scherz, Gesang 
und Spiel. 

Als es zu Ende w^ar und Freund hei Freund in 
der Stille sass, rief der Hausherr seinen Schreiber 
und hiess ihn eine Aufstellung seines ganzen Ver- 
mögens machen, und als das geschehen war, alles 
zu zw^ei gleichen Hälften teilen und die eine seinem 
Herzbruder übergeben. 

Der vor Tagen noch Arme fuhr reichgesegnet 
heim, traf alsbald Arbeit und Gelingen vereint, 
und in einigen Jahren stand sein Haus reicher und 
sicherer da, als es je vordem gewesen w^ar. In der 
nämlichen Zeit aber fugte es sich, dass im Hause 
des andern Freundes das Unglück Gast w^urde 
und sich als ein hartnäckiger Geselle erwies, der 
nimmer von hinnen w^ich, w^ie der Mann auch alle 
Gewalten antrieb, es zu verjagen. Erst mit ihm 
zugleich zog es aus dem Hause. Da aber -war die 
Dürftigkeit übergross gew^orden, und zu alledem 
traf er kein Herz auf seinem bitteren AVege, das 
ihm geraten und ihm geholfen hätte. 

Wie er nun in einer armseligen Stube sass und 
die Not wie eine grosse, dürstende Spinne in ihr 
grauses Gespinst ihn einw^ob, und er fühlte es 

204 



atemlos immer enger und dichter \verden, da fiel 
ihm der Freund seiner Kindheit ein, und vor seinem 
Namen riss das Gewebe, und er fühlte, wie sein 
Geist beschw^ingt und frei sich aus der Tiefe hob, 
bereit, den Kampf mit den feindseligen und un- 
reinen Elementen der A^elt aufs neue zu beginnen. 
Er schrieb sogleich an den Genossen, von dem er 
vernommen hatte, dass sein ^Vohlstand weit über 
seinen ehemaligen Besitz hinausgewachsen 'war, dass 
er zu ihm zu kommen gedächte in grosser Bedräng- 
nis, um aus seiner geliebten Hand ohne Scham sich 
die Hilfe zu erbitten. Und er liess ihn wissen, an 
^v^elchem Tag und zu welcher Stunde er die Stadt 
zu verlassen gedachte, um den ^Veg zu ihm zu 
nehmen. Dann, zur rechten Zeit, schon völlig 
^vohlgemut, machte er sich zu Fuss auf den w^eiten 
^^eg. Der grossen Müdigkeit, die ihn schliesslich 
befiel, achtete er kaum, denn hinter jeder Biegung 
der Strasse, in jeder fernen Staubwolke hofite er 
das Gefährt des Freundes zu erblicken, der ihm 
entgegenfahren w^ürde, denn er wusste ja den Tag 
seiner ^^anderung. Er näherte sich schon der 
Stadt, — noch immer allein, zu Tode erschöpft. 

»Vielleicht ist mein Freund auf einem andern ^Vege 
mir entgegengefahren, — es gibt -wohl deren mehrere, 
die von seiner zu meiner Stadt führen I' dachte der 
^Vanderer. ,Er wird, da er mich nicht angetroffen 
hat, umgekehrt sein, und ich w^erde ihn in seinem 
Hause finden I' 

Da er die Häuser und Gärten der Stadt in 
einem Schimmer von ^Vei8S und Grün vor sich 

205 



sah, schwand ihm die Schwere aus den Gliedern, 
und er schritt rascher aus. Unschw^er vermochte 
er den ^Veg zu seines Freundes Haus zu erfragen, 
es lag stattlich und ernsthaft in einer reichen Strasse. 
Er trat ein und fand den Saal, in den er trat, an- 
gefüllt mit wuchtigen, w^ertstrotzenden Geräten, 
aber von Menschen leer. , Seltsam/ dachte er, 
,da58 mein Freund auch hier mich nicht erwartet. 
Sollte mein Brief verloren, sollte der Bote trügerisch 
gew^esen sein?' Er liess sich nieder und w^artete. 

Indessen sass sein Freund oben im letzten Stock- 
werk des hohen Hauses in seinem Gemach zwischen 
Büchern und Rechnungstafeln. 

Er hatte den Kopf in seine Hände vergraben. 
Seit Tagen stritt seine Seele einen ungeheuren 
Kampf. Als er den Brief seines Jugendfreundes 
erhalten hatte, stand jene Stunde vor ihm, da der 
andere all sein Hab und Gut mit ihm geteilt hatte, 
um der Liebe aus den Kindertagen willen, da ihre 
Seelen Gesch-wister ge'wesen waren. Und er ver- 
stand, dass nun an ihm die Reihe w^ar, ein Gleiches 
zu tun. Nun aber hatte sein Wesen, einst rein 
und gütig den Händen des Ewigen entsprungen als 
eine klare, singende Quelle, sich in jenen Zeiten, 
da er aus plötzlicher Armut rasch w^ieder zu un- 
vermutetem Reichtum gelangt w^ar, getrübt. In ihm 
■w^ar zuerst die Angst vor einem erneuten Verarmen 
gew^esen, später eine übertriebene Liebe zum Be- 
sitz, die sich zu einem kalten Geiz steigerte. 
Darüber ■war er von innen leer geworden. Und 
nun bäumte es sich in ihm auf vor dem Gedanken, 

206 



Bich auch nur von einem kleinen Teil des Seinen 
zu trennen. 

Er beachloss endlich, jede Gabe zu verweigern. 
Da er aber bedachte, dass beim Anblick des Freundes 
alle Härte in ihm schmelzen köimte, dass seine Seele 
auftauen würde, w^enn sie aus dem Blütengarten 
ihrer Jugend das Silberläuten vernähme, überkam 
ihn eine würgende Angst. Er rief seine Diener und 
befahl, dass sie den Mann aus dem Haus zu w^eisen 
hätten, und er legte ihnen schreckliche Worte, scharfe 
und seelenlose, in den Mund. 

Als nun einer aus der Schar der Knechte ein- 
trat, der W^artende seinen Namen nannte und 
den Herrn begehrte, tat der Diener nach seinem 
Befehl und w^ies ihn fort, w^ie es ihm geboten w^ar. 

Der arme Gefährte ging von hinnen aus der 
Stadt an einen Ort, wo er mit seiner Seele allein 
•war. Da weinte er sich gut aus vor Gott und 
sprach: ,Herr, der Freund, der mein einziger Hort 
auf Erden w^ar, meiner Seele Bruder, dem ich von 
meinem Gut einst so viel gegönnt habe wie mir 
selber, er hat mich nicht vor sein Angesicht ge- 
lassen.' In seinem bitteren AVeinen, in der Auf- 
lösung seiner Seele, erschöpft am Leibe von der 
weiten Reise ohne Rast und Labung ist der Arme 
gestorben in jener Stunde. 

Wenige Tage später ist auch der Reiche dahin- 
gegangen. 

Zusammen haben sie vor dem hohen Richter der 
^«^elt gestanden. Dem Armen hatten Leid und Güte 
ein Sein im hohen Lichte errungen, der Reiche aber 

207 



sollte versinken in Ver^virrung und Trostlosigkeit 
in den Raum, wo Eis wie Feuer brennt und die 
harten Herzen ihren Ort haben. 

Als sein Gefährte den Richtspruch vernommen 
hatte, schrie er unter Tränen: ,Herr, selbst die 
Helle, die von dir ausgeht, kann den dunklen 
Kummer nicht erleuchten, den ich alle Ew^igkeit 
fühlen w^erde, w^enn dieser in das Reich der 
Qualen versinken soll, der meine ganze Welt w^ar, 
als ich, ein Kind, mit ihm zu deinen Füssen spielte.' 

Es redete die hohe Stimme der Himmel und 
sprach zu ihm: ,Dein und sein Richter sollst du 
sein. Was begehrst du für euch beide?' Da ant- 
wortete jener: ,Ge'w^ähre uns, o Herr, noch einmal 
auf die Welt niederzusteigen, lass unsere Seelen 
mit einem neuen Körper, mit einer reinen Hülle 
der irdischen Wirklichkeit geboren w^erden. Noch 
einmal lass ihn selbst über den ^Veg seiner Seele 
entscheiden. Ihn lass in Reichtum, mich in Armut 
geboren werden. In Bettlergestalt will ich bei ihm 
erscheinen und zurückerlangen, was er mir schuldet 
und verw^eigert hat in jenem vergangenen Leben. 
Ist sein Sinn aber karg "wie einst, glühende Tränen 
wie flüssiges Silber w^ill ich über sein Herz giessen, 
Worte, die w^ie Flügel die Luft um ihn bew^egen 
sollen, will ich ersinnen, auf den Knien will ich 
mit seiner starren Seele ringen, um das Gut von 
ihm zu erreichen, sei es Heller um Heller I' 

Da beschied die hohe Stimme den beiden eine 
neue Wiederkehr. 

Der harte Mann lebte in reichem Hause ein 

208 



üppiges Leben, der andere kam unter dürftige 
Leute in einem fernen Lande, ein Armer in Wahrheit. 

Nun, o Freund,' mahnte der Baalschem, , spanne 
deine Seele an und höre mir gut zu! 

Was vor diesem Leben, auf der Wanderung 
der Geister mit ihnen beiden sich ereignet hatte, 
das T^russten sie nimmer. Es geschah, dass der 
Arme in der Not seines Lebens auf die Wander- 
schaft zog, um zu betteln, und so ist er in die 
Stadt gekommen, wo der andere in seinem schönen 
Hause unter Reichtum und gutem Leben in die 
irdische Seligkeit eingebettet war. An dem Tag, 
da der Arme jenen Ort betrat, w^ar sein Elend 
und Entbehren so hoch gestiegen, wie ein schwellendes 
Waaser, das seinen höchsten Stand erreicht hat. 
Er irrte durch die Strassen und kam zum Haus 
des reichen Mannes. Hier hielt er ein und hob 
die Hand, mit dem Klopfer die Tür zu berühren. 
In dem Augenblick kam ein Mensch des Weges, 
erblickte den Bettler an der Pforte und rief ihm 
zu: .Hier pochst du vergebens, aus dem Haus ist 
noch keiner getröstet weggegangen I' Da wusste 
er, da«s man ihm die Gabe weigern w^ürde, und 
seine Hand fiel herab, aber etw^as in seinem Herzen 
sagte ihm, dass er hier und nirgend anders das 
Almosen empfangen müsse, "wenn seinem Leben 
sollte geholfen werden. So pochte er und trat vor 
den Herrn des Hauses und bat um eine geringe 
Spende, damit er seinen wühlenden Hunger stillen 
könne. , Reicht Ihr mir nichts, so sterbe ich!' sagte 
er. ,Ihr haltet mein Leben in eueren Händen!' Der 



u 



209 



Hausherr verzerrte sein finsteres Gesicht zu einem 
Lachen und höhnte: ,Spar deine Zeit und red nicht 
lang! Jedes Kind auf der Strasse ^veiss, ich gebe 
kein Almosen. Um dich hrech ich nicht mit meinem 
Braucht' 

Da fühlte der Arme eine seltsam z^n^ingende 
Kraft in sich aufsteigen, es war ihm, als bäte er 
um mehr als um sein Leben. Fremde, gewaltige 
Worte stiegen aus seinem Munde, er fand eindring- 
liche Geberden und rang mit aller Anstrengung um 
da« verschlossene Herz. 

Als der Reiche eine so grosse Gew^alt auf sich ein- 
stürmen fühlte, erfasste ihn die Wut, er schlug auf den 
Bettler los, und er, der sein letztes Leben in seine Bitten 
gesammelt hatte, sank unter dem Schlage tot darnieder. 

Nun, Freund,' sagte derBaalschem, ,hast du mich zu 
Ende gehört. Fehlt dir w^irklich noch immer garnichts 7' 

Da brach der Jude in Tränen vor dem Meister 
in die Knie: , Rabbi, der Böse bin ich. Du hast 
den Schleier der Zeiten aufgetan, meine Augen 
haben über die Kette des Geschehens hingeschaut I 
Was soll ich tun, dass ich die Seele, die verdorben 
ist, mir behüte und reinige?' 

Es antw^ortete der Baalschem: ,Geh und sieh in 
jedem Armen auf dem W^ege ein Kind des Bettlers, 
den du erschlagen hast, gib von deinem Gut und 
von deiner Hilfe soviel du vermagst, lass deine 
Seele die Gabe mit Liebe überströmen I'" 

Dies hat Rabbi Schalom von Kaminka denZaddikim 
erzählt, die zum Jahrestag in Ropczyce versammelt 
w^aren. 

2J0 



VON HEER ZU HEER 

IN DEN TAGEN DES BAALSCHEM LEBTEN 
zM^ei Freunde. Beide standen in jener Zeit der 
reichsten Jugend, da noch die letzte Morgenröte 
hold und unbestimmt am Himmel glüht: die wilden 
Träume der Dämmervmg zittern noch nach, bald naht 
Sonne, die strenge Hcrnn, und ihr Reich der Ge- 
stalten wird sichtbar, aber jetzt leuchtet die schwere 
und selige Stunde, und Traum und Tag erblassen vor 
der morgenroten Frage um den Sinn des Lebens. 

Oft sassen die Freunde beisammen, an einen Baum 
oder an die kahle Wand ihres Stübchens gelehnt, imd 
redeten von dem Sinn des Lebens. Dem einen war 
die ^^elt erschlossen durch das W^ort des Baalschem. 
In jedem Ding empfing er eine Botschaft und mit 
jeder Tat sandte er eine Antw^ort. Er w^arf sich auf 
das junge Feld hin und sog die Gnade aus der Acker- 
erde, er grüsste den Wind und das Wasser und die 
schönen vorüberlaufenden Tiere, und sein Gruss w^ar 
ein Gebet. So war ihm der Sinn des Lebens inGott 
eingewTirzelt. Sein Gefahrte aber ereiferte sich gegen 
ihn darob und meinte, all dies sei eine Sünde wider 
den Geist der Wahrheit. Denn viele Flächen habe 
jedes Ding und viele Formen jedes ^Vesen, und w^er 
seine Seele zur Sklavin eines Glaubens erniedrige, 
der sehe von allem nur eine Fläche noch und eine 
Form, arm und behaglich w^erde sein Weg, und tot 
sei in ihm das Suchen nach \Vahrheit, der Sinn des 
Lebens. Darauf antwortete jener leisen Mundes, in 
der ^^elt der Verklärung gebe es keine Flächen und 

14. 2U 



Formen, sondern jedes Ding stehe da in seiner 
Reinheit. So stritten die beiden Freunde oft mit- 
einander, und jeder fühlte im Sprechen die Tore 
seiner Seele aufspringen und sah angstvoll und ver- 
zückt in ein Land, von dem das Wort nichts zu sagen 
wusste. 

Da geschah es, dass eine sch\vere Krankheit den 
einen der Jünglinge, der dem Baalschem ergehen war, 
befiel. Und an der starren Kra£t der Schmerzen er- 
kannte er, dass sie die Boten einer Gewalt w^aren, 
die sein Erdenleben zum Ende fuhren w^ollte. Daher 
stemmte er sich nicht "w^ider sie, sondern legte seinen 
Wunsch in den des mächtigen Elements, das seinen 
Leib mit brennenden Armen umschlungen hielt. 
Mochte er aber noch so willig das Kommen des 
Blitzes envarten, der z^vischen den beiden ^Velten 
aufzuckt, dennoch stand ein Grauen auf dem ^\^ege 
von seiner Gegen'wart, die so leid voll aber so un- 
sagbar -Nvirklich w^ar, zu alle dem, das sich ereignen 
sollte im Abgrund der Ewigkeit. Und so liess er dem 
Baalschem kundtvm, dass er sich zum Sterben rüste, 
und als der Meister an seinem Bette stand, sprach 
er: „Rabbi, w^ie und womit soll ich ziehen? Sieh, 
ein Grauen steht vor mir und stört meinen Frieden. 
Der Baalschem nahm die Hand des Kranken in seine 
Hände und redete zu ihm : „Kind, besinne dich : bist 
du nicht allezeit von Heer zu Heer gegangen und von 
Tor zu Tor? So sollst du auch furder gehen in den 
Gärten der E-wigkeit.** Und er hob den Finger über 
die Stirn des Kranken und berührte sie und redete 
zu ihm : „Diew^eil noch die Stunde der letzten Morgen- 

2J2 



röte über dir ist, die schwere und selige Stunde , und 
dieweil du wahrhaft in ihr gelebt und ihr Glück 
nicht gescheut hast, will ich deinen Weg leicht 
machen und will mein Zeichen auf deine Stirn 
schreiben, auf dass niemand deinen Schritt schrecke 
und deine Bahn hemme. So gehe hin, Kind, w^enn 
dich der Tod beruft, und trage meinen Segen vor dir 
und deine Wahrheit." Und neigte sich über ihn und 
legte Stirn an Stirn und segnete ihn. 

Aber als der Meister gegangen w^ar, schlich sich 
der andere Jüngling ins Zimmer und kniete vor 
dem Bette nieder. Und er küsste die Hand des 
Kranken und sprach : „Mein Liebling, sie w^oUen dich 
nehmen, und ich weiss, du wehrst dich nicht. Und 
besinne dich, wie wir damals mit einander redeten, in 
den Birken am Sommerabend, und zuletzt sagtest du 
nur: Ja, es ist, und ich sagte: Nein, es ist nicht. Und 
nun ist mir sehr bange, und du gehst ft>rt von nur, 
gehst w^illig fort mit diesen deinen Augen. Mein 
Liebling, die Birken sind in deinen Augen und der 
Sommerabend. Und alles sagt: Ja, es ist. Und sieh, 
ich fühle, dass es ist, ich selbst sage es ja, und w^eiss 
es auch, denn sonst wäre kein Sinn in allem, und du 
gehst fort von mir, und wohin gehst du?" Und er 
schluchzte über der Hand des Freundes und küsste 
sie wieder und wieder. Der Sterbende aber sprach: 
(»Lieber, ich gehe den ^Veg weiter. Und sieh, w^enn 
ich unterwegs bin, dann w^ill ich dein gedenken und 
unserer Liebe und wie wir unsere Seelen tauschten 
am Abend. So w^ill ich dann kommen zu dir, dir zu 
künden von meinem Wege. Darum gib mir deine 

2J3 



Hand. Sieh, ich umschliesse sie mit meiner und 
schlinge meine Finger in deine, so stark ich kann, und 
dies ist mein Versprechen an dich, dass ich kommen 
•werde." Da sehne der andere auf und rief: „Du 
sollst nicht gehen, ich halte dich, du sollst nicht 
gehen!" Aber der Sterbende sprach in seinem Frieden : 
„Nicht doch, und kannst auch nichts -wider den Herrn. 
Jedoch meine Hand sollst du halten, bis das Atmen 
in ihr aufhört, und dies wird bald sein, und mem 
Versprechen an dich ist mein Gruss an die Erde, die 
so schönen A^md und so schönes ^V asser und so 
schöne vorüberlaufende Tiere trägt, mein Gruss, dass 
ich wiederkommen ^vlll, sie und dich zu schauen." 
Das ^var sein Scheiden. 

Und als er aufstieg, öffneten sich die Pforten 
des Firmaments vor dem Zeichen auf seiner Stirn, 
und weit tat sich ihm auf das Reich der kommenden 
AVeit. Und er -w^andelte von Tor zu Tor und von 
Heiligtum zu Heiligtum und erfuhr das Unerfahrbare 
und empfing den Sinn des Lebens. Die Zeit schwieg, 
und der Raum w^ar nicht da, nur der AVeg des 
AVerdens ohne Ort uud Ablauf, nur das Blühen in 
der Luft der lebendigen Stille. 

Aber plötzlich w^ar sein Schritt gehemmt, und 
die Zeit sch-watzte um seine Ohren, und der Raum 
stiess ihn ringsum mit kantigen Fäusten. Da stand er 
inmitten von wortlosen Gew^alten und konnte nicht 
weiter. Und er rief ihnen zu und wies ihnen das 
Zeichen auf seiner Stirn. War ein Starren in den 
Gew^alten und -w^ie ein Lachen und fast w^ie ein 
Kopfschütteln, und er verstand, dass seine Stirn 

2J4 



kein Zeichen mehr trug. So stand er und war ein 
Mensch, und die Verz-weiflung des Menschen glitt 
heran und fasste seine Finger vne zum Tanz. Da 
riss er sich los und wandte sich, und da sah er 
einen alten Mann vor sich stehen, der sprach zu 
ihm und fragte : ,, Warum stehst du hier?" Antwortete 
er: ,,lch kann nicht w^eiter." Sprach der Alte: 
, .Nicht gut ist das Ding. Denn verweilst du dich 
hier und gehst nicht w^eiter und w^eiter, dann kannst 
du das Lehen des Geistes verlieren und hleihst an 
diesem Ort wie ein stummer Stein. Denn alles 
Lehen der kommenden Welt ist zu schreiten von 
Heer zu Heer, nach ohen und oben, bis in den Un- 
grund der Ewigkeit." Fragte ihn der Jüngling: 
,,Und w^as vermag ich zu tun?" Sprach wieder der 
Alte: ,,Ich w^ill in das Heiligtum gehen und hören, 
zu erfahren, >vas dies ist und w^arum dies ist." Er 
ging und kehrte zurück und sprach: ,,Du hast 
deinem Freunde versprochen, zu ihm zu kommen 
und ihm von deinem W^ege zu künden, und hast 
es vergessen und nicht getan. Darob ist das Zeichen 
von deiner Stirn ge'wischt nnd ist dir verwehrt, in 
dieses Heiligtum zu kommen, w^elches das Heiligtum 
der Wahrheit ist." Da schaute der Jüngling die 
Erde und seinen Freund, und er trauerte ob seines 
Vergessens. Und nach einer Weile fragte er: ,,W^as 
soll ich tun, um das Ding zu lösen?" Antwortete 
der Alte : ,,Geh hin zu deinem Freunde und erscheine 
ihm im Traume der Nacht und künde ihm, was er 
zu wissen begehrt." Dies sprach er und ging von 
dannen. 

215 



Der Jüngling aber stieg zur Erde nieder und 
trat in den Traum seines Freundes ein. Er strick 
dem Schlafenden über die Stirn und flüsterte in 
sein Obr: „Lieber, ich bin gekommen, um dir von 
meinem Wege zu künden. Du aber zürne mir nicht, 
dass ich gesäumt habe. Denn wie kann man eines 
Menschen, und auch des liebsten, gedenken mitten 
im Schauer der Gottesw^irbel, die alle Grenzen 
überfluten?" Jener aber warf sich im Schlafe empor 
und drückte die Hand an die Augen und stiess die 
Worte seines Unmuts aus schier ineinander gepressten 
Zähnen hervor: ,,Geh von mir, du Bild und du Lüge, 
und ich will mich nicht länger von dir narren lassen. 
Gew^artet habe ich und gew^artet, und der Verheissene 
kam nicht. Und nun ist ob des W^artens mein Sinn 
verdorben, dass ich Nacht fiir Nacht getrogen w^erde 
und den Verheissenen zu sehen vermeine. Und dann 
ist alles dunkel und zerf liesst in die Schatten. Aber 
nun w^ill ich mich nicht länger narren lassen und 
befehle dir, zerfliesse sogleich und auf mein W^ort, 
denn es soll mich nicht befallen dein Schwinden w^ie 
ein Schlag aus leerer Nacht. Und komm nicht 
w^ieder, hör dies und komm nicht w^iederl" Da er- 
zitterte der Jüngling und beugte sich über den Ge- 
fährten uud schmiegte sich zitternd an ihn und sprach 
ihm zu: ,, Wahrlich, kein Trug, sondern dein Freund 
bin ich und gekommen zu dir aus der ^Velt des 
^Vesens. Und denke du, w^ie v/ir sassen unter den 
Birken am Sommerabend. Und denke, w^ie unsre rechten 
Hände einander umschlangen in der Stunde meines 
Sterbens." Aber der Träumende schrie : „Das Gleiche 

2i6 



sagst du Nacht für Nacht, und fängst du mich und 
ich hehe mich zu dir, da gehst du hin in die Schatten. 
So lass nun ab von mir, und sieh, ich mache mich 
losl" Und nochmals versuchte der Gekommene den 
Kampf und rief: ,,Hast du nicht seihst gesprochen: 
Ja, e« ist?" Jener jedoch lachte mit harter Stimme: 
,,Wohl habe ich gesprochen, und auch gewartet 
habe ich. Aber der Verheissene kam nicht, und 
nun schaue ich es: ich war das Spiel in der Hand 
einer grausamen Stunde. Die hat mich geknechtet 
und geschändet und hat das Ja des Verrates auf 
meine Lippen gebracht. Aber ich schreie dir ent- 
gegen: Nein, es ist nicht. Und Nein und Nein, 
und nun w^ill ich dich in Stücke reissen, du tolle 
Lügel" Da w^ich der Jüngling und bog sich zum 
Entschwinden, aber noch kam ihm ein Letztes, und 
aus matter Feme rief er dem Genossen zu: ,,So 
will ich dir ein Zeichen bringen. Am hellen Tage 
will ich w^iederkehren und dir ein Zeichen bringen." 
Und er sah das Haupt des Geliebten müde, aber 
mit einem aufblinkenden Staunen, wie der erste 
Vorschein der Hoffnung, über den Augen in die 
Kissen zurücksinken. 

Und in der oberen ^«^elt eilte er zum Tempel 
der Wahrheit und suchte den Alten vind fragte ihn: 
,,Rede und hilf mir, Nvelches Zeichen kann ich meinem 
Freunde bringen, dass ich in der ^^ahrheit bin?" 
Sprach der Alte: ,,Auch darin w^ill ich dir raten, 
mein Sohn, und Gott sei mit dir. Siehe, am Mittage 
jedes Sabbats predigt der Baalschem in dem ew^igen 
Lehrhause, das in dem Himmel des heiligen Erkennens 

2J7 



steht, von den Geheimnissen der Lehre. Und hei der 
dritten Sahhatmahlzeit, -<(velche genannt ^n^ird das 
Mahl der heiligen Königin, predigt er von diesen 
Geheimnissen vor den Ohren der Menschen, nach- 
dem sein Wort die Weihe der oheren AVeit emp- 
fangen hat. So gehe du am Mittage des Sahhats 
und höre die Rede deines Meisters in den Himmeln, 
und sodann steige zu deinem Freunde nieder, \venn 
er des Nachmittags auf seinem Lager ausgestreckt 
ist und nicht mehr 'wachen Sinnes, sich doch auch 
keine Ruhe finden kann, und vermelde ihm die Rede. 
Und dies sei ihm zum Zeichen, auf dass er zum 
Mahl der Königin in das Haus des Baalschem komme 
\jnd die Worte vernehme aus seinem Munde." 

Und der Jüngling tat also und nahm die Rede des 
Meisters auf und stieg nieder und trat in den \Vach- 
traum seines Freundes nnd goss die Worte üher ihn 
aus °wie einen Balsam. Sodann heugte er sich üher 
ihn und küsste ihn, Mund auf Mund, mit dem Kusse 
des Himmels. Dann entflog er. 

Jener aher erhöh sich alshald und ihm war, als 
hahe er das Unerfahrbare erfahren. Und er ging 
hinaus, da standen die Birken in der Mittagsonne. 
Lange sass er unter den Birken ^e ein Wissender, 
und in dem jungen, weit ausgespannten Sinne strahlte 
die Erfüllung von Feme zu Ferne. Als aber die 
Sonne sich neigte, ging er zum Hause des Baalschem, 
nicht aus dem Zweifel, sondern aus der Sehnsucht. 
Und er stand in der Tür und hörte wie aus dem 
Mvmde der Gotteskraft die W^orte aus dem Munde 
des Baalschem. Da neigte er sich zu den Füssen des 

2S8 



Sprechenden und sagte: ,, Rabbi, segne mich, dieweil 
ich sterben will. Denn was soll ich noch hier?" 
Aber der Meister sprach: , .Nicht also. Zu den 
Birken tritt hinaus, die wieder im Sommerabend 
stehen, und rede zu ihnen in deiner Freude: Ja, es 
ist. Und w^ohl segne ich dich, aber nicht zum 
Tode, sondern hier schon zu schreiten von Tor zu 
Tor, von Heer zu Heer, und so für und für." 



2J9 



DAS DREIMALIGE LACHEN 

EINMAL AN EINEM FREITAGABEND, 
als der Baalschem mit einigen seiner Schüler 
J zu Tische sass, begab es sieb, da er eben den 
Segen über den ^Vein gesprochen hatte, dass sein 
ernstes Gesicht mit einem Male 'wie von innen 
heraus mit einem hellen freudigen Schein erstrahlte, 
und er begann zu lachen und lachte gar sehr in 
einer innigen W^eise. Die Schüler blickten im 
Zimmer umher und schauten sich untereinander an, 
aber da war kein Ding, das des Lachens Ursache 
hätte sein können. Nach einer kurzen Frist lachte 
der Baalschem zum andern Mal und ganz auf die 
selbe Art, ^vie mit der unvermuteten Fröhlichkeit 
und Helle eines Kindes. Und dann ging eine kleine 
Weile hin, und sein Lachen erklang zum dritten 
Male. 

Die Schüler sassen schw^eigsam um den Tisch. 
In ihren Augen war dieser Vorfall ein seltsames 
und unbegreifliches Ding, denn sie kannten den 
Meister w^ohl und w^ussten, dass seine Seele sich 
nicht leichtfertig solcher Bew^egung hingab. So 
ahnten sie einen tiefen unbekannten Grund dieser 
Freudigkeit und hätten ihn gern gekannt, doch 
keiner fand den Mut, dass er den Meister darum 
angegangen hätte. Da richteten sie alle ihre Augen 
auf den Rabbi W^olf in ihrer Mitte, dass der vom 
Meister erfrage, aus w^elcher Ursache dieses Lachen 
erklungen sei. Denn so war der Brauch, dass der 
Rabbi W^olf am Sabbatausgang, w^enn der Baalschem 

220 



in seiner Stube sass und Rast hielt, zu ihm trat, 
um von ihm zu vernehmen, was im Laufe des 
Sabbats sich mochte zugetragen haben. 

So geschah es auch diesmal, dass dieser Schüler 
zum Meister kam und ihn fragte: ,,Lass uns 'wissen, 
was der Sinn des Lachens w^ar, das gestern abend 
über dich kam." 

Da sprach der Baalschem: ,,Nun w^ohl, so möget 
ihr wissen, woher mir die Freude zuflog. Haltet 
euch bereit, mit mir zu kommen, und ihr sollt hören." 

Darauf hiess er den Knecht die Pferde ein- 
spannen, denn so hielt es der Baalschem, dass er 
jedesmal nach Ausgang des Sabbats für eine ^Veile die 
Stadt liess, eine Fahrt ins freie Land zu tun. Er bestieg 
mit seinen Schülern das Gefährt, und sie kehrten 
nicht -wie sonst nach einigen Stunden in ihre Heimat 
zurück, sondern fuhren die ganze Nacht weiter 
sch^veigend durch die Dunkelheit. Am Morgen 
langten sie in einem Ort an, und der Baalschem 
liess bei dem Hause des Vorstehers den Wagen 
halten. Bald war seine Ankunft der ganzen Juden- 
heit bekannt geworden, und alle kamen und um- 
ringten das Haus, um ihn zu ehren. Er aber 
achtete niemandes, sondern befahl dem Vorsteher, 
ihm Sabbatai, den Buchbinder, rufen zu lassen. 
Da erwiderte Jener ein w^enig unzufrieden: 
, (Meister, was w^ollt Ihr von diesem, der ein 
kleiner unbeachteter Mann in unserer Gemeinde 
ist? \Vohl ^^eiss jeder von uns, er ist ein red- 
licher Jude, aber nie habe ich ihn um der ge- 
ringsten ^/Wissenschaft willen rühmen hören. Wa« 

221 



kann Euch der frommen?" ,,Glcich>voKl", sprach 
der Meister, ,,ist es mein Wille, dass du ihn mir 
rufest." Man schickte um ihn, und er kam, ein 
hescheidener grauhaariger Alter. Der Baalschem sah 
ihn und sprach: ,, Auch deine Ehefrau mögekommen", 
und auch sie war alshald zur Stelle. 

,,Nun", heischte der Meister. ,, magst du mir er' 
zählen, was ihr in der letzten Sahhatnacht getan 
habt. Aber sage die schlichte Wirklichkeit, habe 
keine Scham und verbirg uns nichts." 

,,Herr," erwiderte jener, ,, nichts w^ill ich vor dir 
verhehlen, und habe ich gesündigt, so siehst du 
mich bereit, aus deinen Händen die Busse zu nehmen, 
als käme sie von Gott. 

Siehe, alle Tage, die mir der Himmel gegeben hat, 
kam mir mein Erwerb aus meiner Arbeit. Einst war 
sie gesegnet, und ich war tätig und vermochte mir 
beizeiten ein kleines Gut zur Seite zu legen. Von 
Anfang an aber war es mein Brauch, dass am 
Mittag des fünften Tages in der Woche mein W^eib 
hinging, um mit aller Sorglichkeit jene Dinge ein- 
zukaufen, die nötig sind, den Sabbat zu feiern, 
unser Bedürfen an Mehl, Fleisch, Fischen und 
Lichtern. Und w^enn am Vortag des Sabbats die 
zehnte Stunde sich erfüllt hatte, so Hess ich meine 
Arbeit und ging zum Bethaus, um dort bis nach 
dem Abendgebet zu verweilen. So habe ich von 
Jugend an getan. 

Jetzt aber, da ich zu altem anhebe, hat sich das 
Glücksrad über mir gedreht, mein Besitz ist mir 
aus den Händen geschwinden, und meine Kraft, 

222 



mir aus meiner Arbeit Früchte zu schaffen, ist gar 
gering. Nun lebe ich ein bitteres Sorgenleben, 
und oft ist es mir nicht gegeben, alles Bedürfen 
des Sabbats am fünften Tage einzuschaffen, wie es 
unser Hausbrauch zu guter Zeit war. Mein Trost 
ist, — was auch über mich kommen mag, eines 
brauche ich nicht zu lassen: um die zehnte Shinde 
des Sabbatvortages ins Bethaus zu gehen und so 
das Meine zu tun. 

Nun vernimm, Meister, es w^ar die zehnte Stvmde 
am Vortag dieses Sabbats, und in meiner Hand 
lag auch nicht ein Heller, die Bedürfnisse des 
Sabbats zu erstehen, und mein armes Weib hatte 
kein Stäubchen Mehl mehr in der Truhe. Nun 
aber hatte ich alle Tage meines Lebens nie eines 
Menschen bedurft, so w^oUte ich auch diesen Tag 
ohne Almosen bestehen und nicht bittend eine 
Sch'welle überschreiten. Und es war in meinem 
Herzen beschlossen, dass es besser sei, am Sabbat 
zu faaten, denn eine Gabe zu begehren von Fleisch 
und Blut. Aber ich fürchtete, dass es meiner Frau 
allzusehr das Herz bedrücken w^rde, am Sabbat 
auch nicht eine Kerze auf dem Tische brennen zu 
sehen, und dass sie eine oder etwa ein Sabbatbrot 
oder ein wenig Fisch annehmen möchte, wenn ihrs 
eine Nachbarin in Güte anböte. Darum redete ich 
zu ihr und verlangte ihr es ab, dass sie verspräche, 
von keinem Menschen eine Hilfe zu nehmen, sei 
es auch, dass w^er sie darum bedrängte : denn verstehe, 
Meister, die Juden, unter denen w^ir leben, sind gut 
von Gemüt und möchten es schw^erlich besehen, 

223 



dass uns der Tiflch am Sabbat leer stünde. Und 
meine Frau sagte mirs zu. Ehe ich zum Bethaus 
ging, sprach ich zu ihr: „Heute -w^erde ich säumen 
und mich im Gebet verweilen, bis der Tag sich 
neigt. Denn wenn ich mit den andern vom Bethau ^ 
heimginge und sie sähen in meinem Hause keinr 
Licht, so -würden sie mich um die Ursache fragen, 
und ich -wüsste nicht, -was ihnen antworten. Wenn 
ich aber dann komme, mein Weib, so wollen wir 
in Liebe empfangen, 'was der Himmel uns bescheiden 
wird." So sagte ich meiner alten Ehefrau zum Tröste. 
Sie aber blieb und kehrte und säuberte das Haus 
in allen Ecken und Winkeln, und da der Herd 
kalt w^ar und sie keine Speise vorzubereiten hatte, 
blieb ihr viel Zeit, die sie nicht anders hinzubringen 
wnsste, als dass sie einen alten Schrein öffnete 
und die vergilbten, verblichenen Kleider aus unserer 
Jugend herausnahm, um sie zu bürsten und reinlich 
wieder einzubreiten. Da fand sie unter all dem 
alten vertragenen Zeug einen Ärmel, den wir vor 
Jahren einmal vermisst hatten und der seither 
nimmer aufzufinden gew^esen w^ar. Auf dem Klei- 
dungsstücke aber sassen etliche Knöpfe, w^ie Blümlein 
geformt, aus Gold- und Silberdraht, w^ie man 
dergleichen lieben Zierat auf altem Zeug wohl 
antrifft. Die schnitt mein Weib gar eilig ab und 
trug sie dem Goldschmied hin, und der gab ihr so 
viel Münze, dass sie erstehen konnte, w^as an 
Speisen für den Sabbat not tat, auch zwei gute, 
starke Lichter und sogar noch, wessen wir für den 
nächsten Tag bedurften. 

224 



Am Abend, als alles Volk gegangen war, schritt 
ich langsam die Gässchen lang unserem Hause zu 
und sah schon von weitem, dass ein Licht brannte, 
und der Kerzenschimmer Hess sich gar festlich und 
traulich an. Ich aber mochte dessen nicht in mir 
achten und dachte -. Siehe, meine alte Frau hat getan 
nach V/eiberart und konnte sich nicht enthalten, 
etwas anzunehmen. Ich trat ein und fand den Tisch 
^pv'ohl gedeckt und bereitet mit Sabbatbrot und Fischen, 
und auch den \Vein fand ich vor, den Segen darüber 
zu sprechen. Aber ich verwehrte mir, mich zu er- 
zürnen, weil ich den Sabbat nicht zerreissen w^oUte. 
So hielt ich mich zurück und sprach den Segen und 
ass vom Fisch. Damach sagte ich, aber ich tat es 
mit sanfter Rede, weil mich ihrer armen bekümmerten 
Seele erbarmte, zu meiner Frau: ,,Nun erweist es 
sich, dass dein Herz nicht bereit und stark ist, das 
Harte zu empfangen." Sie aber liess mich nicht zu 
Ende reden, sondern sprach mit heller Stimme: 
,,Mein Mann, entsinnst du dich noch des alten Zeugs 
mit den Silberknöpfen, das uns seit Jahren mangelt? 
Als ich heute die grosse Truhe ausfegte, habe ich 
es vorgefunden. Die Knöpfe gab ich dem Gold- 
schmied, und für das Geld habe ich den Sabbat 
bestellt." 

Meister, als ich das hörte, da gingen mir die 
Augen von Tränen über, so gross w^ar die Freude, 
die mir aus dem Herzen kam. Und ich warf mich 
nieder vor dem Herrn und dankte ihm , dass er 
meines Sabbats gedacht hatte. Ich sah mein Weib 
und sah ihr gutes Gesicht von meinem Glück w^ieder- 



16 



225 



strahlen. Da wurde mir warm, und ich vergass der 
vielen kümmmerlichen Tage und fasste meine Frau 
und führte sie im Tanze rund in der Stuhe herum. 
Dann ass ich die Sahhatsuppe, und mir war immer 
leichter und dankbarer zumute; da tanzte ich in 
Freuden und Lachen ein zw^eites Mal, und als ich 
die Zukost verzehrt hatte, tat ichs zum dritten. 
Sieh, Meister, so gross w^ar mein Glück, dass diese 
Segensgabe am Sabbat mir von Gott allein und nicht 
von den Menschen gekommen w^ar. So konnte ich 
mein Herz nicht verschliessen in dieser gew^altigen 
Freude. Herr, wenn es aber, w^iew^ohl es mir im 
Sinne lag, mich damit vor Gott zu neigen, unwHirdige 
Torheit w^ar vor dem Höchsten, dass ich mit meinem 
W^eibe getanzt habe, so gebet mir eine gnädige Busse, 
und es soll an mir nicht fehlen, dass ich sie verrichte." 
Hier schw^ieg Sabbatai, der Buchbinder. Und der 
Baalschem sprach zu seinen Schülern: ,,W^i8set( alle 
Heerscharen des Himmels haben mit ihm gejubelt 
und mit ihm sich im Reigen gedreht, und eine goldene 
Freude strahlte im Paradiese um der Freude dieser 
beiden alten Herzen willen. . . . Und ich, der 
all dies sah, lachte darob mit ihm zu den drei 
Malen." 



226 



DIE VOGELSPRACHE 

RABBI ARJE, DER PREDIGER VON PO- 
lana, trug in seiner Seele brennendes Be- 
»^ gehren nach einer Weisheit, die in der Ge- 
meinde der Irdischen ao selten ist, dass nur einer, ein 
Einziger je in der Frist eines Menschenalters, ihr 
Erbe und Hüter ist. Zur Zeit, da Rabbi Arje auf 
Erden ging und um ihren Besitz rang und sich 
härmte, war es der Baalschem, der sie inne hatte, 
als Beute, die der Flug seiner Seele ihm gebracht, 
eines Tages, als sie in vmermessliche Höhen sich 
erhoben und geweitet hatte. 

Der Sinn der \Veisheit aber w^ar, dass der, so 
sie trug, Gehör hatte für die Sprache aller Krea- 
turen unter der Sonne. Es ging ihm ein, was die 
Tiere auf der Erde und in den Lüften zueinander 
redeten und sich vertrauten von den Geheimnissen 
ihres Daseins; ja selbst w^as Baum und Kraut aus- 
sprachen, war ihm kund. Und wenn er sein Ohr 
an den schwarzen Erdboden oder an den nackten 
Felsen presste, kam ihm das Raunen der Geschöpfe 
zu, die das Licht scheuen und in Spalten und Höhlen 
hausen. 

Nun i9var Rabbi Arje in sich wohl klar, w^elche 
Vermessenheit in seinem Wunsche lag. Doch ver- 
meinte er, indem er sich selbst zum Richter über 
seine Seele setzte, er dürfe ihn dennoch hegen, 
des hohen Willens halber, aus dem ihm dieses 
Begehren geboren w^ar. Er, der ein Redner w^ar 
und eindringlich und furchtbar im Worte w^erden 

15* 227 



konnte , er glaubte , wenn er die Sprache aller 
Kreaturen verstünde und auf seine Zunge leiten 
könnte, -würde seine Rede mächtiger denn je die 
Seelen aller ihm zuführen, er würde predigen aus 
dem Geiste der Erde und der Himmel und so re- 
gieren die Herzen seiner Gemeinde, wie ein Kaiser 
seine Reiche. Und sein Inneres dürstete nach jener 
feinen, ungreifharen Macht, die ihm herrlicher und 
begehrensw^erter vorkam, denn irgend ein Ding der 
Welt. 

So fasste er den Mut, zum Baalschem zu ziehen, 
ihm seine Begierde zu offenbaren und mit seinemVer- 
langen den Willen des Heiligen zu umspannen, auf 
dass der ihm gewogen -werde und er aus dem seligen 
Munde die ^Veisung empfange, die zu jener wunder- 
baren Stufe führt, auf der das Menschenohr allen 
Stimmen unter dem Himmel verstehend sich auftut. 
Und er meinte, da das Endziel dessen, was er heischte, 
ein so hohes w^ar, würde der Meister die Gewährung 
ihm nimmer versagen. 

Wunsch vmd Hoffen beschw^ingten seine Füsse. 
So ging er des ^Veges, ohne Mensch und Ding zu 
achten, ganz eingesponnen in seinen ^Vundertraum 
der Seelenmacht. Und so trat er in die Stube des 
Meisters. Das Gemach w^ar von Menschen erfüllt, 
die umher stehend oder sitzend lauschten, denn der 
Baalschem redete gerade. 

Als Rabbi Arje die Tür hinter sich zugezogen 
hatte, neigte er tief und schw^eigend das Haupt 
gegen die Erde nieder, und als er es erhob, tauchte 
sein Blick, vom nie rastenden Begehren seines Geistes 

228 



hartglänzend und unstet ge^vorden, just in die milden 
blauleuchtenden Augen des Meisters, die Avie z-wci 
«anfte, friedenstrahlende Sterne über dem Räume 
"waren. Der Baalschem stand sprechend ihm gegen- 
über an die W^and gelehnt. Der Rabbi fühlte an 
seinem Blick, dass er ihn wohl gesehen und erkannt 
hatte, aber der Heilige tat es durch kein W^ort 
oder Zeichen kund, und so blieb der Gruss uner' 
widert, da alle, die sonst anwesend -waren, aus 
Ehrfurcht vor dem Erhabenen nicht sprachen und 
sich nicht bew^egten. Der Gast blieb neben der 
Tür stehen und w^artete. Er bemerkte, dass der 
Meister in einem Gleichnis redete, doch war er 
nicht imstande, der Rede mit seinen Sinnen zu folgen, 
denn es kränkte ihn tief im Herzen, dass der Baal- 
schem sich nicht unterbrach, ihn mit Worten will- 
kommen zu heissen oder ihm doch mit der Hand 
einen flüchtigen Gruss zuzuw^inken. Doch zügelte 
er seine ungeduldigen Gedanken und nahm sich vor, 
sich stille zu verhalten, bis der Meister geendet 
haben würde, denn sicherlich wollte er ihm alsdann 
AVillkomm und Frieden entbieten. Der Baalschem 
aber hatte gesprochen, und nun Hess er den und 
jenen aus der Hörer Mitte zur Rede kommen, denn 
noch erzählend hatte er aus den Mienen gelesen, 
was ein jeder unter ihnen empfand, ^Widerspruch, 
Frage und Zustimmung. Während Rede und Gegen- 
rede gehört wurden, achteten nicht ^Virt noch Gäste 
auf den Angekommenen, und so stand der Rabbi fort 
und fort tottraurig und verwundet an der Tür. 
Die Scham, sich so missachtet zu sehen, stieg ihm 

229 



heiaa und trocken in der Kehle auf und dörrte ihm 
0chier den Atem. Und dennoch ivusste er sich 
allzeit vom Heiligen geliebt und in Freundschaft 
gehalten. Es war ihm, als müsste er sich leise 
hinwegschleichen, um irgendxvo sich auszuweinen; 
als könnte er sein Lebtag nimmer froh werden. 
Aber während seine Hand sich an die Klinke 
schleichen w^ollte, sie sachte niederzudrücken, ge- 
dachte er des Begehrens, das ihn hergebracht hatte, 
aufflammend beherrschte ihn sein ew^iger \Vunsch, 
und er meinte, keine Demütigung sei so elend, keine 
Schmach so brennend, als dass er sie um dieses 
Zieles w^illen nicht ertrüge. So harrte er aus. 

Indessen w^andten sich viele der Gäste zum Gehen. 
Der Wirt geleitete sie zur Tür, den Frieden 
spendend. Da, als sein Gew^and den Rabbi streifte, 
wandte er sein Haupt fast unmerklich ihm zu und 
gab ihm den Gruss, gleichsam über die Schulter 
hinw^eg, ohne Freude und Bew^egung, mit gleich- 
mütiger Stimme, wie einem Niegesehenen, um den 
sich der Sinn nicht bekümmert. Dem Prediger war 
nun der Mut gar krank und siech gew^orden. Er 
empfand, als hätte man ihn des Bodens beraubt, 
darauf seine Füsse standen, und er sänke ganz all- 
mählich tiefer und tiefer in eine kalte wirbelnde 
Finsternis. Doch wurde seine Sehnsucht -wiederum 
-wach und belebte ihn aufs neue, und er raffte all 
seine Stärke und all seine Geduld zusanunen und 
w^appnete sich so gegen die Unbill, die dieser Tag 
ihm brachte. Und er sagte sich: Mag es ein grau- 
samer Zufall sein, der mich so beschämt, oder eine 

230 



Prüfung, die der Meister als gut erfand zu meiner 
Läuterung, ich bleibe und harre der gütigen Stunde. 
So brachte er den Tag bis zum späten Nachmittag 
in dem Hause des Baalschem zu unter den Freunden 
und Schülern und empfing von seinem Herrn geringe 
Ehre und Beachtung. 

Gegen Abend Hess der Meister ^Vagen und Pferde 
zur Ausfahrt rüsten, denn er gedachte noch des 
selbigen Tages eine Reise nach Kaminka und Jampol 
anzutreten. Und schon befiel den Rabbi Arje kalt 
und bitter eine allerletzte Verzweiflung, da er den 
Herrn sich so seinem ^Vunsche entziehen sah, als 
der Meister mit einer freundlichen Bewegung seiner 
Hand ihn zu sich rief und ihm gebot, sich einigen 
anderen Männern seiner Begleitung auf dieser Reise 
zu gesellen. Da erbebte des Predigers Angesicht 
vor tiefer Freude, denn er -wusste, der Heilige 
w^ählte mit Bedacht zu Genossen auf seinen Fahrten 
jene unter seinen Jüngern, denen er sich oder seinen 
^Villen oder sein Erkennen in irgend einer Weise 
mitzuteilen gedachte. Nunmehr eilte das Schiff seiner 
Hoffnung aufs neue mit weissen, glänzenden Segeln 
vogelgleich auf das Meer seines stolzen Wunsches 
hinaus. Denn er fühlte, dass der Meister sein Be- 
gehren erkannt und die Gew^ährung auf dem \Vege 
ihm zugedacht hatte. 

Schweigsam und voller Bangen fuhren die Ge- 
nossen in das schon dämmernde Land hinaus. Und 
wie nach dem Sonnenniedergang alle Gerüche der 
Pflanzen und der Dunst der Erde herber und 
stärker sich lösten und die Luft w^ürzten, stieg die 

23J 



Erw^artung aus den Seelen auf, denn au£ diesen 
Reisen, die der Meister mit den Schülern unter- 
nahm, pflegten ernste und wnnderhare Dinge sich 
zu erfüllen. Weisse Nebel, sonderbar gestaltet, 
'wirbelten und zogen sich aus den Ackergründen 
auf den W^eg heraus, warfen sich den Pferden ent- 
gegen, stiegen knapp neben dem Wagen aus der 
Erde auf, die Schauer der Insassen vermehrend. 
Und dann kam das Dunkel, und die Pferde griffen 
eiliger aus, alles verschwamm in der Finsternis. 

Rabbi Arje w^ar nach dem ersten jubelnden Ent- 
zücken seines Geistes in eine seltsame müde Er- 
starrung verfallen. W^ährend der scharfen Fahrt 
tat ihm die Nachtkühle w^eh, und sein Herz w^ar 
ermattet von den ■wechselnden Gefühlen des Tages. 
Er hielt die brennenden Augen krampfhaft offen, 
denn, wie er meinte, jeden Augenblick konnte der 
Meister seinen Namen rufen, um mit ihm von dem 
zu reden, w^as er begehrte. Doch der Baalschem 
verblieb in w^ortloser Versunkenheit. Um Mitter- 
nacht gebot er dem Wagen Halt. Es w^ar eine Her- 
berge in einem Städtchen am Wege, vor der sie 
hielten. Der Meister stieg sogleich die Treppe 
empor zum Obergemach, w^o der \Virt ihm eine 
Ruhestätte bereitete. Die Jünger verblieben ins- 
gesamt in der grossen Stube zu ebener Erde. 
Eine Magd richtete eilig mit einigen Polstern und 
Decken notdürftige Lager auf den Wandbänken 
her. Alle w^arfen sich ermattet nieder und schliefen 
ein. 

Rabbi Arje legte sich mit den anderen hin, aber 

232 



sow^ie sein Körper das Lager berührte, -w^ar alle 
die lähmende Müdigkeit, die ihn auf der Fahrt 
gepeinigt hatte, dahin. Seine Gedanken flogen in 
einem wirbelnden Tanze auf, und sein e'w^iger^Vunsch 
kreiste in ihrer Mitte. Er fühlte den Sturm in 
seiner Seele wie einen äusseren Lärm. Mit An- 
strengung lauschte er auf jeden Laut im Hause. 
\Vürde der Meister jetzt, jetzt, da alle schliefen, 
in der geheimnisreichsten Stunde der Nacht, ihn 
auf seine Kammer rufen, um ihm die Offenbarung 
zu bescheren? \Vie er lag und lauschte, befiel 
ihn ein halber Schlummer, aus -dem alsbald ein 
trügerischer Ton ihn auffahren Hess. Dann lag 
er glühend in dem Fieber seines Geistes und harrte 
dem Morgen entgegen. 

Während die Schatten der Nacht aus dem tiefen 
Schwarz sich in ein fahles Grau verfärbten, vernahm 
er über sich ein Geräusch in den Dielen und er- 
kannte die Schritte des Meisters. Dann wxirde 
sachte eine Tür aufgetan, und eine Stille wie zuvor 
folgte. Der Prediger lag eine Weile und lauschte, 
dann bezw^ang ihn die Ungeduld, er schlich sich 
an den Schlafenden vorbei hinaus und eilte die 
Treppe hinauf, da er nun gewiss war, dass der 
Baalschem, der stets in einer geringen Frist des 
Schlafes die Quellen seines Lebens erneute, sein 
Lager verlassen hatte. Und Rabbi Arje vermeinte, 
diese nachtgeborene Stunde des kommenden Tages 
sei seiner Bitte günstig. 

Auf den letzten Stufen der Treppe traf ihn ein 
BO starkes, so blendendes Licht, dass er getroffen 

233 



zurücktaumelte und eine Zeit mit geschloBsenen 
Augen sich an dem Geländer festhielt. Als er 
mühsam die Augen aufzuhalten imstande war, ge- 
wahrte er den Heiligen in der Öffnung seiner 
Kammertür, und das Angesicht des Baalschem w^ar 
der Kern jenes feurigen Glanzes, der ihn vorher 
zurückgew^orfen hatte. Das Haupt des Meisters -war 
w^ie von einer hleichglühenden flüssigen Materie; 
aus den Augen schienen hiaue Silherhäche hervor- 
zubrechen. Der Anblick w^ar in Furcht und Schönheit 
von solcher Art, dass den Prediger eine zitternde 
Schwäche in allen Gliedern befiel und er sich auf 
der letzten Stufe niederwarf, das Antlitz auf den 
Boden bergend. Er fühlte, dass der Erhabene jetzt 
Eines mit dem höchsten Strom der Glorie war und 
nur die schimmernde Hülle, von der fernen Seele 
bestrahlt, vor seinen Augen zwischen den zw^ei 
Welten w^eilte. Als er es w^agte, den Blick w^ieder 
zu erheben, glich das Antlitz des Herrn einem 
erbleichenden Gestirn, das der Tageshelle der 
W^irklichkeit w^eicht. Nach einer Weile rief ihn 
der Baalschem mit Namen. Er erhob sich von den 
Knien und eilte gesenkten Gesichtes zu dem Meister, 
"warf sich dort aufs neue zur Erde und brach in 
Tränen aus. ,, Freund, w^as begehrst du von mir 
um diese frühe scheue Stunde?" fragte der Heilige. 
In dem Beben seines ehrfürchtigen Herzens fand 
der Prediger kein Wort zur Erwiderung. ,,Sei 
ohne Zagen, steh auf!" ermutigte ihn der Meister, 
doch als der Rabbi zu reden versuchte, brach nur 
ein rauhes Stammeln über seine Lippen. Da erhob 

234 



er sich verstört und beschämt, verliess den Herrn, 
ging leise zu den Genossen hinunter, die tief im 
Morgenschlaf befangen sein Kommen überhörten, 
und suchte aufs neue sein Lager auf. Er erhob 
sich mit ihnen zum Frühmahl, sass verschlossen 
inmitten ihrer Gespräche und verriet mit keiner 
Silbe das Erlebnis der Nacht. Der Baalschem aber 
war wie immer, geruhig und mitten im Leben. 

Als es zur Abfahrt ging, rief er den Prediger 
herbei und sagte zu ihm: ,, Freund, du sollst den 
Platz an meiner Seite einnehmen, wir w^ollen beide 
selbander sein." 

So fuhren sie in den lauten, geschäftigen Tag 
hinein. Als das Städtchen hinter ihnen lag, die 
Felder sich dehnten und fem ein Wald vor dem 
Blau des Himmels dunkelte, sah der Baalschem 
seinem Nachbarn mit einem eigentümlichen Lächeln 
ein -wenig vorgebeugt unter die Augen und begann 
00 zu reden: ,,Der Grund deiner Ankunft und deines 
A^^eilens in meinem Hause, Lieber, ist mir bewusst. 
Du hofftest, dass ich dich in meine Erkenntnis ein- 
führe, damit sich dein Ohr -wie meines der Sprache 
aller Kreaturen öffne- Siehe, ich -weiss, dies allein 
hat dich zu mir gefuhrt." Rabbi Arje ergriff die 
Hand des Meisters und legte sein brennendes An- 
gesicht darauf, und kein Ton der Antwort kam über 
•eine Lippen. Der Baalschem aber sah hinaus auf 
die zartgrünen Saatfelder, und das Lächeln blieb auf 
seinen Mienen. Nach einer Frist redete er w^ieder : 
,, Setze dich näher zu mir und neige dein Ohr zu 
meinem Munde. Ich w^ill dich nun meine Weisheit 

235 



^v^ohl lehren. Sei nur ohne Sor^e, dass die Andern uns 
vernehmen möchten, meine Rede geht allein in dein 
Ohr ein, und der Lärm von Huf und Rad verschlingt 
meine ^Vorte für die Genossen. Ehe ich dich in 
den Urgrund des Geheimnisses einführe, tut es not, 
das8 ich ein Ding, das du weisst, vor dein Auge 
hehe. Aher wisse, dass dieses, was ich dir nun 
sagen w^ill, nur die Vorbereitung für die letzte der 
Offenharungen ist. Du w^eisst von dem gew^altigen 
^Vagen, der in der höchsten Sphäre der oberen 
Welt steht. An seinen vier Enden ist je das Haupt 
einer Kreatur, eines Menschen, eines Stieres, eines 
Löw^en und eines Adlers. Diese vier Geschöpfe 
bergen in sich Ursprung und Quell alles dessen, 
w^as in den lebenden Wesen unserer Welt sich er- 
eignet und sich erfüllt, Atem gewinnt und als W^ort 
geboren wird. Siehe, von dem Menschenantlitz kommt 
uns der Geist und die Seele der Sprache zu, die 
wir zu Menschen Geschaffenen hier unten tauschen. 
AusdemHaupte des Stieres kommt den Tieren, dieuns 
dienstbar und hilfreich w^urden, die Kraft und der 
Sinn ihrer Laute; von dem des Löw^en die Bedeutung 
der Schreie, die das unbändige und w^ilde Getier 
in denW^äldem und^Vüsten in die Dämmerung sendet, 
sich zu rufen und zu locken; der Kopf des Adlers aber 
erzeugt in seinem Gehirne die Laute der Vogelwelt, 
mit denen sie die Lüfte unter dem Himmel füllt. 
Und das "wisse, Freund, wer seine Seele so hoch 
zu spannen vermag, dass sie in jene Sphäre der oberen 
W^elt eindringt, in der der W^agen steht, und wer 
dann aus ihren Augen so klar und tief schaut, dass 

236 



er das Geheimnis des Grundwesens der vier Kreaturen 
des Wagens erkennt, die das Sinnbild der Geschöpfe 
unserer \Velt sind, der, Freund, hat den Sinn offen 
für alle Laute au£ Erden. Er scheidet das falsche 
^Vort von dem wahren und den trügerischen Ton 
vom herzgeborenen. Er hört die Stimmen unter 
der Erde sich in den Nächten unterreden, wenn dem 
Menschengeschlecht die Stille vollkommen und jeder 
Laut abgestorben dünkt. Und die Stimmen der 
Tiere auf der Erde und der Vögel in den Lüften 
tragen ihm jene Heimlichkeiten der Natur und des 
Lebens herbei, für die die Sinne der Menschen 
sonst taub und unempfindlich sind. Siehe, und 
so schw^eigt die ^W^elt ihm nie, sie drängt sich an 
ihn heran mit allen ^Vundem, nichts ist ihm starr 
und versagend, denn er hat die ^Vurzel, aus der 
alles kommt, im oberen ^Vagen geschaut und er- 
kannt. Aber verstehe w^ohl: -wab ich dir nun sagen 
w^erde, ist der Kern der Offenbarung selbst. Darum 
beuge dein Ohr tief zu meinem Munde und höre 
mit ganzer Seele mir zu. Verschliess dich in 
diesem Augenblick vor allem, 'w^as ausser dir und 
meinen Worten w^eiltl" Und nun flüsterte der 
Meister dem Prediger erhabene und nie vernommene 
Dinge zu, dass die Mysterien des W^agens und seiner 
Gestalten ihm'in ihrer letzten Tiefe erschlossen wrirden. 
Und der Meister fuhr fort zu reden, und es w^ar 
dem Prediger, als ob Tor um Tor vor ihm auf- 
springe, alle Schatten und Dunkelheiten w^ichen, 
alles Trübe und Unreine sich kläre und sein Herz 
dem grossen Herzen der Welt nahe sei. 

237 



Und -wie er so an den Meister gedrängt, das eine 
Ohr nahe dem Munde des Heiligen, sass und im 
Lauschen aufging, fuhr der ^Vagen in einen Wald 
ein. Der Weg xvar knapp und eng für das statt- 
liche Gefährt, und dem Prediger streiften die Nadel- 
zweige das eine Ohr. So wurde er ein kleines 
aufmerksam auf den Ort und bemerkte, dass allerlei 
Vögel gar anmutig ihren Frühgesang aufführten. 
Und bald unterschied er ^vunderlich genug einzelne 
^^orte und Partien, und das ganze war eine grosse 
Unterredung, und alles hatte einen munteren, lieblichen 
Sinn. Da w^urde es dem Prediger fröhlich und stolz 
ums Herz, und er hörte emsig w^eiter zu und unter- 
schied alsbald auch Stimmen anderer Tiere und den 
Inhalt ihrer Reden mit recht innigem Behagen an 
seiner wxinderbaren Fähigkeit. 

Über dem einen aber Hess er das andere mit 
nichten, sondern horchte mit dem zweiten Ohre 
nicht minder eifrig den \Vorten des Meisters, und 
so mit geteiltem Geiste nahm er beides hin. 

Der W^ald ging zu Ende, und ganz nah sah man 
die Stadt liegen, die das Ziel des Baalschem w^ar. 
Der Meister hatte seine Unterweisung geendet und 
blickte den Prediger stillschw^eigend und forschend 
an. ,,Hast du gut inne, w^as du von mir vernommen 
hast?" fragte er nach einer Weile. Und Rabbi 
Arje sah ihn jetzt mit sicheren, frohen Augen 
strahlend an und sagte; ,,Ja, Meister, alles hab ich 
■wohl verstanden!" 

Da fuhr ihm der Heilige mit der flachen Hand 
leicht über die Stirn. 

238 



Siehe, nun hatte der Rahhi alles, alles vergessen, 
-wa« der Baalschem an Offenharung in seinen Geist 
gelegt hatte. Er sass da, trostlos leer und wie 
ausgehrannt, und hörte die Vögel in den Acker- 
furchen schreien und verstand und empfand dahei 
00 wenig als je vor diesem Tage — eines Getieres 
simpler, sinnloser LautI 

Der Baalschem aher lächelte und sprach: ,,0 
w^ehe dir, Rahhi Arje, der du eine unstete, gierige, 
naschhafte Seele hast! Konntest du sie mir nicht 
ganz üherlassen in dem Augenblick, da ich die 
Gnade aller Gnaden in sie legen w^oUte? O w^ehe 
dir, Freund, der du in Vielheit und Hast sie be- 
reichern w^oUtestl Gottes W^under sind derer, die 
sich in Einem sammeln und bescheiden können!" 

Da sank der Prediger in sich zusammen und 
schluchzte schw^er und bitterlich. 



239 



DAS RUFEN 

RABBI DAVID PIRKES. DEk SCHWEI- 
gende, der Schüler des Baalschem, wollte 
k^ den Messias rufen. Er wollte aus seinem 
Willen einen Sturmw^ind machen, der sollte an der 
oberen Pforte rütteln, sollte einziehen und rufen und 
fassen und auf die Erde reissen. Und er versammelte 
seine Kraft und holte sie aus allen Dingen, denen sie 
gegeben w^ar, und band sein Leben los von allenAVesen 
und Mächten. Und als seines Leibes Gegen-wart und 
schw^erer Sinn seine ^Veihetaten störten, kasteite er 
sich und brachte sich dahin, w^o man der Speisen und 
des Schlafes entraten kann, und lebte in Einheit und 
Gelöstheit der Seele viele Tage und Nächte. Aber 
bald gewahrte er seine Schranken und sah, dass er 
allein war. Er sollte für die Zeit sprechen, aber er 
konnte es nicht. Er sollte ihre Reife künden, aber er 
fühlte sie nicht. Er w^ar nicht mit ihr vermählt. Fern 
von ihm breiteten sich die Lager der Menschen. 

Da fand Rabbi David, w^as ihm zu tun gebührte. 
In jedem Jahre am Versöhnungstag wurde er berufen, 
das grosse Gebet vor der Gemeinde zu sprechen. Jetzt 
verstand er den Sinn davon. Er w^usste, er w^ürde auf 
den Flügeln seines Wortes das Beten aller tragen, das 
Gebet der Gemeinde und das Gebet ganz Israels, — 
denn ist nicht das Bethaus des Baalschem der Mittel- 
punkt der geistigenErde ? Und er beschloss, sein Wort 
zu schleudern *auf das Volk wie ein gew^altiges Netz, 
dass alle Inbrunst von ihren engen Eigenzielen w^eg' 
gezogen und dem Messias zugeführt w^erde. Binden 

240 



'w^ollte er die Seelen Israels zu einer ringenden Schar, 
zu einem fordernden Fluge. Ja, er Nvollte für die Zeit 
sprechen. Alle Worte sollten in sein \Vort fliessen 
vmd in ihm emporströmen. Ja, er ^vollte die Reife der 
Zeit künden. Das Vielfache sollte zur Einheit zu- 
sammenwachsen, die keinen Mangel mehr kennt. Ver- 
mahlen wollte er sichmitderZeitundseinBlutmischen 
mit ihrem Blute, seine Seele mischen mit ihrer Seele, 
und das Vermählte in die Nacht werfen um des Morgens 
willen. 

DerVersöhnungstag Tvar da, und die Gemeinde ver- 
sammelte sich zum Frühgehete. Wie Tote standen sie 
in den Kleidern der Toten und bereiteten sich, in 
das Auge der Ewigkeit zu schauen. Nur der Meister 
fehlte. DerBaalschem 'war sonst der erste im Bethause, 
wie ein Torhüter Gottes. Heute säumte er, und die 
Schar der Seinen harrte sein voller Bangigkeit, denn 
sie wussten, ^vie alles, was er tat, seinen Sinn nahm aus 
dem heimlichen Geschehen der\Velt. Als derMorgen 
sich schon in den breiten Tag ergossen hatte, trat der 
Baalschem endlich leise und fast zögernd ein und ging 
den Versammelten vorbei und sah keinen an und ging 
an seinen Ort und setzte sich und legte den Kopf auf 
das Betpult. Und jene standen und schauten zu ihm 
und w^agten nicht, mit dem Beten zu beginnen. Er aber 
hob den Kopf nach einer \Veile, und seine Augen 
blinzelten ^e eines, der sich müht, in die Sonne zu 
blicken, und dann senkte er ihn und hob ihn wieder, 
und dies w^ährte eine Zeit. Danach regte er sich w^ie 
ein Erw^achender, der einen umklammernden Traum 
von den Gliedern abtun -will, und w^inkte, man solle 

1« 24f 



sich zum Frühgebete stellen. Aber als dieses gesprochen 
w^ar und die Gemeinde sich geweihten Herzens zu dem 
grossen Gebete rüstete, welches das Mussaf genannt 
'wird, sah der Meister sich im Kreise um und sah sie 
stehen, eine grosse Schar, stumm, im Gewände des 
Todes, hingegeben zum Sterben und zum Leben. Und 
leise, Wort von Wort gezogen, w^ie aus der Tiefe des 
Sterbens, sprach er zu denen, die um ihn standen : ,,W^er 
w^ird Mussaf vorbeten?" Und so kaum hörbar die 
Rede w^ar, im gleichen Augenblick w^ar ein Staunen 
entzündet in der Gemeinde und w^ogte still durch den 
stillen Raum. Denn alle wxissten, dies w^ar Rabbi 
Davids Amt, und er w^ar eingesetzt vom Meister seit 
Jahr und Jahr und war Gottes Diener im lauten und 
tragenden Sprechen des hohen Mussaf am Tage der 
Versöhnung, aus all den zitternden Herzen und von 
all den flüsternden Lippen emporzutragen die^Vünsche 
und die Bitten, von der Scheu der Herzen und Lippen 
gelöst. Aber keiner wagte, demHeiligenzuantw^orten, 
und schw^eigend w^ogte das Staunen. Er jedoch fragte 
'wieder und 'wieder, bis einer leise und mit Zagen sprach : 
,, Rabbi David ist doch der Beter I" Da richtete sich 
der Baalschem auf und 'wendete sich zur Lade, vor 
der Rabbi David unirdisch bleich und "wie abgestorben 
stand, und redete zu ihm in ge-waltigem Hohn, ^^ort 
von Wort gezogen, w^ie aus der Tiefe der Hölle: ,,Du, 
David, w^illstMussaf vorbeten ? ^Vei8st nichts und 'willst 
Mussaf vorbeten am Jomhakippurim?" Da standen sie 
alle bestürzt und verstanden nicht, w^as sich er- 
eignete, und jeder fragte seine Seele, 'wie es möglich 
sei, dass derMeister dergestalt einenMenschen schmähe, 

242 



und gare inen Zaddik, und gar am Tage derVersöKnung. 
Allein die Furcht w^ar gross, und niemand sprach ein 
Wort. Rahhi David aber stand noch starr und auf- 
gereckt vor der Lade, und ihm war, als trüge ihn ein 
Wirbelsturm durch die Nacht; und Fäuste hoben sich 
aus dem W^irbel und schlugen ihn, und dünne, spitzige 
Finger zerrten das Gew^and von ihm, und stählerne 
Knöchel klopften ihm an Aug und Ohr und Brust und 
Arm und Knie und lähmten ihm Sinne und Glieder, 
und eisige Krallen rissen seine Seele hervor und "warfen 
sie in die Nacht. So stand er wie in leerem Räume 
und wurde keiner Zeit gew^ahr und w^ar verloren. Ur- 
plötzlich aber w^ich der W^irbel von ihm, und er sah 
flieh vor der Lade stehen und hörte ein W^ort des 
Baalschem zu sich herübertönen. Und der Baalschem 
redete mit leichter Stimme: ,,Ist keiner da, vorzubeten, 
nun, so geh schon du, Rabbi David I" Da stürzten 
Rabbi David die Tränen hervor, und er >veinte und 
"w^einte und begann aus dem ^^einen zu beten und 
betete in grossem Weinen, und sein brechendes Herz 
sandte ihm Tränen und immer neue Tränen. Und die 
Tränen nahmen in ihrem Strome seine Bereitschaft 
mit und seinen grossen ^Villen und trugen mit sich 
davon die Kaww^ana seiner Seele, die Frucht der Tage 
und der Nächte, die Spannung des Unendlichen. Und 
nichts fühlte und wxisste er mehr als das Leid seines 
Herzens, und aus seinem Herzeleid redete er zu Gott 
und betete und weinte. Und an seinem Leid entbrannte 
das Leid der Gemeinde und schlug empor wie Berges- 
feuer. Wer eine Decke gebreitet hatte über die\Vinkel 
seines Lebens, der zog sie nun w^eg und w^iesGott seine 

14* 243 



^^undcn wie einem Arzte. Wer eine Mauer errichtet 
hatte zwischen sich und den Menschen, der riss sie 
nieder und litt den Schmerz der anderen in seinem 
Schmerze mit. Und wem die Brust schw^er w^ar, w^eil 
er in seinen engen Kreisen das ^Vort nicht finden 
konnte, das hindringt zum Kern der Geschicke, der 
fand es nun und atmete in Freiheit. 

Aber als das Fest sich geneigt hatte und die letzten 
Feiertöne der Nek'la in den Abend verbraust w^aren, 
trat Rabbi David vor den Baalschem hin. Und als er 
vor ihm stand, ohne ihn anblicken zu können, und das 
gütige, ruhevolle Angesicht unfern des seinen nicht 
sah, nur fühlte, vermochte er sich nicht länger zu halten, 
sondern sank vor die Füsse des Herrn und lag eine 
AVeile stumm und ringend da. Endlich hob er den 
Blick und sprach in schw^erer Mühe : ,, Rabbi, w^elche 
Schuld hast du an mir erschaut?" Und hinter ihm 
hatte sich die Gemeinde geschart, und alle harrten der 
Worte des Meisters; mit Augen, die das Gebet ge- 
läutert vind befriedet hatte, sahen sie auf seinen Mund, 
und von all den Herzen, die aus dem Quell der Gottes- 
glut gestillt w^aren, schlug ihm die eine Frage entgegen. 
Und der Baalschem sprach: ,, Keine Schuld finde ich 
an dir, Rabbi." Und legte ihm die Hände auf die 
Schultern, und neigte sich zu ihm w^ie ein Vater, der 
seinen Sohn im Schw^eigen segnet, und sprach zum 
andern Mal: „Keine Schuld finde ich an dir." Und 
als des andern trauervoller, w^artender Blick zu ihm 
aufflog, sprach er w^eiter: ,,0 Rabbi David, du hast 
dich bereitet und geheiligt und hast im Feuer der 
Kasteiung gebadet deinen Leib und hast deine Seele 

244 



gespannt wie eine Bogensehne der Ka\v~wana, um den 
Messias zu rufen." Und er hielt inne, und jener beugte 
die Stirn, und er sprach weiter: „O Rabbi David, du 
•wolltest dein ^^ort w^ie ein Netz schleudern auf das 
Volk Israel und aller Willen dir dienstbar machen, 
um den Messias zu rufen." Und tiefer beugte jener 
die Stirn, und der Baalschem sprach w^eiter: ,,0 Rabbi 
David, vermeinst du, deine Gew^alt könnte fassen das 
Unfassbare? Und dränge sie auch vor bis zum innersten 
Himmel und umfinge mit z'wingenden Armen den Thron 
des Messias, vermeinst du, du hieltest ihn, ^e meine 
Hand deine Schulter greift? Über die Sonnen, über 
die Erden ^vandelt Messias in tausend und tausend Ge- 
stalten, und die Sonnen und die Erden reifen ihm ent- 
gegen. In seiner obem Form gesanunelt, zerstreut in 
unsägliche ^Veite, hütet er allerorten das \Vachsen 
der Seele, hebt er aus allen Tiefen die gefallenen Funken. 
Täglich stirbt er die stillen Tode, täglich keimt er in 
stillen Geburten, täglich steigt er empor und nieder. 
Wenn einst die Seele schlank und vollendet mitreinen 
Sohlen den reinen Boden tritt, dann 'wird seine Stunde 
in seinem Herzen aufpochen, dann wird er sich aus 
allen Gestalten ziehen und w^ird sitzen aufdemThrone, 
Herr der Himmelsflammen, die gesprossen sind aus den 
erlösten Funken, und w^ird niedersteigen und kommen 
und leben und w^ird der Seele sein Reich schenken." 
Und weiter sprach der Baalschem: ,,Du aber, Rabbi 
David, was hast du getan? Du wolltest deine Seele mit 
der Seele Israels in die Nacht w^erfen um des Morgens 
willen. Aber kennst du den Herrn der Nacht, den 
Herrn des anderen Reiches ? Wisse, immer ist Einer, der 

245 



die Zeit befragt, und Einer, der für die Zeit antwortet. 
Einer, der geben will, und Einer, der nicht annehmen 
kann. Dieser ist er, der Herr der Nacht, der dazu 
eingesetzt ist, das Fehle der Zeit zu künden und zu 
vollziehen. Und als er sah, dass du dich bereitetest 
und heiligtest, da glomm eine grosse Freude in ihm 
auf, und er gedachte in deinem Gebete das Gebetisraels 
einzufangen und sich ein Spiel und ein Kleinod daraus 
zu machen. Und auch er spannte seine Seele wie eine 
Bogensehne der KawAvana, und stellte sich au£dem 
^Vege auf, w^o dein Gebet aufsteigen sollte, und mühte 
sich, es zu fangen. Und ich stritt mit ihm an diesem 
Morgen und w^oUte ihn verjagen, aber ich konnte es 
nicht. Da schlug ich deine Seele mit einem ^\^irbel 
der Schande, dass sie ihren Willen verliess und in 
Tränen aufging. Und dein Gebet stieg auf mitten in den 
Gebeten Israels vind stieg frei empor zu Gott." Da 
beugte sich noch tiefer und völlig zu Boden die Stirn 
des Rabbi David. Aber der Baalschem hob ihn empor 
und zog ihn zu sich heran und sprach : ,, Als das Weinen 
über deine Seele kam, da ist an deinem Leide das Leid 
Israels entbrannt. Und jeder stand im Läuterfeuer 
seines Herzeleids vor Gott, und jeder wurde rein im 
Strome seiner Tränen. Wie viele gefallene Funken 
hast du da emporgehoben I Fürwahr, Rabbi, als du 
weintest, da w^ar der Messias in dir." 



JOMHAKIPPURIM = Versöhnungatag, NEILA = ScUuMtfebet 
ie» Versöknungstages. 



246 



DER HIRT 

IMMER, WENN DAS LICHT SEINEN BOTEN 
sendet, sendet auch die Nacht ihren Boten. Das 
Licht hat nur sein Auge, aber die Nacht hat 
tausend Arme. Der Bote des Lichts hat nur seine 
Tat, aber der Bote der Nacht hat tausend Ge- 
berden. 

Damals hiess er Jakob Frank. Aller Kunst des 
Truges kundig, fälschte er das Heiligste, durchzog 
mit zwölf Erwählten die Städte Polens und liess 
sich als den Messias und Gottessohn verehren. Der 
farbige Bann der Lüge ging von ihm aus, sein w^eicher 
glänzender Blick berauschte das Land, und jedes 
schwankende Herz fiel ihm zu. 

An einem Morgen fühlte der Baalschem eine 
Hand auf seiner Schulter, und als er sich "wandte, 
sah er den Engel des Kampfes mit bleicher Stirn 
und zürnenden Brauen. ,,Was begehrst du, o 
Herr?" fragte er mit unsicherem Munde. Aber 
jener sah ihn von Grund zu Grund an, wie der 
Himmel einen Brunnen ansieht, und sprach nur: 
,,Du w^eisst es" und ging. Und der Baalschem 
fühlte, dass die Hand von seiner Schulter gesehen 
war, aber an ihrer Statt w^ar die Last eines langen 
Lebens gekommen und w^ollte nicht w^eichen. 

Dennoch rüstete er sich. Und da er sah, dass 
der Kraft, die in ihm wohnte, nicht genug ^^ar 
zum ^Verke, beschloss er, alle Strahlen heimzurufen, 
die er je an irdische Wesen gespendet hatte. Und 
er besch^'or "weithin die Strahlen und w^arf einen 

247 



Ruf über die Erde und sprach: „Kehret heim, meine 
Kinder, denn ich bedarf euer zum Kampfe." Und 
flogen alsbald herbei die Strahlenkinder und um- 
lagerten ihn in umveitem Kreise und schwiegen. 
Und Israel der Sohn des Elieser, der Baalschem, 
blickte ^veit hinaus, wo Sphäre der Seinen sich 
leuchtend um Sphäre schloss, w^ie die sinkende 
Sonne am Tagesrande ihr Bild anschaut, ausgegossen 
im Abendrot über alle Femen. Sodann sprach er 
mit leisen und langsamen Lippen: ,, Meine Kinder, 
meiner Kraft Gestirne und wandernde Flammen. 
Ich habe euch einst entsendet und hingeschenkt, 
Trost zu bringen oder Tat oder Freude oder 
Lösung. Aber nun rufe ich euch heim, dass ihr 
wieder mein seiet und mir helfet in dem grossen 
Streite w^ider den Boten der Nacht. Und seht, 
ich hätte euch nicht gezogen von den Stätten der 
lebendigen Welt, darin ihr w^achset und Leben 
"wecket, w^enn es nicht um das Heil ginge und um 
die Geburt der Zukunft. Nun aber berufe ich 
euch." Da "war wieder das Schw^eigen und lag 
über dem Lande, als sei jeder Laut aufgesogen von 
dem schw^eigenden Licht der Strahlenkinder. Endlich 
sprach eines: ,, Vater und unser Meister. Vergib 
du, und auch ihr alle vergebet, dass ich leichtes 
Ding vor euch rede. Aber es ist dies, dass ich 
dich bitten w^ill, lieber Herr, du mögest mich 
w^ieder an meine Stätte lassen. Denn als du mich 
aus dir gabst, hast du mich in das Herz eines 
Jünglings entsandt, der sehr traurig w^ar. Er sah 
von seinem Fenster auf einen w^ildbew^achsenen 

248 



Hügel, der vv^ar einmal grün und einmal gelb und 
rot und einmal weiss, nach dem ^^e^e des Jahres. 
Und der Jüngling stand da und sah darauf hin, 
wie man so auf die Dinge hinsieht. Aber seit ich 
in sein Herz gekommen bin, sieht er von seinem 
Fenster auf den Hügel des Lebens, und Grün und 
Rot und ^\^eiss sind die Lichter eines zauberhaften 
süssen Spieles. Willst du es ihm nehmen?" Da 
schw^ieg der Baalschem und w^inkte dem Fünklein 
Gew^ährung zu. Aber alsogleich hoben andere 
Stimmen an und erzählten von den Menschen, die 
sie aus Zweifel und Leere, aus Taumel und Bitter- 
keit, aus Blindheit und tiefer Not befreit hatten 
und die, wenn sie von ihnen gingen, wieder hin- 
sinken müssten in die harte verschlingende Finster- 
nis. Und bald tönte es von tausend Mündern 
durch die Luft: ,, Willst du sie alle verderben, die 
du gelöst hast? Und w^elches Heil könnte es je 
sühnen, wenn alle diese jetzt heillos würden?" So 
tönte tausendfältig die Frage hin. 

Lange sass der Baalschem und lauschte der er- 
schütterten Luft, die auch nach dem letzten Ton 
nicht wieder ruhig w^erden wollte, sondern zitterte 
und sang. Dann lächelte er seltsamen Angesichtes 
und sprach: ,,^Vohl denn, meine Kinder, und ich 
segne euch zum andern Male. Und nun — kehret 
heimi" Und er erhob sich und breitete seine Hände 
über die leuchtenden Scharen, und es war wie ein 
Gruss der letzten Stunde. 

Und als er allein w^ar und w^eit am Himmelsrand 
das letzte Strahlengold zurück in die Welt ver- 

249 



fliessen sah, sprach er zu seiner Seele: ,,So suche 
dir nun eine Gefährtin, liehe Seele, die in ihre 
Tat gehüllt und geschlossen ist ^^e der ruhende 
Vogel in seine Sch^vingen und die also in der 
Glorie ihrer Gnaden steht, dass alle Strahlen ihrer 
Kraft nur den Glanz ihres Kleides dichter und 
dichter ^vehen. Suche dir die Schwester, liehe 
Seele, und lege auf ihre Schultern die Botschaft 
und das Geheiss, und deinen Arm lege um ihren 
Nacken, und lenke sie wider den Mann, der tausend 
Geherden, dass sie ihn vertilge." Und er schw^ang 
sich empor in die ohere ^Velt und trat in den 
Prophetenhimmel. Da fand er Achija von Schilo, 
den Alten, der einst als der Gesandte des göttlichen 
Zornes w^ider die Könige Judas üher die heilige 
Erde geschritten "war. Der grüsste den Baalschem 
und sprach: ,, Gesegnet sei, der da kommt: Israel, 
mein Sohn. Ich höre eines MVunsches Rauschen 
um deine Schritte, eines mächtigen Wunsches Ge- 
hrause. Wie in der Zeit, da ich zu dir dem Knahen 
in den Nächten niederstieg und dich das Geheimnis 
des Eifers lehrte, und hell auf lodertest du mir 
entgegen und hieltest mich in den Armen deiner 
Feuerhrände, ehe ich noch hei dir w^ar, so hist du 
noch heute des Feuers voll und glühst üher und 
üher. ^Vahrlich "wie der Seraphim einer, der 
Feurigen, die ewig die eigene Flamme trinken und doch 
alle W^elten aus ihr ernähren." Aher der Baalschem 
gah ihm die Gegenrede : „Nicht also, lieher Meister, 
sondern hingegehen hahe ich der Glut aus dem 
Kerne viel und viel, und hin nur noch der Schatten 

250 



meiner Flamme, beAvegt wie sie aber dunkel. Und 
dies ist mein ^^unscb, den du entlauscbt hast 
meinem Schritte, und wohl ein mächtiger: zu finden 
die Seele, die in einsamem Feuer atmet wie die 
Seraphim. Denn ich w^ill ihr Feuer w^erfen auf 
den Boten der Nacht, dass es ihn aufschlürfe und 
zu nichte mache." Da sprach Achija: ,,Des ist 
mir wehe, mein Sohn, dass ich dir die Kunde nicht 
schenken kann. Denn mein Amt ist, die envählten 
Seelen das Geheimnis des Eifers zu lehren. Aber 
die solcher Lehre bedürftig und ihr geöffnet ist, 
und sei es die höchste Seele, es ist nicht die, die 
du suchst. Denn nicht dringt das Geheimnis zu denen, 
die selbst das Geheimnis sind. Doch lass uns Elija 
fragen, den Boten des Bundes. Auf seinen Fahrten 
über die Erden mag er w^ohl erschaut haben, die 
du suchst." Und sie traten zu Elija hin, der eben 
mit flüchtiger Sohle durch die Halle des Propheten- 
himmels ging, die Glieder noch gespannt vom Fluge, 
im Herzen schon neuen Weges gew^ärtig. Als 
•ie an ihn traten, neigte er sich zu ihnen, und ea 
"w^ar, als ob ein ^Vandelstern in seiner Bahn inne- 
hielte, um einen Menschen anzuschauen. Und ehe 
noch die Frage sich von ihnen gelöst hatte, redete 
der Seher zum Baalschem: ,,Den du suchst, ist 
Mosche der Hirt. Und wisse, er w^eidet die Schafe 
in den Bergen, die genannt w^erden die Poloninen." 
Und kaum hatte das Wort ihn verlassen, neigte 
sich Elija wieder seinen Erden zu und bereitete 
sich zur neuen Fahrt. 



ist 



Die milden Matten neigten flieh wie ^Vellen, von 
dem Atem des tiefen und stillen Sommers regiert. 
Die Luft war voll eines Wissens, das nicht reden 
mag. Der Baalschem ging, und nichts rührte an 
seine Seele, denn sein Wille war üher ihr und 
hielt sie jeglichem Ding verschlossen, die in einem 
langen Leben sich an ein jegliches Ding dahingegehen 
hatte in strömendem Mitdasein. Er achtete der 
Tiere nicht, die aus dem W^alde traten mit trau- 
lichem Geäuge, da sie seinen Schritt vernahmen, 
und antw^ortete dem Z'weige nicht, der seinen Arm 
liehkoste. Ganz in sich gezogen ging er durch den 
Stolz der Gelände hin. Seine Füsse verspürten den 
Weg nicht und trugen ihn wie in einem steten An- 
beginn. So kam er an die grosse Bergwiese, die 
hinter einem breiten Graben anhebend in jähem 
Schw^ung sich bis zum Gipfel des Berges aufreckte. 
Auf der mächtigen Fläche w^aren Mosches Schafe 
■wie ein leichtes weisses Wölkchenvolk verstreut. 
Als der Baalschem die Weide erblickte, fuhr er 
sich schwer über die Augen, w^ie wer -wider die 
Heimsuchung eines Bildes streitet, und trat alsdann 
hinter ein Gebüsch, um unbemerkt nach dem Hirten 
auszuschauen, denn er fühlte noch kein ^Vort in sich. 

Da sah er einen Jüngling, der stand am Rande 
des Grabens, die Schultern von den lichten Haaren 
gedeckt und das Auge wie eines Kindes Auge in 
seiner Bläue gross geöffnet, starker Gestalt, in 
grobem Gewände. Und der Jüngling tat den Mund 
auf und redete, und wiew^ohl keiner vor ihm w^ar 
und in aller W^eite keiner, hielt er Zw^iesprach mit 

252 



einem ^Vesen und gab viele inbrünstige ^Vorte aus. 
Und also redete er: „Lieber Herr, so unterweise 
mich, w^as ich für dich tun magl Hättest du doch 
Schafe, die ich hüten könnte, ich wollte ihrer 
warten zu Tage und zur Nacht, ohne Lohnes zu 
begehren. Sage, w^as ich tun soll!" Nun schw^ieg 
er, und da geriet der \Vassergraben in seinen Blick. 
Da machte er sich auf und hub an, mit eingestemmten 
Armen, die Füsse dicht aneinander, über den Graben 
zu springen. Der war breit, Schlammes und allerlei 
Gezüchtes voll, und das Springen kostete dem Knaben 
den lichten Schw^eiss. Doch liess er nicht ab und 
hielt sich keines Augenblickes Dauer an einem Ufer, 
sondern sprang hinüber und herüber, sprechend: 
,,Dir zur Liebe, süsser Herr, und dir zum Gefallen!" 
Zuweilen nur unterbrach er sein Tun, um nach den 
Schafen auszusehen, die sich indessen allzusehr ver- 
stiegen hatten, und gab dem Vieh liebreiche W^örtlein 
und viel freundlicher Sorge. Dann aber lief er wieder 
zum Graben. 

Lange schaute der Baalschem darauf, und war 
ihm, als sei dieser Dienst grösser als aller, den er 
je aus geweihter und gesammelter Seele Gott zu- 
gebracht hatte. Endlich kam er aus seinem Ver- 
steck, trat zu Mosche und sprach: ,,Ich habe ein 
Wort zu dir." Antwortete der Hirt: ,,E8 ist mir 
nicht verstattet, denn mein Tag ist derer, die ihn 
gedungen haben." Der Meister sagte: ,,Sehe ich 
dich doch springen ohne Mass der Zeit." Der Hirt 
gab zurück: ,,Tu's um Gottes willen, und für ihn 
darf ich die Weile versäumen." Aber der Baal- 

253 



schein legte ihm die gute Hand auf den Arm: 
,, Freund, auch ich bin dir um Gottes willen ge- 
kommen." Da war jener erfasst, und sie sassen 
Seite an Seite unter einem Baum, und der Heilige 
redete von göttlichem Ding in klarem und mächtigem 
Bekennen, dass der neben ihm aus einer bebenden 
Seele den Worten lauschte und sie in das Beben 
seiner Seele aufnahm und darin trug. Und der 
Baalschem sprach von den Trümmern des Gottes- 
tempels zu Jerusalem und von dem Herzen, 
das unter den Trümmern schlägt und w^artet. 
Und von den Getrennten sprach er: von dem ein- 
samen Gott, dem die Lichtglorie entsunken ist, vom 
Dunkel gekrönt schaut er in den wirbelnden Ab- 
grund der Dinge und -wartet; durch den Abgrund 
aber wandelt die Schechina, wie eine zarte ver- 
stossene Jungfrau im Sonnenge wände, und bangt, 
und leuchtet, und alle Wesen trinken ihr Licht 
und ihre Bangigkeit. Und die W^esen hellen sich 
und glühen auf von der Gottesspende vmd brennen 
empor w^ie eine Flamme, die sich dem Himmel 
opfert. Und schneller w^ird das Schlagen des be- 
grabenen Herzens, und sehnsüchtiger der Schritt 
der Herrlichkeit, und tiefer der Blick des Ein- 
samen. Und schon ist es, als w^ollten alle Seelen 
heimkehren und Gottes Verbannung lösen und das 
Geheimnis der Ew^igkeit erfüllen. Aber die Nacht 
ist w^achsam : aus ihrer Höhle spähen tausend Augen 
m das AVerden hinaus, und tausend Arme schlängeln 
sich in das Werden hinein. Und da es an der Zeit 
ist, sendet die Nacht ihren Boten. Li w^eicher, 

254 



lockender Finatemis zieht er über die Erde. W^en 
sein ^i^ort berührt hat, von dem Tällt die Lichthülle 
ab, und w^er seinen Blick empfangen hat, in dem 
erlischt die opfernde Flamme. 

Als der Baalschem von dem Boten redete, sprang 
der Hirt auf beide Füsse und schrie: ,,Herr, wo 
ist dieser Mann, von dem du sagst? Denn es soll 
nicht sein, dass er länger lebe, als bis zum Augen- 
blick, da ich ihn finden werde!" Doch der Meister 
hiess ihn stille sein und begann ihn im Kampfe zu 
unterw^eisen. 

Der Dämon des W^idersachers aber schw^ang in 
den Lüften und wxirde des Bundes der Seelen ge- 
'w^ahr, wie die reife, erleuchtete die sturmstarke, 
-wehende umfasste und lenkte. Und da er mit 
der Macht des Fluches in das Innere der geschehenden 
^^elt zu schauen vermochte, verstand er, was das 
Zwiegespräch des Alten mit dem Jungen auf dieser 
\Viese am Walde ihm und der Ew^igkeit meinte. Er 
streckte sich über die W^elt und sog sich mächtig 
an all dem Bösen, das in jenen Tagen gedieh. 
Darauf erstritt er sich den Weg in das obere 
Reich und begehrte in gellendem Wort sein Recht 
auf die Zeiten. Da kam aus der namenlosen Mitte 
der Einsamkeit eine Stimme, die w^ar so voll der 
Trauer und übervoll, wie eine Schale, über die 
sich die Flut des Meeres hingiesst; und die Trauer 
trieb und wogte um die Stimme w^ie die Flut des 
Meeres. Und der Dämon fiel nieder und erschrak, 
denn das Wissen war über ihn gekommen. Die 
Stimme aber sprach: „Fülle pocht wider Fülle, und 

255 



der Kreis schlingt sich in den andern. In welchen 
Zeiten willst du walten? Der Augenblick ist dein, 
und immer der Augenblick, bis dich einst die Seele 
gew^altigt und du dich in mein Licht stürzest, weil 
du es nicht länger erträgst, der Herr des Augen- 
blicks zu sein. Und siehe, du w^eisst es." Und die 
Stimme schw^and, aber die Flut der Trauer trieb 
und wogte, und der Dämon lag vor ihr in den 
Fesseln des Wissens. Alsbald jedoch schüttelte er 
sie ab und fuhr nieder, und zitternd griff er in die 
Wolken und ballte sie mit wütigen Fäusten. Er 
riss den Sturm empor und entliess die Blitze und 
zw^ang den Donner wieder und wieder zum ^Verke. 
Er entsandte die klamme Angst aus seinem Gefolge, 
und sie ergriff die Herzen mit ^Vürgerhänden. Feuer 
fiel in die Stadt, und die Glocken stöhnten auf. 

Da fuhr Mosche, der Hirt, als er Schall und 
Getöse vernahm, über den heiligen Worten auf 
und gedachte seiner Tiere, die in der Unbill des 
Himmels schutzlos über den Berg verstreut geblieben 
'w^aren. Er sprang empor und eilte mit langen, eiligen 
Schritten hinan, die Verirrten mit kindlichen 
Schmeichelw^orten zu locken, und hörte nimmer 
auf den Heiligen und sein Warnen. 

Der Baalschem wurde still, und die Trauer kam 
auf seine Stirn, und er beugte sich vor der Ver- 
nichtung. Und langsam, Haupt und Blick zur Erde 
gezogen, stieg er nieder. Aber als er im Tale stand, 
fühlte er einen Arm um seinen Nacken. Und da 
er sich w^andte, sah er den Engel des Kampfes mit 
strahlender Stirn und liebreichen Brauen. Und 

256 



der Engel legte auch den andern Arm um seinen 
Nacken und küsste ihn. Und Israel hen Elieser 
erkannte, dass dieser der Engel des Todes ist, der 
da heisst der \Viederbringer. Und sein Erkennen 
tröstete ihn. 



257 



INHALT 

EINFÜHRUNG IX 

DAS LEBEN DER CHASSIDIM 

Hitlahabut: von der Inbrunst 2 

Aboda: von dem Dienste 10 

Kawwana; von der Intention 22 

Scbiflut: von der Demut 31 

DER ERSTE KREIS 

Der Werwolf 48 

Der Fürst des Feuer» 54 

Die Offenbarung 64 

Die Heiligen und die Rache 78 

Die Himmelwanderung 85 

Jerusalem 88 

Saul und David 94 

DER ZWEITE KREIS 

Das Gebetbuch 102 

Das Gericht 109 

Die vergessene Geschichte 119 

Die niedergestiegene Seele 139 

Der Psalmensager 153 

Der zerstörte Sabbat 162 

Der Widersacher 175 

DER DRITTE KREIS 

Die Predigt des neuen Jahres 190 

Die Wiederkehr 198 

Von Heer zu Heer 211 

Das dreimalige Lachen ~ 220 

Die Vogelsprache 227 

Das Rufen 240 

Der Hirt 247 



In demselben Verlag erschien früher: 

DIE GESCHICHTEN 
DES RABBI 

NACHMAN 

IHM NACHERZÄHLT VON 

MARTIN BUBER 

Druckanordnung, Buchschmuck und Einband von 

E. R. Weiss. 

Preis geheftet M. 3. — , in Leinenband M. 4.50. 



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PT Buber, Martin 

2603 Die Legende des Baalschem 

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